Etwas endet, etwas beginnt

Acht Kurzgeschichten von Andrzej Sapkowski

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In Deutschland ist Andrzej Sapkowski vor allem aufgrund des Hexer-Zyklus um Geralt von Riva bekannt, der mit den Witcher-Computerspielen fortgesetzt wurde. Doch in Polen wird der Autor schon lange als Urgestein der Phantastik gefeiert – Grund genug, ein wenig über den hexerlichen Tellerrand zu schauen.

Diese Anthologie ist eine Sammlung von Kurzgeschichten aus der Zeit von 1988 bis 2000, die nun erstmalig vom Polnischen ins Deutsche übersetzt wurden. Jeder Erzählung ist ein Kommentar vorangestellt, in dem Sapkowski seine Inspiration und den Entstehungsprozess schildert – und wie es nach der Veröffentlichung mit der Geschichte weiterging. So wurde Die Musikanten mit dem Literaturpreis der polnischen Natalia-Gall-Stiftung ausgezeichnet, der nicht nur phantastische Literatur beachtet und nach Sapkowskis Einschätzung seine Sichtbarkeit im Mainstream einläutete. Der goldene Nachmittag brachte ihm hingegen die Kritik ein, die polnische Sprache nicht genug zu schätzen, da Wörter oder ganze Redewendungen aus insgesamt fünf Sprachen auftauchen. Ein Vorwurf, der auch deutschen Lesern und Schreibern nicht unbekannt sein dürfte: Wer hat noch nicht von den ach so bösen Anglizismen gehört?

Bunter Genremix

Die Kurzgeschichten springen wild durch viele Untergenres der Phantastik. Sind Die Musikanten und Tandaradei! klassische Horrorgeschichten, wie man sie auch von Stephen King erwarten könnte, liefert Maladie eine andere Perspektive auf die bekannte Liebesgesichte von Tristan und Isolde. Aber auch ein Abstecher zum amerikanischen Western oder in das neuentdeckte Dystopie-Genre lässt sich finden. Und mit Der goldene Nachmittag widmet er sich Lewis Carroll und der Entstehung von Alice im Wunderland – aus der Sicht der Katze.

Die Hexerfamilie

Aber auch für Fans der Hexer-Reihe lassen sich gleich zwei Erzählungen finden: Der Weg, von dem niemand zurückkehrt ist die Geschichte von Geralts Eltern, die ihm in Starrsinn und Abenteuerlust in nichts nachstehen. Die Heilerin Visenna und der Söldner Korin finden zufällig zueinander, während sie ein Ungeheuer jagen – wenn wundert es da, dass aus der Verbindung ein kleiner Monsterjäger entsteht?

Aber auch eine Geschichte um Geralt selbst hat ihren Weg in die Anthologie gefunden: Etwas endet, etwas beginnt beschreibt die Hochzeit des Hexers mit der Zauberin Yennefer. Kenner des Romanzykluses können sich vorstellen, was für ein Chaos eine solche Feier werden muss, wenn auch nur die Hälfte der Figuren zusammentrifft, die in den Büchern erwähnt werden – und dürften gleichzeitig irritiert die Nase rümpfen: Weshalb wurde in den Romanen keine Heirat erwähnt?

Die Auflösung ist recht unspektakulär: Sapkowski schrieb diese kleine Geschichte, bevor die Hexer-Reihe überhaupt begann, inspiriert von der Hochzeit eines befreundeten Paares. Was als Scherz gedacht war, ist eine wirklich unterhaltsame Kurzgeschichte geworden. Da macht es auch nichts, dass sie sich nicht in die Handlung der Romane einfügt, sondern als kleines Paralleluniversum neben der Reihe existiert.

Fazit

Die übergeordnete Struktur der Geschichten ist der Autor mit seinem unverwechselbarem Schreibstil: Alle Erzählungen sind schnell und spannend geschrieben und leben vor allem durch die pointierten Dialoge, die selbst in ernsten Situationen nie ihren Witz verlieren. Wem Sapkowskis rauer Stil gefällt, der wird sich schnell in den Geschichten verlieren und gut unterhalten fühlen.

Allerdings ist der bunte Genremix auch ein Stück weit die Schwäche dieser Anthologie: Wer sich nicht gern querbeet durch die Phantastik liest, wird vermutlich nur mit einem Teil der Geschichten etwas anfangen können. Die dystopische Erzählung Der Bombentrichter kommt beispielsweise ganz ohne magische Elemente aus, während das Abenteuer von Geralts Eltern eine ganz klassische Fantasygeschichte in der Hexer-Tradition ist. Viel gegensätzlicher könnten phantastische Geschichten nicht sein. Leser mit weitgefächerten Fantasy-Interessen werden ihre Freude an dieser Zusammenstellung haben.

Etwas endet, etwas beginnt
Andrzej Sapkowski (Übersetzer: Erik Simon)
dtv (2012)
432 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3423213530
Webseite: Etwas endet, etwas beginnt bei dtv

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