Zauberwelten-Online.de

 

Der Todesengel

Grusel mit Sprachkunst und besonderem Flair

Kategorie: Literatur
Tags: Ina Elbracht Grusel Thriller Horror Köln
von Andreas Giesbert (Text)

Helene Gniffke hat sich ihren ersten großen Schritt als Immobilienmaklerin sicher anders vorgestellt. Nachdem sie bei der ersten Objektsichtung das Auto abwürgt, schlägt sie im viel zu günstigen Blazer und mit Knien wie aus Wackelpudding bei einer gewissen Gerda Grope auf. Dass sie nach einem ebenso unbeholfenen wie unangenehmen Gespräch mit einem teuren Sportwagen zurück durch Köln fahren würde, hätte sich Helene kaum träumen können. Und was das Ganze mit einer Zufallsbegegnung im Bombenschutzbunker des zweiten Weltkrieges und einer alten Kölner Sage zu tun hat, sollte man am besten selbst lesen …

Die eigentliche Geschichte um Gerda Grope soll hier nicht vorweggenommen werden. Sie wird über drei ineinander verzahnten Zeitepochen erzählt und dreht sich um ein Generationen verbindendes Geheimnis. Während die Handlung gelungen konzipiert wird, ist es die Sprache und Liebe zum detail, die den Todesengel für mich besonders macht. Gekonnt beschreibt Ina Elbracht die Gefühle und Ängste ihrer Charaktere. Das wird schon zu Beginn deutlich, deneine Szene aus dem Köln der letzten Kriegstage bildet. Hier zeichnet die Autorin die Ängste der kleinen Gerda nach, die von Fliegersirenen getrieben in den Luftschutzbunker eilt und im wahrsten Sinne des Wortes mutterseelenallein auf sich gestellt ist, bis sich eine Beschützerin ihrer annimmt. Mithilfe von Details wie einem gestrickten Handschuh, Gesprächsfetzen und assoziativen Überlegungen der Protagonistin nimmt uns die Autorin Wort für Wort tiefer in die Realität ihrer Figuren mit. Stark sind auch hier schon die für Elbracht typischen Beschreibungen sprachlicher Eigenheiten, wie der kölschen Mundart und einer Sprachverschiebung, die noch im ganzen Buch von Bedeutung sein wird.

Das gilt auch ungebrochen für den zweiten Strang der Handlung: Das bereits angesprochene Maklergespräch. Würde mich ein Verkaufsgespräch normalerweise nach wenigen Minuten langweilen, schafft es Elbracht, die Verhandlung durch Introspektiven und einen gewitzten Blick für das Getänzel um soziale Konventionen über ganze Kapitel spannend zu halten. Dabei sind es die Beobachtungen am Rande, die sich in mir festgesetzt haben. So etwa die zynische Diskussion um Minimalismus, die punktgenau damit schließt, dass sich der Verzicht auf Statussymbole nur für diejenigen schickt, die sich selbige leisten können. Solche Beobachtungen, gepaart mit einer Liebe für die Charaktere und Schauplätze sind es, die mir den Todesengel äußerst sympathisch machen.

Ein Grusel-Thriller?

Aber Der Todesengel ist natürlich keine Ratgeberliteratur oder Alltagsposse, sondern wird als Grusel-Thriller beworben. Wirklicher Grusel kommt jedoch nur an wenigen Stellen auf und macht ebensowenig wie dramatische Thrillerszenen die eigentliche Stoßrichtung des Bandes aus. Vielmehr ist Der Todesengel eine solide konzipierte Mystery-Geschichte, die sich um einen dritten Erzählstrang entfaltet, nämlich der alten Kölner Richmodis-Sage, die stilsicher im Märchenduktus präsentiert wird und perfekt mit dem Lokalkolorit des Buches zusammen geht. 

Die drei Fäden Schutzbunker, Maklergespräch und Richmodis Sage werden klug aber durchaus absehbar verwoben. Schnell wird klar, um welche der Charaktere sich das Geheimnis dreht, und schon ab der Hälfte der Erzählung kann man das zentrale Mysterium erahnen und zu Teilen lüften. Zwar folgen genug Details und Kehrtwenden, um auch die zweite Hälfte spannend zu halten, sie erfinden das Mysteryrad aber sicher nicht neu. Ja, einzelne Motive sind sogar so abgestanden, dass man sie schnell mit einem Schmunzeln beiseite legen sollte, um den Kopf für die eigentliche Stärke des Buches frei zu bekommen. Und als diese kann ich wiederum den Elbracht’schen Stil nicht hoch genug loben. Die Autorin hat durchweg die volle Kontrolle über ihre Sprache und ist uns Leser*innen immer einen Satz voraus. Wann immer ich geglaubt hatte, sie bei einem grammatikalischen oder logischen Fehler ertappt zu haben, wird dieser selber thematisiert und entpuppt sich als gelungenes Stilmittel. An solcher Übung mag nicht jede*r seine*ihre Freude haben, ich kann jedenfalls nicht genug von Elbrachts Sprachkunst bekommen.

Klungaversum

Bei aller Bewunderung für Elbrachts Erzählweise können mich Handlung und Geheimnis nicht immer überzeugen. Während die Frage, was es mit dem Todesengel auf sich hat, schnell gelüftet werden kann, gefällt mir die Zusammenführung der Handlungsstränge diesmal durchaus gut. Verglichen mit ihrem wohl bekanntesten Buch  Klunga  ist der Todesengel nicht nur deutlich kürzer, sondern auch pointierter. Trotz gelegentlicher Schwenks bleiben wir immer nah an den überschaubaren Hauptcharakteren und dem zentralen Mythos. Bei aller Konsistenz störe ich mich allerdings wiederum an kleinen Stilbrüchen. Während die stilistisch abgehobenen Märchenpassagen die Sprachkunst Elbrachts unterstreichen, reißt wieder einmal der Horror aus. Recht unvermittelt gehen in einer Szene die Pferde mit ihr durch (quasi rückwärts die Wendeltreppe hoch …) und konfrontieren uns mit einer Ekelszene die etwa für Menschen mit geburtsbezogenem Trauma sehr unangenehm sein dürfte. Von diesem Ausreißer abgesehen, bekommt man jedoch eine weitgehend verlässliche Kost, die übrigens auch ganz direkt mit Klunga in Zusammenhang steht. So spielt der Todesengel nicht nur ebenfalls in Köln, sondern tauchen sogar einige Charaktere aus Klunga auf. Die Einbettung dieser Figuren gelingt dabei geschickt. So fällt kein bekannter Name und lässt sich die Geschichte auch ohne Kenntnis des Klungas vollständig verstehen. Wer das Kölsche Örben-Fäntäsie-Epos kennt, wird allerdings ein paar Figuren anhand ihrer Beschreibungen wiedererkennen. So entsteht eine lose Verknüpfung der beiden Bücher und gewinnt die erschaffene Mythologie noch etwas mehr an Tiefe. 

Wie im Klunga darf zu guter Letzt auch kein Gimmick fehlen. So ist jedes Kapitel mit einem zeitgenössischen Schlagertitel benannt, der  meist zwanglos, manchmal etwas gewollt auch im Text aufgegriffen wird. Pfiffig!


Mehr als Grusel

Mit dem Todesengel legt Ina Elbracht eine solide Horror-Mystery-Erzählung vor, die in jedem Fall für einige unterhaltsame Stunden sorgen wird. Das Mysterium und die Zusammenführung der drei Erzählstränge werden dabei mit großem Handwerksgeschick umgesetzt. Das allein hebt den Todesengel jedoch noch nicht von üblicher Genrekost ab. Es ist vielmehr Elbrachts unvergleichliche Schreibkunst, die den Todesengel zu einer über das Genre hinausweisende Lesefreude werden lässt. Der genaue Blick für die Absurditäten des Lebens, die Liebe zum mythischen Köln und auf ihre Charaktere sowie der selten erreichte sprachliche Witz machen Elbracht für mich zu einer Ausnahmeautorin. Der Todesengel bildet dabei keine Ausnahme: Gute und niveauvolle Unterhaltung, die allemal mehr ist als ein bloßer Grusel-Thriller.

Die Bücher des Blitz-Verlages können exklusiv als Sammlerausgabe beim Verlag bezogen werden. eBooks und Hörversionen sind ebenfalls auf den gängigen Plattformen erhältlich. Der Rezension lag eine digitale ePub-Version zu Grunde.

Andreas Giesbert
Über den Autor (Text)

Andreas begeistert sich für Rollenspiele, Spielbücher und narrative Brettspiele. In letzter Zeit darf es auch mal ein Ausflug in die düstere Phantastik sein. Sein Profilbild verdankt er Erik R. Andara.

Artikel: Der Todesengel
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
Dieser Artikel ist erschienen bei:

Kommentare

Empfehlungen der Redaktion

IF ANNUAL 2020: Weird - Erstklassige Weird-Fiction-Auswahl
Literatur

Das "IF Annual" widmet sich 2020 ganz der Weird Fiction und liefert dabei einen erstklassigen Einblick in die internationale Landschaft des Genres.

Im Garten Numen - Phantastischer Realismus aus Österreich
Literatur

Im Debütroman verbindet Erik R. Andara seinen plastischen Schreibstil auf einzigartige Weise mit düster-phantastischer Thematik.

Was ist Weird Fiction? - Tobias Reckermann im Genretalk
Literatur

Im Interview diskutiert Autor und Weird-Fiction-Experte Tobias Reckermann was Weird Fiction eigentlich zur Weird Fiction macht.

Artikel mit gleichen Tags

Klunga und die Ghule von Köln - Ein Örben-Fäntäsie-Verzällcher
Literatur
Tags: Urban Fantasy Adam Hülseweh Ina Elbracht Alexander Schmalz Daniel Bechthold Köln

Der Ghul Klunga nimmt uns mit in ein Köln, das wir so noch nicht kennen. Mit viel sprachlichem Witz und schrulligen Charakteren ist das Buch ein echtes Kölner Unikat.

Spielanleitung: Auf den Spuren von Jack O'Lantern - Gruseliges LARP-Light-Abenteuer mit 13 Stationen
LARP
Tags: Halloween LARP Rollenspiel Gruselfaktor Schnitzeljagd DIY Spiel

Durch den geöffneten Schleier zwischen den Welten dringt eine unwirkliche Gestalt und vergiftet die Geladenen der eigentlich fröhlichen Halloween-Party. Um an das Gegengift zu kommen, müssen Relikte gesammelt werden, die hinter knackigen Rätseln verborgen sind.

Geister, Hexen, Menschenfresser - Gruselgestalten im alten Rom
Literatur
Tags: wbg Grusel Horror Wissenschaft Mythologie Geschichte History Rudolph Kremer Hexen Geister

Nicht erst seit der Moderne sind Geister, Hexen und andere Gruselgestalten fest in unseren Kulturen verankert. Ob Drache, Kinderschreck oder Vampir – sie gab es alle bereits im Zeitalter der Römer. Was diese “Monster” genau ausmacht, unterscheidet oder woher sie kommen, ist vielen oft nicht bekannt. Diese Lücke kann nun aber geschlossen werden.

Halloween-Kochbuch: Mini-Spinnenpizzen - Halloween ohne Spinnen ist kein Halloween
Literatur Rezepte
Tags: Halloween Spinnen Rezept Grusel Horror Gothic Essen Zauberfeder Kochen

Das "Halloween-Kochbuch" von Zauberfeder wartet mit einigen schaurig-schönen Rezepten auf, die insbesondere für Halloween-Fans eigentlich zeitlos sind. Daher erfahrt ihr hier in diesem Erlebniskochbericht, wie praktikabel das Kochbuch ist.

Faye Hells Platz 2: Sanguen Daemonis - Platz zwei der höllischen Buchempfehlungen
Literatur
Tags: Horror, Debüt Thriller Diversität Emotionalität ohneohren

Platz 2 der höllischen Buchempfehlungen der Horror-Spezialistin Faye Hell belegt das Werk "Sanguen Daemonis" von Anna Zabini. In ihrem persönlichen Eindruck erzählt uns Faye, worum es in dem emotionsgeladenen Debütroman geht.

Faye Hells Platz 3: Toter Schmetterling - Der dritte Platz der höllischen Buchempfehlung
Literatur
Tags: Horror Literatur Thriller Schmetterling Fantasy Dark Psychiatrie Schicksal Schweigen

Platz 3 der höllischen Buchempfehlungen der Horror-Spezialistin Faye Hell belegt das Werk "Toter Schmetterling" von Simone Trojahn. In ihrem persönlichen Eindruck erzählt uns Faye, worum es in dem knallharten Thriller geht.

Faye Hells höllische Buchempfehlungen - Seid ihr bereit für die Buchempfehlungen der Queen of Horror?
Literatur
Tags: Horror Literatur Thriller NichtsfürschwacheNerven Buchempfehlung Buchvorstellung Ranking Bestof

Für unseren Halloween-Special-Month haben wir die Horror-Expertin Faye Hell gewinnen können, uns eine Liste aus exquisiten und ausgesuchten Horror-Werken zusammenzustellen. Freut euch also auf die schaurigsten Top 10 der Bücher, die Euch das Grauen lehren!

Weitere Artikel

Die internationale SPIEL ist zurück - Großes Angebot trotz weniger Aussteller
Brett- und Kartenspiele Pen & Paper Tabletop Veranstaltungen

Nach einer Corona-Zwangspause im letzten Jahr öffnete die SPIEL '21 gestern ihre Tore in den Essener Messehallen.

Asmodée Presse-Event Herbst 2021 -  Asmodée hat wieder einmal eingeladen
Veranstaltungen

Asmodée präsentiert Neuheiten: Ankh, Crime Zoom, 7 Wonders Architects, Canvas, Unstable Unicorns, Exploding Kittens Party-Pack, Marvel United, Marvel Splendor, Marvel Champions, Abgrundtief, World of Warcraft: Wrath of Lich King und viele mehr!

Spielanleitung: Auf den Spuren von Jack O'Lantern - Gruseliges LARP-Light-Abenteuer mit 13 Stationen
LARP

Durch den geöffneten Schleier zwischen den Welten dringt eine unwirkliche Gestalt und vergiftet die Geladenen der eigentlich fröhlichen Halloween-Party. Um an das Gegengift zu kommen, müssen Relikte gesammelt werden, die hinter knackigen Rätseln verborgen sind.