IF ANNUAL 2020: Weird

Erstklassige Weird-Fiction-Auswahl

Kategorie: Literatur
Tags: Weird Fiction Nighttrain Whitetrain Tobias Reckermann
von Andreas Giesbert (Text)

Tobias Reckermann und der White-/Nighttrainverlag gehören zu den unermüdlichen Stimmen der deutschen Weird Fiction. Kein Wunder also, dass das hauseigene IF-Magazin immer wieder dieses eigensinnige Genre gestreift hat. Das IF-Annual 2020 widmet sich dieses Jahr nun ganz der etwas anderen Phantastik und legt ein Heft in Taschenbuchformat vor, dass als exquisite Sammlung der internationalen Weird Fiction gelten kann ...

Was Weird Fiction zu Weird Fiction macht, ist nicht leicht zu beantworten. Im Genre Talk hat Reckermann das eher unbekannte Genre bereits bei uns umrissen. Es braucht allerdings auch kein Genrestudium, um die Geschichten des Heftes zu genießen. Wer sich auf tiefergehende Verunsicherung und das Obskure einlassen kann, wird vom Vorwort an ganz in den weirden Bann des schwarz eingebundenen Heftes gezogen.

Starker Einstieg

Den starken Einstieg macht eine Geschichte die vielleicht auch zugleich mein persönliches Highlight ist. Rosanne Rabinowitz präsentiert in Alles, was fest ist eine zutiefst politische Erzählung über zwei polnische Frauen im vom Brexit gezeichneten England, die sich im Alltag gegen rassistische Anfeindungen erwehren müssen. In bildhaften Szenerien wird das Leben der beiden starken Figuren gezeichnet, deren Leben nicht nur von außen, sondern auch durch eine tiefe innere Beunruhigung bedrückt wird. Die zutiefst empfundene Angst vor dem Nichts bricht sich in verstörenden Kunstwerken Bahn und gibt der Erzählung einen Dreh in Richtung kosmischen Grauens, der dann allerdings etwas abrupt endet.

Das Herzstück

Auf die etwas längere Erzählung folgt sogleich die als "Herzstück" des Heftmagazins angekündigte Erzählung von Genregröße Joel Lane. In Echoland verbindet er Drogen und Musik mit einer Suche nach einem versunkenen Land in fremder Dimension. Bildgewaltig und mitreißend geht es einem wiederum etwas plötzlichen Ende zu. Obwohl Lane zweifelsohne zu den Meistern des Genres gehört, konnte mich die Geschichte nicht völlig umwerfen, was vielleicht aber auch daran liegt, dass ich einige der Motive bereits von Reckermanns Geschichten kenne. Die große Bedeutung Lanes wird schließlich im direkt folgenden Nachruf von Rabinowitz diskutiert, wodurch ein wunderbarer Dreiklang entsteht, der ein erstes Lauschen in Lanes Werk und dessen Einfluss ermöglicht. Dass alle drei Texte dabei wie aus einem Guss wirken, liegt sicher nicht zuletzt an der einheitlichen Übersetzung durch Christian Veit Eschenfelder, dessen Arbeit keine Wünsche offen lässt.

Ungewöhnliche Grundidee

Etwas anders liest sich dann schon Schnee liegt auf den Dächern. Die kurze Geschichte von Peter Stohl ist in ihrer Grundidee vielleicht die interessanteste der Sammlung und sorgt für eine zutiefst irritierende und irgendwie melancholische Stimmung, die sich weniger um Existenzkrise und Angst dreht als um die Frage danach, was Wirklichkeit ist. Zwei Gedichte von Mark Valentine leben wiederum mehr von ihrer Stimmung und bedienen gelungen klassische okkulte Themen.

Klassisch existenzialistisch

Das zweite Triptychon dreht sich um Louis Marvick. Den Einstieg macht hier eine Geschichte von Martin Ruf über Das Sternenmotiv in unseren Träumen. Die Reflexionen des zeitgenössischen Erzählers drehen sich wiederum um die Angst vor dem Nichts und dem Tod sowie der radikalen Grundlosigkeit des Seins. Klassische Motive des Existentialismus und der Weird Fiction also. Die Themen und Art der Charakterzeichnung weist deutliche Ähnlichkeiten zum zweiten Herzstück des Heftes auf: Taschen der Leere von Louis Marvick. Dem amerikanischen Autor gelingt eine detaillierte Zeichnung Frieslands und eines Dozenten, der auf seinem opafiets eine Reise zu seiner neuen Arbeitsstelle antritt. Die Reise erweist sich als zunehmend beklemmend und die Geschichte arbeitet mit tiefgehenden Komplexen um Schuld und Verlust. Selbstreflexiv wird die Erzählung dabei selber als Lagerfeuererzählung präsentiert und thematisiert so auch die Geschichte und Wirkungsweise des Horrors selbst. Martin Ruf ist nicht nur Übersetzer dieses Werks, sondern schließt eine scharfe Analyse von Marvick an. Unter dem Titel Gespenster der Schuld und des Mitgefühls seziert er nicht nur die vorhergehende Geschichte, sondern beleuchtet die Themen und Entwicklung Marvicks anhand zentraler Schriften des Autors. Äußerst referenzreich legt er einen informativen und Interesse weckenden Überblick über den unbekannten Autor vor. Einzige Schwäche ist, dass er dabei auch die zentralen Überraschungen der Werke vorwegnimmt, was für eine Analyse zwar notwendig ist, aber den Lesegenuss schmälern kann. Hier gibt es also so etwas wie eine Art Spoilerwarnung.

Tiefschwarz-weißer Überblick

Zusätzlich zu den Geschichten und direkt eingebundenen Artikel versammelt das Heft außerdem einen bunten (oder vielmehr tiefschwarz-weißen) Überblick über die Weird-Fiction-Landschaft der Gegenwart. Die Mitte des Heftes versammelt einige Zeichnungen vom anonym bleibenden makabren Künstler Vergvokte. Insbesondere die zweiseitige Zeichnung eines auf Spinnenbeinen fahrenden Zuges fügt sich perfekt in das Heft und Verlagsmotto ein. Eine Doppelseite über Weird-Fiction-Verlage kann ebenso wie die wenigen Zeichnungen von Vergvotke nur einen ersten Einstiegspunkt darstellen. Das Kurzinterview mit Jonas Plöger vom Zagava-Verlag haucht der etwas trockenen Liste jedoch etwas Leben ein.

Hohes und "weirdes" Niveau

Das IF-Annual 2020 legt ein enorm hohes Niveau an "weirden" Geschichten vor, die allesamt in hervorragender deutscher Erstübersetzung vorliegen und zumeist sogar die ersten deutschsprachigen Veröffentlichungen der Autoren überhaupt darstellen. Das allein ist schon ein großes Verdienst des Heftes, dass um interessante Einblicke in die gegenwärtige literarische Landschaft ergänzt und in einer äußerst durchdachten Komposition präsentiert wird. Das ist zweifelsohne dem diskret im Hintergrund bleibenden Herausgeber zu verdanken. Neben einem kurzen Vorwort und kleinen Vorstellungen der Autor*innen tritt er ganz hinter seine Liebe zur Weird Fiction zurück und schafft so ein Werk, dass für Neueinsteiger*innen und Veteranen der Weird Fiction gleichermaßen überzeugen kann.


Unheimlich gut

Sicherlich, man muss der verstörenden Stimmung von Weird Fiction und ihren offenen Enden etwas abgewinnen können, um das diesjährige IF-Annual zu schätzen. Ist das jedoch der Fall, kann ich für das Heft nur eine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen. Das Magazin versammelt Klassiker ebenso wie neue Namen, kontextualisiert diese hilfreich und bietet so ein Fenster in die Weird Fiction wie es in deutscher Sprache einmalig ist. Die Tatsache, dass es mir kaum möglich wäre, eine Lieblingsgeschichte zu benennen, spricht für die hochkarätige Auswahl der Geschichten. Hier gibt es keinen Ausreißer nach unten und keine verschwendete Seite. Das auch Satz und Struktur des Heftes voll ins Schwarze treffen, rundet den Eindruck ab. Wer schon immer wissen wollte, was es mit diesen "weirden" Geschichten eigentlich auf sich hat, sollte dringend einen Blick riskieren. Wer das Genre kennt und schätzt, weiß die Auswahl des Annuals sowieso zu würdigen.

Weitere Informationen:
Andreas Giesbert
Über den Autor (Text)

Andreas begeistert sich für Rollenspiele, Spielbücher und narrative Brettspiele. In letzter Zeit darf es auch mal ein Ausflug in die düstere Phantastik sein. Sein Profilbild verdankt er Erik R. Andara.

Artikel: IF ANNUAL 2020: Weird
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
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