Wolfssucht

Wenn die Sehnsucht nach der dunklen Seite übermächtig wird

// Literatur
Wolfssucht - News

Mit gerade einmal sechs Jahren verliert Irina durch den Dreißigjährigen Krieg nicht nur ihre Eltern, sondern muss kurze Zeit später miterleben, wie ein grausames Wolfswesen ihre ältere Schwester Leonore schändet und ermordet. Seitdem gilt Irina im Dorf als verflucht, obwohl – oder gerade weil – sie als einziges Mädchen die Begegnung mit der Bestie überlebt hat.

Auch Jahre später kann Irina den tragischen Vorfall nicht überwinden, auch nicht, als der Jägersohn Skandar um ihre Hand anhält und ihr somit eine Tür in die Gemeinschaft des Dorfes zu öffnen scheint. Doch Irina verlässt sich auf ihren Instinkt, lehnt Skandar ab und die vermeintlich gute Partie entpuppt sich als ein weiterer Albtraum: Nur knapp kann die junge Frau der versuchten Vergewaltigung des verschmähten Mannes entkommen. Sie flieht in den Wald und begegnet dort zum wiederholten Mal der Wolfsbestie. Doch was in einem qualvollen, blutigen Tod enden sollte, ist erst der Beginn eines Martyriums, dessen Jahre zurückliegende Auslöser viel tiefer reichen, als Irina jemals für möglich gehalten hätte.

Rotkäppchen im düsteren Gewand

Mit Wolfssucht legt Nora Bendzko nicht nur ein packendes Debüt vor, sondern auch eine emotionale und einfallsreiche Neuinterpretation des Märchenklassikers Rotkäppchen. Anders als im herkömmlichen Märchen lässt sich in dieser Novelle keine scharfe Trennlinie zwischen Gut und Böse ziehen. Vielmehr überrascht die Geschichte gegen Ende mit einer unerwarteten Entschlüsselung des Rätsels um die Herkunft der furchteinflößenden Wolfsbestie. Nora Bendzko gelingt es dabei nicht nur, den Leser zu überraschen, sondern auch zum Nachdenken anzuregen, ob das Böse nicht seit jeher ein von der Gesellschaft selbsterschaffenes Problem ist, welchem weder mit Waffengewalt noch mit falsch verstandenem Gottvertrauen beizukommen ist.

Eindringlich in Wort und Bild

Doch nicht nur inhaltlich, auch sprachlich erinnert Nora Bendzkos Debüt an ein modernes Mädchen. Die Sprache ist eher einfach gehalten, aber stets eindringlich und direkt, sodass leicht Bilder im Kopf des Lesers entstehen. Da die Novelle einige Horror-Elemente beinhaltet, sind es nicht immer schöne Bilder. Doch gerade die explizit geschilderten Szenen zwischen Schmerz, Angst und Lust lassen den Leser atemlos vor Spannung zurück, ohne dabei effektheischend zu wirken. 

Eine Reise in innere Abgründe

Besonders die Hauptfigur Irina, welche der Leser als kleines Mädchen kennenlernt und sie bis ins Erwachsenenalter begleitet, wirkt von Anfang an glaubhaft, ohne dass die Autorin das Seelenleben der jungen Frau bis ins Detail ausbreitet. An der Seite Irinas taucht der Leser ein in düstere Albträume und noch dunklere Sehnsüchte. In das Innere einer jungen Frau, die sich zunächst nach Erlösung sehnt (ganz gleich, wie diese aussehen mag) und eben jenes Seelenheil dann in den Fängen der Bestie zu finden scheint. Solange, bis die Wahrheit über den Wolfsmann ans Licht kommt und Irina erkennen muss, dass nicht nur sie selbst gerettet werden muss. 

Fazit

Bereits der Titel Wolfssucht lässt ein düsteres Geschehen vermuten und gerade Fans der dunklen Phantastik dürften von Nora Bendzkos Novelle nicht enttäuscht werden. Der Autorin gelingt es vom ersten Moment an, Spannung aufzubauen und diese über die rund 120 Seiten nahezu konstant zu halten, sodass Wolfssucht insgesamt ein eindringliches Leseerlebnis bietet.

Wolfssucht
Nora Bendzko
(CreateSpace, 2016)
124 Seiten, Softcover
Webseite: Nora Bendzko

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