Tränen einer Göttin

Spiele-Comic im fernen Osten

Kategorie: Literatur Pen & Paper
Tags: Spielbuch Comic Pegasus
von Andreas Giesbert

Es gibt Tränen von ganz unterschiedlicher Art. Die hier besprochenen können aber nur im übertragenen Sinne vergossen werden, handelt es sich dabei doch um sechs heilige Sprösslinge, die aus dem Tempel für Nüwa verschwunden sind, und nun zu verrotten drohen. Das ist umso bedauerlicher, da der Glaube besteht, dass das Verschwinden der Sprösslinge die Gunst der Göttin verspielt, die uns kurzerhand mit schweren Plagen strafen kann. Egal, ob Wahrheit oder Legende, als Kopfgeld-Jägerin sagen wir nicht Nein und machen uns im Auftrag des Vize-Präfekten auf, um die Diebe zu jagen und die Sprösslinge zu retten. Und passenderweise haben wir mit einem der Schufte eh noch eine Rechnung offen …

Die Welle der Spiele-Comics ist dank Pegasus schon seit ein paar Jahren aus Frankreich nach Deutschland geschwappt. Das immer noch innovative Format gibt es mittlerweile in mehreren Reihen und nun auch einigen Einzelbänden. Wollen wir es eher kindgerecht, können wir die Ritter spielen, soll es eher erwachsen zugehen, gibt es die Noir-Reihe [1, 2] und für Krimifreunde liegen überzeugende Sherlock-Holmes-Bände vor. Tränen der Göttin steht für sich allein, richtet sich aber mit der enthaltenen Gewalt und etwas mehr Regeln an eine eher ältere Zielgruppe.

Die Handlung

Unsere Aufgabe ist schnell erklärt. Wie eingangs beschrieben, gilt es die drei Räuber – Doppelreiher-Masanoki, den Pyromanen und die Zauberin Ae-Cha Meng – ausfindig zu machen und gefangen zu nehmen. Dazu müssen zuerst deren Aufenthaltsorte herausgefunden werden, um dann mit List und passender Ausrüstung ans blutige Tages- oder Nachtwerk zu gehen. Um das zu erreichen, können wir in beliebiger Reihenfolge drei Stadtviertel besuchen, in denen wir durch Befragung und mit etwas Glück auf die Spur der Übeltäter kommen. Die Reise kann dabei mitunter etwas zufallslastig zugehen. Uns werden ohne große Vorwarnung Gegenstände geklaut und Schadenspunkte verteilt, auch benötigen wir häufig bestimmte Zutaten, um weiterzukommen, was wir jedoch in ungünstigen Fällen erst bei den nächsten Durchgängen wissen können. Insgesamt fühlt sich die Reise durch die Stadt daher anfangs etwas planlos an und durch die nicht-lineare Geschichte platzen wir manchmal in etwas zum Kontext unpassende Szenerien. Dafür gibt es viel zu entdecken, damit uns auch in weiteren Durchgängen nicht langweilig wird. Diese Erkundungen dürfen wir dann auch gleich nach Spielende mit einer „Liste der Erfolge“ abgleichen und so eine Punktewertung erzielen. Haben wir am Ende noch alle Lebenspunkte? Wie viele Sprösslinge haben wir gefunden? Sind uns die richtigen Gegenstände in die Hände gefallen? Außerdem werden wir bereits im Spiel selber mit unterschiedlichen Endsequenzen und einer Zusatzmission belohnt, wenn wir uns gut anstellen. So macht das Suchen Spaß.

Regeln und Aufmachung

Die freie Suche nach den Sprösslingen und ihren Entführern wird von einem gelungenen Regelgerüst getragen. Dabei ist „Regel“ fast schon ein zu starkes Wort. Grundsätzlich verfügen wir über Lebenspunkte, eine von drei Fähigkeiten und einer Handvoll Waffen und Gegenstände. Kampfregeln oder Proben suchen wir vergeblich, stattdessen entscheidet die Wahl von Taktiken, genutzten Waffen und eingesetzter Ausrüstung, wie ein Konflikt ausgeht. Es gilt also die richtigen Entscheidungen zu treffen und zur rechten Zeit das Mittel der Wahl zu besitzen. Zu guter Letzt stoßen wir gelegentlich auf kleine Sonnenuhren, welche die verronnene Zeit symbolisieren. Jede der Uhren klaut uns eine unserer 20 Zeiteinheiten, die wir zur Verfügung haben, um unser Ziel zu erfüllen.

Wie auch die anderen Spiele-Comics, sind die Tränen einer Göttin in ansehnlichem Comic-Stil gehalten. Man hält sicher nicht mit den Top-Titeln mit, das Artwork ist aber durchweg auf hohem Niveau, wenngleich die Tiefe des stimmungsvollen Titelbildes im Inneren nicht erreicht wird. Die Geschichte selber wird mit einem etwas lockereren, fröhlich-positiven Stil präsentiert. Der wird allerdings mit einigen unerwartet brutalen Kampfszenen kontrastiert und geht stellenweise etwas leichtfertig mit asiatischen Stereotypen um. Unsere starke Frau als Hauptcharakter passt in unsere Zeit, überbetonte Schneidezähne und gelbe Haut von Nebencharakteren stoßen hingegen etwas sauer auf. Positiver stechen der Charakterbogen (pdf) und die schön gestalteten Regelseiten vor. Der mit auftragendem Glanzdruck versehene Umschlag gehört ebenso wie Hardcover und Lesebändchen bereits zum Standardrepertoire der Reihe.


Umfangreiche Suche

Das Format der Spiele-Comics kann auch bei Tränen einer Göttin überzeugen. Mit reduzierten Regeln, die im Endeffekt auf Objekt- und Zeitverbrauch beschränkt sind, wurde ein angenehmer Spielstil gefunden. Statt viel zu notieren, kommen wir mit dem Charakterbogen oder einem kleinen Schmierzettel aus. Auch die Auseinandersetzung mit den Bösewichten ist durch verschiedene Vorgehensweisen überzeugend gelungen.

Das Ganze spielt in einem angenehm frischen Szenario, kann mich aber dennoch nicht vollends überzeugen. So fühlt sich unsere Suche etwas zu zufällig und sprunghaft an und es braucht mehrere Versuche, bis man die Konsequenzen der Handlungen einschätzen kann, und ist dann auch bereits auf der Suche nach dem richtigen Weg. Durch die zahlreichen zu entdeckenden Details wird diese Suche zwar nie langweilig, kann aber dennoch nicht die Tiefe von Sherlock oder Gefangen! erreichen. Wer sich für das fernöstliche Thema begeistern kann und Lust auf eine Stadterkundungstour mit gelegentlichem Blutvergießen hat, erhält ein hochwertiges und angenehm kurzweiliges Spielvergnügen.

Positiv:
  • Umfangreiche zu erkundene Stadt
  • Simple Regeln
  • Hoher Wiederspielwert
  • Abwechslungsreiches Szenario
Negativ:
  • Etwas planlose Erkundung
  • Unerwartete Konsequenzen
  • Teils stereotypes Artwork
Weitere Informationen:
Andreas Giesbert
Über den Autor

Andreas Giesbert schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Tränen einer Göttin
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
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