Sternenbrand 1: Blind

Bermudadreiecksbeziehungen zwischen den Sternen

Kategorie: Literatur
Tags: Science Fiction Sternenbrand Annette Juretzki Traumtänzer-Verlag queer Space Opera Aliens Roman
von Dennis Oberhach

Der Weltraum. Unendliche Weiten. In einer nicht konkretisierten Zukunft sind die bewohnten Planeten der Galaxis und alle Aufzeichnungen über sie, besonders was ihren Standort betrifft, verloren gegangen. Die Bewohner*innen der Planeten sind in alle Winde verstreut und nur langsam findet man sich wieder zu einer instabilen Allianz zusammen.

Mit Recht fragt man sich, wie das passieren konnte. Verantwortlich dafür gemacht wurde eine interstellare Rasse, die von allen nur Phantome genannt wird. Diese Rasse hatte 150 Jahre zuvor eine Invasion auf die Galaxis gestartet, praktisch sämtliche historische Aufzeichnungen vernichtet und konnte nur knapp zurückgeschlagen werden. Doch wird jeden Tag damit gerechnet, dass die Phantome zurückkehren und beenden, was sie angefangen haben.

Um die alten Welten wiederzuentdecken und eine wirkungsvolle Waffe sowie mögliche Verbündete gegen die Phantome zu finden, eilt das Allianzraumschiff Keora mit seiner 24 Individuen starken Besatzung durch die Leere des Alls. Und schließlich landet ein kleiner Einsatztrupp, angeführt von Ktador Jonas Brand, Kommandant der Keora, auf dem frisch entdeckten Planeten Vissa.
 

Völkerverständigung

Was man beim Betreten eines unerforschten Planeten öfters mal feststellt, ist die Panik, welche die Bewohner des betreffenden Planeten vor den Besuchern haben. Außerdem ist die Verständigung recht schwierig, wenn man nicht die gleiche Sprache spricht. Hier kommt der junge Vissaner Xenen ins Spiel, der ein nahezu unheimliches Sprachverständnis und -talent hat. Er sucht als erstes den Kontakt zu den Besuchern und wird nach einem beinahe fatalen Unfall mit an Bord der Keora genommen. So entspinnt sich eine komplizierte Dreiecksbeziehung zwischen Xenen, Jonas und dem hochrangigen ghitanischen Infanteristen Zeyn.

Während des ganzen Techtelns und Mechtelns gehen einige unvorhergesehene Dinge auf der Keora vor. Jemand schmuggelt versteckte Inhalte in die Nachrichtenübertragungen an die Heimatwelt, mehrere erfolglose Attentate werden auf Xenen verübt und die Intentionen der Hackerin Ghost_01 sind ebenso undurchsichtig wie ihre zweifelhaften Verführungsversuche. Eins ist jedoch sicher: Mindestens ein Individuum an Bord agiert im Sinne der Phantome. Nur wer?
 

Schweine im Weltall

Was ziemlich direkt auffällt, anfangs sogar etwas irritierend wirkt, ist der hohe Fokus auf die Sexualität. Ein Beispiel: Die Fremden landen auf Vissa die Bewohner des Dorfes, in dem wir uns aufhalten, rennen panisch um ihr Leben. Xenens erste Reaktion auf den Anführer der außerirdischen Besucher ist das Bedürfnis, mit den Händen durch dessen Haare zu fahren. Das wirkt anfangs ein wenig aufgesetzt, relativiert sich aber recht schnell, wenn auch die meisten anderen größeren Charaktere eine ziemlich ausgeprägte Libido mit sich herumtragen. So kommt es dann auch sehr bald zur ersten sexuellen Begegnung zwischen Xenen und Jonas und schließlich auch zwischen Xenen und Zeyn. Gerade letzterer ist alles andere als untätig und hat es sich nach eigener Aussage zum Ziel gesetzt, mit möglichst vielen verschiedenen Rassen zu schlafen.

Der Fokus aufs Sexuelle kann zunächst etwas befremdlich wirken, da sich viele der Figuren scheinbar weniger durch tatsächliche Charaktereigenschaften, sondern durch Basismotivation und/oder Sexualität definieren. Keine der sexuellen Begegnungen artet jedoch in bloße Pornografie aus und das Niveau der jeweiligen Szenen ist stets hoch und wirkt zu keiner Zeit unpassend.
 

Miss Marple! In Space!

Abseits des gegenseitigen Umwerbens entwickelt sich ein spannender, zum Grübeln anregender Plot. Der braucht zwar ein wenig, um in Fahrt zu kommen, ist dann aber umso fesselnder, je mehr Charaktere in die engere Auswahl der Täterfigur kommen. Das Ganze nimmt, bevor es zum Höhepunkt kommt, beinahe schon klassische „Whodunit“-Charakteristika an.

Umso bedauerlicher ist es da, dass man ungefähr die Hälfte der Besatzung charakterlich kaum kennenlernt und generell eher wenig von ihnen und über sie erfährt. Wenn man mehr über die scheinbaren Nebenfiguren wüsste, wäre das Rätseln darum, wer „es“ denn nun war, noch intensiver und unterhaltsamer.

Ein anderer Faktor, der sich wie ein roter Faden ziemlich penetrant durch die zweite Hälfte des Buches zieht, ist der Rassismus seitens der Menschen auf dem Schiff. Es gibt bis auf Jonas fast keinen Menschen, der nicht irgendwas gegen die Aliens an Bord hat. Und nicht mal Jonas selbst ist davon ganz gefeit. Meist funktioniert dies als gesellschaftskritische Komponente sehr gut. Dann und wann kommen aber Momente, in denen die Xenophobie etwas zu sehr kommuniziert wird und dadurch leicht aufgesetzt wirkt.
 

Heterosexuelles Fazit

Obwohl ich eine langweilige Hete bin, hat mich Blind gut unterhalten. Der Plot ist sehr durchdacht und macht definitiv Lust auf die Fortsetzung. Die Charaktere sind vielfältig, in jeder Hinsicht bunt und, wenn sie eine ausgeprägte Persönlichkeit haben, interessant. Viele verschiedene, sehr kreativ gestaltete Rassen geben sich an Bord der Keora die Klinke in die Hand.

Viele Fragen bleiben im ersten Band allerdings unbeantwortet. So kommt die Geschichte selbst genau in dem Moment richtig in Gang, in dem das Buch schon beinahe endet. Entsprechend frustrierend ist auch der Cliffhanger, was allerdings in der Natur der Sache liegt. Besagten Cliffhanger hätte ich im Übrigen tatsächlich etwas früher gesetzt, um maximale Neugier zu erzeugen.

Insgesamt muss ich sagen, braucht mir das Buch leider ein wenig zu lang, um zum eigentlichen Plot zu kommen. Und ich meine Plot, nicht Inhalt. Denn der Inhalt, also das, was im Vordergrund steht, ist die Dreiecksgeschichte zwischen Zeyn, Jonas und Xenen. Der Plot selbst ist aber trotzdem fesselnd, das Spiel mit den Intrigen an Bord gut umgesetzt und man rätselt mit, was das alles bedeutet, wer für den Verrat verantwortlich ist und worauf es letzten Endes hinausläuft.

Blind ist eine interessante, spannend geschriebene SciFi-Geschichte, in der die Erotik nicht zu kurz kommt und die Lust auf mehr macht. Wer aber mit Homo-, Bi- oder Pansexualität nicht zurechtkommt, wird mit dem ersten Teil der Sternenbrand-Reihe wahrscheinlich nicht glücklich werden.

Der zweite Teil Blau erscheint im Dezember 2017.
 

Offenlegung: Annette Juretzki ist Redaktionsleiterin bei Zauberwelten-Online. Diese Rezension wurde unabhängig von inhaltlichen Vorgaben geschrieben.


Dennis Oberhach
Über den Autor

Dennis Oberhach schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Sternenbrand 1: Blind
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