Die Gabe der Zeichnerin

Das Rätsel um den Dombau zu Aachen

// Literatur
Die Gabe der Zeichnerin - News

Wir schreiben das Jahr 794: Der Jude Isaak hat eine Audienz im Kalifenpalast bei Harun al Raschid in Bagdad, um diesem von seinen Reisen zu berichten. Im Mittelpunkt steht dabei König Karl, dessen Reich und Residenz Isaak als reisender Händler besuchte und den sich Harun al Raschid als potentiellen neuen Bündnispartner auserkoren hat. Deshalb möchte er ihm, mit Isaaks Unterstützung, ein Geschenk bereiten, das dieser nicht ausschlagen kann: Einen Baumeister, der die entscheidenden Impulse liefern soll, um den Ausbau der Aachener Königspfalz  nach König Karls Wünschen zu gestalten – mit einem Kuppeldach für den ebenfalls geplanten Kirchenbau, im Stil des Kalifenpalastes.

Wenige Zeit nach diesem Zusammentreffen zwischen Isaak und Harun al Raschid macht sich ersterer auf den langen Weg nach Aachen, gemeinsam mit dem Baumeister Yussuf ibn Yakub sowie dessen Sohn und Lehrling Ezra. Die Reise ist mit einigen Umwegen und ungeahnten Komplikationen gespickt, so will sich zum Beispiel Yussuf idb Yakub, der eigentlich Iosefos heißt, direkt zu Beginn in seine Heimatstadt Konstantinopel absetzen. Im späteren Verlauf werden sie wegen Mordes verfolgt, von Wegelagerern ausgeraubt und müssen sich durch äußerst ungünstige Witterungsverhältnisse kämpfen. So kommen sie fast ein Jahr nach dem Gespräch zwischen Isaak und Harun al Raschid endlich in Aachen an – ohne Gastgeschenke, mit wunden Füßen und zerrissenen Kleidern. Ezra beschert König Karl kurz nach ihrer unrühmlichen Ankunft eher unverhofft bei einem ungeplanten, nächtlichen Zusammentreffen den Plan für sein zukünftiges Gotteshaus – und damit der kleinen Gruppe aus Bagdad doch noch das Willkommen, das sie sich erhofft hatten.

Wer denkt, dass von nun an alles glatt läuft, irrt: Zu den fast schon üblichen politischen Schwierigkeiten, denen sich König Karl immer wieder stellen muss, kommen Probleme bei der Umsetzung der Baupläne sowie verschiedene Unglücksfälle und Verwicklungen auf eher zwischenmenschlichen Ebenen hinzu. Nicht zuletzt trägt Ezra ein Geheimnis, das nicht enthüllt werden darf, aber trotzdem einigen Personen bekannt wird und vielschichtige Konsequenzen mit sich bringt … schlussendlich wird die Königspfalz trotz aller Widrigkeiten fertiggestellt und mit ihr der Aachener Dom samt steinerner Kuppel; auch wenn dies nicht alle Beteiligten erleben.

Historisches Gerüst mit fiktiver Füllung

Den Verlauf der Geschichte bestimmen die historischen Gegebenheiten: Chronologisch schreitet der Bau an der gewaltigen Pfalzanlage über einen Zeitraum von rund zehn Jahren bis zu seinem Abschluss 804 fort. Damit einhergehend entspinnt sich eine Mischung aus historischen Fakten und hinzugedichteten Situationen, die in dieser Form aber durchaus denkbar wären. Wirklich unglaubwürdig erscheint keines der Elemente – auch wenn das für einen kundigen Historiker mit Spezialisierung auf das Frühmittelalter natürlich anders aussehen mag. Neben dem Bau ent- und verwickelt sich ein kompliziertes Geflecht aus persönlichen Beziehungen zwischen der zugereisten Gruppe aus Bagdad, für den Bau bedeutsamen Figuren aus Aachen und Umgebung sowie Neuankömmlingen aus verschiedenen Bereichen von König Karls Reich. So ist das Buch weniger eine bloße Rekonstruktion der wirklichen oder möglichen Baugeschichte, sondern beschreibt viel mehr auf sehr persönlicher Ebene die damalige Zeit, die ganz individuellen Wünsche und Nöte der Beteiligten.

Einziges Manko, und das mag auch persönliche Vorliebe sein, ist der stellenweise recht häufige Wechsel der Erzählperspektive, die völlig in den Dienst der Geschichte gestellt wird: So kann der Blick in die Gedanken der Protagonisten, übertrieben gesprochen, von einem auf den anderen Satz wechseln. Den Lesefluss schränkt das aber nicht übermäßig ein, da die Geschichte glücklicherweise durchgehend spannend bleibt.

Die Gabe der Zeichnerin
Martina Kempff
(Piper, 2015)
432 Seiten, Paperback
ISBN: 978-3-492-30600-3
Webseite: Die Gabe der Zeichnerin


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