3.5 /5

Horizon Zero Dawn 1: Sonnenhabicht

Postapokalyptisch, postdystopisch, post-playthrough?

Kategorie: Games Literatur
Tags: Comic Science-Fiction Apokalypse Postapokalypse Horizon Zero Dawn Cross Cult Guerrilla Titan Comics
von Rahel Schmitz (Text)

Vor tausend Jahren kam es zur globalen Katastrophe, die letzten Endes in der Apokalypse endete. Doch die Menschheit hatte vorgesorgt und mit GAIA eine KI geschaffen, die mit dem Terraforming der Erde beauftragt war, um den Planeten für zukünftige Nachfahren erneut bewohnbar zu machen. Während nun neue Generationen von Menschen in präindustriellen Stämmen ohne Erinnerung und Wissen der „Alten“ vor ihnen weiterleben, wandeln diverse tierähnliche Maschinen im Rahmen des Terraforming-Projekts durch die Natur. Wir befinden uns also in einer postapokalyptischen, aber keineswegs dystopischen Welt; vielmehr erblüht die Erde in neuer Pracht. Doch nicht alle Gefahren der alten Welt sind besiegt, denn GAIA und ihre Subroutinen sind kompromittiert. Die eigentlich friedlichen Maschinen verhalten sich zunehmend aggressiv den Menschen gegenüber und es tauchen immer neue, gefährliche Kreaturen auf. Die Maschinenjägerin Aloy begibt sich auf die Spur der Alten und nimmt den Kampf gegen die mysteriöse KI HADES auf. Dabei trifft sie auf viele Weggefährt*innen – darunter auch Talanah, Sonnenhabicht und somit Anführerin der Jägerloge in der Sonnenstadt Meridian.

Talanah ist die Protagonistin der Horizon-Zero-Dawn-Comics. Während es Videospiel-Protagonistin Aloy schon bald nach dem Sieg über HADES, mit dem das Spiel endet, wieder in die Weite der Natur zieht, muss Talanah sich noch in ihrer Rolle als Sonnenhabicht zurechtfinden. Sie vermisst ihre Freundin Aloy und fühlt sich eingeengt von den politischen und bürokratischen Verantwortungen der Rolle als Anführerin der Jägerloge. Doch als eine neue Gefahr in Form von einer neuen, aggressiven Maschinenrasse in Erscheinung tritt, muss sie sich ihrer Wurzeln als Jägerin besinnen und die Spur der Gefahr verfolgen. Dabei trifft sie auch einen neuen Weggefährt*innen.

Sonnenhabicht: Für wen ist der Comic?

Der Comic soll die Handlung zwischen dem ersten Teil der Videospielreihe und der für Ende 2021 erwarteten Fortsetzung Horizon Forbidden West überbrücken. Dabei bewegen die kreativen Köpfe hinter dem Comic sich auf einem äußerst schmalen Grat: Sonnenhabicht soll sowohl für Fans des Videospiels als auch für Neulinge verständlich und unterhaltsam sein. Das wird unter anderem dadurch gewährleistet, dass viele bekannte Gesichter aus Horizon Zero Dawn ihren Auftritt im Comic haben und somit Anknüpfungspunkte zum Spiel geschaffen werden; gleichzeitig wartet Sonnenhabicht aber auch mit kurzen Erklärungen zur Handlungswelt, den wichtigsten Maschinen und zentralen Begriffen auf. Ob diese kurzen Texte ausreichen, um auch solche Lesenden abzuholen, die vorher keinerlei Berührungspunkte mit Horizon hatten, ist fraglich; ich persönlich verschwand damals bei Erscheinen des Spiels in ein mehrtägiges Loch der Nichtexistenz und kenne mich daher in der Handlungswelt sehr gut aus. Da waren diese Texte eher eine nette Erinnerung an eine aufregende Zeit vor der PS4.

Wer das Videogame gespielt hat, kann mit dem Comic ein Stückchen tiefer in eben dieses Universum eintauchen und wird sich über einige kluge Entscheidungen der Macher*innen freuen. Besonders positiv fällt auf, dass der Comic nicht Aloy als Protagonistin wählt, sondern Talanah, eine sympathische Nebenfigur aus Horizon Zero Dawn. Somit konkurriert Sonnenhabicht nicht direkt mit dem Videospiel, was die Entwicklung des Hauptcharakters angeht, sondern zeigt vielmehr, wieviel Potenzial auch in den Nebenfiguren steckt. Talanah füllt die Rolle der Protagonistin problemfrei aus, ist dreidimensional und charakterstark. Für Text und Handlung holte man sich Anne Toole ins Boot, die nicht nur beim Videospiel mitgeschrieben hat, sondern insbesondere bei den Missionen rund um Talanah das Zepter in der Hand hatte.

Eine weitere kluge Entscheidung war, mit Ann Maulina eine Künstlerin zu wählen, die großen Wert auf dynamische Zeichnungen legt, dafür aber von detaillierten, überladenen Landschaftsdarstellungen absieht. Eine der größten Stärken des Videospiels Horizon Zero Dawn sind seine opulenten, hyperrealistischen Landschaftsanimationen, die in jedem Tageslicht beeindruckend aussehen und so die Spielenden schnell in ihren Bann ziehen. Diese Bilder in einem Comic umzusetzen, ist schwer. Stattdessen richtet Maulina den Fokus auf die Bewegungen ihrer Charaktere, wenn sie beispielsweise im Kampf gegeneinander oder gegen Maschinen antreten.

Die Handlung und deren grafische Umsetzung

Sonnenhabicht entwickelt durch die Handlung und deren Erzählweise sehr schnell genau das Feeling, das zumindest ich auch beim Spielen von Horizon Zero Dawn hatte. Man fiebert mit Talanah mit, ist gespannt, in welche Gegenden ihre Jagd sie führen wird, und möchte herausfinden, wo plötzlich die neuen Maschinen herkommen, obwohl HADES doch eigentlich zerstört wurde. Wer jedoch genauer hinschaut, stellt schnell fest, dass die Handlung des ersten Bands des Comics recht unspektakulär ist: Protagonistin setzt sich kritisch mit ihrem aktuellen Status Quo auseinander; zieht auf eine wichtige Mission, um eine Gefahr zu bekämpfen und zugleich sich selbst zu finden; trifft einen Sidekick mit geheimnisvoller Vergangenheit, der sich auch wunderbar als romantischer Partner anbietet; gemeinsam stehen sie eine große Gefahr durch, nur um schließlich einer viel größeren Macht zu begegnen. Dass die Handlung von Sonnenhabicht so konventionell, formulaisch und vorhersehbar ist, ist wirklich schade. Hier bleibt zu hoffen, dass die weiteren Teile der Reihe mit eigenwilligeren Ideen und Konzepten überraschen können.

Wie oben bereits angesprochen, fokussiert Maulinas Stil dynamische Charakterbewegungen anstelle von detaillierten Landschaftsaufnahmen. Dadurch konkurriert Sonnenhabicht nicht mit dem Videospiel, sondern stellt vielmehr seine eigenen Stärken in den Vordergrund. Die einzelnen Illustrationen bestechen durch ihre knalligen, stimmungsvollen Farben. Bedauernswert ist lediglich, dass, ähnlich wie in Sachen Handlung, hier wenig Neues oder Experimentelles versucht wird; in Hinblick auf Panelgestaltung ist der Comic recht konservativ gestaltet.


3.5 /5

Fazit

Sonnenhabicht kann nicht auf ganzer Linie überzeugen – dafür wagt der Comic insbesondere in puncto Handlung zu wenig. Nichtsdestotrotz erzeugt er das wohlige Gefühl, dass Spielende von Horizon Zero Dawn wiedererkennen dürften. Das liegt vor allem an den sympathischen Charakteren und natürlich der umfangreichen, faszinierenden Handlungswelt. Für Comic-Liebhaber*innen und Spielfremde könnte Sonnenhabicht eine Enttäuschung sein; wer jedoch das Videogame gespielt und geliebt hat, darf sich auf eine schöne Fortsetzung des Spiels und Überbrückung bis zum nächsten Teil freuen. Eines hat der Comic für mich sicherlich getan: Gleich am nächsten Tag habe ich noch einmal einen neuen Spielstand von Horizon Zero Dawn gestartet …

Weitere Informationen:
Rahel Schmitz
Über den Autor (Text)

Ob Literatur, Film/TV, Games oder Rollenspiel - Rahel Schmitz begeistert sich für alles rund um Horror, Science Fiction und Fantasy.

Artikel: Horizon Zero Dawn 1: Sonnenhabicht
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
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