Zauberwelten-Online.de

 

4 /5

H. P. Lovecrafts Der Schatten aus der Zeit

Ein kosmischer Trip durch Zeit und Raum

Kategorie: Literatur
Tags: Gou Tanabe H. P. Lovecraft Cthulhu Carlsen Carlsen Manga Horror Science-Fiction Manga Comic
von Rahel Schmitz (Text)

Wer gerne Comics oder Mangas liest und zudem (kosmischen) Horror mag, erlebt aktuell ein goldenes Zeitalter bei Carlsen Manga. Der Japaner Gou Tanabe arbeitet sich kontinuierlich durch H. P. Lovecrafts Oeuvre durch und adaptiert eine Erzählung nach der anderen. In seiner neuesten Publikation H. P. Lovecrafts Der Schatten aus der Zeit widmet sich Tanabe einer von Lovecrafts spätesten, komplexesten und umfangreichsten Erzählungen. Dementsprechend episch und seitenstark ist auch der Manga.

Der Schatten aus der Zeit handelt vom Universitätsprofessor Nathaniel Wingate Peaslee, der eines Tages während einer von ihm gehaltenen Vorlesung plötzlich bewusstlos wird. Als er wieder aufwacht, sind fünfeinhalb Jahre vergangen. Mit Schrecken muss er feststellen, dass sein Leben sich in der Zeit stark verändert hat, denn für seine Mitmenschen war Peaslee in diesen Jahren keineswegs bewusstlos, sondern ein in seinem Charakter völlig veränderter Mann. Vermuten Ärzt*innen und auch Peaslee selbst zunächst eine ausgeprägte Persönlichkeitsstörung, geht der Professor dennoch seinen Spuren in den vergessenen Jahren nach. Dabei plagen ihn immer wieder Albträume, die ihm lebhaft wie Erinnerungen vorkommen – doch diese Träume zeigen Peaslee nicht die Welt des frühen 20. Jahrhunderts, sondern eine ihm völlig fremde Erde. Die Spur führt den Protagonisten schließlich nach Australien, wo er schon bald Überreste einer äonenalten, hochentwickelten Zivilisation findet: Die große Rasse von Yith. Was verbindet Peaslee mit diesen uralten, zeitreisenden Wesen?

Eine schwierige Erzählsituation

Lovecrafts Vorlage dieser Erzählung ist aufgrund ihrer Prämisse – Gedächtnisverlust, Zeitreisen, Ortswechsel – sehr komplex strukturiert. Die Geschichte erzählt sich in Form eines Schriftstücks, das Peaslee – 22 Jahre nachdem er sein Gedächtnis verlor – seinem Sohn hinterlässt. Er befindet sich nach einer schrecklichen Entdeckung in der großen Sandwüste Australiens auf der Heimreise und versucht sowohl das soeben Erlebte als auch die Ereignisse der letzten Jahrzehnte wiederzugeben. Dafür muss er jedoch auch immer wieder von seinen Albträumen erzählen, die ihm wiederrum Schauplätze auf der Erde vor der Kreidezeit zeigen. Hinzu kommt, dass Peaslee aufgrund seiner schockierenden Entdeckungen und der Belastung der letzten Jahre ohnehin Probleme hat, seine Gedanken klar strukturiert auf Papier zu bringen. Kurzum: Der Schatten aus der Zeit zeichnet sich durch eine äußerst schwierige Erzählsituation aus. Die Geschichte ist verschachtelt, spielt mit der Grenzüberschreitung von Wirklichkeit und Halluzination und weigert sich, den eigentlich Horror im Herzen der Erzählung klar und deutlich darzustellen. Während das eine typische Eigenschaft lovecraftscher Fiktionen ist und eine besondere Stärke dieses Paradebeispiels des kosmischen Horrors ist, erschwert es eine visuelle Adaption in Form eines Mangas erheblich.

Um den Schatten aus der Zeit in diesem Medium erzählbar zu machen, greift Tanabe daher bei der Adaption deutlich umfassender in Lovecrafts Vorlage ein, als er das bisher tat. Er strukturiert die Erzählung um, steigert ihr Erzähltempo, bindet sie noch deutlicher in Lovecrafts Universum (und damit auch Tanabes eigenes Werk) ein und rückt wiedererkennbare Monster und wiederkehrende Charaktere in den Vordergrund. So können die Lesenden in einigen Panels die Alten Herrscher aus H. P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns wiederentdecken und treffen erneut auf Prof. Dyer. Diese Verbindung zwischen den Texten finden sich auch in Lovecrafts Vorlage zu Der Schatten aus der Zeit; doch spielt beispielsweise Dyer, der namenlose Erzähler von Berge des Wahnsinns, im Original eigentlich eine viel kleinere Rolle als in Tanabes Adaption. Die Entscheidung, seine visuelle Umsetzung der Erzählung erkennbar an seine vorherige Adaption anzubinden, ist ein geschickter Schachzug: Tanabe rückt so implizit die Ähnlichkeiten zwischen beiden Erzählungen in den Vordergrund und muss den Lesenden nicht mehr die „Regeln“ von Lovecrafts Kosmos und dessen Vorstellung uralter, untergegangener Zivilisationen erklären.

Der Zeichenstil

Tanabe bleibt seinem Zeichenstil treu, entwickelt ihn aber mit jeder Adaption kontinuierlich weiter. Der Stil ist realistisch und so überladen mit Details, dass er das eigentlich nicht-darstellbare Grauen bei Lovecraft auch tatsächlich unbegreiflich macht: Zeigt Tanabe den Lesenden grausame Monster, so werden seine Zeichnung so detailliert, dass sie unleserlich und nicht mehr zu entziffern sind. So stellt er Lovecrafts kosmischen Horror zwar dar, bleibt aber trotzdem der Unbeschreiblichkeit dessen treu.

Ebenfalls äußerst gekonnt setzt Tanabe den Wechsel zwischen großen und kleinen Panels ein. Atemberaubende Handlungsorte bieten sich in großen, meist doppelseitigen Illustrationen dar, während action- und handlungsintensive Szenen gerne auf kleinere Panels zurückgreifen. Zudem nutzt Tanabe diesen Wechsel zwischen Groß und Klein, um den krassen Größenunterschied zwischen der (buchstäblich) Großen Rasse von Yith und den im Vergleich kleinen Menschen zu verdeutlichen.

Die Grenzüberschreitung zwischen Wirklichkeit und Traum/Halluzination vermittelt Tanabe in seinem Manga mittels der Hintergrundfarbe der Seiten. Sequenzen, in denen Peaslee sich an seine verlorene Vergangenheit zu erinnern glaubt, sind auf schwarzem Hintergrund gesetzt, während die restlichen Szenen auf weißem Hintergrund dargeboten werden. Trotz dieser eigentlich recht deutlichen Grenze geht von der Ambiguität, die es bei Lovecraft gibt, nichts verloren: Sind die schwarzen Seiten Albträume? Halluzinationen? Oder vielleicht doch Erinnerungen? Ein geschicktes visuelles Mittel, dass die narrative Komplexität der Vorlage aufgreift.

Das Drumherum

Wie in allen bisherigen deutschsprachigen Ausgaben von Tanabes Mangas sind auch hier die Übersetzungen der Kapiteltitel etwas eigentümlich. Alle Mangas haben ein zweisprachiges Inhaltsverzeichnis und geben so deutliche Unterschiede in den übersetzten Titeln preis. So wird aus dem Titel „Some Unholy Sort of Exchange“ schlicht „Körpertausch“; „A Horrible Elder Race of Half-Polypous“ wird übersetzt mit „Die Alten Kreaturen“. Was genau die Motivation hinter diesen Abänderungen ist, und warum der Manga überhaupt die englische Übersetzung noch nennt, bleibt ein Rätsel. Aber irgendwie gehört das auch zum Lesen der Tanabe-Adaptionen dazu.

Schade ist, dass es bei H. P. Lovecrafts Der Schatten aus der Zeit keinerlei Nachwort des Mangakas oder sonstige Zusatzinhalte gibt. Die frühen Mangas enthielten teilweise einen längeren Nachgedanken Tanabes (bspw. H. P. Lovecrafts Der Hund und andere Geschichten) oder einen kurzen Essay (bspw. H. P. Lovecrafts Die Farbe aus dem All). Mit der Zeit wurden solche Extras kürzer und verschwinden im neuesten Manga schließlich ganz. Natürlich sind diese Elemente nicht notwendig und die wirklich gelungene Adaption kann problemlos auf eigenen Beinen stehen. Dennoch geben solche Texte tieferen Einblick in die Erzählung und ihren Entstehungsprozess und regen auch nach der Lektüre der Geschichte noch den ein oder anderen spannenden Gedanken an.


4 /5

Fazit

Gou Tanabes H. P. Lovecrafts Der Schatten aus der Zeit ist erneut eine großartige Umsetzung einer ikonischen Lovecraft-Erzählung. Der Manga stellt sich den erzählerischen Herausforderungen der Vorlage. Wen Abwandlungen vom Original, die bei dieser Geschichte zwangsweise vorgenommen werden müssen, nicht stören, der darf sich auf ein neues Horror-Highlight freuen.

Positiv:
  • Vorlage geschickt abgewandelt, um sie visuell erzählen zu können
  • realistischer und detailreicher Stil, der Lovecrafts kosmischem Horror gerecht wird
  • atmosphärische Handlung und Schauplätze
Negativ:
  • eigentümliche Kapitelübersetzungen
  • im Gegensatz zu den Vorgängern: Keinerlei Extras (Nachwort, Essay, etc.)
Weitere Informationen:
Rahel Schmitz
Über den Autor (Text)

Ob Literatur, Film/TV, Games oder Rollenspiel - Rahel Schmitz begeistert sich für alles rund um Horror, Science Fiction und Fantasy.

Artikel: H. P. Lovecrafts Der Schatten aus der Zeit
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
Dieser Artikel ist erschienen bei:

Kommentare

Empfehlungen der Redaktion

3.5 /5

H.P. Lovecrafts Der leuchtende Trapezoeder - Ein Horror-Manga für Lovecraft-Fans
Literatur

In „H. P. Lovecrafts Der leuchtende Trapezoeder“ widmet sich Mangaka Gou Tanabe gleich zwei ikonischen Lovecraft-Erzählungen.

5 /5

H. P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns, Bd. 1 - Eine gruselig-gute Manga-Adaption
Literatur

Der erste Teil des Mangas “H. P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns“ ist eine ehrliche Adaption von Lovecrafts, die sich die nötigen Freiheiten in der Umsetzung nimmt.

4 /5

H. P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns, Bd. 2 - Der Abschluss des Horror-Mangas
Literatur

Im zweiten Teil liefert Gou Tanabe den Abschluss seiner Manga-Adaption von H. P. Lovecrafts Horrorroman “Berge des Wahnsinns“ – allerdings mit bitterem Beigeschmack.

Artikel mit gleichen Tags

3.5 /5

H.P. Lovecrafts Der leuchtende Trapezoeder - Ein Horror-Manga für Lovecraft-Fans
Literatur
Tags: Gou Tanabe H. P. Lovecraft Cthulhu Carlsen Carlsen Manga Horror Science-Fiction Manga Comic

In „H. P. Lovecrafts Der leuchtende Trapezoeder“ widmet sich Mangaka Gou Tanabe gleich zwei ikonischen Lovecraft-Erzählungen.

4 /5

H. P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns, Bd. 2 - Der Abschluss des Horror-Mangas
Literatur
Tags: Gou Tanabe H. P. Lovecraft Carlsen Carlsen Manga Horror Science-Fiction Manga Comic

Im zweiten Teil liefert Gou Tanabe den Abschluss seiner Manga-Adaption von H. P. Lovecrafts Horrorroman “Berge des Wahnsinns“ – allerdings mit bitterem Beigeschmack.

5 /5

H. P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns, Bd. 1 - Eine gruselig-gute Manga-Adaption
Literatur
Tags: Gou Tanabe H. P. Lovecraft Carlsen Carlsen Manga Horror Science-Fiction Manga Comic

Der erste Teil des Mangas “H. P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns“ ist eine ehrliche Adaption von Lovecrafts, die sich die nötigen Freiheiten in der Umsetzung nimmt.

3.5 /5

Cthulhu Libria Neo Nr. 2: Horror in Eisenbahnen - Der Insider-Tipp für Fans des Düsteren
Literatur
Tags: BLITZ Verlag Magazin Anthologie Kurzgeschichte Cthulhu H. P. Lovecraft Charles Dickens

Die zweite Ausgabe des Magazins "Cthulhu Libria Neo" widmet sich dem Thema "Horror in Eisenbahnen" und dürfte Fans der Düsteren Phantastik gefallen.

Choose Cthulhu 1 – Cthulhus Ruf - Horror-Spielbuch mit Roman
Pen & Paper
Tags: Spielbuch Victor Conde Horror Lovecraft Cthulhu Mantikore-Verlag

Im Horror-Spielbuch sind wir dem wohl bekanntesten Monster des Lovecrafts-Universums höchstpersönlich auf der Fährte: Cthulhu.

3.5 /5

NECROSTEAM: Eine Cthulhupunk-Anthologie - Das deutsche Lovecraft-Steampunk Crossover
Literatur
Tags: H. P. Lovecraft Detlef Klewer Cthulhu Steampunk Horror Kurzgeschichte Anthologie pmachinery Science Fiction Club Deutschland SciFi AndroSF

Die Kurzgeschichtensammlung "NECROSTEAM" verheiratet Lovecraftschen Horror mit Steampunk-Abenteuern. Das Ergebnis ist wenig innovativ, aber absolut unterhaltsam.

4 /5

Soon - Eine futuristische Graphic Novel
Literatur
Tags: Graphic Novel Comic Science-Fiction Thomas Cadène Benjamin Adam Carlsen Carlsen Comics

Futuristisch, gesellschaftskritisch und mit ökologischem Anspruch. So könnte man “Soon“ zusammenfassen; das würde der komplexen Graphic Novel aber nicht gerecht werden.

3 /5

Raven, Bd. 1: Nemesis - Eine Reise ins goldene Zeitalter der Piraterie
Literatur
Tags: Mathieu Lauffray Karibik Piraten Abenteuer Carlsen Carlsen Comics

In der Reihe „Raven“ befasst sich der französische Comic-Artist Mathieu Lauffray mit der Karibik zur Hochzeit der Piraten. Zeit, einen Schatz zu heben!

Anouk: Ein toter Djinn kommt selten allein - Damönische Rechtschaffenheit auf Mission
Literatur
Tags: Dämon Fantasy Horror

Anouk ist eine Sukkubus. Gleichzeitig ist sie Agentin des Kuratoriums, das für Recht und Ordnung zwischen den Völkern sorgt. Doch als ein Djinn hingerichtet wird, hängt der Frieden an Anouk.

3.5 /5

Infidel - Haunted House trifft auf Alltagsrassismus
Literatur
Tags: Horror Comic Graphic Novel Splitter Image

"Infidel" erzählt von einem Spukhaus, dessen Monster sich von Fremdenhass ernähren. Als die junge Muslimin Aisha in das Haus zieht, beginnt für sie das Grauen.

Weitere Artikel

An die Bretter, fertig, los: die SPIEL '21 - Internationale Spieletage 2021 in der Messe Essen und digital
Brett- und Kartenspiele Veranstaltungen

Vom 14. bis 17. Oktober können Spielebegeisterte in der Messe Essen die weltweit größte Messe für nicht-elektronische Spiele besuchen: Die SPIEL ’21 lädt ein zum jährlichen Branchentreffen aller Karten- und Brettspielverrückten. Aber was gibt es 2021 eigentlich zu entdecken?

Eleanor Bardilac - Zwischen Tod  und Hoffnung
Sonstiges

Eleanor Bardilac ist Germanistin und Buchliebhaberin. Ihr erstes Werk – "Knochenblumen welken nicht" – dreht sich aber nicht nur um düstere Themen, sondern stellt die Charaktere als lebende Wesen vor, die sich zwischen Licht und Schatten bewegen. Im Interview gibt sie uns einen Einblick in die Hintergründe ihrer Arbeit.

Leseprobe: Die Rückkehr der Zwerge - Nach sechs Jahren Ruhe ziehen die Zwerge von Markus Heitz in ihr 6. Abenteuer!
Literatur

Das beliebteste Volk der Fantasy stürzt sich Kriegsaxt voraus in sein 6. Abenteuer: "Die Rückkehr der Zwerge" ist der 6. Teil von Markus Heitzʼ großer Fantasy-Saga "Die Zwerge".