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3 /5

H. P. Lovecrafts Cthulhus Ruf

Eine Manga-Adaption mit Schwächen

Kategorie: Literatur
Tags: Gou Tanabe H. P. Lovecraft Cthulhu Carlsen Carlsen Manga Horror Science-Fiction Manga Comic
von Rahel Schmitz (Text)

H. P. Lovecrafts Cthulhus Ruf ist die neueste Manga-Adaption einer Lovecraft-Erzählung, die im Hause Carlsen Manga erschienen ist. Erneut widmet sich der japanische Mangaka Gou Tanabe dem kosmischen Horror Lovecrafts und setzt dieses Mal die vermutlich berühmteste Erzählung des Schriftstellers visuell um. Die Erwartungen an diese Adaption sind dem entsprechend hoch und können letzten Endes nicht erfüllt werden.

Francis Wayland Thurston ist der Nachlassverwalter seines verstorbenen Großonkels Prof. George Gamell Angell. In den Erbstücken seines Verwandten findet Thurston allerhand mysteriöser Dokumente und Gegenstände, die auf einen geheimnisvollen Kult hinweisen. Immer wieder tauchen die Worte „Cthulhu“ und „R’lyeh“ auf und schon bald drängt sich Thurston der Gedanke auf, dass sein Großonkel keineswegs an einem natürlichen Herzinfarkt starb. Es beginnt eine Jagd nach der Wahrheit, die sich wie ein Puzzle aus vielen kleinen Versatzstücken zusammensetzt …

Die Erzählung als Puzzle

Lovecrafts Erzählung Cthulhus Ruf ist ähnlich wie Der Schatten aus der Zeit recht komplex erzählt. Sie hat beispielsweise eine Rahmenhandlung, die Thurstons Rolle als Nachlassverwalter etabliert und somit die einzelnen Kapitel der Geschichte verknüpft. Die jeweiligen Kapitel widmen sich den Dokumenten und Gegenständen, die im Nachlass Angells enthalten sind. Somit wird die Wahrheit um den Cthulhu-Kult nicht in chronologischer Reihenfolge offenbart, sondern puzzleartig. Jeder Teil des Erbes gibt wichtige Hinweise auf das unheimliche Wesen Chtulhu – das ganze Bild ergibt sich jedoch sowohl für Thurston als auch die Lesenden erst, als sie alle Hinweise erfahren und richtig zusammengefügt haben.

Die chronologische Abfolge der geschilderten Ereignisse weicht in Lovecrafts Erzählung vom Aufbau der Geschichte also deutlich ab. Diese Verworrenheit kann in einem Manga schnell zu unübersichtlich und gänzlich irreführend werden. Daher löst sich Tanabe in diesen Dingen auch von der Vorlage. Sein Manga H. P. Lovecrafts Cthulhus Ruf ist weniger komplex und puzzleartig; insbesondere der letzte Teil der Erzählung, „Der Wahnsinn aus dem Meer“, ist stark entschlackt und geradliniger. Handlungselemente werden teils neu arrangiert, anders geordnet oder gänzlich weggelassen. Actionsequenzen wie eine Schiffsschlacht und die Erkundung der versunkenen Stadt R’lyeh wird im Vergleich zu Vorlage mehr Raum gegeben als der tatsächlichen Ermittlung. Das ist zwar eine nachvollziehbare Abwandlung des Originals; allerdings ist die verworrene Erzählweise, die die Lesenden ähnlich wie Thurston selbst zu akribischen, detektivischen Hochformen auffordert, die größte Stärke Lovecrafts Vorlage. Hier kann der Manga also nicht ganz punkten.

Der Zeichenstil

Auch die visuelle Umsetzung der Erzählung hat an einigen Stellen mit Schwächen zu kämpfen. Zwar bleibt Tanabe seinem großartigen Zeichenstil weiterhin treu. Die Illustrationen sind erneut realistisch und so detailliert, dass sie stellenweise kaum zu entziffern sind. Das ist eine hervorragende Strategie, um mit den nicht-darstellbaren Grauen Lovecrafts umzugehen. Es ist beim Lesen oftmals unmöglich, den gezeichneten Horror zu entziffern, da Tanabe seine Zeichnungen mit Details überlädt.

Allerdings nutzt Tanabe in dieser Adaption deutlich seltener sein Talent, die kosmischen Monstrositäten nur ausschnittsweise zu zeigen – hier ein Flügel, da ein Auge. Das schreckliche Wesen Cthulhu wird nahezu gänzlich stattdessen schon recht früh im Manga gezeigt. Das nimmt den Effekt, den der Auftritt des Monsters gegen Ende der Erzählung eigentlich haben sollte, vorweg und bremst den Sog der Geschichte ein Stück weit aus.

Wirklich wunderbar ist dagegen erneut Tanabes Umgang mit großen und kleinen Panels. Doppelseitige Illustrationen nutzt der Mangaka insbesondere, um Cthulhu und die Stadt R’lyeh darzustellen. Insbesondere R’lyeh, wo die bekannten physikalischen Gesetze nicht mehr gelten, ist Tanabe hervorragend gelungen.

Das Ding mit dem Kult

Neben seinen gottgleichen Großen Alten, zu denen auch Cthulhu gehört, sind grausame Kulte wohl eines der typischsten Elemente einer Lovecraft-Erzählung. In Cthulhus Ruf existiert der Kult bereits seit Äonen und wirkt überall auf dem Globus, von den Sümpfen New Orleans über Grönland bis hin zur Wüste Arabiens. Der Kult betet Cthulhu an und hat dessen Erwachen als einziges Ziel. Bei Lovecraft ist dieser Cthulhu-Kult nicht nur äußerst gefährlich und skrupellos, sondern vor allem ein Konglomerat nicht-weißer Menschen. Er setzt sich zusammen aus primitiven People of Color, die Menschenopfer erbringen, Fetische anbeten und den Weltuntergang herbeibeten. Lovecraft hat zu seinen Lebzeiten immer wieder rassistische und anti-semitische Äußerungen getätigt; Cthulhus Ruf ist eine Erinnerung daran, dass diese Ansichten auch sein literarisches Werk tränken.

Lovecrafts Darstellung degenerierter Zurückgebliebener bleibt auch Tanabe kommentarlos treu. Zwar entschärft er Lovecrafts rassistische Wortwahl an vielen Stellen, dennoch ist auch in H. P. Lovecrafts Cthulhus Ruf beispielsweise die Rede von „Mulatten“. Und was die Wortwahl in Tanabe nicht ausdrückt, kommt in der Bildsprache sehr wohl zum Tragen: Die dunkelhäutigen Kultist*innen tanzen bestenfalls im Lendenschurz, meist jedoch gänzlich nackt und völlig von Sinnen um ihre Fetische, während sie weiße Menschen opfern.

Keine Frage: Lovecrafts Werk sollte nicht „bereinigt“ werden, denn das macht eine kritische Auseinandersetzung mit seinen Ansichten, und wie die sein Schreiben geprägt haben, unmöglich. Aber Tanabes Manga ist nun einmal genau das: Tanabes Manga, der lediglich auf einer Lovecraft-Erzählung basiert. Es ist verwunderlich, dass der Mangaka sich nicht davor scheut, die Vorlagen seiner Adaptionen umzustrukturieren, abzuwandeln, zu kürzen oder an anderen Stellen zu erweitern – sobald es aber um Lovecrafts menschenverachtende Ansichten geht, übernimmt Tanabe diese Eigenheiten kommentarlos und völlig uninspiriert aus dem Originaltext. Dies ist auch in seinen bisherigen Mangas an einigen Stellen bereits aufgefallen; seine Adaption von Cthulhus Ruf ist jedoch das bisher krasseste Beispiel dieser Entscheidung. Insbesondere solche Lesenden, die Lovecrafts Werk kaum kennen, dürften diese Darstellung daher befremdlich finden. Leider kann man dem Manga an dieser Stelle auch nicht nachsagen, er würde Aufmerksamkeit auf die problematischen Aspekte der Original-Erzählung ziehen und somit kritisches Nachdenken fördern – dafür hätte mit der Thematik anders umgegangen werden müssen. So bleibt ein Manga, der völlig unnötig einer ohnehin schon rassistischen Erzählung nacheifert und sie stellenweise möglicherweise noch übertrifft.


3 /5

Fazit

Im Vergleich zu seinen anderen Lovecraft-Adaptionen ist Gou Tanabes H. P. Lovecrafts Cthulhus Ruf eher mittelmäßig. Der Zeichenstil ist gewohnt stark und effektiv, nimmt an vielen Stellen jedoch späteres Grauen und den damit verbundenen Überraschungseffekt vorweg. Schade ist, dass Tanabe die komplexe Erzählweise des urpsprünglichen Werks Cthulhus Ruf stark vereinfacht und die Betonung seiner Adaption auf Actionsequenzen legt, während Lovecraft selbst insbesondere die Recherchearbeiten seines Protagonisten in den Vordergrund stellte. Absolut unverständlich ist, warum Tanabe die rassistischen Elemente der Originalerzählungen nahezu 1:1 und völlig kommentarlos übernimmt. Ein kritischerer Umgang hätte dem Manga gut gestanden.

Rahel Schmitz
Über den Autor (Text)

Ob Literatur, Film/TV, Games oder Rollenspiel - Rahel Schmitz begeistert sich für alles rund um Horror, Science Fiction und Fantasy.

Artikel: H. P. Lovecrafts Cthulhus Ruf
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