Alle Vögel unter dem Himmel

Gefangen in den Strängen von Natur und Technik

// Literatur
Alle Vögel unter dem Himmel - News

Patricia ist anders, Laurence auch. Alle anderen sind so normal, dass sie mit der Andersartigkeit der beiden Kinder nicht umgehen können und sie dementsprechend ausschließen. Besonders in der Schule führt das zu immer anstrengenderen Mobbing-Geschehnissen, denen die beiden nur entfliehen können, indem sie sich hinter ihren Begabungen verstecken.

Während Patricia Trost und die Erweiterung ihrer Fähigkeiten in der Natur sucht und findet, will Laurence eigentlich nichts anderes, als in seinem Kinderzimmer an der ersten bewusstseinsgerichteten künstlichen Intelligenz weiterarbeiten, die dort in seinem Schrank wohnt. Seine Eltern haben jedoch andere Pläne und wollen ihren Sohn lieber in der Natur sehen. Da kommt es Laurence gerade recht, dass Patricia ihm immer wieder mit Alibis aushilft und seinen Eltern vorgaukelt, mit Laurence in den Wäldern herumzustreifen. Auf der anderen Seite steht Laurence für Patricia ein, die aufgrund ihrer Fähigkeit, mit der Natur zu kommunizieren, in der Schule als satanistische Hexe gehandelt wird. Das Arrangement der beiden Kinder funktioniert auch richtig gut, bis auf einmal ein merkwürdiger, neuer Vertrauenslehrer an der Schule auftaucht und Patricia eindringlich erklärt, dass sie Laurence unbedingt töten muss, weil sonst die Welt untergehen wird. Da sich das Mädchen aber weigert, ihren besten Freund um die Ecke zu bringen, lässt der Vertrauenslehrer, der eigentlich einem geheimen Assassinenorden angehört, keine Chance ungenutzt, sie in den Reihen ihrer Mitschüler zu diskreditieren. Leider gelingt das auch hervorragend und plötzlich müssen sich Laurence und Patricia trennen und eigene Wege gehen.

Nach der Apokalypse ist vor der Apokalypse?

Die Trennung der Jugendlichen ist allerdings mitnichten das Ende, sondern eher der Beginn der sich jagenden Ereignisse. Patricia erfährt auf einer Zauberschule, wie sie ihre natur-magischen Fähigkeiten ausbauen kann, während Laurence am MIT lernt, Roboter und Maschinen zu bauen, die über die Vorstellungskraft der Menschen weit hinausgehen. Magie und Technik stehen sich als zwei gegensätzliche Pole gegenüber, scheinen aber dennoch immer wieder miteinander zu interagieren und irgendwie anziehend auf den jeweils anderen zu wirken. Genau wie Patricia und Laurence, die nicht nur als Symbol für ihre jeweilige Seite stehen, sondern immer wieder aufeinander treffen und in ihrer Freundschaft den gleichen Wert entdecken, wie sie es schon als Kinder taten. Kaum haben sie sich jedoch wiedergefunden, stehen sie den Herausforderungen gegenüber, die man mit Magie und Technik ebenso zu bewältigen hat: den Weltuntergang und/oder die Vernichtung der menschlichen Spezies verhindern.


Literarische Pfefferkörner im klassischen Buchstabensalat

Der erste Teil des Romans Alle Vögel unter dem Himmel liest sich zunächst wie ein klassisches Jugendbuch, in dem Kinder irgendwie mit ihrer Andersartigkeit zurechtkommen müssen, gegen Mobbing kämpfen und nur im gemeinsamen Zusammenhalt Trost finden. Zwischendurch wird das gutbürgerliche Gericht aus literarischen Beilagen aber immer wieder mit dem Biss auf ein symbolisches Pfefferkorn gewürzt, das den Leser aus der mampfenden Lethargie herausreißt, aber auch ein bisschen verwirrt zurücklässt. So hatte ich leicht überwürzte Tränen in den Augen, als der hochgelobte Assassine mit erstaunlichen Fähigkeiten die Kinder in einem Kaufhaus plötzlich aus den Augen verliert, obwohl diese eigentlich die ganze Zeit am selben Fleck sitzen. Die eigentliche Schärfe ergoss sich aber erst in der Verwunderung, warum eben jener Assassine sich mit einem Schokoladeneis über seine Unzulänglichkeit hinwegtröstet, wohlweislich, dass dieses wohl vergiftet sei und ihn von seinem Auftrag noch weiter entfernt als die Rakete, deren Start Laurence sich so gerne angesehen hätte. Ob solche Stellen ihre Wirkung nur in der eigentlichen Würze der Geschichte finden oder auch als vorausschauende Omen auf things-to-come, bleibt dabei vermutlich dem Verständnis des Lesers überlassen.


Bimm, bamm, die Hex’ ist tot

Action gibt es im Roman von Charlie Jane Anders genug. Die Rückblicke auf vergangene Fehlerchen mit einschneidenden Konsequenzen, der drohende Weltuntergang, die immer mitschwingende Gefahr der „Auflösung“, von der keiner so genau weiß, was das eigentlich ist: All diese Situationen lassen den Leser erkennen, dass hier kein Friede-Freude-Eierkuchenland zu erwarten ist. Zwischendurch gibt es kleine Sneak-Peeks, die bis zur eigentlichen Aufklärung der angedeuteten Situationen reichen müssen, aber undurchdringlich lassen, wer wieso wann mal getötet oder verflucht wurde. Allein hier hätte ich mir mehr Ausführungen gewünscht, weil die angedeuteten Nebenstränge doch viel Lust auf weitere Einblicke gemacht haben. Auch die magischen Awesomista-Fähigkeiten von Patricia, die immer gefangen ist zwischen Selbstüberhöhung und –aufgabe, hätten ruhig noch ein bisschen Power und Häufigkeit erleben dürfen.


Fazit

Es gibt schon einige Momente im Roman, an denen man sich überlegt, welchen Sinn und Zweck eine Neben- oder sogar Haupthandlung denn jetzt so verfolgen möchte. Außerdem wird man ab und an auch mal auf eine falsche Zeitlinie geführt, die nicht so in den chronologischen Ablauf zu passen scheint, oder wünscht sich eine Erklärung mehr hier und da. Trotzdem ist Alle Vögel unter dem Himmel in meinen Augen ein Must-Read, da das Buch nicht nur aufmerksam macht auf Probleme, mit denen wir uns auch in unserer Realität immer wieder herumschlagen müssen, sondern weil es einfach spannend geschrieben ist, Neugierde weckt und Sympathie sowie Empathie mit Patricia und Laurence erzeugt. Die kleinen Hinweise, die immer wieder entweder durch inhaltliche Kniffe oder versteckte Stil-Umsetzungen auf die weiteren Ereignisse hinweisen oder sogar das große Ganze andeuten, werden nur getoppt durch ein Ende, das einen kleinen, aber feinen Aha-Effekt auslöst, und mich respektvoll den Hut ziehen lässt.
 
Alle Vögel unter dem Himmel
Charlie Jane Anders
(FISCHERTor, 2017)
Paperback, 416 Seiten
ISBN: 978-3596036967
Webseite: Tor Online

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