Die vergessene Kammer

Drei Geschichten, drei Epochen, ein Ort

// Literatur
Die vergessene Kammer - News

Eine junge Frau flieht in der Gegenwart vor einem düsteren Ereignis ihrer Vergangenheit. Der Lehrling eines visionären Baumeisters des 18. Jahrhunderts versucht dessen Geheimnis zu ergründen. Und König Bladud wird Jahrhunderte vor dieser Begebenheit ausgestoßen, um als Druide in sein Reich zurückzukehren. Das alles ereignet sich in Aquae Sulis, dem heutigen Bath, in England. 

Sulis, kurz Su, lebt sich langsam in Bath ein. Dabei gewöhnt sie sich nur nach und nach an ihr neues Leben – und ihre neuen Eltern. Das könnte auch daran liegen, dass sie gerade nicht zum ersten Mal ihre Identität wechselt. Irgendwie gefällt es ihr hier, sie fühlt sich heimisch, so als wäre sie endlich nach Hause gekommen. Aber gleichzeitig hat sie Angst. Jemand verfolgt sie: Ein Schatten? Oder ist es doch nur ihre Einbildung? Bilder aus ihrer Vergangenheit?

Zac hält es einfach nicht mehr aus: Weil sein Vater alles Geld verloren hat, muss er nun für den exzentrischen Baumeister Jonathan Forest arbeiten und dessen Lehrling sein. Natürlich war dieser einmal angesehen, aber langsam erscheint er wirklich wunderlich, sind doch seine Entwürfe derart ungewöhnlich und fernab der Realität. Und dann nimmt er auch noch ein Mädchen auf, das aus einem Nachtclub geflohen ist. Außerdem geht er geheime Abmachungen mit Handwerkern ein und trifft sich mit vermummten Menschen in abgelegenen Gegenden. Bladud ist krank, aussätzig, aus seinem eigenen Reich ausgestoßen. Er lebt alleine im Wald, wird nur hin und wieder von einer Rotte Wildschweinen besucht – die mal ebenso räudig und dann wieder ganz gesund sind. Eines Tages folgt Bladud ihnen und entdeckt ein Geheimnis, einen magischen Ort. Geheilt kehrt er wieder nach Hause zurück, herrscht über sein Reich und wird Druide. Er lässt steinerne Kreise errichten und krönt sich mit Eicheln. Dann übt er sich im Fliegen.

Die drei Erzählstränge und ihre Protagonisten könnten nicht unterschiedlicher sein. Und doch haben sie mehr gemeinsam, als auf den ersten Blick ersichtlich ist: Sulis, Zac und Bladud sind auf der Suche, auf ihrer ganz persönlichen Reise. Sulis fürchtet sich vor ihrer Vergangenheit und fühlt sich zugleich von ihr angezogen, kann ihr nicht entkommen und stellt sich ihr schließlich. Zacs Reise soll ihn ganz nach oben führen, zu Erfolg und Reichtum – aus eigener Kraft kann er das aber nicht erreichen, glaubt er. Also holt er sich Unterstützung von außen, die ihn und ihm nahe stehende Menschen ins Verderben stürzt, so dass er sich letztendlich doch selbst aufraffen muss. Bladud sieht sich am Ende, bis er einsieht, dass es erst der Anfang gewesen ist: Der Beginn eines neuen Lebens, angefüllt von Weisheit, Magie und dem Drang nach mehr …

Weitere Elemente, die die drei miteinander teilen, sind der Ort Aquae Sulis mit seinen Heilquellen, kreisförmige Architektur, Eichen und Eicheln sowie ein Verlangen nach Höhe, das Konsequenzen haben kann.

Aus drei plus drei mach eins – vielleicht

Die drei Geschichten für sich sind spannend erzählt und auch so, dass man die Bekanntschaft mit den einzelnen Charaktere gerne vertiefen möchte; stellenweise sogar etwas mehr, als das Buch ermöglicht. Durch die unterschiedlichen Zeiten, aber den mehr oder weniger identischen Ort, lernt man Bath beziehungsweise Aquae Sulis sehr facettenreich kennen. Interessant sind dabei auch die historischen Fakten, die mit fiktiven Ideen und mythologischer Überlieferung verwoben werden. Das alles lädt dazu ein, immer weiter zu lesen, um nach und nach die Zusammenhänge zu erkennen: sowohl innerhalb der einzelnen Erzählsträngen als auch zwischen diesen. 

Eine Auflösung bekommt man allerdings nur teilweise. Zwar wird Sulis Geheimnis am Ende gelüftet und auch bei den beiden Herren gibt es einen Abschluss der jeweiligen Geschichte. Aber etwas fehlt. Der Spannungsaufbau, die verwobenen Stränge, die versteckten und offensichtlichen Hinweise … das alles lässt mehr erwarten. Es verspricht mehr Potential als am Schluss eingelöst wird. Das bedeutet nicht, dass das Buch nicht lesenswert ist, nur, dass vielleicht doch nicht DIE große Enthüllung ansteht.

Viel störender war für mich aber die Verpackung des Buches: Klappentext und Titel haben mir etwas suggeriert, das sich mit dem Inhalt nicht wirklich deckte. Das ist sehr schade, da es vorrangig auf die Übersetzung zurückzuführen ist: Im Original lautet der Titel „Crown of Acorns“ (dt. „Eichelkrone“) und Eichen und Eicheln spielen in der Tat eine nicht unbedeutende Rolle. Die großartig angepriesene vergessene Kammer tritt dagegen doch eher in den Hintergrund: Es gibt sie zwar und sie enthält auch eine Enthüllung, aber auch nicht das „unglaubliche Geheimnis“, das der deutsche Klappentext ankündigt. Wenn ich nicht den Titel und den Klappentext vor dem Inhalt gelesen hätte, wäre meine Meinung wahrscheinlich noch etwas besser – da das Buch meine so gefärbten Erwartungen gar nicht erfüllen konnte.

Die vergessene Kammer
Catherine Fisher (Übers. Wolfgang Thon)
(blanvalet, 2015)
320 Seiten, Paperback
ISBN: 978-3-442-26
Webseite: Die vergessene Kammer

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