Michael T. Bhatty

Fantasy-Erzählung für eine erwachsene Leserschaft

Kategorie: Literatur
Tags: Michael Bhatty Interview Autor Fantasy
von Constanze Helena Höber

Game Designer, Professor und Autor – Michael T. Bhatty vereint gleich drei Traumprofessionen vieler Nerds und Fantasy-Fans. Im Interview mit der Zauberwelten beschreibt er seinen Weg in die Schriftstellerei, den langen Schaffensprozess seines Romans Kyle – Im Kreis des Feuers und plaudert darüber, wie viel von ihm selbst in den Figuren dieser Geschichte steckt. Das Gespräch führte Constanze Höber.

Zauberwelten: Du bist Professor für Game Design in Düsseldorf und warst Lead Game Designer der Sacred-Welt. Wie bist du dazu gekommen Schriftsteller zu werden?

Michael T. Bhatty: Ich habe von Kindheit an viel geschrieben, gemalt und mit 12 Jahren angefangen Filme zu drehen, damals auf Super 8. Drehbücher gehörten ebenso dazu wie das Festhalten von Szenen und Charakteren. Das Ganze wurde dann in den frühen 80er Jahren angereichert mit Pen&Paper-Rollenspielen wie Advanced Dungeons and Dragons. Im Studium der Kunst- und Literaturwissenschaften folgte dann die fachliche Auseinandersetzung mit dem Schreiben. Ich fand es faszinierend, wie man allein mit Worten ganze Welten und Geschichten erschaffen konnte.

Als ich als Game Designer in der Branche arbeitete, ging es immer wieder um das Entwerfen von Geschichten. Dank des Erfolgs von Sacred fragte mich der Panini-Verlag dann irgendwann, ob ich auch Action könne. Daraus wurden dann meine ersten gedruckten Romane zu den Spielen Far Cry und Runes of Magic.

ZW: Kyle – Im Kreis des Feuers ist nicht dein erster Roman, aber im Gegensatz zu den anderen der erste, der nicht mit einem Videogame-Blockbuster in Verbindung steht. Hat das für dich beim Schreiben einen Unterschied gemacht? Ist es etwas Besonderes, deine eigene Welt zu erschaffen?

Michael: Eigentlich ist es der zweite. Mit Azarya: Dark Passion Tales habe ich einen Testballon gestartet, um die Möglichkeiten über Amazon und Createspace auszuprobieren. Der Unterschied ist immens, da ich es wichtig finde, dass der Autor die volle Kontrolle über die zu entwickelnde Geschichte hat. Verschlimmbesserungen, die nicht abgesprochen werden, können leicht passieren. Bei Panini hatte ich viel Glück, denn dort wird das Wort des Autors durchaus geschätzt, und mit meiner Lektorin konnte ich mich immer intensiv austauschen, aber ich kenne auch andere Geschichten.

Hier hatte ich die Freiheit, nicht für eine bestimmte Zielgruppe schreiben und dabei bestimmte Dinge weglassen zu müssen. Ich konnte die Geschichte erzählen, die ich erzählen wollte.

ZW: Du schreibst im Anhang, dass Kyle ein über die Jahre gereiftes Projekt ist. Wie würdest Du den Entwicklungsprozess bis zum fertigen Werk beschreiben?

Michael: Langsam. Ich habe den Roman in seiner ursprünglichen Rohform neben dem Studium zwischen 1990 und 1994 geschrieben. Der Auftakt passierte während des Schreibens einer ersten Hausarbeit an der Uni. Ich war mit der eigentlichen Arbeit fertig und hatte noch ein paar Bilder im Kopf, die unbedingt raus wollten. Also habe ich mich nachts hingesetzt und angefangen, diese Bilder zu Szenen auszuarbeiten.

Erste Versuche, einen Verleger für die 500 Seiten zu bekommen, unternahm ich damals allzu blauäugig. Ich habe über die Jahre viele Ratschläge von anderen Autoren und meinen Testlesern bekommen, und ich denke, dass es wichtig ist, kons­truktiver Kritik gegenüber offen zu bleiben. Man kann – und sollte – nicht jeden Vorschlag umsetzen, doch man muss zuhören. Insgesamt habe ich die Geschichte in den Jahren, in denen viele andere Projekte meinen Haupterwerb bildeten, achtmal vollständig überarbeitet, zusätzlich zu vielen kleinen Änderungen.

Das war anders als bei den Auftragsromanen, die nur einen Schreib- und Korrekturdurchgang hatten und innerhalb von drei, vier Monaten entstanden sind.

Kyle ist geschliffener, polierter. Jede Szene, jedes Objekt und jeder Ort hat seine Bedeutung und unterstützt die Geschichte auf vielen Ebenen. Ich sehe das als einen Reifeprozess, und mit dem Alter habe ich gnadenlos Orte, Ereignisse, Dialoge und sogar Figuren geändert oder ganz gestrichen. Ich wollte Klischees herausbekommen, und es war mir wichtig, dass die Geschichte sich reif und sinnlich anfühlt. Wie ein guter Wein, den man am Kamin genießt.

ZW: Kyle ist eine sehr außergewöhnliche Figur und keinesfalls der typische Fantasyheld. Wie kam es dazu, dass du einen Tagträumer zum Helden deiner Geschichte gemacht hast?

Michael: Mir ist der Wandel wichtig, den die Figuren durchmachen. Welche Entscheidungen treffen sie, welche führen sie zu einem besseren Leben und welche an Abgründe? Wie sieht sich ein Mensch selbst und wie sehen andere ihn? All die­se Gedanken kamen mir in den Sinn. Ein Tagträumer war ich in meiner Jugend wohl auch hin und wieder (lacht).

In jeder meiner Figuren steckt etwas von mir. Sie sind meine Babys. Was aber nicht heißt, dass man jeden Aspekt eines Charakters mögen muss. Mir ist es wichtig, dass sie eigene Ansichten entwickeln – es müssen nicht meine sein.

Was Kyle angeht, finden sich ein paar Aspekte, beispielsweise die Kampfkünste, die Anleihen aus dem Karate, Iaido und dem klassischen Fechten nehmen, die ich selbst gerne praktiziert habe. Ich habe mich auch an meinen ersten Ritt auf einem Pferd erinnert. Während meines Abis habe ich in der Gastronomie gejobbt, wo ich meine Liebe zu Tavernen und Bars entdeckt habe, die es seitdem in jeder meiner Geschichten gibt.

Ich reise gerne und dadurch sind in den Geschichten viele Dinge enthalten, die ich selbst erlebt habe – wie der eisige Wind, der der Schattenelfin in der Einöde ins Gesicht bläst. Das habe ich auf einer Fahrt nach Island und Grönland erlebt und habe es einfließen lassen, genauso wie das Flair von Städten wie Rom, Tarifa oder Valetta.

ZW: Es gibt schon jetzt eine Reihe Artworks zu der beginnenden Kyle-Saga. Wer steckt dahinter und welche Bedeutung haben diese Arbeiten für dich und dein Werk?

Michael: Die Grafiker, die das interpretiert haben, sind zum Teil renommierte Künstler aus der Games-Branche, darunter Daniel Lieske, der Schöpfer der Wormworld-Saga, oder Anca Adelina Finta, mit der ich bereits an Sacred zusammengearbeitet hatte. Sandra Püttner und Nicolas Klug haben ihre Wurzeln ebenfalls im Game Design, primär im grafischen Erschaffen fiktiver Welten. Anca schickte mir ein Bild mit den Worten: Du hast mir Bilder in den Kopf gepflanzt! Die mussten raus und auf (digitales) Papier! Damit hat sie es auf den Punkt gebracht.

Der permanente Austausch mit befreundeten Künstlern war sehr hilfreich. Daniel und ich haben oft telefoniert und uns über unsere Geschichten ausgetauscht. Anca hat mit ihrer Interpretation viel zu den Tattoos der Elfin beigetragen, während Sandra mit der Idee des Zopfes für Rosario kam. Diese kleinen Details haben die Charaktere bereichert, die ganze Geschichte reicher gemacht.

ZW: In deinem Roman spielt Erotik eine große Rolle. Was macht deiner Meinung nach den Reiz eines erotischen Fantasyromans aus? Würdest du deinen Roman überhaupt so bezeichnen?

Michael: Es gibt ein schönes Zitat von Oscar Wilde: Everything in the world is about sex. Except sex. Sex is about power. (Anm. d. Red.: Alles auf der Welt dreht sich um Sex. Außer Sex. Sex dreht sich um Macht.)  Demnach würde ich Kyle nicht als erotischen Fantasyroman beschreiben, sondern eher als eine Fantasy-Erzählung für eine erwachsene Leserschaft. Wer körperliche Welten wie aus Conan oder 300 mag, die Sprache des Autors Noah Gordon im Medicus oder Eric Van Lustbaders Offenheit im Ninja, der wird die Freizügigkeit dieser Welt nicht als schockierend empfinden.

Ich blende nicht aus. Es gibt keinen politisch korrekten Schwenk zum Kamin, wenn die Charaktere sich lieben … oder auch nicht lieben.

ZW: Wann können die Leser die gedruckte Fassung Deines Werkes in den Händen halten?

Michael: Das eBook ist bereits auf dem Markt. Die Druckfassung erscheint Ende März über Createspace. Wer dicke Fantasyromane mag, kommt auf seine Kosten. Es wird kleine Grafiken vor jedem Kapitel und eine Karte geben – alles, was ich selbst als Liebhaber eines gedruckten Werkes schätze.

ZW: Der erste Band lässt den Leser an einer prekären Stelle zurück und lässt ihn gespannt auf die Fortsetzung warten. Wie läuft die Arbeit am zweiten Band? Kannst Du uns schon etwas verraten und wann dürfen wir auf die Fortsetzung hoffen?

Michael: Ich bin ein Kind der ersten Star Wars-Generation, darum war es mir wichtig, dass die Erzählung in Band 1 abgeschlossen ist, aber auch den Sprung zur Vertiefung beinhaltet. Ich sitze bereits an Band 2, der den Namen Kyle – Im Kreis des Wassers trägt. Derzeit arbeite ich die Motive, Wendungen und Strukturen genauer aus, schleife an den neuen Charakteren und greife einige sorgsam platzierte Fäden aus Band 1 auf. Es wird natürlich ein Wiedersehen mit den Überlebenden des ersten Teils geben. Der Leser erfährt etwas über einige Figuren, die im Band 1 noch bewusst im Hintergrund standen – für den einen oder anderen Aha-Effekt, wenn man es später noch einmal liest –, und er wird Kyle weiter auf seinem Pfad am Abgrund begleiten: Wohin führen ihn seine Entscheidungen? Wird er zu dem, was er am meisten hasst? Natürlich erfährt man mehr zu den Hintergründen der Königreiche. Das Bild wird größer und weiter, so wie sich Kyles Blick auf die Welt ändert.

Eine Prognose, wann Band 2 kommt, mag ich nicht geben. Das bringt Unglück. Wie der alte Bilbo so treffend sagt: Die Geschichte ist noch nicht fertig zum Lesen. Meine Geschichte kommt, wenn sie fertig ist. Die Qualität, die ich mit dem ersten Kyle erreicht habe, soll auch der nächste Band halten. Aber nein, es wird keine weiteren 25 Jahre dauern!


CH
Über den Autor

Constanze Helena Höber schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Michael T. Bhatty
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