Goldene Zeiten

Steampunk aus Deutschland

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Wales im Jahr 1860. Edwina ist im Auftrag von … niemandem. Nein, Edwina folgt keinen Befehlen von Auftraggebern, denn sie ist Prinzessin von Wales und nimmt es selbst in die Hand, ihr freies Land vor zahlreichen Bedrohungen zu bewahren. Ob rebellierende Dampf-Gold-Roboter oder ein expansionsfreudiges England, Edwina muss handeln – mit oder ohne Plan. Auf unerwartete Probleme reagiert sie stets mit der Antwort: „… wenn nichts mehr geht: Improvisieren!“

Gegen Ende reist Edwina sogar auf den Mars, um den bevorstehenden Weltenbrand abzuwenden. Auch diese Plotlinie endet wie alle zuvor mit einer Atempause für die aristokratische Agentin. Denn jedes Kapitel behandelt ein in sich abgeschlossenes Abenteuer, das mit den folgenden Kapiteln eine größere Geschichte erzählt. Diese serielle Struktur und A.-G. Piels rasanter Schreib-Stil ziehen Leser mit.

Piels Steampunk = Romantik + glaubhafte Protagonistin + originelle Ideen

In Goldene Zeiten kommen genretypische Elemente des Steampunks zum Einsatz und Piel versetzt sie mit Einflüssen sowie Referenzen auf romantische Literatur, Spionage-Romanen und ihrer originellen Vorstellungskraft.

Das Universalgenie E.T.A. Hoffmann, Pate des modernen Kriminalromans und Vertreter der deutschen Romantik, färbte die Beziehung zwischen Menschen und den künstlichen „Dampfköpfen“. Zunächst ist das Verhältnis unheimlich, dann wird es bedrohlich und endet schließlich mit einer Katastrophe. Der Sandmann (1816) grüßt. Auch das Vorbild der Spionage-Romane, ob Ian Flemings Casino Royale (1953) oder Groschenromane, findet sich in der Protagonistin Edwina wieder, jedoch bleibt Edwina dabei ein origineller Protagonist, der seinesgleichen sucht.

Edwina ist schlagfertig, unermüdlich neugierig und verantwortungsbewusst. So werden Platituden männlicher Figuren als Ablenkungen entlarvt und gekontert, statt die Heldin als begehrenswerte Amazone zu konstruieren:

„Du siehst gut aus.“
„Ist das dein Argument?“
„Nein, ich glaube, das nennt man ein Kompliment.“
„Sehr witzig, László.“

Dabei ist Edwina keine dumpfe Männin, sondern eine Frau mit Prinzipien. Sie hat reflektierte Gedankengänge, als sie beispielsweise über die Figur des künstlichen Menschen Dimitri nachdenkt: „Er war unaufdringlich, aber aufmerksam, behandelte sie mit Respekt, aber nicht unterwürfig.“ Auch die Darstellung des Ehelebens zwischen Agentin und Opernsänger lebt durch die starken Dialoge zwischen zwei respektvollen Menschen, die ihre beiden unterschiedlichen Welten zusammenhalten wollen. Piel führt mit Edwina eine längst notwendige Figur der selbstbewussten und vor allem glaubwürdigen Heldin in die Romanwelten der Fantastik ein.

Weitere originelle Ideen sind unter anderem in der Ausstattung der dampftechnisierten Welt um 1860 zu finden. So gibt es illegale Wettrennen, nicht mit lebenden Hunden, sondern mit aus Metall gefertigten Figuren abgehalten werden, die mittels Gedankenkraft beschleunigen. Die Mesmeriten sind dabei eine Verknüpfung von Psionikern der zeitgenössischen Fantastik und dem historischen Mesmerismus. Der animalische Mesmerismus wurde bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als heilwirksame Methode propagiert, die angeblich mittels körperlichen Magnetströmen und deren Manipulation wirkte.

Kritik

Die Stärke des Romans liegt in den Dialogen zwischen den Figuren, aber leider mindern einige stilistische Schnitzer das Lesevergnügen, da sie sich zu deutlich von dem übrigen Stil abheben. Es gibt einige abgedroschene Vergleiche, die hätten vermieden werden können („ihre Augen brannten wie Feuer“). Die originellen Vergleiche sind aber klar in der Mehrheit („Rücken tat weh, als hätte sie an den olympischen Ringkämpfen teilgenommen“).

Um den derben Charakter der Heldin zu unterstreichen, hätte es genügt zu schreiben, dass sie flucht. Denn die ostentativen Fäkalausrufe der Heldin stechen aus dem übrigen Text heraus, wodurch dieser unausgewogen wirkt.

Die Umschlaggestaltung leidet unter der Wahl von drei verschiedenen Schriftarten in vier unterschiedlichen Größen auf dem Cover. Es ist nicht zu erklären, warum das Wort Steampunk kursiv gesetzt wurde, ebenso nicht, warum die Seitenzahlen im Buch von zwei kruden Symbole flankiert werden müssen. Leider erkennt man nur auf dem Pressebild (oben), dass das Titelbild eine Ölpfütze unterhalb des Kopfes zeigt, denn das Cover ist zu dunkel auf dem Taschenbuch geraten. Edition Roter Drache hat begonnen, Steampunk-Bücher zu vertreiben, aber leider noch nicht verstanden, dass Steampunk als Kultur stark auf die eigenständige Ästhetik setzt. Diese sollte auch bei Buchcovern adäquat wiedergegeben werden.

Fazit

Goldene Zeiten ist ein lohnendes Stück guter Unterhaltungsliteratur, sowohl für Steampunk-Fans als auch für Freunde der Fantastik. Der Seriencharakter der Kapitel erinnert an TV-Serien und lädt ein, sich am Wochenende in die Welt von Dampf, Gold und Gedankenkräften mitreißen zu lassen, stets begleitet von Edwina, Agentin und Prinzessin. Wer weiß, ob in einigen Jahren jemand die Chance ergreifen wird, Goldene Zeiten zu verfilmen. Es wäre eine Bereicherung für das Genre, denn wir brauchen mehr Edwinas in unseren Mediatheken.

Goldene Zeiten: Ein Steampunk-Roman
A.-G. Piel
Edition Roter Drache (2015)
314Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3-939459-93-4
Webseite: Goldene Zeiten bei Edition Roter Drache

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