Blade Runner

Oder: Träumen Androiden von elektronischen Schafen?

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Philip K. Dick’s Träumen Androiden von elektronischen Schafen? ist durch die Filmadaption Blade Runner zum wohl bekanntesten Buch des Autors geworden. Pünktlich zum Kinostart von Blade Runner 2049 ist im Fischer Verlag jüngst eine Neuübersetzung des Sci-Fi-Klassikers erschienen.

Obwohl als Titel das griffige Blade Runner herhalten musste, merkt man schon nach wenigen Seiten, wieso das Buch ursprünglich mit einem ungleich sperrigeren Titel daherkam. Während Blade Runner packende Action in einer cool düsteren Cyberpunkzukunft suggeriert, setzt Dicks Klassiker unendlich viel ruhiger an. Zwar dreht sich auch die Romanvorlage um Androidenjäger Rick Deckard, der wacht aber erst einmal in einem vergleichsweise öden Apartment auf, wo er sich recht unspektakulär mit seiner Frau streitet. Das futuristische Element des Apartments ist eine Stimmungsorgel, die uns gleich mit einem der Lieblingsmotive Dicks konfrontiert: der Manipulation von Gefühlen und Bewusstsein. Ausgestattet mit solch einem Gerät, ist es den wohlhabenderen Erdenbewohnern nämlich möglich, ihre Stimmung ganz nach Belieben zu regeln, weshalb sich die beiden Streithähne unter anderem darüber zanken, ob sie ihre Emotionen künstlich verschärfen wollen oder man sich doch lieber auf Knopfdruck vertragen will. Als Deckards Frau sich dann noch entscheidet, freiwillig Depressionen auszuwählen, wird die Tragweite einer solchen Investition deutlich …

Kaum aus dem Bett gequält, begegnen wir sogleich Dicks zweitem Faible: fiktive Religionen. Obwohl der Roman 1992 spielt, hat sich das Leben auf der Erde radikal verändert. Der Planet ist durch Radioaktivität fast unbewohnbar geworden, (echte) Pflanzen und Tiere sind die Ausnahme und statt dem Christentum hängen die Menschen nun dem Mercertum an. Dessen Gottesdienst findet gewissermaßen im kollektiven Privaten statt. Durch Anschluss an eine technische Apparatur kann der Gläubige eins mit Mercur und allen anderen Gemeindemitgliedern werden und den Leidensweg Mercurs sprichwörtlich miterleben. Die Religion predigt dabei die Liebe zu allem Leben und erklärt das Halten von Haustieren folgerichtig zur heiligen Pflicht. Da echte Tiere aber nun einmal teure Mangelware sind, haben findige Geschäftsleute mechanische Replikate erschaffen, die täuschend echt aussehen und so gegen kleineres Geld vor Statusverlust schützen sollen.

Als dritter Parameter der Zukunftswelt dienen endlich die lang ersehnten Androiden. Da die Erde kaum bewohnbar ist, wurden Kolonialisierungspläne vorangetrieben, die jedem Kolonisten einen hilfreichen und robusten Androiden versprochen haben. Die sind mittlerweile so weit entwickelt, dass sie von Menschen kaum mehr zu unterscheiden sind. Bestehend aus (künstlichem) Fleisch und Blut sind sie ohne operationelle Eingriffe nur durch spezielle Verfahren zu identifizieren, welche unmittelbare emotionale Reaktionen messen. Der bekannteste ist dabei der Voigt-Kampff-Test, bei dem unwillkürliche emotionale Reaktionen auf mehr oder minder alltägliche Fragen getestet werden.

Die Androiden sind nun – endlich – das treibende Motiv des Buches. Sie stellen die Menschheit vor die große Frage, wodurch sich Leben von künstlicher Intelligenz unterscheidet. Die Existenz von Androiden konfrontiert die Menschheit damit, ihr distinktes Merkmal zu verlieren, weshalb Androiden auf der Erde strengen Richtlinien unterliegen. Unregistrierte Androiden müssen daher aufgespürt und eliminiert werden, womit wir dann wieder bei Deckards Job wären.

Auf der Jagd

Narrativ wird Blade Runner von Deckards Arbeit als Kopfgeldjäger getrieben, der acht vom Mars entflohenen Androiden auf der Spur ist. Diese verfügen über die neuste Chiptechnologie und stellen damit die Identifikationsverfahren der Polizeieinheiten infrage. Das führt nicht nur zu Zweifeln am Voigt-Kampff-Test, sondern Deckard kriegt es auch ganz praktisch mit überaus gewitzten Androiden zu tun, die ihn immer wieder hinters Licht führen und an sich selbst zweifeln lassen. Hier kann Dick aus den Untiefen seiner Fantasie schöpfen und das machen, was er am besten kann: Einen gigantischen Mindfuck starten!

Dicks Bücher und Kurzgeschichte leben immer von der Frage nach Wahrheit und Authentizität, Selbstzweifeln, Erinnerungsverlust, Gedankenkontrolle und ethischen Konflikten. Auf diesen Ebenen brilliert auch Blade Runner, wenngleich die eigentliche Handlungslinie angenehm stringent ist. Blade Runner lässt sich auch als Thriller vor anspruchsvollem Hintergrund lesen und wird neue Dick-Leser dennoch immer wieder kalt erwischen. Das Buch lebt zwar im Endeffekt von den großen Fragen und schockierenden Verunsicherungen, es ist aber die rasante Handlung, die den Roman zu einem Pageturner macht. Dicks Schreibstil ist dabei unaufgeregt, aber schnell und spannungsvoll. Die leicht überzeichnete Welt mag nicht immer konsistent sein, macht aber einen glaubwürdigen Handlungsrahmen für die bodenständigen Charaktere aus. So gelingt es Dick, eine ganz andere Welt zu zeichnen, die unendlich weit von klassischer Fantasy oder Science Fiction entfernt ist. Der hohe philosophische Anspruch und die Motive der Gegenkultur der 60er und 70er Jahre haben seine Fans, wirken aber manchmal veraltet und vertreten nie den Anspruch technisch plausibel zu sein. Dick entwirft Welten um soziale, ethische und philosophische Fragen mit unübertroffenem Flair zu diskutieren.

Fazit

Man sollte sich Blade Runner nicht nur wegen der Filme kaufen. Wer Actionszenen und Cyberpunk erwartet, wird etwas enttäuscht werden. Zwar gibt es Motive des Cyberpunks und einige gut geschriebene Actionszenen, die machen aber eher Randphänomene aus. Stattdessen überzeugt Dick mit einer ungewohnten Welt, anspruchsvoll, aber unterhaltend aufgeworfenen Fragen und irritierenden Wendungen.

Die Neuübersetzung von Manfred Allié weiß dabei zu überzeugen. Sie liest sich äußerst flüssig und verliert wenig gegenüber dem Original. Englische Begriffe sind behutsam beibehalten worden, Slang wurde sinnvoll übersetzt und der trockene, aber gleichzeitig leicht humorvolle Stil der Vorlage durchweg getroffen. Das Lob kann auch auf das Coverbild ausgeweitet werden, dass die Vermessung eines Menschen (oder Androiden?) graphisch gelungen umsetzt. Blade Runner ist auch auf Deutsch ein erstaunlich kurzweiliges und intensives Lesevergnügen, das man sich nicht nur in Hinblick auf einen Kinobesuch zulegen sollte.

Blade Runner
Philip K. Dick (Manfred Allié)
(Fischer Tor, 2017)
168, Broschiert
ISBN: 978-3596297702
Webseite: Blade Runner bei Fischer Tor

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