Die Zweite Finsternis

Von Kampfmönchen, Ketzern und Killerechsen

// Literatur
Die Zweite Finsternis - News

Was kann schon schief gehen, wenn man einen Kampfmönch mit Klingenwaffen gegen telepathische Killerechsen ins Feld eines postapokalyptischen Amerikas schickt? Eigentlich nichts, sollte man meinen. Zu abgedreht das Szenario, zu „badass“ die Grundprämisse. Sollte man meinen …

Hundertdreiundachtzig Jahre ist es her, dass die Erde von besagten telepathischen Killerechsen, den sogenannten Reapern, überrannt wurde. Dadurch wurden die Menschen Amerikas in die verbliebenen 19 Städte zurückgetrieben, wo sie ein zusammengepferchtes Dasein fristen. Organisiert wurde und wird das Stadtgeschehen vom Klerus, der aus den Lehren des Katholizismus eine neue Religion zusammengebastelt hat. Auf dieser Basis wurden schließlich Mönche gezüchtet, die einen Hybrid zwischen Aliens und Menschen darstellen. Durch ihre mentalen Fähigkeiten sind sie das letzte wirksame Mittel gegen die Reaper.

Einer dieser Mönche ist Bruder Kaleb. Er wird vom Klerus ausgesandt, um die Vorkommnisse rund um die Stadt Selimsburgh zu überprüfen. Außerdem soll er herausfinden, warum zu immer mehr Städten der Funkkontakt abbricht.

Ein Mönch, eine heilige Mutter und ein Deputy kommen in eine Bar …

Bruder Kaleb ist bei Weitem nicht der einzige Protagonist. Ein weiterer wichtiger Charakter ist Eunice. Sie wird ebenfalls nach Selimsburgh geschickt, um den Sohn des Bischofs, und damit ihren Bruder zurückzubringen. Hinzu kommt Sam, Deputy von Selimsburgh, welcher eine Verbindung zu Kaleb hat, der er sich aber selbst nicht bewusst ist. Dazwischen tummeln sich noch eine Menge Intrigen innerhalb des Klerus. Außerdem gibt es die sogenannten Ketzer, die eins zu eins aus den Mad Max-Filmen stammen könnten. Wegen des Konsums einer Droge namens Nachtmilch wurden sie mit Androhung der Todesstrafe ausgestoßen und leben seither außerhalb der städtischen Gemeinschaften. Des Weiteren erfährt Kaleb von einer neuen Macht über die noch niemand etwas weiß. Erst gegen Ende fügen sich viele dieser Stränge relativ sinnvoll zusammen und ergeben ein recht stimmiges Gesamtbild.

Trotz der interessanten Grundprämisse hat es mir Die Zweite Finsternis echt schwer gemacht, sie zu mögen. Und damit kommen wir leider zu dem einen oder anderen Problem, das dieses Buch plagt.

Narrativ vs. Handwerk

In seiner Eigenschaft als Rückblende umreißt der Prolog (sehr) grob, wie die Menschheit zum ersten Mal auf die Reaper trifft. Allerdings gibt es im weiteren Verlauf des Buches so gut wie keine Bezüge mehr darauf. Der Prolog selbst bricht an der Stelle ab, an der er eigentlich interessant wird und wirft den Lesenden hundertdreiundachtzig Jahre in die Zukunft. Hier wäre ein „In medias res“-Einstieg möglicherweise sinnvoller gewesen.

In der ersten Hälfte nach dem Prolog wird die Geschichte hauptsächlich genutzt, um die Welt, in der wir uns jetzt befinden,  zu etablieren. Diese Herangehensweise wird aber leider recht ungeschickt umgesetzt. Charaktere haben nach einer ihnen gestellten Frage mentale Flashbacks, die sich über mehrere Seiten erstrecken. Kommt dann endlich eine Antwort, was nicht immer der Fall sein muss, erinnert man sich in der Regel kaum noch an die ursprüngliche Frage.

Die Einführung des MacGuffins der Geschichte passiert ohne Kontext, ohne vorherige Erwähnung oder Andeutung und erfolgt buchstäblich aus dem Nichts in einer völlig unpassenden Situation. Dadurch wird das Geschriebene leider zu einem wenig mitreißenden Mix, der eher anstrengend ist, als dass er zum Weiterlesen motiviert.

Und plötzlich blitzt da für einen Moment dieser massive Stilwechsel auf. Ein Charakter wird telepathisch zu Tode gefoltert, während sich die Gefährtin des Folterers lüstern gegen das Opfer presst und dessen agonische Schmerzensschreie von seinen Lippen küsst und saugt. Die hier eingesetzte sexuelle Gewalt findet sich in der Form im ganzen Buch nicht nochmal und wirkt sehr selbstzweckhaft. Weiterführenden Nutzen für den Plot hat sie nicht. Die ausführende Person, die Gefährtin des Folterers, kommt nicht wieder prominent vor und dergleichen passiert auch nicht nochmal.  Ich kann mir gut vorstellen, dass dies schockierend wirken soll. Dadurch, dass mich diese Szene, durch ihren krassen Kontrast aber eher aus der eigentlichen Stimmung gerissen hat, wirkte sie auf mich weniger verstörend, als nur störend.

Hinzu kommen lästige Handlungsaufzählungen (Kaleb tut dies, Kaleb macht das, Kaleb handelt so). Man stolpert über erstaunlich viele Tipp- und Kontinuitätsfehler (Kaleb hat ausdrücklich einen Revolver gegen eine automatische Waffe getauscht, zückt dann aber doch wieder einen Revolver). Dann fehlen plötzlich über vier Seiten hintereinander die Seitenzahlen. Es tauchen mehrere, teilweise buchstäbliche, Deus ex Machina auf, die mit oft vorhersehbaren Wendungen ein überraschend antiklimaktisches Ende einleiten. Allerdings endet das Buch auch nicht wirklich, sondern hört einfach auf.

Doch trotz allem Gemecker, das ich jetzt formuliert habe, passiert beim Lesen plötzlich etwas Erstaunliches. Ab etwa der zweiten Hälfte ist die Welt etabliert, die wichtigsten Figuren vorgestellt und es wird sich wieder vollständig auf die Handlung konzentriert. Von hier an weiß das Buch tatsächlich zu interessieren und zu unterhalten. Der Erzählstil ist zackig und gradlinig. Die Figuren agieren endlich natürlich, da in ihrem Handeln und in ihren Dialogen nicht mehr die Notwendigkeit liegt, die Welt zu beschreiben. Aus dem gleichen Grund schleicht der Plot auch nicht mehr vor sich hin, sondern zieht mächtig an Tempo an. Man muss aber auch erstmal so weit kommen.

Was übrig bleibt

Die Zweite Finsternis ist aus meiner Sicht ein schwieriger Fall. Denn trotz aller oben genannten Probleme bleibt die Grundprämisse abgedreht genug, um liebenswert zu sein. Die Story, wenn sie dann endlich in Fahrt kommt, ist mitreißend genug, dass man wissen möchte, wie es ausgeht. Leider bleibt beim Ende eine Menge offen. Mehrere Antagonisten verschwinden plötzlich aus der Geschichte, oder tauchen -trotz steter Erwähnung- gar nicht in Person auf. Handlungsstränge, besonders bezüglich des am Anfang umfangreich etablierten Klerus, laufen ins Leere. Und worauf sich der Titel Die Zweite Finsternis bezieht, lässt sich zwar interpretieren, bleibt aber vage. Denn die entsprechend erste Finsternis, oder das, was ich im Kontext dafür halte, wird nie als solche bezeichnet.

Möglicherweise sind für das Buch Fortsetzungen angedacht, in denen vieles aufgeklärt und weitererzählt wird, aber das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ausreichend Potential dafür ist jedenfalls da.

Wer sich an Schreib- und vereinzelten Kontinuitätsfehlern stört und eine in weiten Teilen umständliche Narrative nicht verträgt, lässt von Die Zweite Finsternis lieber die Finger.

Wer aber eine wirklich interessante Prämisse in einem postapokalyptischen Szenario sucht und sich nicht scheut, buchstäbliche Lesearbeit in ein Buch zu investieren, wird hier über rund 230 von 427 Seiten lang gut unterhalten.

Die Zweite Finsternis
E.S. Schmidt
(Papierverzierer Verlag, 2016)
427 Seiten Broschiert
ISBN: 978-3-95962-112-0
Webseite: Die Zweite Finsternis beim Papierverzierer Verlag

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