Mass Effect: Andromeda

Flüchtlingsdrama endet im Desaster

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Noch bevor Commander Shephard mit der Crew der Normandy in die alles entscheidende Schlacht gegen die Reaper zieht, machen sich mehrere Archen der vorherrschenden Rassen der Milchstraße auf den Weg in die weit entfernte Andromedagalaxie. Über 600 Jahre später gibt es ein böses Erwachen. Die Archen der Asari, Turianer und Salarianer sind verschollen, die Arche der Menschen steckt in einem gigantischen galaxiefressenden Tumor fest und die frisch aus erwachten Siedler geraten in Streit mit ihrer bürokratischen Obrigkeit, weil sie ihre Verwandten nicht auftauen dürfen. Alte Schwächen entfalten sich an neuen Orten, doch das ist erst der Anfang.

Die Andromeda Initiative verhieß nur Gutes. Mehrere bewohnbare Exoplaneten, sogenannte Goldene Welten, wurden ausgemacht. Damit auch jeder diese 600 Jahre dauernde Reise überlebt, befanden sich alle Reisenden im Kälteschlaf. So auch die Zwillinge Sarah und Scott Ryder. Am Anfang des Spiels entscheiden wir uns für einen von ihnen. Der andere Zwilling bleibt durch unglückliche Umstände vorerst weiterhin im künstlichen Koma.

Der Weltraum, unendliche Probleme

Als wäre diese Ausgangslage nicht schlimm genug, entpuppen sich die neuen Heimatwelten als unbewohnbare Wüstenplaneten. Doch sie alle haben etwas gemeinsam: Über den Planeten verteilt ragen gigantische Säulen, sogenannte Relikte, empor. Außerirdische Konstrukte, die aus den kahlen Steinbrocken bewohnbare Landstriche machen könnten. Aktiviert werden können diese Relikte offenbar nur durch die mit dem Gehirn verbundene SAM-KI eines Pathfinders. Pathfinder sind eine Mischung aus Elitesoldat und Entdecker, die außerhalb der Befehlskette stehen und die Besiedlung der Planeten in Gang setzen sollen.

Eigentlich sollte das unser charismatischer Vater tun, aber schon bald obliegt die Aufgabe uns selbst: einem jungen Pioniergeist, der sich dem Universum erst noch beweisen muss.

Als zentraler Knotenpunkt dient uns die Nexus, eine gigantische Raumstation, die mit der Citadel aus der alten Trilogie vergleichbar ist. Damit wir uns durch den Heleus-Cluster bewegen können, stellt uns die Initiative ein wendiges Schiff namens Tempest zur Verfügung. Die Reisefreiheit ist jedoch auf einige wenige Systeme der Andromedagalaxie beschränkt, die oftmals nur eine geringe Menge abbaubarer Ressourcen bieten. Dafür geht das aus den Vorgängern bekannte Scannen jetzt schnell von der Hand, innerhalb von wenigen Minuten ist jedes Planetensystem zu 100 Prozent erforscht. Vorbei sind die Zeiten, in denen wir über Stunden hinweg jeden Planeten rasterförmig durchkämmen mussten.

Wir sind die Aliens

Die Planeten die wir begehen dürfen sind rar. Doch bis wir die ersten kolonialen Außenposten errichten können ist es ein langer Weg. Neben der äußerst unwirtlichen Umgebung macht uns eine feindliche Alienrasse das Leben schwer. Die Kett haben offenbar ebenfalls Interesse an den Relikten, doch sie sind im Gegensatz zur Initiative erbarmungslos, heimtückisch und fanatisch. Ihr Anführer, der Archon tritt uns bereits sehr früh entgegen. Einer Persönlichkeit wie Saren aus dem ersten Mass Effect oder der einschüchternden Macht der Reaper kann er aber nicht das Wasser reichen.

Als Gegenpol zu den Kett treffen wir auf die einzige freundlich gesinnte Alienrasse, die Angara. Erst hier wird uns selbst deutlich, dass eigentlich wir die Aliens sind. Seltsamerweise sind die Angara von ihrem Verhalten her die wohl menschlichste Rasse, die wir jemals getroffen haben. So wirkt unser angarischer Gast und Mitstreiter Jaal von der ersten Minute an, als wäre er mit uns aus der Milchstraße angereist. Die äußerst hochentwickelten Universalübersetzer lassen uns von vornherein miteinander problemlos kommunizieren.

Umfangreiches Ressourcenmanagement

Mit der Hilfe unserer neuen Verbündeten decken wir nicht nur die Geheimnisse der Kett auf, sondern machen den Heleus-Cluster für alle Parteien auch ein ganzes Stück bewohnbarer. Dies geschieht durch das Lösen von Nebenquests und durch den Einsatz der auf Sudoku (!) basierenden Relikttechnologie, die auf jedem einzelnen Planeten zu finden ist. Zum Glück gibt es jedoch mehr Quests als wir brauchen, denn viele von ihnen schicken uns nur von A nach B um etwas zu scannen.

Die fünf bewohnbaren Planeten sind sehr weitläufig. Damit wir schneller vorankommen haben wir ein neues aufrüstbares Landfahrzeug namens Nomad. Der Nomad hat allerdings im Gegensatz zum ersten Mass Effect keine Bewaffnung, so dass wir bei jeder Konfrontation aussteigen müssen. Die fortschreitende Lebensfähigkeit der Planeten hat einen großen Einfluss auf uns. Zum einen ist man zu Beginn noch gezwungen oftmals in das Fahrzeug zurückzukehren, da Kälte oder Strahlung schnell an unserem Lebenserhaltungssystem nagen. Zum anderen bringt der Fortschritt neue Punkte, mit denen wir weitere Siedler aus dem Tiefschlaf holen können. Als Belohnung wirken regelmäßige Lieferungen neuer Ressourcen oder zusätzliche Aufklärungsdaten.

Unser Scanner versorgt uns mit Forschungspunkten, mit denen wir neue Baupläne für Waffen, Rüstungen oder Mods erforschen und entwickeln können. Alternativ können wir aber auch einfach fast jede Rüstung kaufen; dann allerdings ohne implementierte Boni.

Durch Kämpfe und Quests erhalten wir natürlich auch normale Erfahrungspunkte. Da wir dieses Mal nicht von Anfang an auf eine Klasse festgelegt werden, können wir uns sowohl als Soldat, Biotiker oder Techniker spezialisieren. Doch anstatt die Punkte querbeet zu verteilen, empfiehlt es sich die Punkte gezielt in Fähigkeiten zu stecken, die wir oft nutzen. Wer sich mit Waffen überlädt, muss längere Abklingzeiten der Fähigkeiten in Kauf nehmen. Neben unseren Waffen haben wir nur drei Slots für andere Techniken oder Biotiken zur Verfügung. Haben wir genug Punkte in eine Klasse investiert, können wir Profile mit zusätzlichen Boni aktivieren.

Als zusätzliche Ressourcenquellen können wir Einsatzteams anheuern und auf gefährliche APEX-Missionen schicken. Bei Erfolg erhalten wir eine Menge Erfahrungspunkte, bei Misserfolg weniger, aber wir verlieren sie nicht. Optional können wir einige dieser Missionen sogar selbst durchführen. Dann übernehmen wir mit zwei weiteren menschlichen Online-Mitstreitern die Rolle einer Spezialeinheit und kämpfen kooperativ gegen diverse Gegnerwellen. Die Teilnahme an diesen Missionen ist jedoch anders als im dritten Teil nicht ausschlaggebend für das Finale.

Scharfe Kanten am runden Erlebnis

Mass Effect: Andromeda hat neben seinen interessanten Schauplätzen und der guten Geschichte auch ein paar Designschwächen, die das Spielerlebnis beeinträchtigen. Neben immer wieder auftauchenden Bugs, die dazu führen, dass man den letzten Spielstand neu laden muss, weil Ereignisse nicht ausgelöst werden oder ganze Personen nicht laden, haben die Charaktermodelle oftmals erhebliche Schwächen. Dabei ist das Standardmodell der Ryders noch erträglich. Baut man sich aber seinen eigenen Charakter, spielt das Modell zeitweise völlig verrückt und beschert uns groteske Grimassen und Animationen, die uns immer wieder aus der immersiven Atmosphäre werfen. In anderen Dialogsituationen gibt es überhaupt kein emotionalses Feedback. Eine bedeutende Person stirbt und Ryder schaut herab, als würde er gerade sein Geld zählen. Mitschuld daran trägt unter anderem EAs allzu optimistisches Vertrauen in die neue Cyberscan-Technologie, die Gerüchten zufolge an ein externes Studio weitergeleitet wurde.

Das Ergebnis wirkt sich leider auch auf die Romanzen und ihre körperlichen Interaktionen aus, deren knisternde Erotik nicht aufkommen will. Immerhin ist man nicht mehr nur auf seine Crewmitglieder beschränkt. Überall im Heleus-Cluster gibt es Möglichkeiten, eine Romanze mit NPCs anzufangen. Die Sprachausgabe fällt im Gegensatz zur englischen Synchronisation etwas ab, da einige Sätze falsch betont werden und Akzente, die in der Handlung sogar Gesprächsthema sind, manchmal nicht in die deutsche Übersetzung übernommen wurden.

Fazit

Es wäre unfair zu behaupten, dass die zuletzt genannten Mankos den Spielspaß verderben würden. Tatsächlich gewöhnt man sich im Laufe des Spiels eher daran. Im Vordergrund stehen der Entdeckerdrang und die äußerst spaßigen Gefechte. Die geringe Anzahl der Planeten sorgt für abwechslungsreiche Schauplätze, die nicht das Gefühl vermitteln, die ganze Galaxie sähe überall gleich aus. Das Fehlen eines Landfahrzeugs sorgte in den letzten zwei Vorgängern für sehr kleine Areale. Doch als Pathfinder der Initiative sind große unbekannte Planeten genau das Richtige, um seinem Entdeckerdrang freien Lauf zu lassen. Man hat nicht ständig die Reaper im Nacken und verliert gefühlt ganze Zivilisationen, wenn man sich mit zu vielen Nebenquests beschäftigt. Andererseits haben unsere Antwortoptionen kaum unterschiedliche Auswirkungen auf den Handlungsverlauf und vermindern dadurch den Wiederspielwert. Der Wunsch für einen individuellen Spielstandimport zum nächsten Teil erübrigt sich dadurch ebenfalls. Wenn Bioware letztlich noch etwas Feinschliff hinterherliefert, ist Mass Effect: Andromeda aber ein enorm umfangreiches Sci-Fi Abenteuer, dass man sich unbedingt anschauen sollte und bereits Lust auf weitere Teile macht.

Mass Effect Andromeda
(Bioware/Electronic Arts)
Plattformen: PS4, Xbox One, PC
Webseite: Mass Effect Andromeda

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