Kona

Wenn sich Detektive in den kanadischen Norden verirren …

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Ich heize mit einem alten Chevrolet über einen holprigen Waldweg. Trippiger Indie-Rock dröhnt quäkig aus den Boxen des Autoradios und verleitet mich dazu, kräftig auf die Tube zu drücken. Quietschend halte ich vor einem gesperrten Bahnübergang und nehme einen lässigen Zug von meiner Zigarette. Eine alternde, raue Stimme erklingt unaufdringlich aus dem Off und erläutert in rauem Westerntonfall meinen Auftrag als Privatdetektiv im gottverlassenen kanadischen Norden.

So ungefähr beginnt das Intro von Kona. Kona ist das Erstlingswerk des Spielentwicklers Parabole und wurde über eine Kickstarter-Kampagne finanziert. Als Early Access-Titel hing das Spiel auf der Steamplattform für einige Zeit in der Warteschleife. Eine offizielle Veröffentlichung wurde für April 2015 angepeilt und wie bei vielen anderen Indie-Titeln kam es zu Entwicklungsverzögerungen. Letztendlich können wir nun im März 2017 das vollständige Spiel genießen und ich muss sagen, das Warten hat sich gelohnt!

Ein Ausflug in den eisigen Norden wird zur feurigen Angelegenheit

Das Spielgeschehen findet in den 70er Jahren im kanadischen Norden statt und alles erinnert an gute alte Zeiten. Ein Privatdetektiv begibt sich in kanadische Kälte, ein Auftraggeber wartet in einem gottverlassenen Nest und dazwischen klappert ein Chevrolet mit quäkendem Autoradio vor sich hin.

Der alte, rostige Chevrolet, der coole 70er-Jahre-Sound aus den Boxen, die lässige Erzählstimme mit rauem Westerntouch, selbst Details wie die lässig aus dem Fahrerfenster geschnippte Filterzigarette fügen sich nahtlos ein und könnten auch im Intro eines kultigen Kinoklassikers auftauchen. Ich beginne nach irgendeinem unpassenden Detail zu suchen, muss aber nach kurzer Zeit feststellen, dass die einzelnen Elemente in einer anmutig grobschlächtigen Form perfekt zusammengefügt sind. 

Im weiteren Spielverlauf weichen die cineastischen Spielsequenzen mehr und mehr  frei begehbaren Arealen. Das rockige Intro weicht dem stimmungsvollen kanadischen Norden und der knackige 70er Sound wird durch das flüsternde Rauschen der kanadischen Schneelandschaft ersetzt.

Survival-Aspekte wie das Aufwärmen an Öfen werden kombiniert mit unterschwelliger Gruselstimmung. Während den zahlreichen Aufenthalten an Wärmequellen erinnert das Spiel ein wenig an den Klassiker Amnesia, ist in der Ausführung aber humorvoller und hat in jeder Situation ein Augenzwinkern zu bieten.

Auch die detektivische Arbeit des Protagonisten ist wesentlich ausgeprägter. So werden hier schon nach den ersten Spielminuten Leichen obduziert und Dokumente begutachtet. Nebenbei müssen Energieversorgungen repariert und Feuerquellen entzündet werden, um das Wohlbefinden der Spielfigur zu erhalten. Kampfeinlagen gegen hungrige Wölfe und Schlimmeres sind ebenfalls vorhanden. Es bietet sich also nach einer linearen Anfangssequenz ein ganzer Haufen von verschiedenen Spielelementen, die den Titel interessant machen.

Technik versus Immersion: ein gelungener Spagat (oder Handstand?)

Grafisch überzeugt der Titel ebenfalls mit Retro-Qualitäten. Kona verwendet die Unity-Engine und geht bei der Darstellung einen Mittelweg. Ohne großartiges Klimbim vermittelt die raue Darstellung eine schroffe Umgebung, was der Atmosphäre sehr zugutekommt. Die grafische Qualität erinnert an Klassiker wie Half-Life 2 und unterstreicht durch die grobe Zeichnung das ursprüngliche Ambiente. Hierbei wird aber nicht auf moderne Optionen wie gutes Anti-Aliasing und schöne HD-Texturen verzichtet.

Die Steuerung sticht schon anfangs im Wagen heraus. Irgendwie fühlt sich alles grob und ungehobelt an. Man muss den Wagen eher gegenhalten, als aktiv lenken, und macht sich nach einigen Minuten über den Gesundheitszustand  des Protagonisten Gedanken. Nachdem das erste Mal das Auto verlassen wird, steht die Diagnose fest. Der Mann ist nicht nüchtern! Für den Shooter-Experten mit einer 16400dpi-Lasermaus offenbart sich hier das Grauen schlechthin: inexakte Steuerung! Für „normale“ Menschen hingegen reiht sich die Steuerung sehr gut in das allgemeine Spielgeschehen ein: rau, grob und ungewaschen.

Viel Charakter, wenig Klimbim

Kona brilliert wie ein grober Edelstein. Die Elemente des Spiels überzeugen in ihrer Gesamtheit und dienen gekonnt der Darstellung des rauen kanadischen Nordens. Das Spiel bietet durch seine charakteristische Grobschlächtigkeit einen Gegenpol zum um sich greifenden Triple-A-Wahn mit seinen hochgezüchteten Grafiken und pervers monotonem Spielgeschehen.

Deshalb wird bei Kona auch nicht jeder glücklich. Hochspezialisierte Zocker mit frisierten Maschinen aus dem dreiundzwanzigsten Jahrhundert und einer 99prozentigen Headshot-Quote werden bei dem Titel schon nach den ersten Steuerungsversuchen das blanke Grauen erleben, falls sie nicht bereits im Intro an der Motorhaube des Chevrolet erblindet sind.

Für Menschen die auf der Suche nach neuen Ideen sind und sich gerne in stimmungsvolle Umgebungen ziehen lassen, ist dieser Titel hingegen eine klare Kaufempfehlung. 

Kona
(Parabole, 2017)
Plattformen: Xbox One, PS4, PC (Windows, Mac, Linux) 
Webseite: Kona

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