Die unsichtbare Bibliothek

Ein Buch über die Jagd nach Büchern

Kategorie: Literatur
Tags: Bibliothek Mehrteiler Bastei Lübbe Roman
von Nadine Kaiser

Irene ist eine Bibliothekarin der unsichtbaren Bibliothek. Ihre Aufgabe: Einzigartige Bücher zu sammeln und diese – außerhalb von Raum und Zeit – zu bewahren. Nur so ist es möglich sicherzustellen, dass ein literarisches Werk niemals in Vergessenheit geraten wird. Doch auch wenn Bücher per se ein leicht beschaffbares Objekt darstellen, geraten die Bibliothekare auf ihrer Suche bisweilen in Situationen, die einer komplizierten Abenteuerjagd gleichen und nichts mit den geruhsamen Tätigkeiten eines normalen Bibliothekars gemein haben.

Die unsichtbare Bibliothek ist eine Institution, die abseits aller möglichen Welten existiert und durch Büchereien Verbindungen zu einer unendlichen Anzahl an Parallelwelten schafft. Als Ort der menschlichen Wissensbewahrung hat sie sich zur Aufgabe gemacht, einmalige und besondere Exemplare aller Arten zusammenzutragen und ihre Bibliothekare für diese Bestimmung besonders ausgebildet. Mit Hilfe der Bibliothekssprache, magischen Kräften und großem Wissen sind die Bücher-Agenten für ihre Missionen ausgestattet. So auch Irene, die mit dem ihr zugeteilten Auszubildenden Kai die Anweisung erhält, eine Ausfertigung einer seltenen Version von Grimms Märchen aus einer chaosverseuchten, viktorianischen Welt zu bergen. 

Irene muss sich hier ihrer bislang schwierigsten und gefährlichsten Aufgabe stellen, denn eine Chaos-Welt ist von Unberechenbarkeit, Vampiren, Werwölfen und hinterlistigen Elfen regiert. Mit nur spärlichen Informationen seitens ihrer Vorgesetzten versorgt, beginnt eine Buchjagd wie im Krimi – und Irene ist die leibhaftige Protagonistin dieses „Werks“. 

Bibliothekare als Retter der Welten

Aus der Innenperspektive der Protagonistin Irene verfasst, erhält man beim Lesen nicht nur eine Schilderung der Handlung und der Geschehnisse, sondern auch detaillierte Bilder von Irenes Gedankengängen und ihrer Gefühlswelt. Sie ist keineswegs perfekt – dieser Umstand ist ihr durchaus bewusst. Sie kennt ihre Stärken bestens und weiß, wie schwierige Situationen gehandhabt werden müssen. Auch wenn ihr dies öfters nicht ganz gelingt, reflektiert Irene das Geschehene und versucht zu wachsen und zu lernen. Aber genau diese Mischung macht die spionageaffine Bibliothekarin charmant und glaubwürdig, sodass man ihre Fehler und ihre zum Teil widersprüchliche Entscheidungen gegen die Bibliotheksgesetze nachempfinden kann. 

Aufgrund der Innensicht von Irene wird das Weltenkonzept des Romans auf natürliche Weise und ohne ausschweifende Erläuterungen in die Geschichte eingesponnen. Mit dem Fortschreiten der Story wächst das eigene Wissen um die unsichtbare Bibliothek, Parallelwelten, Magie, Menschen und Zauberwesen verständlich und fast beiläufig. Hierzu trägt auch entscheidend die Interaktion mit den weiteren Charakteren bei, die Irene begleiten, denn zwischen gesprochenem und gedachtem Wort bleibt stets ein Raum der kreativen Freiheit. 

Generell wird Literatur und der Sprache eine große Wertschätzung entgegengebracht, sie sind wichtige Elemente der Welten, auch wenn dieser Umstand leider oft nur zwischen den Zeilen zu lesen ist. Einzelnen literarischen Werken wohnt angeblich sogar die Macht inne, Einfluss auf die Entwicklung und den Werdegang ihrer Welt zu nehmen. Ebenso verhält es sich mit der Bibliothekssprache: Die gesprochenen Worte können – einem Zauberspruch gleich – Einfluss auf Menschen und Gegenstände nehmen. Zusammengenommen erwächst daraus nicht nur eine enorme Verantwortung für Bibliothekare wie Irene, sondern auch eine große Quelle der Macht. Dieser Umstand ist zwar im Buch präsent, doch tritt er oftmals weit hinter der ausladenden Detektivgeschichte zurück. 

Fazit

Auch wenn die Erwartung an die Story generell eine andere war und die sich zuspitzende Handlung zügig von Büchern als Kardinalpunkt Abstand genommen hat, so war es dennoch ein Buch von amüsanter Kurzweil, wenn man sich darauf einlässt. Denn recht schnell wird die Geschichte eine steampunkig angehauchte Sherlock Holmes-Analogie und man vermisst die Fokussierung auf das Medium Buch. Durch das Zusammenbringen unterschiedlicher Fantasy-Elemente wirkt der Roman wie eine Best-of-Compilation des Genres und kann eher als Fantasy-Detektiv-Roman gesehen werden. Obschon der Roman durch Anhäufung verschiedener literarisch bewährter Bausteine konstruiert ist, sticht das Auslassen eines typischen Elements aus dem Ganzen heraus: Die Geschichte kommt ohne eine Liebesbeziehung aus. Zwar wird in einem kurzen Moment eine derartige Richtung angedeutet, jedoch von der Protagonistin rigoros ausgeschlagen … 

Vom Schreibstil her leicht und locker verfasst, stellt Die unsichtbare Bibliothek eine passable Abendlektüre dar, die mit aparten Charakteren durch ein Weltkonstrukt führt, indem Bücher das Maß der Dinge, doch auch gleichzeitig nur Begleitwerk einer spionagehaften Ermittlung sind. Ebenso ist der Roman der Auftakt einer Trilogie, die bereits 2016 mit Die maskierte Stadt und schließlich 2017 mit Die flammende Welt weitere detektivische Unternehmungen der Bibliothekarin Irene in Aussicht stellt. 


Nadine Kaiser
Über den Autor

Nadine Kaiser schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Die unsichtbare Bibliothek
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