Until Dawn

Tödliche Entscheidungen bis zur Morgendämmerung

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Horrorfans kennen diese Situation: Man sitzt gemütlich im Kinosaal, schiebt sich eine Handvoll Popkorn in den Mund und starrt gebannt auf die Leinwand, wo ein maskierter Mörder einen Charakter nach dem anderen erledigt. Und wir ballen unsere Fäuste und denken uns: „Wie kann man nur so blöd sein? Wer sich so dumm anstellt, hat's einfach verdient, den Löffel abzugeben“ – und natürlich wissen wir genau, was wir in der Situation anders gemacht hätten … oder?

Ich möchte ein Spiel spielen …

Jeder Saw-Fan kennt diesen Satz von Jigsaw. Egal in welche Situation der Protagonist da gerade geraten ist, wenn er nicht schleunigst eine drastische und schmerzliche Entscheidung trifft, geht es ihm an den Kragen. Natürlich sitzen wir als Spieler bei Until Dawn auch nur vor dem Bildschirm und futtern unser Popkorn, sofern wir gerade eine Hand frei haben. Aber dieses Mal sind wir selbst verantwortlich für das Schicksal unserer Protagonisten. Nun können wir endlich beweisen, wie clever wir in einem Horrorfilm wirklich wären.

Nach dem mysteriösen Tod der Zwillingsgeschwister Beth und Hannah treffen sich acht Freunde genau ein Jahr später im gleichen Anwesen auf einem verschneiten Berg mitten im Nirgendwo und wollen ein Wochenende lang in alten Zeiten schwelgen. Die Gruppe fühlt sich mitschuldig, da das Verschwinden der Zwillinge unbeabsichtigt durch einen gemeinen Scherz der gesamten Gruppe ins Rollen gebracht wurde. Dies und ein paar andere Spannungen zwischen den Charakteren sorgen schon zu Beginn für eine unangenehme Ausgangssituation. Man kann sich darüber streiten, ob es klug war, ein Ex-Pärchen mitsamt der neuen Partner in dasselbe Haus einzuladen. Gastgeber Josh bleibt nichts anderes übrig, als die Streithähne aufzuteilen und in einer nahegelegenen Hütte unterzubringen. Aber irgendwas stimmt nicht. Wie sich herausstellt, scheinen die Berge für unsere acht Protagonisten wohl kein allzu sicherer Ort zu sein. Ist der Killer von Hannah und Beth etwa zurück? Wir müssen überleben und zwar bis zum Morgengrauen. Der Spieltitel ist also auch gleichzeitig ein Spoiler. Bereits in der ersten Szene werden uns die Stunden bis zur Morgendämmerung angezeigt. Jede Stunde ist dabei ein Kapitel und vor jedem neuen Kapitel gibt es einen Rückblick über die vergangenen Ereignisse.

Heute ein Lüftchen, morgen ein Sturm

In Until Dawn spüren wir, was bittere Konsequenz bedeutet. Manchmal erkennen wir auf den ersten Blick nicht, was eine kleine Ursache für einen großen Effekt haben kann. Ein kleines Symbol am oberen Bildschirmrand signalisiert uns, dass wir einen sogenannten Butterfly Effect ausgelöst haben. Später im Spiel wird eine Szene kommen, in der sich die vorherige Entscheidung bemerkbar macht. Das kann den Tod bedeuten – oder auch die Rettung. Vorhersehbar ist das eher selten.

Until Dawn spielt gekonnt mit unseren Erwartungen und wirft sie dann gnadenlos über den Haufen. In einigen Szenen müssen wir schnell reagieren, die eingeblendeten Tasten sind oft nur sehr kurz sichtbar. In anderen Situationen müssen wir den Controller absolut ruhig halten. Selbst atmen führt dann zum Scheitern, eine zweite Chance gibt es nicht. Stirbt ein Charakter, geht die Geschichte trotzdem weiter. Es ist sogar möglich, dass am Ende niemand überlebt. Wiederholen kann man ein Kapitel erst nach einmaligem Durchspielen. Eine Liste mit den vergangenen Butterfly Effekten zeigt die Kette von Konsequenzen, die ausgelöst wurden.

In einem generischen Teenyslasher wissen wir bereits, dass, wenn überhaupt, wahrscheinlich nur der Hauptcharakter überleben wird. Wir sehen die Nebenrollen mehr als das Spielzeug des Killers. Auch Until Dawn bietet ebenfalls Stereotypen wie aus dem Bilderbuch. Wir haben den typischen Nerd, das alternative Mädchen von Nebenan, den typischen Quarterback und seine aufreizende Cheerleaderfreundin, die zickige Musterschülerin, ihren hörigen neuen Freund und zwei sehr extrovertierte intelligente Hauptpersonen. Doch am Ende tut uns jeder Verlust in der Seele weh. Ja, sogar die von denen wir es nicht erwartet hätten. Wie haben die Entwickler das geschafft?

Der härteste Babysitterjob der Welt

Die Antwort ist ebenso simpel wie einleuchtend: Wir spielen jeden einzelnen unserer Schützlinge für eine bestimmte Zeit selbst und können so ihr Verhalten im gewissen Rahmen beeinflussen. Da das Spiel eine durchschnittliche Spielzeit von neun Stunden hat, freunden wir uns im Geiste mit den sehr glaubhaft inszenierten Charakteren an. Jede einzelne Figur wurde von professionellen Schauspielern (u. a. Hayden Panettiere) aufgezeichnet, die Reaktionen auf Ereignisse wirken bis auf ein paar wenige Ausnahmen sehr lebensecht. Sogar die Quotenzicke Emily (gespielt von Nichole Bloom) verdient irgendwann Mitleid, weil auch sie merkte, dass man etwas erst zu schätzten weiß, wenn es fort ist. Aus den ursprünglichen Abziehbild-Charakteren entwickeln sich reifere Menschen mit Schwächen und Fehlern, aber auch ungeahnten Talenten.

Wenn wir nicht gerade tödliche Entscheidungen treffen, laufen wir von A nach B und untersuchen die Umgebung. Ein Blinken weist uns an der jeweiligen Stelle auf eine kontextsensitive Aktion hin. Neben Schaltern finden wir hier prophetische Totems, die eine von mehreren möglichen Schicksalen vorhersagen. Wirklich brauchbar sind allerdings die zahlreich versteckten Hinweise. Durch das Einsammeln von Indizien schalten wir nicht nur mehr Hintergrundinformationen zu bestimmten Ereignissen und Figuren frei, sondern setzen durch unser zusätzliches Wissen auch neue, möglicherweise sogar lebensrettende Faktoren in Gang.

Und dann ist da noch dieser seltsame Psychiater Dr. Hill (gespielt von Peter Stormare) mit den wirklich sehr kurzen Sitzungen, der uns nach jedem Kapitel psychologische Fragen stellt. Je nachdem, wie wir uns entscheiden, werden in den nächsten Kapiteln Dinge geschehen, die auf unseren Antworten basieren, teilweise subtil, aber dennoch sichtbar. Dies kann für komplett unterschiedliche Spieldurchläufe sorgen. Es lohnt sich also, das Spiel mehrmals durchzuspielen. Insbesondere, weil es sehr unwahrscheinlich ist, dass gleich beim ersten Durchlauf alle acht Charaktere überleben werden. Denn entgegen der Meinung, die ich noch popkornkauend im Kino vertrat, weiß ich nun, dass ich in Extremsituationen manchmal ziemlich dämliche Entscheidungen treffe.

Fazit

Until Dawn schafft es tatsächlich, das Konzept von Spielen wie Quanic Dreams Heavy Rain und Telltales The Walking Dead zu perfektionieren und es um eine detektivische Komponente zu bereichern. Die Angst, den Charakter durch einen Fehler permanent zu verlieren, und die zum Schneiden dichte Atmosphäre machen das Spiel zu einem sehr intensiven Erlebnis. Die Inszenierung selbst ist sowohl grafisch als auch storytechnisch von jedem Zweifel erhaben. Das liegt zum einen natürlich am limitierten Bewegungsfreiraum, aber auch an der guten schauspielerischen Leistung. Until Dawn sollte daher auch nicht als traditionelles Survival-Horror-Spiel gesehen werden, sondern als ein interaktives Filmerlebnis, das es durch seinen Umfang und seine Interaktion endlich schafft, Charaktere zu bemitleidenswerten Menschen zu machen, anstatt sie zum Kanonenfutter des Bösen zu degradieren. Mein Geheimtipp für den Spätsommer und den Spätabend!

Until Dawn
Plattform: Playstation 4
(Supermassive Games, Sony Computer Entertainment)
Webseite: Until Dawn

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