Unlock! - Epic Adventures

Neue Escape-Abenteuer

Kategorie: Brett- und Kartenspiele
Tags: Escape Room Exit Unlock! Asmodee
von Andreas Giesbert (Text)

Live-Escape-Rooms liegen voll im Trend. Ob als nerdige Freizeitbeschäftigung, teambildende Maßnahme oder digital zum Zeitvertreib während eines Lockdowns: Sich in einer Stunde aus einem Raum zu knobeln, erfreut sich großer Beliebtheit. So ein Escape-Erlebnis kann dabei allerdings schnell ins Geld gehen. Kein Wunder, dass es zahlreiche, teils preisgekrönte, Versuche gibt, das Erlebnis zum erschwinglichen Preis an den Brettspieltisch zu holen.

Auch die Escape-Rooms für Zuhause finden viele Fans, sodass die Auswahl mittlerweile ebenfalls umwerfend ist. Begonnen beim preisgekrönten EXIT über Escape the Room und das gemütliche Entkommen! bis hin zu den brutalen 50 Clues ist für alle Geschmäcker etwas dabei. Eine Reihe, die sich früh durch starkes Artwork und den Einsatz eines Smartphones abgehoben hat, ist Unlock! vom französischen Verlag SPACE Cowboys, das auf Deutsch bei Asmodee verlegt wird. Mit den Epic Adventures liegt nun die 7. Box der Reihe vor, womit es Unlock! auf beachtliche 21 Escape-Rooms schafft. Etwaige Promo- und Tutorialräume nicht mitgezählt.

Karten und Smartphone als Fluchthilfen

Unlock! setzt wie viele andere Escape-Spiele für Zuhause zuallererst auf Karten. Ein Raum oder Szenario besteht aus einem Stapel Karten, die auf der Rückseite Nummern oder Buchstaben aufweisen. Letzteres ist schon das erste Prinzip des Spiels. Statt zufällig Karten zu ziehen, werden wir angewiesen, eine spezifische Karte aus dem Stapel zu suchen und anzusehen. Angefangen mit einer Eingangskarte, die meist weitere (oft etwas versteckte) Zahlen enthält, die uns dann über die jeweiligen Karten Detailansichten oder neue Orte freigeben, rätseln wir uns so in etwa einer Stunde zum Ausgang bzw. Ende eines Szenarios.

Die aufgedruckten Zahlen haben dabei einen weiteren Effekt, der Unlock! einzigartig macht. Viele der Karten weisen ein rotes oder blaues Puzzleteil mit der jeweiligen Kartennummer auf. Solche Karten lassen sich verbinden, indem wir die beiden Zahlen addieren und schauen, ob sich die so gewonnene Zahl im Stapel findet. Kurzes Beispiel aus dem Tutorial gefällig? Stecken wir den Schlüssel – ein blaues Puzzleteil mit der 11 – in die mit dem roten Puzzleteil Nr. 35 markierte Truhe, dürfen wir den Inhalt auf Karte 46 ansehen. Hätten wir den Schlüssel mit dem rot markierten Fernseher (Nr. 42) verbunden, würden wir die 53 vergeblich suchen oder sogar eine Strafkarte ziehen müssen. So können wir ganz analog und ohne großen Aufwand wie in einem Point-and-Click-Abenteuer Objekte miteinander kombinieren und mit der Spielwelt interagieren.

Unlock! arbeitet viel mit solchen Kombinationen oder kleinen Rätseln, die Zahlen oder Buchstaben ergeben, die auf weitere Karten verweisen. Das ist aber nur die eine, nämlich die analoge Seite des Spiels. Auf der anderen zeichnet sich die Reihe durch eine intensive Nutzung der hauseigenen App aus. Die funktioniert nicht nur als Timer, zur musikalischen Untermalung und zum Anzeigen von Tipps, sondern auch um längere Zahlencodes einzugeben oder sogar kleine Minispiele umzusetzen. Im Gegensatz zu anderen Escape-Spielen ist die App bei Unlock! also obligatorisch. Dafür ist sie professionell umgesetzt und nutzt das Smartphone auf vielfältige Weise. Unlock!-Abenteuer zeichnen sich durch Überraschungseffekte und ungewohnte Verwendung von Karten, App und anderen Spielmaterialien aus. Ob uns auch noch die verflixte siebte Erweiterung überraschen kann?

Epische Abenteuer

Wie die Vorgängererweiterungen enthält auch Epic Adventures drei vollständige Szenarios und ein Tutorial. Ein Grundspiel wird nicht benötigt und die App ist kostenfrei für Android und iOS erhältlich. Die drei eigenständigen Abenteuer der Epic Adventures sind jeweils an Filmgenres angelehnt, jedoch nicht allzu episch konzipiert. Wer bei "episch" an Fantasy und Pathos denkt, ist hier auf der falschen Fährte. Filmreife Abenteuer wäre vielleicht der treffendere Titel gewesen ...

Die als leichtestes Abenteuer ausgewiesene siebte Vorstellung ist eine Hommage an alte schwarz-weiß Horrorfilme. Stilecht mit einem beigelegten Filmplakat versehen, werden wir in die Untiefen eines Retro-Kinofilms gezogen. Das wird durch eine ungewöhnliche schwarz-weiß Optik umgesetzt, die sich auch in einer passenden Regel niederschlägt, die den Farbverlust zu mehr als bloßem Ambiente macht. Neben dieser interessanten Regel wird auch das großformatige Filmplakat eingesetzt und kommt am Ende sogar ein bewegtes Gimmick zum Einsatz. Leider konnte mich die Vorstellung nur bedingt überzeugen. Wir standen mehrmals durch unklare Anweisungen (oder mangelnde Konzentration?) vor störenden Sackgassen. Auch die beiden Gimmicks bzw. Effekte konnten die Vorstellung nur bedingt retten. Das Filmplakat wird für ein recht generisches Rätsel genutzt und das abschließende Gimmick ist nicht nur sehr zeitaufwändig, sondern hat bei uns nur mit viel Mühe die Lösung preisgegeben.Der große Aha-Effekt blieb dabei ganz auf der Strecke.

Während wir bei der Siebten Vorstellung einen kleinen Film durchspielen, versuchen die Sieben Prüfungen des Drachen gar nicht erst, eine Handlung zu erzählen. Mit einigen chinesischen Klischees gefüllt, müssen wir Meister Li durch das Lösen von sieben Aufgaben von unserer Eignung als Schüler für den Tempel des Goldenen Drachen überzeugen. So werden wir vor kaum miteinander verbundene Aufgaben gestellt, die uns am Ende vor eine große Entscheidung stellen. Während mich das Thema und die kaum vorhandene Handlung wenig begeistern konnten, fallen die Rätsel erfrischend anders aus. Dadurch, dass ein altes chinesisches Legeprinzip eingesetzt wird, kommt die Stunde Spielzeit fast ganz ohne Zahlenrätsel aus und fordert unsere Hirnwindungen auf eine etwas andere Art und Weise heraus.

Als schwierigstes Abenteuer wird schließlich Mission #07 eingestuft. In Anlehnung an actionreiche Agentenfilme müssen wir einen Maulwurf in unserer Organisation enttarnen und im großen Finale schlimmstes verhindern. Die Mission hat gleich mehrere innovative Ideen. Anders als in den bisherigen Abenteuern werden unsere Agent*innen selber als Karten dargestellt, die mit der bekannten Puzzlemechanik mit anderen Karten interagieren können. Zudem dürfen wir in einem größeren Rätsel detektivische Deduktionsarbeit einsetzen und am Ende ein ungewöhnliches Abschlussrätsel absolvieren, das uns gebannt um das Spiel versammelt hat. Meine persönliche Lieblingsmission der Erweiterung. Insbesondere die Möglichkeit, einen Charakter zu spielen, hat es mir angetan.


Die verflixte siebte Erweiterung?

Das Unlock!-Prinzip konnte mich schon seit der ersten Box überzeugen. Wer bereit ist, auch sein Smartphone einzusetzen, bekommt mit der Reihe die wohl schönsten und komfortabelsten Escape-Spiele für zu Hause. Es ist beeindruckend, dass den Autor*innen auch bei mittlerweile 21 Escape-Rooms nicht die Ideen ausgehen und wir immer noch mit neuen Mechaniken und Gimmicks überrascht werden. Alle drei Abenteuer halten auch diesmal ein hohes Niveau, stechen aber auch nicht aus den bekannten Abenteuern hervor. Dafür sind die Themen und Rätsel ein bisschen zu generisch. Hier haben manche Vorgängerboxen stärkere und ungewöhnlichere Themen zu bieten gehabt. Auch die Tendenz, verstärkt auf Gimmicks zu setzen, also auf eine unkonventionelle Nutzung des Spielmaterials, kann mich nur bedingt überzeugen, da Aufwand und Ergebnis nicht immer in guter Relation stehen. So bieten auch die Epic Adventures genau das, was man von der Reihe gewohnt ist: Gute, kurzweilige Escape-Rooms mit Überraschungseffekten und kreativen Rätseln. Allerdings liefern die drei Filme eben auch nicht mehr als das und sind somit weit davon entfernt, wirklich episch zu sein.

PS. Wer es phantastischer mag, kann übrigens einen Blick auf die Star-Wars-Erweiterung werfen!

Positiv:
  • Schönes Artwork
  • Gelungene App-Integration
  • Kluge Regelmechanismen
  • Abwechslungsreiche Abenteuer
Negativ:
  • Generische Themen
  • Gimmicks teilweise etwas oberflächlich integriert
Andreas Giesbert
Über den Autor (Text)

Andreas Giesbert schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Unlock! - Epic Adventures
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
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