2 /5

Die Unheimlichen: Frankenstein

Wenig überzeugende Comic-Adaption des ikonischen Romans

Kategorie: Literatur
Tags: Mary Shelley Ralf König Isabel Kreitz Frankenstein Gothic Science-Fiction Schauerliteratur Grusel Horror Die Unheimlichen Carlsen Carlsen Comics
von Rahel Schmitz (Text)

Als Mary Shelley 1818 im Alter von lediglich zwanzig Jahren Frankenstein oder Der moderne Prometheus veröffentlichte, revolutionierte sie nicht nur die damalige Schauerliteratur, aus der sich unser heutiges Horrorgenre maßgeblich ableitet, sondern erfand auch die Science-Fiction, wie wir sie heute kennen. Der deutsche Comic-Zeichner Ralf König, unter anderem bekannt für Der bewegte Mann und Kondom des Grauens, hat sich an Shelleys ikonischem Roman versucht und eine Neuinterpretation gezeichnet. Dabei wird er jedoch leider weder der Vorlage gerecht, noch schafft er es, eine innovative, eigensinnige Perspektive auf das Material zu eröffnen.

Shelleys Frankenstein erzählt die Geschichte des jungen, ambitionierten Viktor Frankenstein, der im Geheimen aus Leichenteilen einen künstlichen Menschen erschafft. Als seine Aufgabe schließlich glückt, ist er jedoch von seiner Kreatur angeekelt und lässt sie einsam im Labor zurück. Verstört von den neuen Eindrücken, unerfahren wie ein junges Kind und verletzt von der Abneigung, die sie von den Menschen erfährt, sinnt Frankensteins Kreatur schon bald auf Rache gegen ihren Schöpfer.

Der Roman ist äußerst komplex erzählt: Gleich einer Matroschka sind bis zu vier Erzählebenen ineinander verschachtelt. So ergibt sich aus verschiedenen Perspektiven das Gesamtbild des Konflikts zwischen Frankenstein und seiner Kreatur. Beide machen Jagd aufeinander und versuchen, dem anderen möglichst grausam physisch und emotional zu verletzen; keiner hat je wirklich die Oberhand. Es sind insbesondere Themen wie das prometheische, wissenschaftliche Streben nach der gottgleichen Macht, Leben zu erschaffen, sowie die Bedeutung von Monstrosität, Identität und Einsamkeit, die dem Roman seinen Ruf und seine fortwährende Beliebtheit eingebracht haben.

In seinem Comic Frankenstein, erschienen in Carlsen Comics’ Die Unheimlichen-Reihe, erzählt Ralf König die Geschichte eines Wissenschaftlers, der ähnlich wie Frankenstein versucht, tote Materie wieder zum Leben zu erwecken. Er tut dies jedoch nicht nur aus reinem Ehrgeiz, sondern auch aus Einsamkeit: Er sucht einen Partner. Königs Frankenstein zeigt, wie der junge Wissenschaftler entrüstet einen Brief an Mary Shelley schreibt und sie für all die Dinge rügt, die sie in ihrem Roman seiner Ansicht nach falsch dargestellt hat. Dabei werden auch die Einzelheiten seiner eigenen fehlgeschlagenen Bestrebungen enthüllt.

Visuell ansprechend, inhaltlich mau

Die teils humoristischen Zeichnungen Königs sind detailliert und doch nie überladen. Er folgt seinem individuellen Stil, der Fans bereits aus anderen Werken bekannt sein dürfte. Wie in den anderen Comics der Unheimlichen-Reihe kommt lediglich eine einzelne Schmuckfarbe zum Einsatz. Im Falle von Frankenstein ist dies Grün. Diese Farbgebung funktioniert zugleich als eine subtile, augenzwinkernde Anspielung auf die popkulturelle Darstellung Frankensteins Monsters als grüngesichtiger Quadratschädel und als Erinnerung an den Zerfall und die Verwesung der biologischen Masse. Aus ästhetischer Sicht ist der Comic also zwar eigensinnig, aber doch stimmig und überzeugend.

Inhaltlich sieht das Ganze leider anders aus. Dass König für eine Neuinterpretation von Shelleys Roman auf lediglich 64 Seiten, wie es das Konzept der Unheimlichen-Reihe nun einmal vorsieht, keine Adaption liefern konnte, sondern eine eigene Geschichte entwickeln musste, ist selbstredend und eigentlich eine spannende Aussicht. Leider folgt König in seinem Unterfangen jedoch ausgetretenen Wegen und bringt wenig Innovatives an den Tisch. Die Idee des Charakters, der in seinem Brief Shelley für Fehler rügt und dabei seine eigene Einsamkeit sowie seine wissenschaftlichen Ambitionen darlegt, ist in ihrer Umsetzung bestenfalls lauwarm. Weder bleibt viel von den Stärken übrig, die der ursprüngliche Roman besitzt, noch entwickelt König auf überzeugende Weise eigene Themen und Motive. So kann der Comic Frankenstein leider weder als Adaption noch als eigenständige Geschichte punkten.


2 /5

Fazit

Mit Frankenstein versucht sich die Carlsen-Comics-Reihe Die Unheimlichen, in der klassische und moderne Beispiele der Schauerliteratur durch deutschsprachige Comic-Zeichner*innen und Illustrator*innen neuinterpretiert werden, an einem recht umfangreichen, dazu noch ikonischen Roman. Das Experiment ist leider nicht geglückt. Königs Interpretation von Shelleys Vorlage ist zwar visuell ansprechend, kann inhaltlich jedoch nicht überzeugen. Wer eine gute Frankenstein-Adaption sucht, wird hier nicht fündig; ebenso enttäuscht werden diejenigen, die sich eine eigenständige Geschichte in Antwort auf Shelleys Roman erhoffen. Es werden weder die bekannten Themen zufriedenstellend aufgegriffen noch eigene Motive auf packende Weise entworfen.

Positiv:
  • ästhetisch spannend umgesetzt
Negativ:
  • kann weder als Adaption noch als Neuinterpretation überzeugen
  • wenig Innovatives
  • wird dem Roman Frankenstein schlicht nicht gerecht
Rahel Schmitz
Über den Autor (Text)

Ob Literatur, Film/TV, Games oder Rollenspiel - Rahel Schmitz begeistert sich für alles rund um Horror, Science Fiction und Fantasy.

Artikel: Die Unheimlichen: Frankenstein
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
Dieser Artikel ist erschienen bei:

Kommentare

Artikel mit gleichen Tags

5 /5

Die Unheimlichen: Die Affenpfote - Schaurige Comic-Adaption eines Horrorklassikers
Literatur
Tags: William Wymark Jacobs W. W. Jacobs Sabine Wilharm Isabel Kreitz Die Affenpfote Gothic Schauerliteratur Grusel Horror Die Unheimlichen Carlsen Carlsen Comics

„Die Affenpfote“ ist eine atmosphärische Comic-Adaption der gleichnamigen Schauergeschichte von W. W. Jacobs durch die deutsche Illustratorin Sabine Wilharm.

Penny Dreadful – Staffel 1 - Meisterhaftes Horrormärchen
Filme
Tags: London Dracula Frankenstein Dorian Grey Serie Reeve Carney Timothy Dalton Eva Green Billie Piper Josh Hartnett Harry Treadaway

London um 1891: Ein Schauermärchen mit Dracula, Frankenstein und Dorian Gray.

Halloween auf Burg Frankenstein - Die Mutter aller Schlachten
LARP
Tags: Halloween Burg Frankenstein Horror

An drei aufeinander folgenden Wochenenden im Oktober/November wird Burg Frankenstein zu einem schaurigen Ort: Alle Monster sind pünktlich zu Halloween zu einem großen Schlachtfest eingeladen – schließlich kommen viele tausend Besucher auf die Burg.

Schreibe nur über Orte, die du auch kennst! -  Mario H. Steinmetz im Genretalk über amerikanischen Horror
Literatur
Tags: Interview Mario H. Steinmetz Genretalk Horror American Gothic Southern Gothic

Horrorautor Mario H. Steinmetz stellt die American Gothic im Genretalk vor und erklärt, was für ihn den originären Horror der Literatur dieses Landes ausmacht.

Das neunte Haus: Roman - Verbindungen, Magie und düstere Vergangenheiten
Literatur
Tags: Verbindungen Yale Magie Leigh Bardugo Knaur Krimi Urban Fantasy Gothic Noir

Die Verbindungshäuser der Yale-Universität wurden erbaut, um die verschiedenen Disziplinen der Magie zu unterstützen. Ein jedes Haus hat seinen eigenen Nexus, einen Strom aus Magie. Und Geheimnisse. DUNKLE Geheimnisse.

Der Todesengel - Grusel mit Sprachkunst und besonderem Flair
Literatur
Tags: Ina Elbracht Grusel Thriller Horror Köln

Die Mystery-Geschichte überzeugt durch einen lebendigen und äußerst aufmerksamen Erzählstil sowie ein fokussiertes zentrales Geheimnis.

5 /5

Halloween-Kochbuch: Schaurig-schöne Gruselrezepte - Zuckersüße Gruselschocker und deftige Horrornaschereien
Rezepte
Tags: Zauberfeder Verlag Halloween Kochbuch Vincent Amiel Horror Gruselspaß

Das "Halloween-Kochbuch" von Zauberfeder bietet jede Menge Möglichkeiten, ein gruseliges und zugleich kinderleichtes Buffet auf die Beine zu stellen.

3.5 /5

NECROSTEAM: Eine Cthulhupunk-Anthologie - Das deutsche Lovecraft-Steampunk Crossover
Literatur
Tags: H. P. Lovecraft Detlef Klewer Cthulhu Steampunk Horror Kurzgeschichte Anthologie pmachinery Science Fiction Club Deutschland SciFi AndroSF

Die Kurzgeschichtensammlung "NECROSTEAM" verheiratet Lovecraftschen Horror mit Steampunk-Abenteuern. Das Ergebnis ist wenig innovativ, aber absolut unterhaltsam.

3.5 /5

H.P. Lovecrafts Der leuchtende Trapezoeder - Ein Horror-Manga für Lovecraft-Fans
Literatur
Tags: Gou Tanabe H. P. Lovecraft Cthulhu Carlsen Carlsen Manga Horror Science-Fiction Manga Comic

In „H. P. Lovecrafts Der leuchtende Trapezoeder“ widmet sich Mangaka Gou Tanabe gleich zwei ikonischen Lovecraft-Erzählungen.

Weitere Artikel

Sweet Tooth - Dystopischer Fantasy-Epos auf Netflix

Die Gegenwart – eine seltsame Seuche sucht die Welt heim und tötet alles und jeden. Kaum hat sie ihren Höhepunkt erreicht, werden Kinder geboren. Seltsame Kinder. Hybridkinder.

3 /5

Werewolf: The Apocalypse Earthblood - Krallen raus für die Umwelt
Games

Cyanide veröffentlicht mit "Werewolf: The Apocalypse Earthblood" den ersten Videospielableger der Ökowölfe aus dem "World-of-Darkness"-Universum. Ob das Spiel genauso viel Spaß macht wie die Pen&Paper-Vorlage, erfahrt ihr im Test.

Das Licht im Dunkeln - Und andere kleine Texte
Literatur

Dieser kleine Lyrik-Band von Holger Much beheimatet eine Vielzahl wundersamer Geschichten, die für eine Fülle an Eindrücken und Erlebnissen sorgen können. Unterstützt wird die Szenerie zudem von passend und düster geprägten Illustrationen aus der Feder des Autors.