Tyranny

Motivationstrainer des Bösen

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Die Geschmähten, eine Armee von hochausgebildeten Kriegern, die jedoch mit jeder Schlacht immer kleiner wird, und der Scharlachrote Chor, ein wilder Haufen von versklavten Kriegern, die ihr Leben für den Treueeid an Kyros behalten durften, aber nun durch ihre Zahl bedrohlich sind, müssen sich auf eine Strategie einigen. Doch auch nach etlichen Tagen besteht die einzige Leistung der beiden Heere darin, sich wüste Beleidigungen an den Kopf zu werfen.

Kyros wird ungeduldig und so schickt er einen Schicksalsbinder los, um ein Edikt zu verkünden. Sollte das Gebiet nicht innerhalb des Zeitfensters erobert werden, so würde ein Gottesurteil alle sich im Tal befindlichen Lebewesen töten. Dieser Schicksalsbinder sind wir. Versagen die Armeen, fallen auch wir. Damit niemand flieht, wurde das Tal durch einen Erdrutsch isoliert. So wird das kleine Organisationsproblem der befehlshabenden Archonten auch zu unserem eigenen.

Einen beeindruckenden Lebenslauf haben Sie da

Unser Schicksalsbinder ist aber kein unbeschriebendes Blatt. Noch bevor wir unsere eigentliche Geschichte aktiv beginnen können, erhalten wir die Gelegenheit, unserem Charakter eine epische Vorgeschichte zu konstruieren. Diese beschreibt die Vorkomnisse der letzten Jahre. Welche Rolle haben wir gespielt? Welche Strategien haben wir verfolgt? Welche der Armeen Kyros' haben wir unterstützt oder verärgert? Waren wir ein ehrenhafter Schicksalsbinder oder ein blutrünstiger Krieger?

All diese Angaben bestimmen nicht nur unsere Spezialfähigkeiten, sondern auch die Dialogoptionen und die Loyalität der Fraktionen und Teammitglieder.
Überspringen wir diesen Teil, wird uns eine vorkonstruierte Hintergrundgeschichte zusammengestellt.

Entscheidungen über Leben und Tod

Sobald wir starten, stellen wir fest, was einen Großteil des Spiels ausmacht. Anstatt uns in zahlreiche Kämpfe zu verwickeln, verbringen wir sehr viel Zeit in Dialogfenstern und entscheiden als Schicksalsbinder über zahlreiche Leben. Töten wir die Besiegten oder lassen wir sie vom Scharlachroten Chor indoktrinieren und gegen ihre einstigen Verbündeten kämpfen? In vielen Fällen verlieren oder gewinnen wir bereits Sympathiepunkte, wenn wir entweder ehrenhaft oder spöttisch antworten, obwohl die Antwort inhaltlich dieselbe ist. Es ist nahezu unmöglich, es jedem Recht zu machen.

Das Spiel endet nicht, wenn man eine Fraktion verärgert hat. Die Geschichte schlägt lediglich einen von vielen spannenden Pfaden ein und weckt die Neugier auf einen erneuten Durchlauf mit anderen Antworten, in dem wir völlig unterschiedliche Quests und Verbündete auf unsere Seite bringen können. Damit wir in den Dialogen nicht völlig überfordert sind, werden Namen von Fraktionen sowie historische Ereignisse orange und grün hervorgehoben und zeigen einen
Erklärungstext, wenn wir die Maus darüber bewegen. Das ist besonders zu Beginn hilfreich, da die Geschichte uns regelrecht mit der Lore von Tyranny überschwemmt.

Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Auch wenn wir mehr Verbündete besitzen, so steuern wir maximal vier Personen. In den zahlreichen Dialogen spielt auch die Loyalität dieser Gefährten eine große
Rolle, denn so manche Entscheidung kann den eigenen Mitstreitern gehörig gegen den Strich gehen. Sind wir mit ihnen hingegen oft einer Meinung, erhalten wir neue Einblicke in ihr Leben und vielleicht sogar die eine oder andere Quest. Vor allem aber wirkt sich dies auf den Kampf aus.

Kommt es zum Gefecht, können wir die Zeit anhalten und unsere Recken kommandieren. Die einzelnen Angriffe brauchen eine Weile, bis sie wieder verfügbar sind. Auch wenn wir in der Zwischenzeit einen Standartangriff nutzen, wirken die Kämpfe etwas träge, da zwischen den Angriffen oftmals bis zu zehn Sekunden nichts geschieht. Neben unserer eigenen Kampfpalette erhalten wir manchmal die Chance auf Partnerkombos. So wirft beispielsweise unser stärkster Krieger die Bogenschützin in die Luft und von dort aus lässt sie einen tötlichen Pfeilhagel auf die Gegner niederprasseln.

Falls wir aber nur unsere eigene Figur befehligen wollen, können wir der KI den Rest meist problemlos überlassen. Die Mitstreiter kämpfen fleißig mit und nutzen auch ihre persönlichen Spezialattacken. Ist jedoch die Umgebung zu eng, kann es passieren, dass ein Nahkämpfer nicht in die Reichweite des Gegners kommt und passiv bleibt. Die Kämpfe spielen sich bisweilen sehr chaotisch, wenn sich viele Feinde auf dem Bildschirm aufhalten. Dann wird die Leertaste zum unverzichtbaren Lebensretter. In der Regel sind die Gegnergruppen jedoch überschaubar.

Ein Krieg der Worte

Wir selbst können uns von Anfang an auf zwei verschiedene Kampfstile spezialisieren und selbst entscheiden, ob wir unsere Punkte vorerst in kommunikative oder
offensive Fähigkeiten investieren. Selbst unsere gesellschaftliche Herkunft hat Auswirkungen auf die Reaktion der Figuren. Wenn wir unsere Zeit bis zum Ablauf des Ultimatums nicht sinnlos verstreichen lassen, schaffen wir es tatsächlich, zu überleben.

Doch das Abenteuer hat trotzdem gerade erst begonnen und es warten noch viele teils schwere Entscheidungen auf uns. Mit der Zeit erobern wir immer wieder Türme, die als Basis für unsere Truppe gelten. Hier können wir Händler aufsuchen, unsere Partymitglieder austauschen und Forschung betreiben.

Tyranny setzt mit seiner isometrischen Optik auf den klassischen Look der Rollenspiele aus den 90er Jahren, den es bereits in Pillars of Eternity nutzte. Mit einem stufenlosen Zoom hat man die Karte meist gut im Blick. Die stilisierten Figuren verzichten durch ihre Entfernung auf all zu viele Details. Vieles in Tyranny setzt aber ohnehin auf Kopfkino.

Zeitweise lesen wir für mehrere Minuten, während alle beteiligten Charaktere lediglich herumstehen. Müssen wir in dieser Zeit eine aktive Entscheidung treffen, etwa eine Geisel retten, können wir unsere Kampftalente als Antwortoption einsetzen oder Diplomatie wirken lassen. Entscheiden wir uns so zum Beispiel für ein Rettungsmanöver, beschreibt uns der Text, was geschieht. Auf dem Bildschirm passiert jedoch vorerst nichts. Die Spannung leidet darunter nicht, da wir uns ohnehin ständig im Lesemodus befinden.

Fazit

Die Dialogsequenzen der Hauptkampagne sind gut vertont und hauchen den Figuren Leben ein. Doch ist beim Durchspielen Geduld gefragt. Tyranny ist dabei einem klassischen Pen&Paper-Rollenspiel sehr ähnlich.

Es gibt weder eine gute noch eine schlechte Seite, zumal man ohnehin im Auftrag des Bösen handelt. Man bewegt sich in einer Grauzone zwischen Intrigen und Verrat und kann es niemals allen recht machen. Dabei sind viele Antwortoptionen nicht wirklich böse, sondern eher sarkastisch oder einfach neutral. Dann bleibt die Aussage zwar dieselbe, doch der Ton macht die Musik. Manche Entscheidungen wirken sich unmittelbar aus, doch viele Folgen zeigen sich erst etliche Stunden später.

Im Vergleich zu Obsidians Werk Pillars of Eternity wirkt Tyranny noch runder. Die Areale sind kleiner, aber auch abwechslungsreicher. NPCs haben nützliche Informationen und Quests für uns. Tyranny zählt daher zu einem der besten PC-Exklusivtitel des Jahres 2016.

Tyranny
(Obsidian/ParadoxInteractive, 2016)
Plattformen: PC
Webseite: Tyranny

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