Trance

Als die Menschen vergaßen zu leben

Kategorie: Literatur
Tags: Tagträumer Verlag Dystopie Veronika Serwotka Laura Schmolke Roman
von Nadine Kaiser

„Elysium“ gibt Menschen das ewige Leben, doch raubt es ihnen das Menschsein. Unter der Erde ist Routine Leitfaden der Menschen, die mit der Zeit sogar die persönlichen Erinnerungen verlieren. Doch ein Buch lässt Kimberly aus der Trance erwachen.

Sie existiert um zu arbeiten. Ihre Tagesroutine war schon immer so. Sie fertigt Hosen in einer Fabrik. Mit anderen Menschen hat sie schon so lange nicht mehr gesprochen. Wie lange genau, das weiß sie nicht. Aber das ist auch egal. Die Elysium-Einnahme nicht vergessen, das ist die Hauptsache. Sie möchte nicht altern oder einer Krankheit erliegen. Der eigene Name? Sie erinnert sich nicht. Aber auch das ist eigentlich vollkommen egal. 

Sie verlässt die Grenzen der unterirdisch liegenden Stadt. Die Oberwelt ist ein gefährlicher Ort. Dort leben Monster. Niemand besucht sie. Das war schon immer so. Also geht sie zum Fluss und starrt in die Ferne, wie sie es immer tut. Doch dieses Mal ist etwas anders: Dort liegt eine Leiche im Fluss! Sie ist überfordert. Dieser Mann ist tot – und auch noch alt! Niemand ist alt und niemand stirbt!  

Schließlich überwiegt die Neugier über die Routine und sie tritt näher. Dieser Mann hat ein Buch bei sich, ein Tagebuch. Von einer Person namens Joy, die Rosengärten liebt. Sie selbst kennt Rosengärten nicht. Sie weiß nicht, was Gärten oder gar Rosen sind. Dieses Buch macht etwas mit ihr, tief innendrin. Sie erinnert sich an ihren Namen. Kimberly. Kimberly!  

Und so beginnt Kimberlys Suche – nach Fragen, nach Antworten, nach der Person, die dieses Tagebuch schrieb und vor allem nach sich selbst.

Cogito ergo sum – Ich denke, also bin ich? 

Dass leben und lebendig sein keinesfalls das Gleiche ist, muss Kimberly nach ihrem Erwachen schmerzlich feststellen. Sie lebte, doch befand sich mehr in Trance, als dass sie wirklich lebendig war. Sie war durch das Medikament Elysium so abgestumpft und gleichgültig gemacht worden, dass sie bloß dachte zu leben. Was bedeutet auch Zeit, wenn sie unendlich verfügbar ist? Sie wird trivial, das Leben wird trivial, das Selbst wird trivial. Dinge, die sind, wie sie sind, werden als gegeben hingenommen. Niemand hinterfragt, niemand denkt.  

Doch diesen Punkt hat Kimberly überwunden, als ihr Joys Tagebuch in die Hände fällt und die dort beschriebenen Eindrücke aus dem Leben einer fremden Person sie final aus ihrer Trance entreißen. Jetzt, seitdem sie erwacht ist, fühlt Kimberly sich plötzlich allein in dieser betäubten Welt voller in Trance versetzter Menschen. Nur bruchstückhaft kehren entfernte Erinnerungsfetzen an ihr eigenes Leben zurück und sie begreift, dass sie einst ein eigenständig denkendes und handelndes Individuum gewesen war.  

Gerade der Prozess der Erkenntnis, der sich an fremden Erlebnissen entlanghangelt, erzeugt Spannung und schürt Neugierde darauf, wer Kimberly ist und was mit der Welt und der Menschheit geschehen ist. Im Zentrum all dessen steht Elysium – eine bedeutungsschwangere Namenswahl für das Medikament der ewigen Jugend: Bezeichnet Elysium einerseits einen Zustand vollkommenen Glücks, ist es andererseits auch der Name der Insel der Seligen in der Unterwelt.

Fazit 

Veronika Serwotkas und Laura Schmolkes Buch Trance: Als die Menschen vergaßen zu leben ist ein Roman, in dem man sich schnell verlieren kann. Die zunächst namenlose Protagonistin, die in das Szenario führt, wächst dem Leser schnell ans Herz und auch die dystopisch gezeichnete Welt weiß zu begeistern. Begeistern meint hier freilich weniger das Hochlebenlassen von verlorenen Identitäten und dem Hausen in den Untiefen der Erde, sondern viel mehr die dahinterliegende Metaebene der ausformulierten Ideen, die gar gesellschaftskritisch im Mantel der Sci-Fantasy daherkommen, ohne die Story zu beschweren.  

Das Erwachen aus der Trance als zentralen Angelpunkt zu nehmen, bietet der Storyline viele Möglichkeiten sich zu entwickeln, die die Autorinnen auch auszunutzen wissen. Die vielen feinen Facetten bereichern dabei sehr liebevoll das große Ganze.  


Weitere Informationen:
Nadine Kaiser
Über den Autor

Nadine Kaiser schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Trance
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
Dieser Artikel ist erschienen bei:

Kommentare

Artikel mit gleichen Tags

VOX – Ohne Worte - Christina Dalchers Dystopie macht wütend – aber nicht so, wie sie sollte
Literatur
Tags: Christina Dalcher Dystopie Roman Amerika Verlag S. Fischer

Im Amerika der Zukunft werden Frauen ihrer größten Waffe beraubt: ihrer Stimme. Christina Dalchers Debüt „Vox“ wird als große, feministische Dystopie gehandelt, doch lässt sie ihre Leser*innen wirklich so sprachlos zurück, wie der Titel verheißt?

Vindex - Ödlandkrieger wider Willen
Literatur
Tags: Chaospony Verlag J.S. Hartmann Dystopie Roman

Vindex kämpft allein gegen den Speaker, den selbsternannten Herrscher des Ödlands, der sein Land mit eiserner Faust unter Kontrolle hält. Doch Vindex hat nichts mehr zu verlieren, denn der Speaker hat ihm bereits alles genommen.

Cyberempathy - Vernetztes Mitfühlen
Literatur
Tags: Science Fiction E.F. v. Hainwald Gedankenreich Verlag Dystopie Roman

Der Erinnerungskonstrukteur Leon lebt in Skyscrape, wo alle Menschen über das Cybernet empathisch miteinander verbunden sind – Frieden herrscht in der Welt. Als Leon an einen bedeutsamen Auftrag gerät, wandelt sich sein Leben jedoch zum Alptraum.

Die Reise: Roman - Klongenerationen auf Weltallmission
Literatur
Tags: Marina Lostetter Roman Sci-Fi Heyne Weltraum

Im Jahr 2088 beginnt die Reise ins Weltall, zu einem mysteriösen Objekt, das mehrere hundert Jahre entfernt liegt. Die Crew ist allerdings keine gewöhnliche – sie besteht aus Klonen, deren Eigenschaften auf den Erfolg der Mission ausgerichtet sind.

5 /5

Die Erde stirbt – zum letzten Mal - „Zerrissene Erde“ von N.K. Jemisin setzte neue Maßstäbe in der Phantastik
Literatur
Tags: N. K. Jemisin Fantasy Roman Endzeit Drömer-Knaur Hugo Award

Für „Zerrissene Erde“, den Auftakt zu einer Endzeit-Fantasy-Trilogie, gewann Nora K. Jemisin als erste Afroamerikanerin den Hugo Award für den Besten Roman. Absolut zu Recht, findet Elea Brandt.

Bernsteinstaub - Zeit darf nicht gestohlen werden
Literatur
Tags: Mechthild Gläser Loewe Loewe Verlag Jugendroman Jugendbuch Zeit

Die Berlinerin Ophelia kommt oft zu spät. Doch das liegt nicht an der BVG, sondern an ihrer Gabe: Sie ist eine Zeitlose und kann Zeit sehen und beeinflussen, aber diese spielt plötzlich verrückt und Ophelia muss zum Bernsteinpalast der Zeitlosen.

Weitere Artikel

3.5 /5

Outward - The Deadly Breath of the Wild
Games

Ein Held wird nicht als Held geboren. Also starten wir im Survival-Rollenspiel Outward auch nur als sterblicher Mensch. So sterblich, dass selbst ein kurzer Ausflug vor die Stadtmauer zum Abenteuer wird.

2.5 /5

CCXP Cologne 2019 - Coole Con ohne Besucher
Veranstaltungen

Das Debüt der CCXP Cologne war offiziell ein Erfolg. Die Realität sieht leider anders aus …

Die Reise: Roman - Klongenerationen auf Weltallmission
Literatur

Im Jahr 2088 beginnt die Reise ins Weltall, zu einem mysteriösen Objekt, das mehrere hundert Jahre entfernt liegt. Die Crew ist allerdings keine gewöhnliche – sie besteht aus Klonen, deren Eigenschaften auf den Erfolg der Mission ausgerichtet sind.