Torment: Tides of Numenera

Des Gottes alte Kleider

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Vor etwas über 17 Jahren wirbelte Black Isle Studios das Rollenspielgenre gehörig durcheinander. Anstatt mit Menschen, Elfen und Zauberern gegen das übliche Böse in die Schlacht zu ziehen, wurde man in Planescape Torment mit einer tiefgründiger Geschichte, dialoglastigem Gameplay und einem skurrilen, aber dennoch erfrischenden Szenario überrascht. Trotz anfänglich mäßiger Verkaufszahlen wurde das Spiel zum Paradigma guter Erzählung in Videospielen. Es wunderte niemanden, dass die Crowdfunding-Kampagne für den inoffiziellen Nachfolger Torment: Tides of Numenera zu einer der erfolgreichsten seiner Zeit wurde. Damit knackte das nun verantwortliche Studio InXile bereits zum zweiten Mal den Rekord für das am schnellsten finanzierte Kickstarter-Projekt. Torment: Tides of Numenera basiert auf dem Pen&Paper-Rollenspiel Numenera des US-amerikanischen Autors Monte Cook, der bereits an Planescape mitwirkte.

Ganz wie sein geistiger Vorgänger Planescape setzt Torment nicht auf typische Schwarz-Weiß-Malerei, sondern stellt philosophische Fragen, die zum Nachdenken anregen und den Spieler vor die eine oder andere knifflige Entscheidung stellen. Die Rolle, die wir erfüllen, ist dabei genauso unkonventionell wie die Welt, in der wir uns bewegen. Wir befinden uns weder in einem phantastischen Mittelalter noch in einer glänzenden Zukunft. Die Zeit liegt in der Tat so weit in der Zukunft, dass sie keinem gängigen Szenario entspricht.

Eine rätselhafte Zukunft

Seit unserer Gegenwart sind fast eine Milliarde Jahre vergangen. Wir befinden uns in der Neunten Welt. Acht Zivilisationen stiegen auf und gingen unter. Was blieb, sind
ihre Artefakte, sogenannte Numenera. Inmitten dieser Welt hat ein Mensch vor Jahrhunderten den Tod besiegt, indem er sich ständig neue Hüllen schuf. Man nennt ihn den Wandelnden Gott. Doch jedes Mal, wenn er einen neuen Körper bezog, ließ der Gott seine alte Hülle zurück. Die Verstoßenen füllen den zurückgelassenen Körper mit einer eigenen Seele und behalten die übermenschlichen Fähigkeiten, ohne sich jedoch an ihre Taten als Wandelnder Gott zu erinnern.

In Torment: Tides of Numenera schlüpft der Spieler in einen dieser Verstoßenen. Urplötzlich fallen wir vom Himmel, und bevor wir überhaupt begreifen, was los ist, klatscht unser Körper auf den Boden und wir erwachen in einer spirituellen Zwischenwelt. In Rückblicken sehen wir Visionen der Vergangenheit und erinnern uns an unsere Taten, wie der Wandelnde Gott seine Geschichte schrieb. Das alles geschieht nicht sichtbar auf dem Monitor, sondern in unseren Köpfen. Nicht einmal eine Einleitungssequenz bekommen wir zu sehen. Wir lesen, scrollen und wählen eine von mehreren Reaktionen aus, bevor wir weiterlesen und vor eine Wahl gestellt werden.

Wer den Tod besiegt, zieht dessen Zorn auf sich. Eine gefährliche Kreatur namens Kummer verfolgt den Wandelnden Gott und seine verstoßenen Hüllen, um die Anomalie zu beseitigen. Wir können Kummer in unserem ersten und vielleicht letzten Kampf gerade entkommen. Im Folgenden wird sich unsere Hauptquest darum drehen, eine Resonanzkammer zu reparieren, mit der wir diesem Widersacher entgehen können, und wir versuchen, den Wandelnden Gott in seiner jetzigen Form zu finden, bevor der Kummer uns auslöscht. Daneben warten zahlreiche, teils herrlich absurde Nebenquesten darauf, eingehend von uns erforscht zu werden. Diese stellen uns oft vor Gewissenskonflikte. Anstatt zwischen Gut und Böse zu entscheiden, bewegen wir uns in Grauzonen und sehen uns mit Situationen konfrontiert, wie sie absurder nicht sein könnten. Doch genau das ist der Reiz, der Torment ausmacht und uns in seinen Bann zieht: die schier unbegrenzte Fantasie und Fülle an erfrischenden Elementen kombiniert mit philosophischem Tiefgang.

Wortgefechte statt Massenschlachten

Zu Beginn legen wir unser Geschlecht fest und ob wir lieber ein Glaive (Elitekrieger), ein Nano (Magiebegabter) oder ein Jack (Alleskönner) sein wollen. Hinzu kommen drei Grundwerte: Kraft, Geschwindigkeit und Intellekt. Mit ihrer Hilfe können die Erfolgschancen bei unterschiedlichen Aufgaben verbessert werden. Allerdings haben wir nur jeweils eine begrenzte Anzahl an Kraft-, Geschwindigkeit- oder Intelligenzpunkten zur Verfügung, bevor wir sie durch Schlaf wieder regenerieren müssen. Außerdem erhalten wir noch eine Spezialfähigkeit, die wir im Kampf anwenden können, uns jedoch Punkte unserer Grundwerte abzieht.

Immer wieder geraten wir in Situationen, in denen wir einen Dialog mit Hilfe der Punkte aus unseren Grundwerten für uns entscheiden können. Wir können sie einsetzen, um jemanden einzuschüchtern, zu überreden oder zu manipulieren. Eine Prozentangabe zeigt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges ist. Je mehr Punkte man opfert, desto höher ist die Chance auf Erfolg. Das Gleiche funktioniert auch mit technischen Herausforderungen und letztlich im Kampf, wenn man es dazu kommen lässt.

Wer Rollenspiel mit Haudrauf gleichsetzt, wird eine Enttäuschung erleben. Gefechte kommen – im Vergleich zu anderen Genrevertretern – deutlich seltener vor. Aus vielen brenzligen Situationen kann man sich mit etwas Geschick (und Glück) gewaltlos herauswinden. Torment ist völlig ohne Gefecht zu meistern, vorausgesetzt, die Würfel fallen zu unseren Gunsten. Aber auch wenn es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt, bieten die individuell designten, rundenbasierten Kämpfe spannende Rollenspieloptionen. Scheitern wir an einer Herausforderung, kommt es mitunter zu unerwarteten interessanten Ergebnissen, die nicht zwangsläufig den Tod bedeuten müssen. Sollte unsere Figur dennoch einmal im Kampf das Zeitliche segnen, gibt es keinen Game-Over-Bildschirm, sondern wir gelangen in die Zwischenwelt, in der wir uns bereits nach unserem schicksalhaften Fall befanden.

Fazit

Torment: Tides of Numenera verlässt sich auf die Vorstellungskraft des Spielers und bietet nur wenige optische Leckerbissen. Doch die überaus interessante Story, die umfangreiche Spielwelt und die Möglichkeit, jeden Kampf durch clevere Spielweise zu umgehen, machen den besonderen Reiz des Spiels aus. Wer gerne über Stunden liest, dem sei Torment ans Herz gelegt. An die hohen Maßstäbe seines Vorgängers reicht es – trotz nostalgisch verklärter Erinnerungen – schon sehr nah heran und dürfte neben den Fans von Planescape neue Spieler für etliche Stunden begeistern.

Torment: Tides of Numenera
(InXile/Techland)
Plattform: PS4, Xbox One, PC
Webseite: Torment: Tides of Numenera

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