This War Of Mine: The Little Ones

Das Leben ist kein Spiel

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Eigentlich ist die rein subjektive Bewertung eines Spiels eher unkonventionell, da sie nur die Meinung einer einzelnen Zielgruppe widerspiegelt. Was aber, wenn das Spiel selbst ausschließlich darauf abzielt, persönliche und überwiegend negative Emotionen hervorzurufen? Was wäre, wenn diese Gefühle genau deshalb so wichtig sind, weil sie im Augenblick Deutschlands Bevölkerung polarisieren? Warum sind in diesem oder dem letzten Jahr so viele Menschen aus ihrer Heimat geflohen und suchen nun im
vermeidlich sicheren Europa Schutz? This War of Mine: The Little Ones lässt uns die Situation, aus der sie geflüchtet sind, nacherleben.

Das Spielprinzip klingt auf den ersten Blick simpel: Wir erleben mit drei zivilen Überlebenden die Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung. Die Grafik ist trist und schwarzweiß. Teilweise wirkt sie wie eine Zeichnung. In einem mehrgeschossigen Haus, das wir erst vor Kurzem bezogen haben, müssen wir unser Lager aufschlagen, in den Trümmern nach brauchbarem Baumaterial und Nahrung suchen und die Ausgänge vor nächtlichen Eindringlingen schützen.

Eine spielbare Abwärtsspirale

Jeder Charakter hat eine eigene Psyche, die sich aus seiner Biografie ergibt. Am unteren rechten Bildschirmrand sehen wir ein Foto unserer Figur sowie ihren Zustand. Es handelt sich um weitestgehend kaukasische Menschen, die wir selbst sein könnten. Spielen wir das Szenario mit Kindern, sind wir zu viert. Das bedeutet auch, dass wir zusätzlich noch eine Person mehr zu füttern haben. Als besorgter Vater müssen wir uns nicht nur um die Grundbedürfnisse Hunger und Schlaf kümmern, sondern auch um die Moral unseres Kindes. Sicherlich wäre das Überleben mit nur drei Personen effektiver. Schließlich kann unser Nachwuchs nur mäßig im Haushalt mithelfen und ist mit seinen Wünschen eher ein Klotz am Bein. Wenn wir uns dabei ertappen, so zu denken, merken wir, dass wir es gewohnt sind, in anderen Überlebenssimulationen nicht auf Konsequenzen achten zu müssen, sondern auf reine Effektivität setzen. Doch Konsequenzen sind hier maßgebend für den Ausgang der „Geschichte“: Alles, was wir tun, und alles, was wir nicht tun, kann Leben retten oder Leben zerstören.

Dabei starten wir das Spiel oftmals bereits unter erschwerten Bedingungen. So ist unser Koch Bruno schon zu Beginn krank und der Hunger macht sich bei
allen vier Charakteren schon am Anfang unbarmherzig bemerkbar. Mein Wunsch, alle unsere Protagonisten in den grünen Bereich zu bringen, wird durch große Hürden erschwert. Irgendwann sind die Materialien im Haus selbst aufgebraucht. Mit Mühe haben wir den ganzen Tag damit verbracht, zwei Betten zu errichten. Am Abend können zumindest Christos Tochter Iskra und Bruno schlafen. Die kinderliebe Cveta hält Wache, obwohl sie eigentlich nicht gut darin ist, und Vater Christo zieht los, um andere Häuser nach Vorräten zu durchsuchen. Am nächsten Tag müssen sie ausschlafen.

Geteiltes Leid ist doppeltes Leid

Die Nacht ist kurz und wir können mit Christo nur ein Haus durchsuchen. Wir haben Glück und finden dort Lebensmittel und ein wenig Schrott. Am nächsten Tag bereitet Bruno daraus vier warme Mahlzeiten. Da er vor dem Krieg Koch war, verbraucht er dabei recht wenig Ressourcen. Leider war in Christos Inventar kaum noch Platz. Nun können wir zwar eine Vorrichtung zum Wassersammeln bauen, doch Brunos Gesundheit verschlechtert sich merklich. In der folgenden Nacht müssen wir Medikamente finden. Als ein hilfsbedürftiger Zivilist an unserer Tür klopft und um Wasser bettelt, können wir ihm den Gefallen nicht erweisen. Wir lassen ihn sprichwörtlich im Regen stehen.

In der folgenden Nacht zieht Christo erneut los. Doch dieses Haus ist nicht verlassen. Als wir das fremde Gebäude durch den Keller betreten, erwischt uns ein bewaffneter Zivilist, der Christo schwer verwundet. Mit letzter Kraft rennen wir davon und kehren am nächsten Morgen ohne Beute in unseren Unterschlupf zurück. Zudem haben, während wir weg waren, auch hier Plünderer gewütet. Wertvolle Ressourcen sind verschwunden und Cveta wurde verletzt. Nun haben wir einen mittlerweile totkranken Bruno, eine verzweifelte Cveta und einen schwerverletzten Christo. Tochter Iskra ist bestürzt. Ohne ihren Vater ist sie hilflos. Die Situation entzieht sich zunehmend unserer Kontrolle. Apathisch weigern sich unsere Figuren, nach dem unvermeidlichen Tod Christos meine Befehle auszuführen. Sie essen nicht, sondern sitzen auf dem Boden, schluchzen und warten darauf, dass die Ewigkeit sie abholt. Es ist eine Kettenreaktion menschlicher Schicksale, die ich zu verantworten habe und unsere Vierergruppe ins Verderben reißt. Es dauert keine drei Tage, bis unser Versuch, zu überleben, gescheitert ist.

Wir können es wieder versuchen, mit anderen Figuren, zu einer anderen Jahreszeit, in einem anderen Gebäude. Mit dem beigefügten Editor können wir sogar unser eigenes Szenario basteln. Andere Charaktere mit anderen Stärken und Schwächen erzeugen wiederum andere Situationen. Die Ziele bleiben jedoch die gleichen: Überlebt bis zum Schluss, arbeitet zusammen und werdet nicht selbst zu den Monstern, die ihr fürchtet. Was wir auch tun, wir können von unseren Spielfiguren nicht erwarten, empathielos zu sein oder ihre Bedürfnisse zu unterdrücken.

Fazit

Irgendwann ist der Krieg tatsächlich vorbei. Was bleibt, ist ein schaler Geschmack und ein Rückblick auf die Abgründe der menschlichen Psyche, die uns zeigen, wie sich unsere Vorstellung von zivilem Verhalten und dem Kampf ums Überleben widersprechen. Meine Figuren plündern und töten nicht ohne Reue. Der Verlust nahestehender Personen wiegt schwer und wir erkennen, dass der lange Weg zum Kriegsende zahllose Opfer jenseits der Schlachtfelder verlangt. This War of Mine: The Little Ones ist kein Spiel für die gesellige Abendrunde. Es ist eine spielbare Selbstreflektion und vielleicht gehört es genau durch die unbequeme Antwort auf die Frage „Wie würde ich mich verhalten, wenn es mein Krieg wäre?“ eigentlich in den Unterricht unserer Schulen und könnte durchaus eine etwas andere Perspektive auf die Ursachen von Flüchtlingsströmen ermöglichen.

This War Of Mine: The Little Ones
Plattform: PS4, XBox One, PC
(11Bit Studios / Deep Silver, 2016)
Webseite: This War Of Mine: The Little Ones

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