Survival trifft Rollenspiel

Rustplatz und Conplatz

Kategorie: Games
Tags: Rollenspiel Twitch Stream Kleinstadtstreamer
von Christian Schmal (Text)

Rollenspielserver, also Server, auf denen die Spieler angehalten sind, bei der Interaktion mit ihren Mitspielern als ihr gespielter Charakter zu agieren, sind bei Onlinespielen keine neue Erscheinung. Aber funktioniert das auch in klassischen Survivalspielen, bei denen die Multiplayer-Varianten oft eher dazu animieren, sich gegenseitig umzubringen und auszuplündern? In den letzten Monaten haben dazu einige besondere Events auf Online-Servern der Survival-Games Rust und Conan Exiles stattgefunden (siehe Infokasten Inseln und Barbaren auf der nächsten Seite). Zunächst wurden zwei direkt aufeinanderfolgende, vierwöchige Seasons bei Rust gespielt (der Rustplatz). Der im Anschluss erschaffene Conplatz bei Conan Exiles lief ebenfalls mehrere Wochen. Die Spieler bestanden bei beiden Projekten fast ausschließlich aus Twitch-/Youtube-Streamern, die zur Teilnahme eingeladen worden waren.

Über die Erfahrungen mit diesen Projekten hat sich Christian Schmal mit einem der beteiligten Streamer unterhalten – dem Kleinstadtstreamer, der als Texas Toni bei Rustplatz und als Bäm Bäm bei Conplatz teilgenommen hat. Kleinstadtstreamer heißt eigentlich Daniel und betreibt seit ein paar Jahren auf der Plattform Twitch einen Kanal mit derzeit etwa 2000 Followern. Wer darüber hinaus Lust hat, sich die vergangenen Rustplatz-Seasons oder den Conplatz anzuschauen, findet unter diesen Namen diverse Aufzeichnungen bei Youtube und Twitch.

Zauberwelten: Fangen wir doch mit ein paar Fragen zu Dir an. Weißt Du noch, wann und wie Du zum Gaming gekommen bist? Und was fasziniert Dich daran, Deine Spiele zu streamen?

Kleinstadtstreamer: Ich erhöhe den Altersdurchschnitt bei Twitch vermutlich deutlich. Als ich mit Gaming zum ersten Mal in Berührung gekommen bin, am C64, hat das natürlich ganz anders stattgefunden als heute. Und das beziehe ich hier jetzt mal primär auf den sozialen Aspekt. Ich bin in einem Umfeld groß geworden, wo Gamer sein nicht als positiv angesehen wurde. Ich kann mich durchaus an Zeiten erinnern, in denen ich nicht unbedingt öffentlich über meine Spielzeiten geredet habe. Insofern ist eine Plattform wie Twitch – und hiermit meine ich die Community und nicht das Unternehmen – für mich ein magischer Ort und es fühlt sich für mich angekommen an. Ziel meines Streams ist es, einfach nur Spaß zu haben.

ZW: Was für Vorstellungen oder Erwartungen hattest Du an den Rustplatz, als Du von diesem Projekt erfahren hast? Wie richtig oder daneben lagst Du damit?

Kleinstadtstreamer: Tatsächlich war ich zuerst skeptisch. Das hatte zwei Gründe: Zum einen die Idee an sich. Rustplatz wurde ja nicht in Twitch Deutschland erfunden, sondern es gab kurz davor bereits ein großes Rust-Projekt im amerikanischen Raum. Dieses Projekt hat zwar auch eine immense Reichweite produziert, aber in meiner Wahrnehmung eher durch persönliches Drama zwischen den Streamern. Das reizt mich nicht, da ich hier bin, um Spaß zu haben. Einen gleichen Effekt gab es dann auch bei ersten Versuchen, die Idee in den deutschsprachigen Raum zu überführen. Zum anderen bin ich auf der Plattform nicht sonderlich vernetzt und war mir unsicher, ob sich das Projekt auch als Solo-Spieler lohnt. Ich bin aber grundsätzlich eher jemand, der Sachen gerne ausprobiert, und habe mich daher dazu entschlossen mitzumachen. Mit meiner Skepsis lag ich allerdings daneben, denn für mich war insbesondere Season 2 ein absolut unvergessliches Streaming-Erlebnis.
An dieser Stelle nochmals vielen Dank an die ganzen Organisatoren hinter dem Projekt, insbesondere Bonjwa und Rocket Beans TV. Denn man sollte erwähnen, dass die ganze Arbeit im Hintergrund freiwillig und ohne direkte Bezahlung erfolgt ist. Streamer wie ich konnten das Angebot also einfach nutzen und genießen.

ZW: Hattest Du Dich vor den Projekten – abseits von Computerspielen – schon einmal mit Rollenspielen beschäftigt, also etwa mit Pen & Paper oder Larp?

Kleinstadtstreamer: Ich habe bereits vor dem Projekt großen Spaß an Pen & Paper gehabt – sowohl als Spielleiter als auch Mitspieler. Wir werden hier in naher Zukunft auf meinem und befreundeten Kanälen auch Projekte in dieser Richtung haben – eines läuft bereits. Ein Larp habe ich selbst leider noch nicht mitgemacht, sondern nur Youtube-Videos angeguckt. Ich bin aber grundsätzlich ein großer Fan solcher Events.

ZW: Woran hattest Du am meisten Spaß? Was war eher gewöhnungsbedürftig?

Kleinstadtstreamer: Für mich haben sich die beiden Seasons in Rust so aufgeteilt: In Season 1 habe ich mehr oder weniger kein Rollenspiel mit einem festen Charakter betrieben, sondern das Spiel kennengelernt und einfach so nach Lust und Laune mit den Leuten interagiert. In Season 2 habe ich mir hingegen einen richtigen Charakter überlegt und wollte Rollenspiel in einem Computerspiel ausprobieren. Dabei herausgekommen ist Texas Toni und er hat mir sehr viel Spaß gemacht. Dabei geholfen haben mir auch wieder die Leute hinter dem Projekt. So stand die sehr erfahrene Rollenspiel-Moderatorin Touri – touristhistories auf Twitch – vor der Season für Fragen zum Thema Rollenspiel zur Verfügung. Mit ihr habe ich ein wenig über den Charakter diskutiert.
Trotzdem war es gewöhnungsbedürftig, bei Rust Rollenspiel zu betreiben. Einfachstes Beispiel hierfür war, dass ich mit einem eigenen Akzent gesprochen habe, da Stimme für mich ein wichtiges Rollenspiel-Element ist. Einen ganzen Abend aber so zu sprechen, hat insbesondere am Anfang meine Stimme sehr angegriffen und war ungewohnt. Gleichzeitig hat das aber natürlich auch am meisten Spaß gemacht. Ich hatte in Season 2 zwei Hauptstory-Stränge mit den Charakteren Penelope der Streamerin Milschbaum und Frank Platinum, gespielt von Nils von RBTV – und ich hatte den Spaß meines Lebens. An beide an dieser Stelle ein dickes Dankeschön, da beide so gut zu Texas Toni gepasst haben und mich mit ihrem Spiel echt mitgetragen haben!

ZW: Was ergab in Deiner Wahrnehmung besonders starke Rollenspiel-Momente? Sind das eher kleine persönliche Handlungsstränge, die sich während des Spiels herauskristallisieren, Gespräche mit anderen Charakteren oder spielergetriebene Events wie die Talentwettbewerbe auf dem Rustplatz?

Kleinstadtstreamer: Am Ende gehört alles im richtigen Verhältnis dazu. So waren große Events, wie das Heli-Rennen oder die Abschlussshow, aber auch die kurzen Momente Teil dieser tollen Erfahrung. Ich möchte beides nicht missen. Ich denke schon, dass in Summe die einzelnen Stories und Momente so ein Gesamtprojekt am Leben erhalten und große Events ermöglichen. In meiner Wahrnehmung waren die meisten Zuschauer gleichzeitig in einer Vielzahl von Streams und haben es genossen, dass immer irgendwo irgendwas passiert ist. Das war in dieser Form sicherlich völlig neu und einzigartig auf Twitch.

ZW: Sind solche Server mit richtigem Rollenspiel für Dich auch abseits der eingegrenzten Streamer-Community denkbar? Oder ist die öffentliche Sichtbarkeit der Handlungen da eine wichtige Zutat?

Kleinstadtstreamer: Da es hier eine große Szene, zum Beispiel in Grand Theft Auto oder Red Dead Redemption, gibt, ist Rollenspiel im Gaming eine feste Größe – unabhängig von Streamern. Aber das Projekt hat mit seinem Erfolg natürlich gezeigt, wie stark das Interesse an solch einer Form des Rollenspiels ist. Das sieht man nicht zuletzt an dem großen Interesse an einer Season 3 vom Rustplatz. Ich freue mich auf jeden Fall jetzt schon darauf – wann immer diese auch kommen wird.

ZW: Nachdem Du jetzt bei Rustplatz und Conplatz Blut geleckt hast, würdest Du auch bei kommenden Seasons dabei sein? Und bei welchem Spiel hättest Du sonst noch Lust auf einen Rollenspiel-Server voller Streamerkollegen?

Kleinstadtstreamer: Ich werde hiermit meinen Rücktritt aus dem RP bekannt geben ... oder auch nicht. Natürlich werde ich (wenn ich darf) an einer S3 teilnehmen. Ob das als Texas Toni oder mit einem neuen Charakter sein wird, da bin ich mir noch nicht sicher. Durch den Blutdurst habe ich wirklich Spaß am Kreieren von Charakteren bekommen. Man steckt vermutlich in der Falle etwas zu nutzen, was funktioniert hat und man selbst mag (Es ist lustig, dass Leute mich noch immer mit Toni(iiiiiiiiii) ansprechen und sich dafür teilweise entschuldigen. Toni ist für mich keine Beleidigung, sondern immer eine schöne Erinnerung und Lob!), oder sich kreativ neu zu erfinden.
Die Frage nach dem Spielen finde ich schwer zu beantworten. Hier würde ich gerne von meinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen und so verschleiern, dass ich keine direkte Idee habe. Da müsste ich mir vermutlich erst längere Gedanken machen.

Inseln und Barbaren

Conan Exiles spielt in der eisenzeitlich geprägten Fantasywelt der bekannten Roman- und Filmfigur Conan, Rust dagegen auf einer unbenannten Insel der Gegenwart. Beide gehören zum Genre der Survival-Computerspiele, haben also ein ähnliches Spielprinzip. Das Spiel wird jeweils aus der Sicht einer einzelnen Spielfigur gespielt, die ohne jegliche Ausrüstung in einer feindlichen Umgebung startet und irgendwie überleben muss. Es gibt jeweils ein Crafting-System, bei dem Rohstoffe gesammelt werden, um daraus allerlei Gegenstände herzustellen – von Nahrungsmitteln über Waffen bis hin zu Baustoffen für komplexe Unterkünfte. Beide Spiele sind als Multiplayer-Spiele angelegt (Rust gibt es sogar nur in diesem Spielmodus) und verfügen über ein actionlastiges Kampfsystem. In beiden Spielen gibt es zudem die Möglichkeit, sich über einen In-Game-Sprachchat mit Charakteren in der näheren Umgebung zu unterhalten.

Dieser Artikel erschien erstmals in der Zauberwelten Frühjahr 2021


Weitere Informationen:
CS
Über den Autor (Text)

Christian Schmal schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Survival trifft Rollenspiel
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