Spielende Götter

Ein Votum für die Menschlichkeit

Kategorie: Literatur
Tags: Alessandra Reß Roman Dystopie Verlag ohneohren
von Nadine Kaiser

Lucienas Leben ist ein Spiel, zumindest außerhalb der Primärrealität. Denn im wahren Leben muss sie sich in der Schule gegen eine Gruppe Jugendlicher behaupten, die ihr und auch ihrem Freund und Chauffeur Siard nicht gerade freundlich gesonnen sind. Doch ihr Dasein als Beta-Ludens (spielberechtigte Mittelschicht) bringt in der Drei-Klassen-Gesellschaft auch Vorteile mit sich: So ist es Lucie möglich, sich in die virtuelle Spielwelt Holus einzuloggen und der Realität zu entfliehen, in der sie (nach einer schmerzhaften Auseinandersetzung mit einer verfeindeten Clique) auf Anpharis trifft, einen ruhmreichen, doch virtuell konstruierten Kämpfer aus dem Dorf Fargisheim.

Anpharis, dem nicht bewusst ist, dass er nur eine Spielfigur in einer Fantasy-Simulation ist, zweifelt nach vielen sinnlosen Schlachten an seiner Bestimmung und an seinem Platz in der Welt. Daher sucht er nach dem einzigen Beistand, der ihm noch Hoffnung versprechen kann und wendet sich hilfesuchend im Gebet an Liafeiy, die Göttin des Lichts. Lucie, die gerade eine kostenpflichtige Extrafunktion nutzt, um eine Stunde lang im Göttermodus als Göttin Liafeiy in der Fantasywelt zu spielen, erreicht Anpharis Nachricht. Sie beschließt, dem Virtuellen den Weg zu weisen und sich gleichzeitig damit an ihren Mitschülern zu rächen. Denn was im Holus passiert, beeinflusst auch das Leben in der Realität. Und so lässt sich Lucie auf ein Spiel ein, in dem das Virtuelle mit der Realität zu verschmelzen scheint und ein gewagtes Unterfangen auf den Weg bringt, das für beide Welten schwerwiegende Konsequenzen haben wird …

Phantastische Dystopie?

Die im Buch beschriebene Primärrealität folgt ihren eigenen, scheinbar klaren Strukturen, in der sich jeder in seine Rolle als Alpha-Ludens (Elite der Primärrealität), Beta-Ludens (Mittelschicht) oder Laborans (arbeitende Unterschicht) zurechtfindet. Es ist schließlich das rücksichtslose Verhalten einer kleinen Gruppe jugendlicher Alpha-Ludens, das die Protagonistin Lucie letztlich dazu bewegt, sich aufzulehnen und Grenzen zu durchbrechen. Denn was im echten Leben niemals möglich wäre, könnte sie im Spiel mit der Hilfe ihres Avatars Neriel erreichen. Als sie sich als Gesandte der Göttin des Lichts präsentiert, überzeugt sie den Krieger Anpharis, seinen Bruders Xelic und einige weitere Mitstreiter schließlich von ihrem Plan. Doch aus der Zweckgemeinschaft mit virtuell konstruierten Persönlichkeiten werden Verbündete und lieb gewonnene Freunde, was es Lucie zunehmend erschwert, an ihrem Ziel festzuhalten und den Holus-Avataren der verfeindeten Alpha-Ludens zu schaden. Kann sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren, virtuelle Leben in Gefahr zu bringen, nur um den sozialen Status einiger Menschen in der Primärrealität zu schwächen?

Dass Entscheidungen Konsequenzen mit sich ziehen und deren Ausmaß bisweilen nicht abzuschätzen ist, zieht sich als roter Faden durch die Geschichte. Sowohl in der Primärrealität als auch in der virtuellen Welt des Holus verläuft das Spiel nicht genau nach Lucies Vorstellungen und es fließen vermehrt unerwünschte Nebenwirkungen in das Spielgeschehen ein. Obwohl sie viel Zeit und Mühen in ihr Vorhaben innerhalb der mittelalterlich gestalteten Spielwelt investiert, muss Lucie zu einer ernüchternden Erkenntnis gelangen: Es ist kaum ein Wunder, dass Anpharis an seinen „Göttern“ zweifelt, bei all dem Mist, den sie letztlich in seine Welt tragen …

Kulturphilosophische Aspekte

Sehr oft wird durch Lucie deutlich, dass es in dem Buch um mehr geht, als das bloße Erzählen einer Geschichte. Indem sie über ihre Situation, ihr Tun und das Geschehene nachdenkt, es hinterfragt und zum Teil bewertet, entsteht eine ethische Metaebene. Aber auch durch die Namensgebung der Gesellschaftsschichten und durch die Abkürzung des Spiels Holus – kurz für Homo Ludens, der spielende Mensch – kann sich dem Leser neben der Unterhaltungsebene auch noch die kulturphilosophische öffnen, denn „der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ (Friedrich Schiller). Ebenso fördert das Fach der virtuellen Ethik, das die Ludens-Schüler belegen, unterschiedliche Sichtweisen auf moralisches Verhalten zu Tage, das zu Kontroversen führt und die Geschichte maßgeblich begleitet: Sind virtuelle Menschen zu Emotionen und Leid fähig oder nicht mehr als bloße Objekte, geschaffen, um Teil eines großen Spiels zu sein?

Fazit

Der Roman von Alessandra Reß besticht durch konstante Spannung, die zum einen von der sympathischen Hauptfigur Lucie und zum anderen durch die liebevolle Beschreibung der (virtuellen) Menschen und der Welten getragen wird, was der gesamten Erzählung eine überraschend dystopisch-phantastische Authentizität verleiht. Höhen und Tiefen der Charaktere beeinflussen die Handlung und führen dazu, dass man das Buch gar nicht aus der Hand legen möchte. Spielende Götter ist eine unterhaltsame, abwechslungsreiche und auch zum Nachdenken anregende Geschichte, die mit ungewöhnlichen Aspekten gekonnt spielt.

Auch wenn Spielende Götter nur als e-book erhältlich ist, ist es ebenso für Verfechter des gedruckten Wortes einen Kauf wert. 


Nadine Kaiser
Über den Autor

Nadine Kaiser schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Spielende Götter
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
Dieser Artikel ist erschienen bei:

Kommentare

Artikel mit gleichen Tags

The Electric State - Ein illustrierter Roman
Literatur
Tags: Simon Stålenhag Electric State Tales from the Loop Illustrierter Roman FISCHER Tor

In der großartig bebilderten und ebenso packenden Geschichte begleiten wir einen Teenie mit robotischer Begleitung durch eine düstere Vision der 90er Jahre.

Tales from the Loop -  Ein illustrierter Roman
Literatur
Tags: Simon Stålenhag Tales from the Loop Illustrierter Roman FISCHER Tor

In der retrofuturistischen Erzählung steht ganz die faszinierende Welt um den "Loop" herum im Mittelpunkt. Die einzigartige Verbindung von Text und Bild zieht uns ganz in den Bann eines Schwedens, das es so nie gab.

Akhmal - Der Aufbruch
Literatur
Tags: Fantasy Roman Helen Hero Low-Fantasy

Mit Akhmal – Der Aufbruch beleuchtete Hilga Höfkens unter dem Pseudonym Helen Hero das Zusammenleben der Menschen mit dem felinen Volk der Akhmal. Eine buntgemischte Reisegruppe rund um die menschliche Herrscherin im Exil stellt sich der gewaltigen Aufgabe, einen Krieg zwischen den beiden Spezies zu verhindern.

VOX – Ohne Worte - Christina Dalchers Dystopie macht wütend – aber nicht so, wie sie sollte
Literatur
Tags: Christina Dalcher Dystopie Roman Amerika Verlag S. Fischer

Im Amerika der Zukunft werden Frauen ihrer größten Waffe beraubt: ihrer Stimme. Christina Dalchers Debüt „Vox“ wird als große, feministische Dystopie gehandelt, doch lässt sie ihre Leser*innen wirklich so sprachlos zurück, wie der Titel verheißt?

Vindex - Ödlandkrieger wider Willen
Literatur
Tags: Chaospony Verlag J.S. Hartmann Dystopie Roman

Vindex kämpft allein gegen den Speaker, den selbsternannten Herrscher des Ödlands, der sein Land mit eiserner Faust unter Kontrolle hält. Doch Vindex hat nichts mehr zu verlieren, denn der Speaker hat ihm bereits alles genommen.

Trance - Als die Menschen vergaßen zu leben
Literatur
Tags: Tagträumer Verlag Dystopie Veronika Serwotka Laura Schmolke Roman

„Elysium“ gibt Menschen das ewige Leben, doch raubt es ihnen das Menschsein. Unter der Erde ist Routine Leitfaden der Menschen, die mit der Zeit sogar die persönlichen Erinnerungen verlieren. Doch ein Buch lässt Kimberly aus der Trance erwachen.

Weitere Artikel

3.5 /5

Maneater - Wenn du ein Problem hast, friss es einfach auf!
Games

Stellt euch vor die Rollen in Monsterhunter wären vertauscht. Jetzt seid ihr das Monster. Niemand ist vor euch sicher, nicht einmal bis an die Zähne bewaffnete Jäger. Guten Appetit!

Resident Evil 3: Remake - Uneinsichtiger Stalker jagt Expolizistin
Games

Ein Jahr nach dem hervorragenden Remake von Resident Evil 2 erneuert Capcom auch das dritte RE-Abenteuer aus dem 20. Jahrhundert und liefert das Multiplayer-Spin-Off "Resistance" gleich dazu. Doppelter Spaß oder nur zwei halbe Portionen?

4.5 /5

Gears Tactics - Taktisches Zahnradgetriebe
Games

Mit "Gears Tactics" kommandieren wir unsere muskelbepackten Gears zum ersten Mal rundenbasiert über das Schlachtfeld. Ob die Action dabei auf der Strecke bleibt und ob The Coalition es lieber bei Shootern belassen sollte, erfahrt ihr im Test.