Skin. Das Lied der Kendra

Macht erwächst durch Wissen

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Britanniens Stämme leben in Harmonie mit der Natur und ehren die Ur-Mütter der Erde. Doch Ailia, ein Findelkind im Dorf Caer Cad, ist nur halb geboren: Ohne bekannte Familie fehlt ihr die Verbindung zu ihrem Tierhaut-Totem, was sie zu einer hautlosen und somit unterprivilegierten Person im Stammesleben verdammt. Trotz dieses Makels wohnen dem jungen Mädchen gewaltige Kräfte inne, die der Bedrohung durch die Römer Einhalt gebieten könnten.

Die Waise Ailia wächst in der Küche der Stammeskönigin unter Obhut der Kochmutter auf, was ihr – entgegen den Gepflogenheiten des matriarchalen Clans – eine Sonderstellung einräumt. Aufgrund der fehlenden Zugehörigkeit zu einem Tierhaut-Totem leben Hautlose ausgegrenzt am Rande der Gesellschaft, da nur durch die ureigenen Haut-Gesänge eine Verbindung zu den Ur-Müttern und zu den Mitmenschen aufgebaut werden kann. Erst durch die Bindung an ein vererbtes Totem wird die Seele des Menschen geboren und dieser zu einem Bindeglied zwischen der Welt und der der Ur-Mütter. 

Auch das Lernen weiterführenden Wissens ist Ailia aufgrund ihrer unklaren Herkunft verboten, allerdings wünscht sich das junge Mädchen nichts sehnlicher. So wächst sie im Schatten ihrer verlorenen Abstammung auf, doch ist sie bestrebt, das Beste aus ihrer Situation zu machen: Sie erlernt durch aufmerksames Beobachten die Kräuterheilkunst ihrer Kochmutter und arbeitet als Dienerin der Stammesführerin. Erst eine geheimnisvolle Begegnung mit dem Jungen Taliesin im verbotenen Wald bringt Ailia dazu, sich gegen die Gesetze der Haut und des Stammes aufzulehnen. Stets von einem inneren Zwiespalt zerrissen, sich dem Schicksal einer Hautlosen zu fügen oder dem Drang nach Wissen und der Sehnsucht nach Taliesin nachzugeben, verändert Ailia nicht nur ihr Schicksal, sondern auch das ihres ganzen Dorfes. 

Eine vielversprechende neue Romanwelt

Beim Lesen des Romans zeichnet sich ein umfassendes Bild der keltisch inspirierten Welt Britanniens zu Zeiten der römischen Expansion, das behutsam und detailreich gestaltet wurde. Der erste Roman der australischen Autorin Ilka Tampke ist vielversprechend: Die Kombination aus einem historischen Roman gepaart mit Fantasy trifft genau ins Herz dieser zwei unterschiedlichen Genres. 

Dank der Ich-Perspektive der heranwachsenden Ailia wird der Leser nicht nur mit ihr, sondern auch mit ihrer Kultur und Lebensweise vertraut. Seite an Seite wächst man mit der Protagonistin allmählich in die Geschichte und in den Alltag im Jahr 43 n. Chr. hinein. Gerade dieser Umstand hebt den Roman von manch anderem ab: Vom Zeitpunkt ihrer Adoption an begleitet man Ailia durch ihr Leben als eine Hautlose und erlebt dabei sowohl normale, eintönige wie auch besondere Tage.

Rundes Charakterdesign mit Ecken und Kanten 

Obwohl die Autorin eine Welt schafft, die sehr in die Tiefe geht und ein großes Potential besitzt, ist der Roman nicht ohne Ecken und Kanten. Einige Situationen lassen den Leser mit der Protagonistin aneinandergeraten, da keine anhaltende Entwicklung der Hauptperson stattfindet: Ailia wirkt wie eine Fahne im Wind. Probleme werden nicht anhand vorangegangener Erfahrungen und Erkenntnisse bewertet. Sie begegnet Konflikten hilflos, fühlt sich durch ihre Hautlosigkeit unwürdig, selbst wenn sie sich bereits mehrfach erfolgreich bewiesen hat. So schreitet zwar die Geschichte voran, doch ist diese durch die immer gleichen Zerwürfnisse bisweilen etwas strapaziös zu verfolgen. 

Neben alltäglichen Dingen wie druidischer Magie und Verbindungen in die Anderswelt ist der Roman von viel zwischenmenschlicher Interaktion geprägt, die dabei sehr unterschiedlich in Erscheinung tritt. Die Charaktere um Ailia herum sind dabei sorgfältig und vielschichtig konstruiert, wie die Welt, in der sie sich befinden. Liebe, Fürsorge und Verantwortung gestalten die Romanfiguren ebenso wie Herrschsucht, Missgunst, Neid und Verlangen, und verleihen ihnen damit innerhalb ihres Handlungsrahmens Eigenständigkeit und Authentizität. Doch auch ein imaginierter Charakter kann Grenzen des Geschmacks überschreiten: So wird der Leser mit einer Szene von Ailia und einem Lachs konfrontiert, die derart bizarr und entbehrlich ist, dass mir die Intention der Autorin schleierhaft verbleibt …

Langer Rede kurzer Sinn

Skin. Das Lied der Kendra ist eine interessante Geschichte, die in einer auf sorgfältiger Recherche aufgebauten Fantasy-Welt agiert und mit realen Ereignissen und Begebenheiten ein harmonisches Gesamtwerk strickt. Wenn auch sicher nicht jeder Leser Geschmack an diesem Roman finden wird, verspricht das sehr überraschende und gut gelungene Ende nicht nur eine Fortsetzung, sondern gleichermaßen eine gewisse Versöhnung mit den beschwerlicheren Stellen des Buchs.

Skin. Das Lied der Kendra
Ilka Tampke
(Penhaligon, 2016)
480 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-7645-3143-0
Webseite: Penhaligon

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