Sherlock Holmes and the Devil's Daughter

Ein schweres Erbe für den Meister der Ermittlungen

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Außer einem cineastischen Trailer konnte man im Vorfeld nicht viel über Holmes neuestes Abenteuer finden. In unserer Vorschau berichteten wir von einer neuen düsteren Ausrichtung. Holmes verfolgt eine geheimnisvolle Frau, die seine Tochter Caitlyn entführt. Dabei verformt sich das Treppengeländer und blockiert ihm den Weg. Assoziationen zur Alptraumwelt der Silent Hill-Serie wurden geweckt. Sollte das neueste Abenteuer etwa ein Survival Horror Trip mit alptraumhaften Visionen und dem Kampf gegen die anklagenden Geister der Vergangenheit werden?

So faszinierend dieser Fokus für Horrorfans letztlich auch gewesen wäre, so wirklich hätte diese Neuausrichtung wohl nicht zu unserem Meisterdetektiv gepasst. Und sicherlich hätte es viele langjährige Fans der Spieleserie vergrault. So ist es dann doch eine gute Nachricht, dass der düstere Trailer die verwirrten Zuschauer auf eine völlig falsche Fährte gelockt hat: Sherlock Holmes and the Devil's Daughter ist kein Horror-Adventure, die im Trailer gezeigte Szene kommt so nicht einmal im Spiel vor. Aber dennoch hat sich einiges verändert.
 

Ein unerwarteter Besucher

Die grundlegendsten Veränderungen beziehen sich dabei nicht nur auf den Wechsel zur prachtvollen neue Unreal-Engine 4. Wir spielen nun einen weitaus jünger aussehenden Sherlock Holmes, der sich nicht nur um fünf brandneue Fälle, sondern auch um seine Ziehtochter Caitlyn kümmern muss. Diese muss aufgrund einer Überschwemmung in der Schule eine Weile in der Wohnung ihres Ziehvaters bleiben. Das sorgt für allerlei Probleme, denn auch wenn der junge Sherlock sehr besorgt um sie ist, so hat er doch nicht wirklich ein Händchen für die Bedürfnisse einer jungen Dame. Und außerdem ist da noch ein dunkles Geheimnis, das Sherlock eigentlich liebend gern für immer unter Verschluss halten würde. Doch früher oder später wird er keine andere Wahl haben und Caitlyn die Wahrheit erzählen müssen.

Der rote Faden um Sherlocks Tochter spielt in den ersten drei Vierteln des Spiels nur eine Nebenrolle. Wie immer gilt es, anderen Menschen in der Not zu helfen und Fälle zu lösen. Dies erreichen wir auf unterschiedliche Weise. Bevor wir unsere Mandanten und Verdächtigen befragen, können wir ihr Auftreten analysieren. Gehört die Person einer Gruppierung an? Zeigen sich Spuren von Krankheit oder Verletzungen? Was sagt die Kleidung über den sozialen Status aus? Bei einigen Beobachtungen können wir selbst schlussfolgern. Liegen wir dann falsch, ist das Profil der Person verzerrt. Oftmals kann man aber seine Auswahl noch einmal ändern. Finden wir Widersprüche bei den Aussagen der Befragten, können wir die Antwort unterbrechen und Gegenargumente auf Basis unserer Beobachtungen liefern.

Wir sammeln Beweisstücke, Notizen und Briefe, die unsere Verdächtigen kurioserweise niemals vermissen, und analysieren sie mit Hilfe von Sherlocks Bibliothek oder durch forensische Analysen. Mit unserem Zeitblick können wir außerdem vergangene Tathergänge rekonstruieren und Ereignisketten nachverfolgen. Mit den neuen Funden schalten wir neue Schauplätze frei, die wir unter die Lupe nehmen können. Das Spiel nimmt uns die Nachforschungen nicht gänzlich aus der Hand. Setzen wir die Indizien und Vermutungen falsch zusammen, überführen wir Unschuldige und lassen den Täter ungestraft davon kommen. Bevor wir einen Fall abschließen, können wir ihn aber noch einmal neu zusammensetzen und das Ende erneut Spielen. Erst wenn wir uns mit dem Ende zufrieden geben, wird der Fall endgültig abgeschlossen und es geht weiter.

Die Abenteuer des jungen Indiana Holmes

Eine Neuerung in The Devil's Daughter ist der erhöhte Actionanteil. Sherlock schleicht, beschattet und balanciert über tiefe Abgründe – und das unter Zeitdruck. Dabei werden wir durch kleine Minispiele und Reaktionstests gefordert. Auch wenn diese sinnvoll in die Handlung eingebettet sind, weisen einige von ihnen leichte Längen auf, da sie weder schwerer werden noch großartig variieren. In einer Szene finden wir uns plötzlich in einer Dschungelruine wieder. Die Aufgaben hierbei könnten direkt aus einem Indiana Jones-Film geklaut sein (was sie vermutlich auch sind). Jedoch schafft es Frogwares, die perfekte Balance zwischen Rätsel und Action zu finden.

Die Qualität der Fälle steigt im Verlauf des Spiels nach oben. So kommt das Spiel aber eher langsam in Fahrt, um im letzten Fall schließlich durch einen verhältnismäßig kurzen Showdown zu huschen. Dafür gewinnt dieser an Dynamik und erzählerischer Stärke, da Sherlock dieses mal nicht als außenstehender Dritter ermittelt. Wer sich ein wenig mit der Sherlock Holmes-Reihe auskennt, kann bereits früh erahnen, warum Sherlock so verschlossen zu seiner Ziehtochter ist. Sowohl die Actioneinlagen, als auch die Rätsel sind auf Wunsch per Knopfdruck überspringbar. Die Lösung wird dann vorgegeben und die Actionsequenz übersprungen. Wer sich den Spaß nicht verderben lassen will, der sollte wenigstens beim ersten Durchlauf alle Abschnitte einmal selbst durchspielen. Erst wenn man einen zweiten Durchgang starten will, um eventuell einen neuen Lösungsansatz zu testen, kann die Abbruchfunktion eine Menge Zeit sparen.

Frogware entschied sich für einen Imagewechsel der Serie. Ob dies nach dem großen Erfolg von Crimes and Punishment wirklich nötig war, ist Ansichtssache. Man erkennt jedoch, dass das jüngere Aussehen Sherlocks und seines treuen Kameraden Dr. Watson an die actionlastigen Verfilmungen mit Robert Downey Jr. und Jude Law angelehnt ist, denn zumindest Watsons Ähnlichkeit mit Jude Law ist nicht zu übersehen.

Auch die anderen Charaktere sind weitgehend interessant geschrieben. Die Auftritte eines exzentrischen Schauspielers, einer geheimnisvollen Nachbarin und der extrovertierten Tochter sind unterhaltsam in Szene gesetzt. Man fragt sich jedoch, ob die für den Trailer und das apokalyptisch anmutende Coverbild zuständige Marketingabteilung überhaupt wusste, um was für ein Spiel es sich hier handelt.

Fazit

Zugegeben, die Fußstapfen des erfolgreichen Vorgängers waren groß, weshalb eine Neuausrichtung der einzig logische Weg war, dem ständigen Vergleich zu entgehen. Doch dieser Plan hatte einige Kanten. Neben einem Trailer, der falsche Erwartungen weckt, und einer actionorientierten Storyline ist Sherlock Holmes noch immer der gleiche, neurotische Meisterdetektiv mit der Gabe, verzwickte Fälle zu lösen. Der vermeidliche Hauptplot jedoch wird zu rasch abgewickelt. Die ungewohnt schnelle Erzählgeschwindigkeit des Finales, bei der sogar die sonst üblichen Reisesequenzen übersprungen werden, sorgt dafür, dass wir dem Ende überhastet lossprinten, anstatt sich heranzupirschen. Dadurch, dass wir das ganze Spiel über komplexe Fälle gelöst haben, wirkt das finale Drama im Vergleich dazu fast deplatziert. Vielleicht hätte Frogware das Experiment wagen sollen, eine einzige spannende Geschichte mit Fokus auf Sherlock zu erzählen, denn die Psyche des Meisterdetektivs bietet tatsächlich mehr als nur die Gabe der Kombination.

The Devil's Daughter ist ein spannender Nachfolger mit hervorragender Optik, der sehr gut unterhält, jedoch seinen Innovationen zu wenig Bühne bietet und sich infolgedessen zwischen zwei Stühle setzt.

Sherlock Holmes and the Devil's Daughter
(Frogwares/Bigben Interactive, 2016)
Plattformen: PS4, Xbox One, PC
Webseite: Sherlock Holmes and the Devil's Daughter

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