Der Sandmann

Der Vater des Gruselromans

Kategorie: Literatur
von Tara Flink

Mit Tolkien wurde das Genre der Fantasy begründet, doch die Phantastik ist fast genauso alt wie die Literatur selbst. Für eingefleischte Fantasy-Fans lohnt es sich daher auch einmal, einen Blick in die Antiquariate und Archive zu werfen. Sogar ein 200 Jahre alter Roman hat Potential, auch einen modernen Leser noch in seine ganz eigene, bunte, unglaubliche Welt zu entführen.

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann war ein deutscher Schriftsteller der Romantik und sollte jedem Grusel-Fan ein Begriff sein. Geboren 1776 verfasste er Prosastücke, Dramen und war bis zu seinem Tod 1822 auch als Komponist tätig. Der Sandmann von 1816 ist einer seiner berühmtesten Texte, der auch noch weit in unsere Zeit hinein wirkt, denn so hat beispielsweise die Band Coppelius ihren Namen daraus entliehen.

Hauptfigur des Romans ist der Student Nathanael, der mit der schönen und häuslichen Clara verlobt ist und einer vielversprechenden Zukunft entgegensieht. Sein Glück wird jedoch von traumatischen Erinnerungen an seine Kindheit überschattet, in der er seinen Vater bei düsteren, alchimistischen Experimenten beobachtet hat. Zur Strafe wurde er von Coppelius, dem Studienkollegen seines Vaters misshandelt und assoziierte diesen seitdem mit der unheimlichen Märchengestalt des Sandmanns. Die Erinnerungen daran, die er kaum von einem Traum zu unterscheiden weiß, quälen ihn, und bei seiner bodenständigen Verlobten findet er kein offenes Ohr. In seiner Universitätsstadt lernt er durch eine Verkettung mysteriöser Ereignisse die traumhaft schöne, aber höchst schweigsame Tochter des Professors Spalanzani kennen. Olimpia, so der Name der jungen Frau, erscheint Nathanael als geduldiger, sanfter und verständnisvoller Engel, wenn sie seinen schauerlichen, wahnwitzigen Geschichten stundenlang zuhört und bloß verträumt seufzt. Bald hat er Clara und sein altes Leben völlig vergessen und ist sich sicher, nur mit Olimpia sein Glück finden zu können. Doch seine Vergangenheit wird Nathanael auch diesmal einholen und der Teufel in Gestalt des Coppelius verfolgt noch einen größeren Plan mit ihm.

Ein Roman von 1816 – immer noch lesenswert?

Der Sandmann ist in erster Linie ein Schauerroman, der sich mit Okkultismus, Satanismus und Alchemie wie auch der Fragilität des menschlichen Geistes beschäftigt. Nicht jede Frage wird am Ende der Lektüre beantwortet, doch genau das ist es, was für mich den Reiz daran ausmacht. Hoffmann lässt jedoch auch einen satirischen Unterton nicht vermissen. In der Kritik am geistlosen, rationalen Biedermeier wird sich jeder wiederfinden, der für seine Leidenschaft am Phantastischen verlacht worden ist. Zuletzt wirft Hoffmann als einer der ersten Schriftsteller einen zaghaften Blick in den Bereich der Androiden, KIs und reflektiert den Umgang der Menschen mit diesen Wesen kritisch. Der Sandmann ist vor allem für Horror- und Mystery-Fans interessant, lässt sich jedoch teilweise auch in modernen Science-Fiction-Werken wie Blade Runner wiederfinden.

Schauerlich, grotesk und lustig

Hoffmann hat noch einiges zu bieten, im Bereich der Schauerromane genauso wie als Komödiant. Für erstere sind zum Beispiel die in eine Rahmenhandlung eingebettet Novellensammlung Die Serapionsbrüder oder seine Nachtstücke, wie beispielsweise Die Elixiere des Teufels lesenswert. Freunde von Romanen mit kätzischen Hauptcharakteren sollten die frechen Lebensansichten des Katers Murr zur Hand nehmen. Traumhaft und unverständlich mag einem etwa Der goldene Topf erscheinen, was jedoch auch seinen eigenen Reiz besitzt. Auch über den Deutschunterricht in der Schule hinaus sollte man als Phantatsik-Liebhaber Hoffmann kennen und seinen empfindsamen, schrulligen Charakteren eine Chance geben.

Der Sandmann
E.T.A. Hoffmann, 1816

TF
Über den Autor

Tara Flink schreibt für Zauberwelten-Online.de.

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