SPIEL'16 – Teil 1

Organisation und Escape Room Games

Die „Essener Spieletage“, „Spiel'16“ oder – wie sie fälschlicherweise meistens genannt wird – „Spielemesse Essen“ brachte einen vom Veranstalter erwarteten neuen Zuschauerrekord. Leider konnte die Organisation von Stadt, Messe und Merz Verlag dieser Erwartung nicht gerecht werden.

So gestaltete sich schon die Anreise als schwierig. Das neu installierte Parksystem war dem Besucherandrang nicht gewachsen und so kam es zu Rückstaus von den Parkplätzen, die schließlich den Verkehr in der Essener Innenstadt nahezu lahmlegten. Die Polizei musste mit zahlreichen Beamten den Verkehr regeln, Zufahrten sperren und die Massen über die A52 auf die Außenbezirke umleiten. Natürlich war auch die A52 verstopft, donnerstags um 9:00 meldeten die Verkehrsnachrichten etwa 10 km messebedingten Stau, sodass vereinzelt Insassen ausgestiegen sind, um auf dem Seitenstreifen zurückzulaufen, während der Fahrer mit seinem Wagen noch für unbestimmte Zeit über die Autobahn zockelte. Hier verlängerte sich mal eben eine Anfahrt von 20 Minuten auf zwei Stunden.

Und wer es auf einen Parkplatz geschafft hatte, konnte sich nun fröhlich der nächsten Schlange widmen. Vom Parkplatz zum Bus oder an der Kasse.

Und die Öffis erst …

Einige Optimisten hofften, das Problem zu umgehen, indem Sie vom PKW auf die öffentlichen Verkehrsmittel umstiegen. Und was bei der Bahn noch kein Problem war, war das Ende des geregelten U-Bahn-Verkehrs.

Gerade am Freitag ging morgens vom Essener Hauptbahnhof nur noch wenig, die Verkehrsbetriebe mussten die Treppe zu den Gleisen in Richtung Messe mit Absperrband und Personal sichern. Fahrgäste wurden blockweise an die U-Bahn-Gleise gelassen. Wer schlau war, ist erst eine Station in die Gegenrichtung gefahren, um dort umzusteigen. Dann gab es eine Chance auf die erste Bahn. Geduldig musste man schon sein. Erstmal zwei Bahnen fahren lassen, die so voll sind, dass kaum einer reinpasst, dann vielleicht in die dritte, während die Massen nachdrängten. Hier hätten wir uns noch mehr Bahnen gewünscht, besonders aber bei der Abreise. Das Problem gibt es ja nicht das erste Mal auf einer Messe, vielleicht erarbeiten die Verantwortlichen ja für die Zukunft eine gängigere Lösung.

Besonders viel wurde den Kindern abverlangt, die sich schlechter festhalten können, und für die alles noch bedrückender ist. Die Fahrgäste haben es mit viel Humor genommen und auch für die Fahrer der Bahnen war es sicher nicht einfach. Immer wieder mussten Mensch zum Aussteigen gedrängt werden, weil sich sonst die Türen nicht schließen ließen.


Zehn Besucher reinlassen – oder doch lieber zehn Euro abheben?

Alle, die das überstanden hatten, wurden mit langen Schlangen belohnt. Mal abgesehen davon, dass es mittlerweile Möglichkeiten geben soll, lange Schlangen sinnvoll zu ordnen – selbst größere Schwimmbäder haben da schon Systeme –, es ist vielleicht unglücklich, wenn an den Kassen auch Geld abgehoben werden kann. In der gleichen Zeit, in der 100 Euro abgehoben sind, könnten schon so einige Besucher Eintrittskarten kaufen. Wenige Menschen sind vermutlich daran interessiert, 30 kostbare Minuten an einer Kasse zu stehen.

Ein kleiner Tipp: Wer gut vorbereitet war, und schon ein Ticket hatte, wurde von freundlichem Personal seitlich an den Schlangen vorbei Richtung Einlass geleitet, wo man dann zügig in die Hallen kam. Insgesamt ist uns das Personal nur positiv aufgefallen, freundlich, geduldig und hilfsbereit.

Noch etwas zum Thema Sicherheit. Es gab wohl Rucksack-Kontrollen, vereinzelt und offenbar ungerichtet. Nach welchen Kriterien so etwas ausgesucht wird, kann man bei Marc-Uwe Kling in den Känguru-Chroniken unter „Theorie und Praxis“ nachlesen. Wir sind sehr froh, dass angesichts dieser Menschenmenge nichts Schlimmes passiert ist (außer dem Stau, der ja, wie alle Neil Gaiman-Leser wissen sollten, auf einen dämonischen Plan zurückgeht). Immerhin sind wir ja alle nach Essen gekommen, aus sehr vielen verschiedenen Altersgruppen, sozialen Hintergründen, Kulturkreisen und Nationen, weil es uns verbindet, dass wir miteinander die Begeisterung für Spiele teilen. Und dass wir gemeinsam mit anderen spielen wollen.

Wenn wir gerade bei den unschönen Dingen sind: Wie schafft es die SPIEL eigentlich, trotz der Messepreise fürs Essen größtenteils kulinarische Qualität zu liefern, die einen überlegen lässt, ob Spielfiguren unter Umständen besser schmecken könnten? Wobei die Schlangen an den Fressständen beweisen: Hunger ist nicht wählerisch …


Spot an! Na ja, ein bisschen zumindest …

Und ein bisschen leid taten uns die Anbieter in den hinteren Hallen. Wir dachten an plötzlichen Sichtverlust, man bestätigte uns allerdings, dass es nicht an den Augen, sondern an der schlechten Beleuchtung lag. Gut, in den vorderen Hallen haben die Aussteller oft ihre eigene Technik dabei – denn die großen und zu einem guten Teil deutschen Verlagen können es sich das auch leisten. Aber wir Messebesucher, wir gehen auf die SPIEL, weil wir auch die Innovation suchen und das Besondere. Spiele, die man nicht mal eben irgendwo kaufen kann. Und dann werden wir in so einen Abstellraum geführt. Wo ist denn da die Leistung des Veranstalters und des Raumeigentümers? Wo ist die Unterstützung für diese Aussteller? Garagenatmosphäre? Da haben wir alle mehr verdient.

Aber genug gemeckert, dafür waren die Spiele ja gut.


Spot an – jetzt auch richtig!

Fangen wir ganz oben auf der Skala an: Der Renner auf der Spielemesse waren die Escape Games. Holen wir mal aus: In ganz Deutschland gibt es mittlerweile Escape Rooms, Room Escape, Escape the room, Exit Rooms, Escape Game etc. Im Prinzip werden die Spieler in einen Raum gesperrt und müssen Rätsel lösen, um zu entkommen. Meistens gibt es eine zeitliche Vorgabe, z. B. 1 Stunde. Diese Art von Spiel gibt es mittlerweile über 300 mal in Deutschland in mehr als 100 Städten.

Nachdem die Escape Rooms so erfolgreich waren, war es nur eine Frage der Zeit, wann sie von Brett- und Kartenspielverlagen umgesetzt werden würden. Dieses Jahr haben sich gleich drei Verlage (Kosmos, Noris und Thinkfun/HCM Kienzel) drangewagt, Escape Room-Spiele herauszugeben.

Escape Room – Das Spiel von Noris ist zunächst die teuerste Packung mit 35–45 Euro (je nach Anbieter). 2–5 Spieler sind angegeben, mehr sind aber kein Problem. Es gibt in der Packung 4 verschiedene Abenteuer, sodass der durchschnittliche Preis auf ca. 10 Euro pro Spiel sinkt. Es gibt einen elektronischen Decoder, der während des Spiels auch Geräusche von sich gibt. In diesen gibt man die Lösungen ein – hoffentlich die richtigen, denn jede falsche lässt eine Minute von den 60 Minuten Lösungszeit verschwinden. Die Abenteuer sind nach Schwierigkeit gestaffelt, nicht jeder wird das schwerste in der angegebenen Zeit lösen können – man muss auch kleine Hinweise beachten. Für Februar sind hier Erweiterungssets geplant.

Von der Reihe Exit der Firma Kosmos gibt es schon 3 Packungen zu je 12 Euro. Enthalten sind hauptsächlich eine Dekodierscheibe und „Spielkarten“. Die Karten erhält man nicht immer zur „richtigen Zeit“, manchmal deuten sie auch auf einen weitaus späteren Schritt des Rätsels. Die Rätsel können sehr unterschiedlich sein: Falsche Buchstaben in einer Botschaft sind nur ein Beispiel. Spieldauer ist 60–90 Minuten. Auch hier sind neue Abenteuer schon in Aussicht.

Escape the Room von Thinkfun bzw. in Deutsch bei HCM Kinzel kostet ca. 20 Euro und bietet 60-90 Minuten Spielspaß. Hier gibt es einiges an verschlossenen Umschlägen – teilweise sehr bauchig – und auch eine Art Dekodierscheibe. Die Umschläge sind quasi die Möblierung des Zimmers, in dem man sich befindet. Im Netz gibt es einige Tipps von Musikuntermalung bis hin zu „Wie verpacke ich das wieder, damit es neu benutzt werden kann“. Und wer gar nicht weiterkommt, findet sogar häppchenweise Lösungstipps. Die Geschichte ist sehr intensiv und ermöglicht mehrere Ausgänge. Auch hier gibt es im Januar ein neues Abenteuer.

Hier hatten wir die Gelegenheit, Probe zu spielen. HCM Kinzel hatte an seinem Stand einen kleinen Escape Room-Pavillon aufgebaut, in dem man zu sechst, angeleitet in 20 Minuten, eine Demoversion spielen konnte – quasi einen Teaser auf die aktuelle Spielbox „Das Geheimnis der Sternwarte“. Eingeschlossen in einem Raum mit 5 Rätselprofis konnte sich unsere Testspielerin ganz aufs Beobachten konzentrieren. Konzentration ist gefragt, Symbole müssen gefunden und zugeordnet, Reihen erkannt werden. Hier waren die Wände und der Boden präpariert und die Lösungswählscheibe, die man auch im kaufbaren Spiel benutzt, wurde eingeführt. Es ist erstaunlich, wie schnell man einzelne Rätsel lösen kann, nur um dann an der nächsten Knobelaufgabe völlig hilflos zu verzweifeln. Da kommt der Spielleiter ins Spiel, der durch tröstliche Tipps wie „Das Gelbe ist richtig – alle anderen sind falsch“ weiterhelfen kann. Das eigentliche Spiel verspricht auch Tipps für die Ratlosen, kleinschrittig, um nicht zu viel Spielspaß wegzunehmen. Der Zeitdruck ist super für die Atmosphäre – vielleicht nicht ganz so gut fürs Denken, aber es hat unserer Testspielerin so großen Spaß gemacht, dass frau sich sofort das Spiel gekauft hat.

Das Geheimnis der Sternwarte selbst ist aber ein Brettspiel. Es lebt davon, dass man auf kleine Hinweise achten kann und die Übersicht behält, weshalb es noch sehr „tischgebunden“ ist. Aber auch da gibt es gute Aussichten für eine interessante Weiterentwicklung, ein Gespräch am Stand versprach eine noch größere Verzahnung mit anderen Spielelementen für das nächste Set. Z. B. dass man Fingerfertigkeit beweisen muss, wenn man Umschläge öffnen will, und somit auf ein „Crossover“ mit der Abteilung für Knobelspiele zu hoffen ist.

Tausend Arten, um zu entkommen

Wer jetzt wirklich der richtige Anbieter ist, ist sehr schwierig zu beantworten, da sich die Rätsel sehr unterscheiden. Die Beispielkabinen auf der Messe wurden nur für kürzere Varianten genutzt mit „nur“ 20–30 Minuten Spielzeit – geübte Escapler schafften sie teilweise auch in 8 Minuten. Manche Mitspieler brauchten einen kleinen Anschub – allerdings ist das wieder ein Sonderfall der Messe, wenn alle einfach um einen Tisch herumsitzen, soll es einfacher sein, mitzumachen.

Allen Escape Room-Spielen gemein ist: Jeder Spieler kann das Spiel nur einmal spielen, danach kennt er die Lösung. Bei Noris können die „Verbrauchsmaterialien“ von der Webseite geladen und wieder ausgedruckt werden. Bei Kosmos ist das Spiel nach einmaliger Nutzung zerstört. Bei HCM Kinzel kann man das Spiel weitergeben, wenn man die Umschläge nicht zu schlecht behandelt hat und wieder zuklebt.

Auf jeden Fall waren die Spiele der Abräumer auf der Messe. Selbst die Verkäufer waren überrascht, wie hoch der Prozentsatz derer war, die nach den Probespielen noch Geld daließen.

Abseits von den Brett-/Karten-Varianten war mit Mystery Rooms auch einer der bekanntesten deutschen Anbieter in Essen vor Ort. Der Anbieter ist sehr erfindungsreich und stellt mittlerweile auch einiges im Umfeld zur Verfügung (Events, Assessment Center, transportable Rätselboxen für Veranstaltungen außerhalb der normalen Lokalitäten …). Mit Mystery City gibt es auch die „Schnitzeljagd 2.0“ und demnächst werden erotische Live Escapes für frischen Wind sorgen – auch wenn der Westfale in mir sich das jetzt nicht so vorstellen kann …

Autoren: Corinna Vanvlodorp, Carsten Thurau
Bilder: Merz Verlag, Corinna Vanvlodorp

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