Rumors Fährte

Schwarze Fantastik

Kategorie: Literatur
Tags: Fantasy Kurzgeschichte Anthologie Weird Fiction Tobias Reckermann, White Train Nighttrain
von Andreas Giesbert (Text)

Fantasy hat viele Facetten und Gesichter. Ob High, Low, Dark oder Romantic Fantasy: Das Angebot ist so vielfältig, dass sich jede*r seine oder ihre Lieblingsnische wählen kann. Zwischen all den Chroniken, Liedern oder Sagen heben sich nur wenige Weltentwürfe wirklich markant ab. Rumors Fährte ist zwar keine Fantasy-Sammlung im strengen Sinne, präsentiert aber einen dieser Entwürfe, die anders sind, indem sie uns einen unerbittlichen, unnachgiebigen Blick auf ebenso gnadenlose Welten freilegen.

Aber der Reihe nach: Rumors Fährte versammelt 16 Erzählungen und ein Manifest von Tobias Reckermann auf 285 Seiten, erschienen im vom Autor selbst betriebenen Nighttrain-Verlag. Die Geschichten decken dabei ein weites Spektrum von gegenwärtiger Weird Fiction über Horror bis hin zu mittelalterlicher Fantasy ab. 

Nachtlande: Verzerrte Gegenwart

„‚Wohin fahren wir?‘, fragt Marla, als ob es eine Antwort auf die Frage geben könnte.“

Wer sich Dank Titelbild und Untertitel auf herkömmliche Fantasy einstellt, wird nach den ersten Seiten etwas verwundert sein. Den Einstieg macht nämlich eine ganz gegenwärtige, äußerst einfühlsame Erzählung einer um eines ihrer Mitglieder trauernden Rockband, die ihren toten Drummer in das Nachtland begleitet. Neben ungeheuer plastisch und nahegehenden Beschreibungen, eröffnet sich hier schnell eine Tür in Richtung bildgewaltiger und ebenso nahegehender Fantastik. Und auch wenn uns die nächsten Geschichten in die vom Titelbild versprochene Fantasy führen und so ganz anders sind, nimmt dieser Trauermarsch schon ein zentrales Thema des Bandes vorweg: Einen Roadtrip ins Unbekannte. Er weist aber auch den Weg für die anderen, eher in der Gegenwart oder nahen Zukunft (wer weiß das schon so genau) spielenden Geschichten, die sich gleichermaßen durch einen Blick fürs Detail und eine teilweise fast unerträgliche Verzerrung der Wirklichkeit auszeichnen. Genau diese Mischung lässt in uns reale Ängste aufkommen, die direkt aus unserem Alltag entspringen könnten und uns in eine diffuse Zwischenwelt aus Wirklichkeit und Fantastik führen. Geht es in den Bereich kontemporärer Weird Fiction, ist Reckermann zweifelsohne ganz in seinem Element. Im Gegensatz zu Sammlungen wie die jüngst mit dem 4. Platz des Vincent Preises geehrte Sammlung Gotheim an der Ur oder Futur III, führt uns Rumors Fährte aber auch in düstere Fantasywelten ...

Rumors Fährte: Schwarze Fantastik

„Es gab keinen Ort für ein Lager, nicht eine Lichtung auf dem ganzen langen Weg bisher, nichts, das auch nur zum Verweilen eignete.”

Etwa die Hälfte des Bandes machen lose zusammenhängende Fantasygeschichten aus, die von einer beständigen Reise auf Rumors Fährte berichten. Eine Reise, die sich an seltsamen Prophezeihungen orientiert und scheinbar weder Anfang noch Ende kennt und an dessen Ziel weder die Rettung der Welt, noch ein Schatz locken. Es wartet allerhöchstens das Ende der beschwerlichen Reise selber. Man muss dieses Suchen zu schätzen wissen, um das Buch genießen zu können. Hier liegt kein ausgefeilter Plot zu Grunde, keine starken Charaktere mit großem Identifikationspotential, und bestimmt keine strahlenden Helden mit mächtigen Kräften. Dennoch bekommt man mindestens ein Element, dass man auch in herkömmlicher Fantastik erwarten würde: Einen Einblick in eine Welt, die mit ihren eigenen Gesetzen, Welterklärungen und Traditionen daherkommt. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf letzteren Aspekten. Anstatt, dass Mythologie und Weltverständnis der Charaktere ein nettes Gimmick am Rande darstellen, ist die Welterklärung genau der Bereich in dem Reckermann brilliert. Er dreht nicht nur an ein paar Stellschrauben eines antiken Pantheons, das dann zur Kulisse einer Fantasy-Religion würde, sondern schleudert uns direkt in die Köpfe von Bewohnern einer fremden Welt, die genauso verzweifelt versuchen, ihre Welt zu verstehen wie wir die unsere. Sein Weltenbau blickt durch die Augen der Charaktere und geschieht nicht aus der Feldherrenperspektive, was dann oft mit mehr Fragen als Antworten einhergeht.

Schwarze Fantastik ist demnach weit davon entfernt, eine bloße Eindeutschung der Dark Fantasy zu sein, sondern bildet fast schon ein eigenes Genre. Zumindest einen Stil, den man so eben nur bei Reckermann finden wird. Die hier präsentierten Erzählungen sind nicht "dark", weil sie auch mal graue oder tiefschwarze Charaktere zeigen oder ihre Fantasy mit sadistischem Blutvergießen anreichern, sondern weil sie eine unergiebige Welt zeigen. Eine Welt, die so lebensfeindlich ist, dass sie schwere Entscheidungen und unnachgiebige Handlungen verlangt. Eine Welt, die nach Blut dürstet, keinen anderen Ausweg als Kollaboration und Opfer zeigt und sich dabei kühler, klarer Logik entzieht. Eine Welt, in der nur Mystiker und Philosophen Antworten geben können, die man oft lieber vergessen als realisiert sehen würde. Eine Welt, in der die Sprache so gefährlich sein kann, dass man Magiern die Zungen mit Dornen durchstößt, ohne dass es einen Hauch von makaberer Romantik oder cooler Männlichkeit mit sich brächte. Und diese Welt ist nun auch der Hauptcharakter all der Geschichten. Wir lesen keine langen Dialoge, haben es nicht mit Verschwörungen, Verrat oder Abenteuer zu tun, sondern einer Truppe Menschen, die auf Rumors Fährte wandelt, um zu überleben.


Maelström der Worte

„Ich erkannte, dass auch die kosmische Nacht eine Maske trägt – die wir den Tag nennen! – die nur geradeso verbirgt, was in Wahrheit hinter allen Dingen lauert.”

Das deutlichste Charakteristikum neben der ungewöhnlichen Perspektive ist schließlich Reckermanns Stil. Er öffnet ein Tor in eine andere Welt, durch das seine Worte unnachgiebig an uns zerren. Es ist dabei keine Entspannung, vielleicht nicht einmal eine Freude, die Stufen herab zu nehmen und uns Wort um Wort nach unten zu quälen. Aber es ist eine der intensivsten Leseerfahrungen, die man in der kontemporären Fantastik machen kann. Reckermann ist zuerst seiner Welt und seinen Worten verpflichtet und dort gibt es keinen Platz, nachgiebig mit uns zu sein.

Das verlangt uns einiges ab. Reckermann wirft herkömmliche Plotstrukturen ebenso wie schillernde Charaktere, lange Dialoge und andere Gewohnheiten über Bord, um eine kompromisslose Fantastik zu erzählen. Dadurch ist Rumors Fährte ganz bestimmt kein Buch für jede Zielgruppe. Man muss bereit sein, sich auf eine wirklich dunkle Gedankenwelt einzulassen und von dieser gefordert zu werden. Wer genau so eine anspruchsvolle Fantasy jenseits von Klischees und Abenteuer sucht, wird hier jedoch eine originäre, unvergessliche Erfahrung sammeln und einer der kompromisslosesten Stimmen deutschsprachiger Fantastik lauschen dürfen. 

Der Rezension lag eine digitale Rezensionsversion der Erstauflage zu Grunde.

Andreas Giesbert
Über den Autor (Text)

Andreas Giesbert schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Rumors Fährte
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
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