Rock'n Rodeo

Der Festivalmanager

// Brett- und Kartenspiele

Festivals können ganz schön aufreibend sein. Die mehreren Tage Konzertgenuss wollen gut geplant sein. Und was schon für Fans anstrengend sein kann, wird für Veranstalter erst recht zur haarigen Angelegenheit. Rock‘n Rodeo lässt uns diese Perspektive als Brettspiel nachempfinden und beweist dabei Anspruch und feinsinnigen Humor.

Das Erste, was einem beim Blick auf und in die Schachtel entgegenspringt, ist das Thema. Rock’n Rodeo versprüht genau das, was der Titel verspricht: Festivalfeeling. Dass es die Autoren damit ernst meinen und sie selber ambitionierte Festivalgänger sind, merkt man dem Spiel bis in die letzte Pore an. Zuerst wäre da unsere Aufgabe. Wir schlüpfen in die Haut von Festivalveranstaltern, die das prestigeträchtigste Event organisieren sollen.

Humor und Festivalfeeling

Natürlich übernehmen wir nicht ein x-beliebiges Festival, sondern jeder Spieler wird zum Manager eines der großen deutschen Festivals bzw. seiner fiktiven Variante. So organisieren wir beispielsweise das Punkfestival Force Defense oder das Dong Open Air. Dazu buchen wir Bands aus vier Genres: Metal, Punk, Indie und Reggae, um Fans eben jener Stile anzulocken. Auch hier bleibt es thematisch. Die Bands sind humoristische Varianten existierender Bands, wie die „Förderschule“, „Wild.Sau“, „the Sweet Sour Potato Snackers“ oder „Rob Harley“. Auch wenn es generisch wird, bleibt es lustig und wir engagieren konsequenterweise „Irgendeine ‚the‘ Band“.

Der Humor des Spiels ist dabei durchaus gelungen und beschränkt sich nicht auf die manchmal simplen Wortwitze. Auch die individuellen Illustrationen (von den Machern von Punks'n'Banters) greifen das Thema auf und im besten Fall gelingt es den Machern sogar, die Sondereffekte der Bands passend zu gestalten. Ähnliches gilt auch für die Fans, die aus etwa 30 verschiedenen individuellen Fangrüppchen bestehen. Auch ist jede Gruppe individuell und liebevoll illustriert, gelungen mit Klischees unterfüttert und generiert sogar passende Regeleffekte. Unsere „Oldschool Hardcorler“ schwören so laut Zitat auf Straight Edge und haben daher mehr Finanzmittel, wenn sie kein Bier trinken. Und die Antifa ist immun gegenüber das Event Faschisten. Auch hier nutzt sich der Humor sich zwar mit der Zeit ab, ist aber stilvoll genug, um nicht von den Wortwitzen allein zu leben.

Wer Festivalfan ist und von den individuellen Bands und Fans noch nicht überzeugt ist, wird spätestens bei den Figuren feuchte Augen bekommen. Für einen Kleinverlag höchst ungewöhnlich sind individuelle Metal Meeples produziert worden, die stilvoll Satanshörner in die Luft recken. Das Thema trifft vom Humor und Material bereits in die Vollen und muss sich von der Produktion her auch vor Großverlagen nicht verstecken. Jedes Icon und Plättchen ist passend gestaltet und weist ein konsistentes Design auf.

Echter Festivalmanager

Lustige thematische Spiele laufen oft Gefahr, bloß über ihren Humor zu funktionieren. Hat man jeden Witz einmal gesehen, kommt manch eines dieser Spiele nicht mehr auf den Tisch. Wichtig ist also auch, ob das Spiel unabhängig der Witze funktioniert.

Zuerst einmal wählt Rock‘n Rodeo einen unerwarteten Ansatz. Es ist kein schnelles Kartenspiel für zwischendurch, sondern schon allein mit den ca. 90 Minuten Spieldauer ein großes Spiel. Und nicht nur die Dauer ist für ein auf den ersten Blick witziges Spiel äußerst beachtlich, sondern auch die Komplexität. Rock’n Rodeo will ein echter Festivalmanager sein, der sich zwar nicht um Humor drückt, aber im Endeffekt strategisch anspruchsvoll sein will. Es gilt Einnahmen zu generieren, die Stimmung oben zu halten und dabei am besten noch den Hygienestatus im Blick zu haben und zu vermeiden, dass das Festival in Chaos umschlägt. Ein Festivaljahr will daher äußerst gut geplant sein und konfrontiert uns mit zahlreichen verzahnten Entscheidungen.

Am Anfang eines jeden unserer drei Jahre steht natürlich das Booking. Wir wählen aus von Jahr zu Jahr bekanntere Bands aus, die nicht nur bezahlt werden wollen, sondern auch ihre eigenen Fans mitbringen. Die werden wiederum durch eigene Karten repräsentiert und wollen gut untergebracht werden. Haben wir gebucht, wird entsprechend unseres Festivals das Gelände aufgebaut und das Lineup festgelegt. Neben Verkaufsständen will auch das Parkplatz- und Zeltgelände bestimmt werden und müssen Dixi – pardon, WIXI – Klos aufgebaut werden. Dann geht es auch schon an die Anreise. Hier müssen die Fans versorgt werden, wobei jede Fraktion bevorzugte Nachbarn und verfeindete Gruppierungen hat. Fast wie in einem Puzzle müssen wir versuchen, die Gruppen ihren Präferenzen entsprechend zu platzieren und es jeder Fraktion recht zu machen. Das kann durchaus komplex werden, zumal alle Fans zuerst vorne campieren wollen und wir dann auch noch Dreckfelder berücksichtigen müssen. Gelingt uns das nicht, gibt es unzufriedene Fans, die tödlich für unsere Stimmung sind.

Nach der Anreise folgt Zeit für Ereignisse und natürlich der heißersehnte Festivalabend. Hier können wir unsere Fans auf Bands und Merchandisestände verteilen, austreten lassen oder einfach nur zum Feiern bringen. Das Festival wird also detailverliebt bevölkert. In der Nacht werten wir schließlich unseren Festivalzustand aus bevor es an die Abende Zwei und Drei geht.

Strategische Tiefe und Fanspaß

Das lustig lockere Thema des Spiels verwandelt sich schnell in ein komplexes Managementspiel. Zu obigen Grundregeln kommen unterschiedliche Finanzmittel der Fangruppen, erwerbbare Festivalausbauten und zahlreiche kleine Sondereffekte von Bands und Fans. Diese sind durchweg gut gestaltet und sorgen immer wieder für lustige und passende Situationen, dennoch wird das Spiel stellenweise zum unübersichtlichen Mikromanagement. Auch muss man bereits bei der Bandwahl mitbedenken, welche Fans wo hausen können und wie viel Geld sie mitbringen, um unsere Stände optimal zu nutzen. Übersieht man da etwas, kann ein Festivaljahr ganz schnell frustrierend werden.

Grundsätzlich liefert Rock’n Rodeo damit ein überraschend komplexes Spielerlebnis. Dass das Spiel ausreichend getestet wurde, sieht man den sinnvollen Interaktionen und hilfreichen Anmerkungen an. Dennoch merkt man dem Spiel auch seinen Fanhintergrund an. Die Subsysteme fallen manchmal etwas auseinander und es kommt immer wieder zu etwas hakeligen Situationen oder komplexeren Rechnungen. Rock‘n Rodeo will an manchen Stellen einfach etwas zu viel. Unterschiedliche Startbedingungen, ein recht kompliziertes Legeprinzip mit diversen Einschränkungen, abendgenaue Planung, individuelles Fanbudget und die drei Zustandsleisten können auch geübten Spielern über den Kopf wachsen. Lässt man sich auf dieses Erlebnis ein, vermag Rock’n Rodeo jedoch strategische Tiefe zu gewinnen und ein Festival sinnvoll zu simulieren. Nur ein schnelles Kartenspielchen darf man eben nicht erwarten.

Fazit

Rock’n Rodeo ist anders als erwartet. Die witzige Gestaltung macht nur eine Seite des Spiels aus, das sich als abendfüllende Simulation erweist. Sowohl Humor als auch Spielmaterial müssen sich nicht vor der großen Konkurrenz verstecken. Gerade bei Letzterem gebührt Mantikore ein großes Lob. Auch der große Wiederspielwert und die detailverliebte Adaption von Bands und Fans sind äußerst gelungen.

Dennoch ist die spielerische Umsetzung etwas holprig. Rock’n Rodeo ist kein schlecht designtes Spiel und wirkt gut durchdacht und getestet, will aber manchmal etwas viel. Ist man sich bewusst, dass hinter der Comicfassade ein komplexes Managementspiel lauert, gibt es an dem Spiel nichts auszusetzen. Es hält, was es verspricht: guten Humor und eine „realistische“ Festivalsituation. Nur zum Warm-up bei Bier und Bretzeln oder als schnelle Runde im Festivalzelt wird das Spiel enttäuschen.

Rock'n Rodeo
(Mantikore-Verlag, 2014)
ca. 90 Minuten, 2-4 Spieler, ab 14
Webseite: Rock'n Rodeo

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