Private Eye – Liebe, Geld und andere Intrigen

Abwechslungsreiche Spurensuche

Kategorie: Pen & Paper
Tags: Private Eye Detektivspiel Viktorianisches Zeitalter Abenteuer Krimi Redaktion Phantastik Anthologie Martin Dürr Markus Kühn Ralf Sandfuchs Natascha Weiler
von Andreas Giesbert

Private Eye gehört zu den kleinen, aber beständigen Rollenspielen der deutschsprachigen Phantastikszene. Mittlerweile in beachtlicher 5. Auflage erschienen und sogar ins Englische übersetzt, ist das Rollenspiel der sympathischen Redaktion Phantastik von Cons und Messen nicht mehr wegzudenken. Dabei ist Private Eye auf den ersten Blick nicht sonderlich auffällig. Das Spiel glänzt nicht durch einen besonderen historischen Twist, hat keine innovative Fantasyspielwelt vorzuweisen und liefert nicht einmal ein explosives Regelsystem. Stattdessen bietet es angenehm nüchternes und unscheinbares Investigativrollenspiel.

Auf den Spuren von Holmes

Angesiedelt in der klassischen Phase der Kriminalromane – dem London des viktorianischen Londons –, weilen die Spieler gewissermaßen auf den Spuren von Sherlock Holmes. Das Spiel ist dabei bewusst realistisch gehalten. Keine Magie oder andere übersinnliche Faktoren trüben den Spürsinn der Charaktere, die ganz übliche Detektive, Kriminologen oder Scotland-Yard-Mitarbeiter verkörpern. Das macht das Spiel nicht nur einsteigerfreundlich für Rollenspielneulinge, sondern ist auch für den investigativen Ansatz notwendig, der das Spiel auszeichnet.

Detektive zu spielen ist nicht nur ein anderer Fokus, sondern fühlt sich am Spieltisch deutlich anders an als klassisches Rollenspiel. Proben und Level-Ups machen nur kleine Randfaktoren aus, während das Finden und – wichtiger noch – Verbinden von Hinweisen im Mittelpunkt eines Spielabends steht. Auf Spielerseite bedeutet das, dass aktives Mitdenken gefragt ist. Allein durch gute Werte und Würfelglück kommt man als Gruppe kaum voran.

Der investigative Ansatz stellt auch für die Spielleiterin eine ganz neue Herausforderung dar. Ein Abenteuer lässt sich nicht mal eben so improvisieren, da sich jedes Detail am Ende ins Puzzle des Gesamtbildes einfügen muss. Mit Monstermanual und ein paar Rätseln ist der Abenteuerabend also nicht gestemmt. Dementsprechend steht und fällt Private Eye – noch stärker als andere Systeme – mit gut konzipierten Abenteuerbänden, die sich nicht ganz unbeabsichtigt auch für andere zeitnahe Systeme portieren lassen. Ein regelarmer Ansatz machen sowohl das Grundregelwerk als auch die Abenteuer nicht nur für reine Private Eye-Gruppen interessant.

Liebe, Geld und andere Intrigen

Der mittlerweile zehnte Abenteuerband der Reihe versammelt zum Jubiläum gleich drei Abenteuer. Die haben es in sich und könnten unterschiedlicher kaum sein. Dabei ist keines der drei ist ein ganz klassisches Private Eye-Abenteuer. Hervorgegangen aus einem Abenteuerwettbewerb, haben die Autoren jeweils einen anderen, abwechslungsreichen Ansatz gewählt, der die Detektive in mehr oder minder unbekannte Gefilde lockt.

Gewinner des Wettbewerbs ist Sandfuchs’ titelgebendes Liebe, Geld und andere Intrigen. Auf den ersten Blick ist es das klassischste Abenteuer des Bandes. Es spielt in London vor dem Hintergrund der feinen Gesellschaft. Im Mittelpunkt stehen jedoch weniger trockene Befragungen als das Gesellschaften selbst, also das geschickte Manövrieren und Integrieren in wohlhabenden Kreisen. Die unterschiedlichen Vorgehensweisen und ein etwas uneindeutiges Ende sorgen zweifelsohne für ein Gentlemenwürdiges Spielerlebnis. Auch für die Spielleiterin wurde das Leben dank Beziehungskarte und klarem Abenteueraufbau leicht gemacht. Auf unter 18 Seiten bietet das Abenteuer ein recht schnell vorbereitetes, aber eng verzahntes und äußerst variables Abenteuer für erfahrene Spielleiterinnen.

Auch das zweite Abenteuer von Natascha Weiler spielt erst einmal vor altbekanntem Hintergrund. Einbrüche im viktorianischen London sind fast so klassisch wie Mordfälle. Die vorliegende Einbruchsserie entpuppt sich aber als durchaus ungewöhnlich und ist mit Der Magier trefflich überschrieben. Besonders gelungen sind die ergänzenden Infoboxen mit kriminalistischen Details und die praktischen Bodenpläne für Spielleiterin und Gruppe. Auch das wiederum moralisch uneindeutige Ende kann überzeugen.

Die Leiche im Moor von Martin Dürr und Markus Kühn verlegt die Geschehnisse aus dem überlaufenen London in das North York Moor. Dadurch eignet es sich als eine äußerst gelungene Abwechslung für feste Gruppen oder vielleicht sogar für ein unerwartet uncthuloides Abenteuer einer Cthulhu-Gaslicht-Runde. Mit gelungenen Einführungsmöglichkeiten für die Detektive lebt das Abenteuer stark vom ländlichen Hintergrund und einer kleinen Einstiegsüberraschung. Vielleicht eignet sich das letzte Abenteuer der Gruppe sogar gut für Anfängerrunden, muss man doch nicht allzu vertraut mit Etikette und viktorianischer Gesellschaft sein, zumal die Ortsauswahl angenehm beschränkt ist. Diese Reise ins Moor werden also auch neue Gruppen so schnell nicht vergessen …

Fazit

Die drei Abenteuer des Private Eye-Jubiläumsbandes eint ein vorbereitungsfreundlicher Aufbau und Abwechslungsreichtum. Alle Abenteuer führen die Gruppe in ungewohnte Gefilde und ungewohnte Konflikte. Die Abenteuer richten sich primär an erfahrenere Spielleiterinnen und Gruppen, bieten aber eine gelungene Abwechslung für Private Eye-Runden oder andere zeitnahe Systeme. Sie zeigen, dass es beim Investigationsrollenspiel äußerst überraschungs- und abwechslungsreich zugehen kann. Wer historisches Rollenspiel und Kriminalgeschichten mag, kommt voll auf seine Kosten. Wer damit nichts anfangen kann, sollte der Spur dennoch neugierig nachgehen.

Liebe, Geld und andere Intrigen
Martin Dürr, Markus Kühn, Ralf Sandfuchs, Natascha Weiler
(Redaktion Phantastik)
2–6 Spieler
Webseite: Abenteuerband 10 bei Redaktion Phantastik


Andreas Giesbert
Über den Autor

Andreas Giesbert schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Private Eye – Liebe, Geld und andere Intrigen
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
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