Ori and the Will of the Wisps

Märchenhaft inszeniertes Abenteuer

Kategorie: Games
von Marc Haarmann

Wenn ein Studio es schafft, eine herzerwärmende Geschichte ohne große Worte zu erzählen, dann sind es die Moon Studios.

Schon in Ori and the Blind Forest versetzte uns der märchenhaft gezeichnete Prolog in eine Stimmung, wie wir sie sonst nur aus Filmen wie Das letzte Einhorn oder Disneys Phantasia kennen, und das allein durch Bildsprache und Musik. Auch der neue Teil Ori and the Will of the Wisp beginnt mit einer wunderschönen, aber tragischen Vorgeschichte. Es hilft zwar, den Vorgänger gespielt zu haben, aber auch für Neueinsteiger ist die Geschichte problemlos nachzuvollziehen.

Die mystischen Kreaturen Naru, Kumo und das Geisterwesen Ori erleben, wie Ku geboren wird. Ku ist eine Eule und das Kind von Kuro, die im Vorgänger ein Feind war. Doch wie sich herausstellte, dienten ihre Motive letztlich dem Schutz ihres einzigen Kindes. Nun liegt es an uns, der jungen Eule das Fliegen beizubringen, aber Kus kaputter Flügel zerstört zunächst ihre Träume. Ori findet eine Feder ihrer Mutter und hilft Ku mit einem Trick letztlich doch in die Lüfte. Gemeinsam fliegen Ori und Ku mit den Vögeln in den Sonnenuntergang, doch dann geraten sie in einen Sturm und fallen zu Boden. Getrennt voneinander auf einer völlig unbekannten Insel mit düsteren Kreaturen beginnt ein neues Abenteuer, um die wehrlose Ku zu retten.

Neues Upgradesystem

Ori selbst hat sämtliche Fähigkeiten aus dem Vorgänger verloren und startet komplett ohne Waffen mit einem Minimum an Lebensenergie. Am Fortschrittssystem hat sich eine Menge geändert. Allem voran wurde das Speichersystem durch Checkpoints ersetzt. Im Vorgänger konnte man sich selbst Speicherpunkte setzen, doch diese waren nur in einem begrenzten Rahmen einsetzbar, so dass man knauserte und dadurch weite Strecken wiederholen musste. Die neuen automatischen Rücksetzpunkte sind meistens fair verteilt.

Auch im Upgradesystem hat sich einiges verändert. Mit den Geisterlichtern, die von Gegnern hinterlassen werden, können wir bei Händlern neue Geistersplitter kaufen und damit upgraden. Diese geben zum Beispiel mehr Angriffs- oder Abwehrattribute. Vorbei ist es mit dem Levelsystem des Vorgängers, in dem jederzeit neue Fähigkeiten freigeschaltet werden konnten. Die Händler befinden sich nur an ganz bestimmten Orten, und man muss sehr lange Wege zurücklegen, um zu ihnen zu gelangen. Die Anzahl an Plätzen ist zu Beginn ohnehin nur auf drei reduziert. Erhöhen können wir diese durch das Absolvieren sehr knackiger Herausforderungen, die die absolute Beherrschung der Fortbewegung voraussetzen. Angriffe und Zauber sind ebenfalls auf drei begrenzt und können über das Ringemenü jederzeit auf die Tasten X,Y und B verteilt werden.

Wer einfach auskundschaften und die Höhlensysteme nach nützlichen Items absuchen will, kann das nun mit zahlreichen Nebenquests verbinden. Hierbei spielen wir zum Beispiel Paketbote, bringen anderen NPCs Questgegenstände und erhalten dafür neue Splitter oder Energiekugeln. Wer sich wirklich alle Geistersplitter kaufen und aufrüsten möchte, wird lange beschäftigt sein, denn die Preise sind sehr hoch. Es will also genauestens überlegt sein, welche Boni man sich gönnt, wenn man nicht stundenlang Geisterlichter sammeln möchte.

Ein Feuerwerk der Effekte

Die Kämpfe gehen gut von der Hand. Doch besonders in Bosskämpfen, wenn Dutzende Lichteffekte gleichzeitig über den Bildschirm blitzen, geht manchmal die Übersicht verloren. Wird Ori dann noch getroffen, blinkt er kurzzeitig in Regenbogenfarben, was ihn von all den Partikeleffekten der Geschosse, Energiekugeln und Explosionen schwer unterscheidbar werden lässt.

Solche Situationen kommen jedoch nicht allzu oft vor. Die Bosskämpfe selbst sind in mehreren Phasen inszeniert und äußerst spektakulär. Mit der Zeit lernt man, den Attacken auszuweichen und die Zeitfenster zu nutzen, um selbst anzugreifen.

Es gibt auch wieder die aus dem ersten Teil bekannten Fluchtsequenzen. Wer diese beim ersten Anlauf bereits packt, kann sich wahrlich auf die Schulter klopfen. Ansonsten werden wir in unserer Hektik kalt erwischt und stürzen in die Tiefe, in eine Stachelpflanze oder werden von unserem Verfolger eingeholt. Ehe man den Abspann sieht, ist man tausend Tode gestorben, doch keiner von ihnen ist wirklich frustrierend, denn Ladezeiten gibt es nicht und die fairen Rücksetzpunkte strecken die Spielzeit nicht unnötig.

Dabei ist man gerne in der Welt von Ori unterwegs. Kein Schauplatz wirkt generisch. Die handgezeichneten Umgebungen sind mit viel Liebe zum Detail umgesetzt worden. Die Gräser, Büsche und Bäume schwanken im Wind, die Lichtquellen tauchen die Umgebung in mystisches Licht und wirken noch viel mehr als im Vorgänger wie eine dreidimensionale Umgebung. Die Umgebungen erstrecken sich von Wäldern, Höhlen über Wüsten, Schneelandschaften bis hin zu einem Vogelfriedhof. Die grafische Verbesserung treibt allerdings die bereits betagte Xbox One an die Grenzen ihrer Leistungskraft. Die starken Nachladeruckler wurden jedoch größtenteils mit dem ersten Patch behoben. Auf der Xbox One X und dem PC läuft das Spiel stets flüssig mit 60 Bildern pro Sekunde. Zum Zeitpunkt des Tests fanden sich aber noch immer diverse Übersetzungsfehler im Menü, sowie einige Grafikfehler, die nur durch einen Start vom letzten Checkpoint aus zu beseitigen waren.

Der Soundtrack sucht seinesgleichen. Die sphärischen Klänge und Chöre untermalen die bildgewaltigen Szenarien mit viel Emotion und Dramatik. Die zahlreichen NPC-Kreaturen sorgen nicht nur für die eine oder andere Nebenquest, sondern geben auch mehr Hintergrundinformationen über Oris Welt und ihre Kreaturen. Wie auch in den Dark Souls-Spielen sind die Hauptantagonisten nicht grundsätzlich böse, sondern haben, wie schon Kus Mutter Kuro im Vorgänger, eigene tragische Hintergrundgeschichten, die sie zu dem gemacht haben, was wir nun bekämpfen müssen.

Fazit

Ori and the Will of the Wisp ist ein fantastisch inszeniertes "Märchen-Metroidvania"1, das besonders durch seine Rahmenhandlung begeistert. Da ist es nahezu tragisch, dass das Spiel so voller Herausforderungen und spielerischem Anspruch steckt, dass nur die wirklich geschickten Spieler das Ende zu Gesicht bekommen werden. Immerhin gibt es drei Schwierigkeitsgrade. Eine perfekte Beherrschung der Fortbewegungseigenschaften ist dennoch Voraussetzung für das Vorankommen. Das Artdesign, die Atmosphäre und das präzise Gameplay mit seinen knackigen Herausforderungen machen Ori and the Will of the Wisp trotz einiger Bugs zum derzeit besten "Metroidvania" auf dem Spielemarkt. Für einen Preis von rund 30 Euro könnt Ihr nichts falsch machen.

1  Die Genrebeschreibung Metroidvania setzt sich aus den Namen der Spieleklassiker Metroid und Castlevania zusammen und steht für Spiele, die prägende Design- und Spielelemente dieser beiden Action-Adventure-Serien enthalten.

Dieser Artikel erschien erstmals in der Zauberwelten Frühjahr 2020


Weitere Informationen:
Marc  Haarmann
Über den Autor

Marc Haarmann schreibt für Zauberwelten-Online.de.

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