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Mythos Tales

Ermittlungen gegen Cthulhus Diener

Kategorie: Brett- und Kartenspiele
Tags: Brettspiel Krimi Koop Cthulhu Lovecraft
von Andreas Giesbert

Investigationsspiele sind eine ganz eigene Art von Spielen. Statt gegeneinander anzutreten, geht es hier darum, einen Kriminalfall zu lösen. Während solche Spiele üblicherweise an der Bakerstreet oder in einem modernen Kriminalbüro spielen, führen uns Mythos Tales in das beschauliche Städtchen Arkham. Und dass wir es hier mit Kultisten anstelle von Serienmördern zu tun bekommen, dürfte niemanden wundern, der schon einmal vom Cthulhu-Mythos gehört hat.

Die Mythos Tales sind bereits 2016 im Rahmen eines Kickstarters auf Englisch erschienen. Seit Ende letzten Jahres liegen die acht cthuloiden Kriminalfälle nun auch auf Deutsch vor. Mit Pegasus wurde dabei ein Verlag gefunden, der schon zahlreiche Cthulhu-Produkte in seinem Repertoire hat, nicht zuletzt das bekannte Cthulhu-Rollenspiel.

Sherlock in Arkham?

Schon ein kurzer Blick auf die Spielangaben könnte klassische Brettspieler irritieren. 90-120 Minuten Spielzeit sind zwar keine Seltenheit, aber dass gleich 1–10 Spieler am Produkt teilhaben können, ist schon etwas ungewöhnlicher. Und dann bekommen wir es auch noch mit „8 Ermittlungen gegen die Diener des Cthulhu“ zu tun. Sind das nun Szenarios? Spielmodi? Oder was hat es mit den Ermittlungen auf sich?

Wer schon einmal ein Investigationsbrettspiel gespielt hat, dürfte hingegen weniger irritiert sein. Mythos Tales orientiert sich ganz an den Klassikern des Genres, am bekanntesten wohl dem Spiel des Jahres 1985: Sherlock Holmes: Criminal Cabinet. Dessen Markenzeichen war es, ein bis dato ganz unbekanntes Spielformat zu begründen. Ganz im Mittelpunkt stand die Aufgabe, einen Kriminalfall zu lösen. Dafür hat uns das Spiel – fast wie eine Rollenspielbox – einen Stadtplan, ein Adressbuch, Tageszeitungen, Regeln, ein Ermittlungsbuch und ein Quiz-Buch an die Hand gegeben. Mit Hilfe dieser Materialien sollte ein Fall rekonstruiert und über Fragen entschieden werden, ob man auf der richtigen Spur war.

Dass es ein klassisches Brettspielpublikum im Sinne hatte, zeigte sich fast nur noch an der Punktewertung. Jede richtige Frage belohnte uns mit Siegpunkten und jeder benötigte Investigationsschritt reduzierte diesen Wert. Tatsächlich war neben dem gemeinsamen Spielen ein Wettkampfmodus eingebaut und gemeinsam musste man sich mit Holmes vergleichen, der den Fall parallel zu uns gelöst hat. Dank absurd genialer Kurzschlüsse kam er in wenigen Schritten zum Ziel, sodass es fast unmöglich war, ihn zu besiegen. Und auch die Vorstellung eines Detektiv-Wettrennens passt eigentlich nicht zu den durchaus ernsten Mordfällen des Spiels.

Aber wieso über Sherlock schreiben, wenn es doch um Arkham und Cthulhu geht? Ganz einfach: Mythos Tales überträgt das Prinzip des kriminellen Kabinetts fast identisch auf Lovecrafts Mythoswelt. Auch hier haben wir diverse Tageszeitungen, ein Adressbuch und einen Spielplan zur Verfügung. Nur die Fälle wurden zusammen mit den Lösungen in einem fast 200-seitigen Buch zusammengefasst. Stand uns vorher Sherlock Holmes als Konkurrent gegenüber, übernimmt diese Rolle nun der allseits bekannte Dr. Armitage, der wie sein Vorbild ebenfalls parallel einen Optimalweg abläuft.  Um es vorwegzunehmen: Die Punktewertung und der Wettlauf mit Armitage gehören fraglos zu den Relikten des Vorgängers und wirkten schon damals etwas deplatziert. Entscheidend für das Spielerlebnis sind beide Aspekte jedoch nicht. Kern ist nämlich ein ebenso simples wie geniales Spielprinzip.

Spielweise

Mythos Tales ist im Wesentlichen um die Fälle herum strukturiert. Armitage bittet uns üblicherweise in sein Büro, wo er uns mit einem Mysterium konfrontiert. Er gibt uns eine etwa einseitige atmosphärische Einführung in einen Fall, den wir im Folgenden lösen sollen. Dabei müssen wir von Beginn an aufmerksam auf Namen und Orte achten, die dankbarer Weise im Text hervorgehoben wurden. Namen und Orte können wir nämlich unter Zuhilfenahme des Adressbuches besuchen, indem wir den passenden Eintrag im „Buch der Ermittlungen“ nachschlagen. So können wir den (ehemaligen) Wohnort eines Opfers aufsuchen oder einen bei der Polizei festgehaltenen Zeugen befragen. Die so angesteuerten Abschnitte geben uns neue Hinweise, die im besten Fall wiederum neue Orte oder Personen offenbaren. Oberstes Ziel ist dabei, ein authentisches Investigationsgefühl aufzubauen. Dementsprechend müssen unterschiedliche Quellen konsultiert und Schlüsse gezogen werden. Das Adressbuch ermöglicht uns nämlich auch, Orte zu finden, die vielleicht nur angedeutet wurden. Sprach der Zeuge von einer Kirche? Wenn ja, welche könnte gemeint gewesen sein? Sollten wir zu den Baptisten oder doch lieber zu den Methodisten gehen?

Auch die Zeitungen des aktuellen Falles – und alle zeitlich zurückliegenden Ausgaben – können weitere Hinweise ausspucken, erhalten aber auch Finten. Und wenn uns das nicht reicht, stehen uns noch ganze 17 Expertinnen und Experten zur Verfügung.  Dadurch entsteht das Gefühl großer Freiheit. Tatsächlich können wir auch manche abseitigen Ermittlungen aufnehmen, aber natürlich sind je Fall nur eine beschränkte Auswahl an Orten ausgearbeitet worden. Ganz abseitige Wege führen also ins Nichts, da sie keinen Eintrag bekommen haben.

Grundsätzlich besprechen wir in Mythos Tales genauso wie bei Sherlock Holmes, welchen Pfaden wir folgen wollen, und lesen dann – am besten reihum – den jeweiligen Abschnitt vor.  So lässt sich das Spiel genauso gut allein wie als Großgruppe spielen, überlässt uns aber dabei die Arbeit der Aufgabenteilung. Es wird kein Versuch unternommen, das Wissen der Spieler aufzuteilen, oder zu verhindern, dass sich eine Leitinvestigatorin die karierte Sherlockmütze aufsetzt und allen sagt, wo es lang zu gehen hat …

Regeln

So weit verstehen sich die Mythos Tales fast von selbst. Ein paar kleinere Regeln und Regelneuerungen weist das Spiel aber dennoch auf. Zum einen wurden Tageszeiten und ein festes Ende eingeführt. Jeder Abschnitt entspricht nun Vormittag, Mittag oder Abend und nach einer bestimmten Anzahl an Tagen müssen wir Armitage Bericht erstatten. So werden unendlich lange Partien vermieden und einzelne Abschnitte sind je nach Tageszeit unterschiedlich aufgebaut. Auch wurden Bedingungsmarker eingeführt, die uns weitere Optionen freispielen. So erhalten wir bei besonders wichtigen Informationen oder Ereignissen ein nummeriertes Plättchen, das uns bei anderen Abschnitten Bonusinformationen freischaltet. Wirklich intensiv wird diese Mechanik aber nicht genutzt. Und auch eine Verfolgungsregel in einem Fall verweist einfach nur auf einen anderen Satz an Abschnitten.

Insgesamt merkt man den Regeln leider ihr Alter an. Gerade wenn man die Mythos Tales mit modernen Titeln wie den Chronicles of Crime oder dem ebenfalls im Pegasus Verlag erschienenen Detective vergleicht, wirken sie etwas angestaubt. Ein paar simple Regeln hätten dem Spiel ebenso gut getan wie eine etwas abwechslungsreichere Auswahl an Materialien oder eine innovativere Kampagne.

Aufmachung und Lokalisierung

Im Gegensatz zu den Regeln hat sich in Bezug auf die Gestaltung einiges getan. Das „Buch der Ermittlungen“ wirkt höchst professionell. Mit unterschiedlichen Farben werden die Investigations-, Bonus- und Lösungsteile optisch klar getrennt. Schön illustrierte Titelseiten leiten die Fälle ein und eingestreute Illustrationen werten die Fälle spürbar auf, auch wenn sie manchmal etwas zu früh gesehen werden. Optisch ist das Spiel ein wahrer Leckerbissen und man merkt die Erfahrung des Pegasus-Teams, wenn es um cthuloide Spiele geht. Allein die Papierwahl fügt einiges zur Stimmung hinzu und auch Marker, Zeittafel und Spielmarker sind hochwertig gestaltet, aber im Endeffekt leider fast verzichtbar. Einzig ein Lesebändchen fehlt, wäre aber technisch beim Softcoverbuch wohl nicht umsetzbar gewesen.

Die Lokalisierung hinterlässt ansonsten ein gemischtes Gefühl. Die zahlreichen Fehler der englischen Vorlage wurden ausgebessert, was viel Frust ersparen dürfte. Dafür ist die Übersetzung fehleranfällig. Zwar geht der Sinn nicht verloren, es haben sich aber inkonsistente Namen eingeschlichen (so heißt es etwa an einer Stelle „Order of the Silver Dawn“ statt „Twilight“) sowie einige holprige oder gar grammatikalisch falsche Sätze. Auch die Übersetzung der zentralen Orte Arkhams wurde nur sehr spärlich geleistet. Hier hätte auch die „Gemiedene Insel“ eine „Unvisited Isle“ bleiben dürfen. Bei einem textintensiven Spiel wie diesem sind solche Fehler zwar nachvollziehbar, aber umso ärgerlicher und hier leider keine zu übersehende Seltenheit.

Fälle

Wie schon auf der Box prangt, enthalten die Mythos Tales acht Fälle. Die sind allesamt nur einmal spielbar, es wird aber kein Material zerstört, sodass man das Spiel auch in unterschiedlichen Gruppen nutzen kann. Mit guten 1-2 Std. Spielzeit pro Fall bekommt man auch genug fürs Geld geboten.

Die Fälle sind dabei lose zusammenhängend entworfen worden. Wir spielen also gewissermaßen eine Kampagne, was allerdings lange Pausen zwischen den Abenden etwas erschwert. Die Fälle selber sind weitgehend plausibel aufgebaut und logisch lösbar. Nur die Zeitbegrenzung macht uns manchmal einen Strich durch die Rechnung und ist eines der unnötigen Relikte des Vorgängers.

Der Transfer in den Cthulhu-Kosmos ist hingegen weitgehend gut gelungen. Allerdings sollte man den Mythos entweder kennen oder sich offen darauf einlassen können, um die Logik des Mythos nachzuvollziehen. Im Gegensatz zum viktorianischen England stehen im Arkham der 20er und 30er Jahre zumeist übersinnliche bzw. okkulte Beweggründe im Hintergrund.


Ermittlungen in staubigen Folianten

Das kleine Genre der Investigationsspiele erhält mit Mythos Tales würdigen Zulauf. Wer solche Kriminalspiele schätzt und sich darüber hinaus auf übersinnliche Erklärungen einlassen kann, kommt voll auf seinen Geschmack. Der zugrunde liegende Regelkorpus ist solide, allerdings stellenweise etwas überholt.

Die Pegasus-Lokalisierung kommt mit einer überzeugenden Optik daher, weist aber Übersetzungsprobleme auf. Dafür wurden störende Errata eingearbeitet und Fehler der Vorlage korrigiert.

Positiv:
  • Ungewöhnliches Spielprinzip
  • Schnell verständliche Regeln
  • Optisch hochwertige Aufmachung
Negativ:
  • Übersetzungsfehler
  • Wenig innovative Regeln
Weitere Informationen:
Andreas Giesbert
Über den Autor

Andreas begeistert sich für Rollenspiele, Spielbücher und narrative Brettspiele. In letzter Zeit darf es auch mal ein Ausflug in die düstere Phantastik sein. Sein Profilbild verdankt er Erik R. Andara.

Artikel: Mythos Tales
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
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