Mord im Orient-Express (2017)

Ein Literaturklassiker kehrt in neuer Inkarnation zurück auf die Leinwand

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Kurz vor dem 115. Geburtstag von Agatha Christie wird ein Klassiker neu auf die Leinwand gebracht. Kein geringerer als Kenneth Branagh hat sich sowohl auf den Regiestuhl als auch auf den Stuhl des Hauptdarstellers geschwungen.

Um sich versammelt er eine illustre Auswahl schauspielerischer Größen und Urgesteine: Dame Judy Dench, Johnny Depp, Penélope Cruz, Willem Dafoe, Michelle Pfeiffer und zahlreiche andere große Namen spielen sich die Seele aus dem Leib. Geht die Rechnung Brannaghs auf oder verliert sich der Film in seinem Staraufgebot?

Internationale Spürnase aus Belgien

Jetzt soll es ja Leute geben, die Mord im Orient-Express, egal in welcher Inkarnation, nicht kennen und gerne wüssten, worum es überhaupt geht. Nun ja, der wahrscheinlich größte Detektiv der Welt, wie sich der Belgier Hercule Poirot selbst bezeichnet, will nach seinem letzten gelösten Fall endlich seinen verdienten Urlaub antreten. Leider kommt ihm ein Fall in London dazwischen, was ihn dazu zwingt, mit dem Orient-Express von Istanbul nach England zu reisen. Ist die Reise zunächst ruhig und ereignislos, wird der Zug mitten im Nirgendwo von einer Lawine halb verschüttet und die Reisenden sind gezwungen zu warten, bis Hilfe kommt. Die ist auch bitter nötig, denn unvermittelt findet man einen Toten an Bord.

Poirot beginnt zu ermitteln und je mehr er über die bunten Charaktere erfährt, desto mehr begreift er, dass ihn dieser Fall in seinen Grundzügen erschüttern und vieles von dem, was er geglaubt hat, infrage stellen wird.


Enge und Weite als Stilmittel

Wer schon einmal Zug gefahren ist, weiß, dass ein Wagon an sich nicht gerade viel Bewegungsfreiheit bietet. Normalerweise ist dies ein inszenatorischer Nachteil, wird hier jedoch sehr geschickt zum Vorteil genutzt. Als Zuschauer bleiben wir immer dicht am Geschehen und können jede Regung in Mimik und Gestik der Figuren erkennen. Gleichzeit „fliegen“ wir zum Beispiel mit der Kamera aus dem Gang des Wagons über eine Abteilwand und schauen von oben auf den Tatort herab, der gerade von Poirot untersucht wird. Das gibt ein beeindruckendes Mittendringefühl ganz ohne Wackelkamera und hektische Schwenks und Schnitte.

Dem gegenüber stehen die wunderschönen, teils im Computer entstandenen Landschaften, die weitläufiger kaum sein könnten. Selten schien mir der Blick aus einem Zugfenster angenehmer. Bevor es aber überhaupt in den Zug und damit auf die Reise geht, treiben wir uns noch eine gute Weile in Istanbul herum. Und auch hier begeistern tolle Kulissen und dazu passende Komparsen, die genau die richtige Atmosphäre erschaffen, sowohl Auge als auch Ohr.

Pedantische Liebe zum Detail, aber …

Gerade bei Hercule Poirot hat man sich große Mühe gegeben, ihn der Romanvorlage so weit wie möglich anzunähern. Der berühmte Schnurrbart ist quasi ein eigener Charakter, der penible Kleidungsstil Poirots ist perfekt getroffen – einschließlich des in den Büchern gern genutzten Running Gags, seine Schuhe einzusauen. Seine pedantische Art wird augenzwinkernd, aber auch Charakter beschreibend und sogar an sein Hinken, das gar nicht in allen Poirot-Romanen vorkommt, wurde gedacht – Multifunktionsgehstock inklusive.

Umso eigentümlicher ist, dass ein elementares Detail falsch gemacht wurde: Poirots grüne, katzengleiche Augen. Die Augen von Kenneth Branagh, so ausdrucksstark und tief sie auch sein mögen, sind blau. Wie ein solches Detail übersehen werden konnte, oder ob es vielleicht sogar Absicht war, bleibt unklar.

Kampf der Titanen

Der Film beginnt leichtherzig und teilweise sogar aufrichtig witzig. Das funktioniert, weil die Charaktere und deren Darsteller*innen extrem überzeugend spielen. Dass das Skript glaubhaft geschrieben ist, trägt selbstverständlich ebenfalls zur Authentizität bei. Nichts wirkt aufgesetzt und die dezenten Humoreinwürfe wirken nie störend oder unpassend. Mit dem Segen einer erfahrenen und zweifellos großartigen Besetzung kommt aber auch gleichzeitig ein Fluch: Gerade gegen Ende bekommt man das Gefühl, einem Wetteifern der verschiedenen Darsteller*innen zuzusehen. Deren Fähigkeiten entsprechend geben sie sich derartig Mühe, die anderen schauspielerisch zu übertrumpfen, dass es zum Teil doch arg melodramatisch wirkt und das Pathos einem fast schon ins Gesicht springt. Allerdings ist das Meckern auf hohem Niveau, da es selten so extrem wird, dass man aus dem Filmerlebnis gerissen wird.

Für Kenner und solche, die es werden wollen

Mord im Orient-Express erzählt eine 82 Jahre alte Geschichte, ist damit also inhaltlich nicht wirklich originell. Diese Geschichte wird aber derartig gut erzählt, dass auch Menschen, die den Stoff bereits kennen, Freude an dem Film haben dürften. Die Inszenierung ist mehr als gelungen, das Tempo des Films genau richtig und um die grandiose Besetzung habe ich wohl schon genug Aufhebens gemacht.

Wer die Geschichte noch nicht kennt, aber eine gute Kriminalgeschichte jenseits von Holmes und Columbo zu schätzen weiß, sollte dies meiner Meinung nach dringend nachholen. In Filmform idealerweise mit dieser Version. 

Mord im Orient-Express
Kenneth Branagh (Regie)
20th Century Fox
114 Minuten
FSK 12
Ab 09.11.2017 im Kino
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