Zauberwelten-Online.de

 

Leseprobe: Die Rückkehr der Zwerge

Nach sechs Jahren Ruhe ziehen die Zwerge von Markus Heitz in ihr 6. Abenteuer!

Kategorie: Literatur
Tags: Leseprobe Heitz Zwerge Fortsetzung Alben Fantasy
von Die Redaktion (Zusammenstellung)

Spricht man in Deutschland von Fantasy, kommt man an ihm nicht vorbei: Markus Heitz, Jahrgang 71, geboren und wohnhaft im Saarland. 2003 begann der Germanist und damalige Journalist mit Die Zwerge seine Erfolgsstory, nachdem er ein Jahr zuvor mit der Ulldart-Reihe debütiert hatte. Nach sechs Jahren kehren die Zwerge nun zurück. Einen Gesamteindruck zur hier vorliegenden Leseprobe lest ihr in der Rezension von Tanja.

Prolog

 

DAS GEBORGENE LAND, IM NORDEN DES VEREINTEN

GROSSKÖNIGREICHS GAURAGON, AN DEN AUSLÄUFERN

DES GRAUEN GEBIRGES, 1023 N. B. (7514. SONNENZYKLUS

NACH ALTER ZEITRECHNUNG), FRÜHJAHR

 

Unaufhörlich warfen sich die Wassermassen der Smaragdfälle über Felsvorsprünge dreißig Schritt in die Tiefe, bevor sie donnernd im breiten Becken einschlugen. Gischtschleier umspielten die stürzenden grünen Fluten des Flusses Towan. Die winzigen Tröpfchen wurden vom Wind umhergetrieben und verteilten sich weit in der bewaldeten Umgebung, gingen auf Blättern und an Rinden der Bäume nieder. Das helle Sonnenlicht erschuf einen schillernden Regenbogen, der scheinbar für alle Ewigkeit malerisch über dem Gewässer leuchtete. Einige der klaren Tropfen landeten im geflochtenen dunklen Barthaar des leicht gerüsteten Zwerges, der am Ufer in sicherer Entfernung vom breiten Kiesbett des Towan stand; sie sammelten sich zu glitzernden Perlen, als wollten sie ihn zieren, zusätzlich zu seinen goldenen Schmuckspangen.

Es störte Barbandor Stahlgold aus dem Clan der Königswassertrinker nicht, dass die Tropfen sein wettergegerbtes Gesicht benetzten und auf dem Weg abwärts die eingegrabenen Linien und Narben in der Haut nachfuhren. Seine kräftigen Hände lagen locker auf dem aufwendig ziselierten Stahlkopf seiner schweren Kampfaxt, deren Stielende auf dem weichsteinigen Untergrund ruhte. Aus der Ferne wirkte der gestandene Zwerg wie ein sitzender Wanderer bei einer kurzen Rast.

Der Blick aus Barbandors braunen Augen schweifte aufmerksam über die schäumenden, grünlichen Wogen, die gut zehn Schritte vor ihm wirbelnd dahinzogen. Es roch nach Frische, duftenden Blüten und nassem Stein. Das Aufblühen der umgebenden Wiesen und Wälder, die an den südlichsten Ausläufern des Grauen Gebirges lagen, war deutlich vernehmbar.

Barbandor hatte sich freiwillig für diese Aufgabe gemeldet, wie er es stets tat, sobald die Zeit gekommen war.

Und dies geschah recht häufig.

Jedes Mal nach Wolkenbrüchen im weit entfernten Grauen Gebirge oder nach der Schneeschmelze oder nach anhaltenden starken Regenfällen über den Gipfeln und den Hängen der alten, aufgegebenen Heimat wuchs der Towan an und trug eine besondere, außergewöhnliche Fracht in seinen Wogen, die er irgendwann an Land spülte. Vor allem nahe der Smaragdfälle.

Mit einem tiefen Seufzen drehte Barbandor den Kopf und richtete den Blick mit Wehmut nach Norden. Dorthin, wo sich das Graue Gebirge befand. Oder zumindest das, was nach den vielen Beben und  Erschütterungen in Hunderten Zyklen von ihm übrig geblieben war. Wo sich einst majestätische, namhafte Gipfel und uralte vielgestaltige Hänge emporgeschwungen hatten, in denen man Formen und Figuren, Bestien und Schönheiten hatte erkennen können, gab es nun lediglich abgebrochene Klippen, stumpfe Erhebungen und wie lieblos hingeworfene aufragende Bergketten. Tagaus, tagein stiegen irgendwo Qualmwolken und Rauchschlieren aus weit entfernten jungen Vulkanen auf. Die Beben hatten das ehrwürdige Graue Gebirge vernichtet und zugleich auf dessen Sockel ein neues Massiv erschaffen, das noch längst nicht zur Ruhe gekommen war.

Der Anblick schmerzte Barbandor, obwohl er nie einen Fuß in die Berge, in die alte Heimat gesetzt hatte. Wie keiner seit mehreren Generationen der Fünften.

Die säulengestützten Hallen gehörten der Vergangenheit ebenso an wie die gefüllten Schatzkammern, die reichen Minen, die tönenden Schmieden und klingenden Werkstätten, wie die wunderschöne Handwerkskunst aus den Fingern zahlreicher begnadeter Zwerginnen und Zwerge. Das alles existierte bloß noch in Erzählungen,  Niederschriften, Bildern und Zeichnungen. Und in unzähligen traurigen Liedern.

Niemand wusste, wie es nun um das Innere der alten Heimat stand.

»Vraccas, was taten wir, dass du uns derart gestraft hast?«, murmelte Barbandor.

Die Antwort vermochten die Lebenden nicht zu geben.

Hals über Kopf waren die Kinder des Schmieds vor etwas mehr als eintausend Zyklen geflohen, als die Beben begannen und Vulkane ausbrachen; geflohen, bevor das Graue Gebirge zum Grab für den Stamm der Fünften werden konnte. Dabei hatten sie den Großkönig aller Stämme und dessen legendäre Axt Feuerklinge verloren. Dieser Verlust traf die Zwerge wie das Geborgene Land gleichermaßen hart.

Ebenso erging es den Zweiten im Blauen Gebirge des Südens. Nur die Ersten im Westen und  die Dritten im Osten waren glimpflich davongekommen. Sie harrten in den Behausungen im roten und schwarzen Gestein aus, auch wenn selbst ihre Reiche nicht mehr aussahen wie einst.

Am schwersten von allen hatte es das Reich der Vierten getroffen. Es war von mehr als nur Erdbeben und Vulkanausbrüchen heimgesucht worden, und die Folgen davon spürte das gesamte Geborgene Land. Seit Hunderten Zyklen.

Die Zwerginnen und Zwerge der Zweiten, Vierten und Fünften  lebten nun in wehrhaften Siedlungen nahe der Gebirge. Wann sie zurückkehren würden, um aufzubauen, was zerfallen dalag, blieb ungewiss.

Ungewiss wie so vieles. Barbandor schloss die Lider, um sie mit Gischt benetzen zu lassen. Die Wassertröpfchen kühlten seine Augen, in denen ein Brennen aufsteigende Tränen ankündigte. Seine Seele ließ sich kaum beruhigen. Gegen den inneren, schweren Schmerz der fehlenden Heimat half wenig.

»Was stehst du da herum?« Die schnarrende Stimme von Giselgar Harthieb traf ihn in den Rücken. »Bist du eingeschlafen? Oder ist es die Furcht vor Elrias Fluch?« Ein Rumpeln und dunkles Rattern erklangen. »Mach dich lieber nützlich.« Das Quietschen einer Feststellbremse erklang. »Heute wird’s was Besonderes geben. Ich spüre es in den alten Knochen!«

Die Ablenkung kam Barbandor wie gerufen. Schnell wischte er Tröpfchen und Tränen vom Gesicht. »Alte Knochen?« Er öffnete die Lider und wandte sich zu seinem Freund um, der auf einem Karren saß, gezogen von einem struppigen, schwarz-weiß gescheckten Pony. »Du bist kaum zehn Zyklen älter als ich.« Die Ladefläche lag voller Gestänge, Greifhaken und mehreren Keschern.

»Aber es waren zehn sehr entbehrungsreiche Zyklen, die ich Vorsprung habe. Das zählt doppelt. Nein, dreifach, bei Vraccas!« Giselgar sprang vom Bock und band die Zügel an einem Essigbaum fest, dessen Blätter ein buntes Dach bildeten. Wie Barbandor trug er eine leichte Lederrüstung, was für Zwerge ungewöhnlich war. Doch arbeitete man nahe am Wasser, war ein Kettenhemd oder eine schwerere Panzerung keine gute Wahl, es sei denn, man wollte unter allen Umständen ertrinken. »Deswegen musst du auch härter arbeiten als ich.« Giselgar nahm das zusammenschiebbare Fernrohr aus der Gürtelhalterung, zog es aus und warf einen prüfenden Blick hindurch über die Wogen, das Kiesbett und das Ufer zu beiden Seiten. »Schon was gefunden, während du faul gewartet hast?«

»Ich wollte gerade …«

»Ah, eine Ausrede. Weshalb bist du aus Platinglanze vorausgegangen, wenn du …« Giselgar hielt im Schwenken inne und drehte schnell am vorderen Element der Sehhilfe. »Verflucht! Der Blitz soll die gierigen Langen treffen! Wieso hast du sie nicht vertrieben?«

Barbandor wandte den Kopf in die Richtung, in die das Fernrohr zeigte. Zwischen den größeren Felsen und auf den herausragenden Brocken im Wasser, die eine Überquerung des Towan trocknen Fußes ermöglichten, sprangen Menschen, ausgestattet mit hakenbesetzten Stöcken, Säckchen und Netzen; andere trugen Reusen.

»Die waren vorhin noch nicht da«, verteidigte sich Barbandor und verzog das bärtige Gesicht.

»Du hast die Langen nicht gesehen, weil du zum Grauen Gebirge gestarrt hast, als käme es dadurch  zu dir«, entgegnete Giselgar und packte das Sehglas ein. »Rasch, nimm dir von der Ausrüstung, und runter ins Kiesbett. Diese verfluchten Gierfinger sollen vor uns nichts finden, was unserem Stamm gehört.« Er langte auf die Ladefläche und raffte an sich, was er zu greifen bekam. Gestängeteile schepperten metallisch. »Beeil dich! Wenn sie auch nur eine Brosche vor uns finden, werde ich das Pony ausspannen, es zu mir auf den Karren hieven und dich das Ganze zurück in die Siedlung ziehen lassen.« Dann rannte der Zwerg los und rutschte flink die Böschung hinab.

Seit der Flucht aus ihrer alten Heimat versuchten die Fünften zu retten, was die smaragdfarbenen Fluten aus den Stollen bis ins Geborgene Land spülten, um es zu bewahren und für jenen Zyklus bereitzuhalten, an dem sie ins Gebirge zurückkehren konnten.

Barbandor betrachtete das helle Kiesbett, über das sein Begleiter eilte. Wie jeder Zwerg und jede Zwergin kannte er Elrias Fluch. Er besagte, die Göttin des Wassers habe dem Element befohlen, die Kinder des Schmieds samt und sonders zu ersäufen, und wenn es in einer knöcheltiefen Pfütze sein mochte.

Ein gewaltiger, reißender Fluss hatte leichteres Spiel.

Giselgar schien es nichts auszumachen, dass er bis auf zwei Schritte an den Towan heranmusste, während er die Gestänge zusammensetzte und das Fischen im smaragdfarbenen Strom begann.

Also, los! Barbandor atmete  einmal durch und schob die Kampfaxt in die Rückenhalterung, danach nahm er Ruten, Stangen sowie Kescher, um seinem Freund zu folgen. Ich tue das  ja nicht zum ersten Mal.

Das Gefühl, das in ihm aufstieg, als das Rauschen der Wellen und das Blubbern der Strudel durch das Tosen der Wasserfälle drangen, wollte er nicht Angst nennen. Unwohlsein klang wesentlich besser.

Die Menschen hatten die beiden Zwerge bemerkt und riefen unverständliche Worte zu ihnen hinüber, machten abfällige oder scheuchende Gesten. Sie mochten keine Konkurrenz auf der Suche nach kleinen und großen Reichtümern.

»Diese Schuhpisser! Stets der gleiche Narrentanz«, sprach Giselgar laut, um die Geräusche des Flusses zu übertönen, und lachte. »Heya! Ihr da! Wagt es nicht, heimlich unsere Schätze einzustecken«, brüllte er den Sammlern zu. »Alles, was ihr findet, zeigt ihr mir, verstanden? Das ist Eigentum meines Volkes!« Schon setzte er eine Brille mit speziell geschliffenen Edelsteingläsern auf, mit denen er besser durch den Schaum und die Wogen auf den Grund des Flusses sehen konnte. Geschickt nutzte er den Kescher, um damit im Towan zu stochern. »Elria, nimm einen von denen zu dir. Nicht uns.«

»Ich kann es den Menschen nicht verdenken. Es sichert Essen. Und geringen Wohlstand.« Barbandor hatte sich auf vier Schritte genähert und setzte den Magnetstein in die Halterung der langen Stange, an deren Ende ein Fanghaken saß. Danach rammte er die schmiedeeiserne Rutenhalterung in den Untergrund. Zur Beruhigung seines Gemüts steckte er sich ein wenig aromatisierten Kautabak aus seinem Beutel in die rechte Wangentasche. Der Geschmack der Fasern von Zimmet mit Minze breitete sich sogleich in seinem Mund aus.

»Es bleibt Diebstahl an unserem Stamm«, beharrte Giselgar und zog das Rohr zurück. Im Kescher glänzte ein handtellergroßes, verziertes Silberstück mit einem Rubin darin, das er herausnahm und zufrieden in die Ledertasche steckte. »Du willst sie nicht etwa verteidigen, oder?«

»Nein. Ich habe nur Verständnis.« Barbandor schob den Magnetstein in den Fluss und dirigierte ihn an der langen Stange auf gut Glück hin und her. »Mit solch einem Fund  wie deinem kommt eine Familie durch den Winter.«

»Nun, es ist aber Frühjahr. Sollen die Langen das Getreide und Gemüse aussäen und ihre Äcker pflügen, wenn sie im Winter was zu beißen haben wollen.« Giselgar hatte erneute Beute gemacht: einen massiven Goldring, der im Sonnenlicht zwischen seinen Fingern aufglänzte. Beim Wegpacken warf er Barbandor einen rätselnden Blick zu. »Wenn du an dem zweifelst, was wir tun, und den Langen unsere Schätze gönnst, weswegen meldest du dich seit zehn Zyklen stets freiwillig?«

»Weil ich …« Er sah erneut zum Grauen Gebirge, das sich hinter dem Regenbogen und einer Gischtwand verbarg. »Weil ich hoffe, eine Nachricht zu finden. Nicht nur antike Kostbarkeiten der Toten.«

»Nachrichten von überlebenden Fünften?« Giselgar stieß ein knappes Lachen aus. »Niemals. Der Steinerne Torweg ist zugeschüttet wie die Hohe Pforte und alles, was wir kannten. Da lebt niemand  mehr. Seit eintausend Zyklen.« Er deutete  auf den Fluss. »Darin treibt ihr Vermächtnis an uns vorbei. Rette ihr Andenken, Barbandor. Bevor es diese Aasvögel unterhalb von uns tun; diese elenden Plünderer und vermaledeiten Totenfledderer, die es für eine schäbige Kuh oder zehn Sack schimmliges Getreide hergeben.« Der Ausdruck im Gesicht des älteren Zwergs wurde bittend. »Für uns ist die kleinste Münze aus den alten Umläufen unbezahlbar. Das Zeugnis der Ahnen, ihrer Kultur, ihres Könnens und ihres Wissens. Das muss zurück an seinen angestammten Platz. Alles!«

Barbandor nickte und verschob die lange Rute mit dem Magnetstein daran. Den Glauben an ein Zeichen, an ein Signal der Hoffnung ließ er sich nicht nehmen.

»Halte die Stellung, Jungspund. Ich suche weiter abwärts.« Giselgar schulterte seine Ausrüstung und ging über das weißgraue Kiesbett auf die Menschen zu, die von den Trittsteinen herab suchten, Netze auswarfen und Reusen verlegten. »Und erkläre den Langen, wie sie sich zu benehmen haben.«

Barbandor verlängerte seinen Stab geschickt um ein Anbaustück und schob ihn tiefer in den rauschenden Strom. »Ist gut.« Er überließ es seinem Freund, sich den Beschimpfungen und dem Hohn auszusetzen.

In Zeiten von Katastrophen suchte man nach einfachen Erklärungen. Gerade die Menschen gaben seinem Volk sowie Vraccas die Schuld an den unaufhörlichen Beben und neu entstehenden Vulkanen, den emporragenden Gebirgen in den Binnenreichen und sämtlichen Schwierigkeiten, die damit im Geborgenen Land Einzug gehalten hatten. Und das ließen sie gerne an jedem Zwerg aus, der ihren Weg kreuzte.

Barbandor sah zum Pulk der Schatzsucher.

Es war ein gutes Dutzend Männer, gekleidet in einfache Sachen aus Leinen und Wolle. Manche hatten sich aufgeblasene Lederschläuche und Korkstücke umgebunden, damit sie bei einem Sturz in den reißenden Fluss nicht sofort untergingen. Die Suche nach den Schätzen der Fünften war gefährlich.

Deswegen fühlte sich Barbandor am Ufer sehr wohl, mit großem Abstand zu den schnell ziehenden Wogen, auf denen zu seiner Verwunderung just eine schlichte Holztruhe mit zwergischen Insignien an ihm vorbeitrieb. Da sie ohne Beschläge war und obenauf schwamm, musste sie leer sein. Barbandor ließ sie ziehen. Mag sie flussabwärts einen Menschen glücklich machen.

Giselgar indes näherte sich unerschrocken dem Ufer stromabwärts.

Sogleich entbrannte ein Wortgefecht zwischen dem laut zürnenden Zwerg und den höhnenden Sammlern, die aus dem Dorf Kleinfluxwasser in der Nähe stammten. Die Siedlung mit gut fünfzig Hütten und Häusern hatte unter den Fünften den unschönen Ruf, rücksichtslose Diebe und Plünderer zu beheimaten. Die weniger wagemutigen Schatzsucher und Glücksritter aus verschiedenen Regionen des Geborgenen Landes wagten sich üblicherweise nicht in die Nähe von Zwergensiedlungen und blieben flussabwärts. Sie nutzten eher die freiwilligen Sklaven der Kaste der Doulia, um in dem gefährlichen Wasser suchen zu lassen.

Jedes Wort verstand Barbandor nicht, und er wollte es auch nicht. Es war müßig, sich die endlosen Tiraden, Schmähungen und Spottgedichte über sein Volk anzuhören. Warum, Vraccas? Seufzend veränderte er die Suchbahn der Rute. Was haben wir dir …

Unvermittelt gab es einen Ruck. Der Magnetstein hatte sich an etwas Metallisches geheftet, der Greifhaken saß fest. Aufregung erfasste Barbandor, seine Fingerspitzen kribbelten voller Vorfreude. Ist das unser besonderer Fang, von dem Giselgar vorhin sprach?

Bei einem ersten vorsichtigen Anziehen bemerkte er das extreme Gewicht seines Fundes. Das ist mindestens eine randvolle Eisentruhe mit Kostbarkeiten! Seine Stiefelsohlen gruben sich tief in den hellen Kies, er zog mit ganzer Kraft und zermalmte vor Anspannung den Kautabak zwischen den Zähnen.

Aber seine fette Beute weigerte sich, an die Oberfläche des Towan gezerrt zu werden.

Verflucht! Elria selbst lt sie fest. Barbandor wandte sich zu Giselgar, um ihn zu Hilfe zu bitten. Dabei entdeckte er den dunklen Qualm, der stromabwärts in einer breiten Rauchsäule in den blauen Sommerhimmel stieg. Es brannte in der Siedlung.

Noch bevor er nach seinem Freund rufen konnte, spannte sich ein Fangnetz der Leute aus Kleinfluxwasser zwischen den Trittsteinen und schleuderte einen überraschten Mann mit Bergungsstrick um den Unterarm in die Fluten. Er versank prustend, trotz Korkweste und Lederschlauch.

Als Nächstes holte es einen kräftigen Kerl am Ufer von den Beinen, der die Reuse verankern wollte. Etliche Schritte weit schleifte er schreiend durch den Kies, bevor er das Halteseil aufgab. Über und über mit Kratzern und Blessuren bedeckt, setzte sich der Mann auf und drückte die aufgerissene Hand an den Leib.

Eine gefährliche, mächtige Unterströmung. Barbandor richtete die braunen Augen auf sein Gestänge und packte fester zu. Aber ich gebe mich Elrias Laune nicht geschlagen!

»Giselgar!«, rief er. »Komm her! Ich habe –«

Unvermittelt schnellte eine grobe Hand mit langen, gebogenen Fingernägeln aus den schäumenden, smaragdfarbenen Wellen und umfasste das Gestänge. Ein grüngrauhäutiger Arm und ein gepanzerter Ork folgten. Brodelnd und spritzend brach sich der Towan an dem Scheusal, das sich an der Rute aus dem Strom zog und Wasser ausspuckte.

Die Zeichen auf dem umgehängten Knochenschmuck und die Gravuren auf den rostigen Beinund Armschienen kannte Barbandor nicht.

»Bei Vraccas!«, stieß er überrascht aus und ließ die lange Magnetrute fallen. »Eine Schweineschnauze! Dich will ich nicht als Fang!« Er suchte einen sicheren Stand im Kies und nahm die stählerne Kampfaxt aus der Rückenhalterung, spuckte den Tabakklumpen aus. »Setze deinen hässlichen Fuß an Land, und ich sende dich zu deinem Schöpfer Tion!«

Im selben Augenblick verstand Barbandor, dass die beiden Schatzsucher keiner Unterströmung zum Opfer gefallen waren – und weshalb die Siedlung brannte.  Andere Ungeheuer hatten den Weg nach Kleinfluxwasser gefunden und tobten unter den Dörflern, um sie abzuschlachten und zu verspeisen.

Der breit gebaute Ork hatte sich bis zu den Unterschenkeln aus dem Fluss befreit und zog ein gebogenes Schwert aus der Gürtelhalterung, das so groß war wie Barbandor selbst. Grollend näherte er sich und reckte die Spitze ankündigend  gegen den Zwerg, kräftige, schwarz angemalte Eckzähne standen wie Wildschweinhauer zwischen den Lippen empor.

»Ein leibhaftiger Unterirdischer! Ich hab’s immer gesagt: Ihr seid mehr als ausgeblichene Knochen, rostige Rüstungen und verrottetes Leder in vergessenen Minen.« Das Wasser lief bei jedem Schritt aus der Lederkleidung und dem gut gemachten Schuppenpanzer. »Endlich! Dein hässlicher Kopf wird meine Trinkschale! Und mit deinem weichen Bart wische ich mir den Arsch!«

Barbandor wunderte sich unaufhörlich. Weder gehörte die Bestie zu den Salzseeorks noch zur bekannten Bande der Feuerfresser, die sich gerne in der Nähe der Lavafelder nördlich von ihnen herumtrieb, und schon gar nicht zu den Scheusalen der Orkfeste Kràg Tahuum, die als die gefährlichsten und schlausten galten. Seine Art zu sprechen klang ungelenk und entsprach keinem Dialekt, den die Bestien sonst nutzten.

Er stammt aus dem Grauen Gebirge!, durchfuhr es ihn. Gelegentlich kam es vor, dass Regen und Schneeschmelze die Scheusale aus den Gesteinshöhlen oder dem Jenseitigen Land schwemmten und sie im Geborgenen Land ausspuckten. Die meisten waren tot und kaum in einem Stück.

Aber so ein Exemplar hatte Barbandor noch nie gesehen.

»Meinen Bart willst du? Dann versuch es! Aber koste vorher ausgiebig von meinem Stahl. Dann wird dir die Trinklust vergehen.«

Todesschreie und entsetzte Rufe drangen aus der Richtung der Trittsteine.

Dort waren weitere Bestien aus den Fluten gestiegen, und sie griffen die Menschen an, die mit ihren Stangen, Keschern und Messern keine ernsthaften Gegner waren.

»Ich habe so lange gewartet, endlich einen von deiner Art zu töten!« Brüllend warf sich der Ork nach vorne, fegte mit einem Stiefel den Kies empor und schlug dabei von oben zu. »Aus deiner Haut mache ich einen Trinkschlauch, der zur Schädelschale passt!«

Barbandor hielt den Axtkopf als Schutz vor die Augen, klirrend prallten die Steinchen dagegen. »Hinterhältig wie alle!«, knurrte er. Schon fing er das herabsausende riesige Schwert mit seiner Waffe ab, ging dabei leicht in die Knie, um die Wucht abzumildern, und stieß es zur rechten Seite. Damit tat sich zwischen den erhobenen Armen ein Loch in der Deckung des Orks auf, durch die Barbandor die obere Schneidenspitze stach.

Das geschliffene Metall fuhr einen halben Finger tief in die Kehle des Scheusals, das röchelnd zurückwich, sein Schwert fallen ließ und unvermittelt den Stiel der Zwergenaxt umklammerte. Schwarzgrünes Blut tropfte aus der Wunde, in der das obere Klingenende steckte.

»Behalten willst du meine Axt?« Barbandor zog seinen Dolch aus der Gürtelhülle. Er bückte sich und rammte ihn durch den rechten Stiefel in den Fuß des vor ihm aufragenden Gegners, um ihn mit dem Untergrund  zu verbinden. »Dann lass uns tauschen.« Schnell wich Barbandor dem Tritt aus und rollte sich über die Schulter ab, um an das umherliegende riesige Schwert der vor Schmerzen und Wut kreischenden Bestie zu gelangen. Seine Hände schlossen sich um den Griff. »Ich bringe dir deine Waffe, und du gibst mir meine Axt zurück.« Blitzschnell drehte er sich einmal um die eigene Achse und beschleunigte die schwere Waffe wie ein Hammerwerfer.

Dunkel surrend zerteilte die Schneide die zugreifende Orkhand und fraß sich in Höhe der Brust durch die Panzerung, abgesprengte Metallplättchen flogen davon. Dann blieb das Schwert stecken, und Barbandor ließ den Griff los.

Der heftige Einschlag und der bannende Dolch im Fuß brachten das Scheusal zu Fall. Kreischend und Blut spuckend landete es im Kies, hebelte wie von Sinnen mit der unverletzten Hand am Schwert in seinen Rippen herum.

»Meinen Dank.« Barbandor riss seine Axt geschickt aus dem Hals des Orks und nutzte den Schwung für einen senkrechten Hieb gegen den Schädel des Gegners.

Der Stahl fuhr spielend leicht durch Helm, Haut und Kopf. Tot sackte die Bestie zusammen.

Sofort hielt Barbandor nach Giselgar Ausschau.

Sein Freund hatte in der Zwischenzeit zwei Orks mit seinem Streitkolben erschlagen, vier der Langen lagen tot auf den Trittsteinen und am Ufer umher. Den Rest musste der Towan mit sich gerissen haben.

»Sie sind in Kleinfluxwasser«, rief Barbandor gegen das Rauschen des Wassers und eilte zum Karren. »Wir müssen los und den Menschen beistehen.«

Giselgar schulterte den blutverschmierten  Streitkolben und hetzte über den Kies die Böschung hinauf. »Woher kamen diese Bestien? Ich schwöre bei Vraccas: Sie hatten Kiemen!«

»Sicherlich nicht.« Barbandor löste die Leinen und schwang sich auf den Kutschbock. »Sie stammen aus dem Grauen Gebirge.«

»Unfug!«

»Doch! Der Ork, gegen den ich kämpfte, hielt mich für eine Legende.«

»Dass ich nicht lache! So berühmt bist du nicht.«

»Scherzbold. Mich als Zwerg. Er sah bislang nur  sterbliche Überreste unseres Volkes.« Barbandor zeigte zum Grauen Gebirge. »Sie kamen von dort. Aus den verlassenen Minen. Das sagte er ganz deutlich.«

»Aber … aber das würde bedeuten, dass sie …« Giselgar kniff unvermittelt  die Augen zusammen und schaute den Weg zur Siedlung hinab. »Sieh! Da sind noch mehr Lange!«

Eine Handvoll humpelnder  Alter sowie Frauen und Kinder eilten den breiten Pfad entlang und ihnen entgegen. Schon von Weitem winkten sie hilfesuchend.

»Ich flehe euch an: Bringt uns fort von hier!«, rief eine junge Frau, die ein kleines Kind im Arm hielt, das aus einer Bisswunde blutete. »Wir sind überrannt worden. Kleinfluxwasser ist verloren. Alles brennt und …« Die weiteren Worte gingen in ihrem Schluchzen unter.

»Wir packen die Verletzten auf den Karren, und nichts wie weg«, sagte Barbandor zu Giselgar. Auch wenn die Menschen die Zwerge für gewöhnlich nicht mit Freundlichkeit überschütteten, stand Barbandor unerschütterlich zum Auftrag von Vraccas, das Geborgene Land und seine Einwohner vor Schaden zu bewahren. »Hinter unseren Mauern sind sie in Sicherheit. Wir kehren mit einer Truppe zurück und jagen die Bestien.«

Hastig sprangen die beiden Zwerge zu Boden und halfen den Verwundeten sowie Schwächsten auf die Ladefläche, bevor sie das Pony antraben ließen.

Kaum schlugen sie mit dem beladenen Gefährt den Weg nach Platinglanze ein, erklang hinter ihnen  ein einsames dunkles, quäkendes Rufhorn, in das mehr und mehr Hörner sowie kehliges Grölen einstimmten. Die Orks nahmen vorfreudig die Verfolgung auf.

»Rasch! Sonst seid ihr verloren!« Barbandor sprang erneut vom Bock.

»Bei Vraccas! Was tust du denn?« Giselgar machte Anstalten, den Karren anzuhalten.

»Ich lenke die Scheusale ab und halte sie auf.« Er gab ihm ein Zeichen, dass er weiterfahren solle. »Bring du die Menschen in Sicherheit, und dann eile mit den besten Kriegern zurück zu mir.«

»Selbstverständlich! Wir retten dich.«

»Nein.« Barbandor grinste und fuhr mit dem Daumen über die scharfe Schneide seiner Kriegsaxt. »Ihr kehrt zurück, um eine von den Bestien lebend zu fangen. Bis du mit Unterstützung hier bist, werde ich die Schweineschnauzen zu meinem eigenen Wohl töten müssen.«

»Was sollen wir mit lebendigen –«

»Eine kann uns verraten, was die Orks im Grauen Gebirge treiben. Und jetzt sputet euch!«

»Ein guter Gedanke. Lass uns welche übrig, und denk nicht nur an dein Vergnügen!« Lachend verschwand Giselgar mit den Überlebenden aus Kleinfluxwasser zwischen den  Bäumen.

»Vraccas stehe dir bei!«

Das wird er. Barbandor atmete einmal tief durch und lauschte auf den scheppernden Klang der sich nähernden Rufhörner. Er hatte die Anspannung in der Stimme seines Freundes vernommen, die er in der lauten Heiterkeit zu verbergen versucht hatte.

Ihm hingegen erging es anders.

Vor einem Kampf gegen Orks war ihm nicht bange, er verließ sich auf seinen Stahl und sein Können. Es würde ihm mit Leichtigkeit gelingen, die tumben Bestien in die Irre zu leiten und lange genug zu beschäftigen, bis Giselgar mit einer Schar zu ihm stieß.

Wir  brauchen einen Ork lebend. Hoffentlich sind  es mehr als drei, vier, die flussabwärts aus dem Towan gestiegen sind.

Er steckte sich eine neue Portion Priem in die Wangentasche und schritt um die Biegung, um nach den anrückenden Feinden zu spähen – und verlor einen großen Teil seiner Zuversicht: Vier Dutzend gerüstete, graugrüne Bestien liefen in einer lang gezogenen Doppelkette auf dem Weg und durch das Unterholz herauf, die kurzen, teils geschlitzten Nasen witternd in den Wind gereckt.

Und sie bewegten sich sehr schnell.

Schneller, als Barbandor jemals laufen könnte.

 

 

Kapitel 1

 

DAS GEBORGENE LAND, BRAUNES GEBIRGE,

NAHE BRIGANTIA (EINST DAS REICH DER VIERTEN)

1023 N. B. (7514. SONNENZYKLUS NACH ALTER

ZEITRECHNUNG), FRÜHJAHR

 

Das Licht der Petroleumblendlaterne schwankte hin und her, riss Stollenwände sowie Decke in hektischem Pendeltakt aus der Dunkelheit und machte die vielen Sprünge im Gestein sichtbar. Die spiegelverstärkte und durch Klappen nach vorne gerichtete Helligkeit brannte sich durch die Finsternis, leise quietschte der Metallbügel, wenn die Laterne hin und her schwang.

Gehalten wurde der Stabgriff von Klaey, dem Anführer der zehn Leute umfassenden Truppe, die sich weit von ihrem Zuhause Brigantia entfernt hatten. »Gebt acht, haltet die Schnauze und lauscht auf das Knacken im Gestein«, befahl er den Nachfolgenden über die Schulter. Das reflektierte Licht umschmeichelte sein Gesicht und den kurz getrimmten dunklen Bart. »Ich will nicht von einem Einsturz überrascht werden.«

Er erntete zustimmendes Gemurmel.

Vor acht Umläufen hatten  sie die Grenze des Brigantinerreichs passiert, und nun befanden sie sich im Niemandsland des Braunen Gebirges, durch das sich zahllose Gänge, endlose Passagen und schwindelerregend hohe Kammern zogen. Es war labyrinthisch, doch Klaey und seine kleine Einheit marschierten nicht ohne Plan durch das einstige Reich der Unterirdischen, die bei den Beben vor tausend Zyklen aus dem Gebirge geflohen waren.

Ganz im Gegenteil.

Mehrmals hatten sie klettern, sich durch Lücken in den Einstürzen schieben oder über halb geborstene Steinbrücken vortasten müssen. Dabei bekamen sie die Baukunst der einstigen Bewohner zu Gesicht, die tief unter Fels und Erde Kammern und Kunstwerke mit  ihren Werkzeugen erschaffen hatten, wie es sonst kein Volk des Geborgenen Landes beherrschte. Das meiste davon war über Hunderte Zyklen hinweg zerschlagen, geplündert und mit Kratzern und Farbe geschändet worden, sofern die Beben es nicht vorher zerstört hatten. Die Feinde der Unterirdischen hatten Rache genommen und geplündert, was sie gefunden hatten.

Mit einer Ausnahme.

Und genau diesen Ort suchte Klaey zusammen mit seiner Schar Auserwählter, denen er am meisten vertraute. Zum wiederholten Mal wischte er sich Staub und winzige Steinstückchen aus den langen schwarzen Haaren, die er an der rechten Seite ausrasiert und in einem geflochtenen Zopf trug.

Dem jungen Banneroffizianten stand der Sinn wenig nach Rast und Innehalten, um die Ruinen und steinernen Zeugnisse der Vierten zu bewundern. In elf Umläufen mussten sie von ihrer vorgetäuschten Spähmission aus dem Geborgenen Land zurück in Brigantia sein. Andernfalls würde man ihre überlange Abwesenheit bemerken und ihnen beim Eintreffen unangenehme Fragen stellen. Beispielsweise die, weswegen ein Mannschaftsoffizier der Versorgung mit niederstem Rang auf eigene Faust mit einer Truppe auszog. Der Omuthan konnte auf so etwas sehr verärgert reagieren.

»Nach diesem Gang sollte es nach rechts abgehen. Vor ein verschlossenes Tor.« Zu Klaeys Erleichterung waren sie bisher auf nichts und niemanden gestoßen, was ihnen Leid antun wollte. Weder Scheusale noch Spukwesen trieben in den Gängen ihr Unwesen. Gelegentlich entdeckten sie Überreste von Orks, die vor mehreren Hundert Zyklen durch scharfe Klingen gestorben sein mussten.

»Und dann haben wir es geschafft?« Ayasta schob sich an seine Seite. Wie der Rest der Einheit trug die junge blonde Kriegerin eine leichte, wattierte Rüstung, um Kräfte für das Marschieren zu sparen. Sie hatten genug an Proviant und Ausrüstung zu schleppen. »Das ging gut voran.« Sie hob ihre Blendlaterne und leuchtete umher. »Da sich der vergessene Hort nähert, sag mir nochmals, welcher Reichtum auf mich wartet.«

»Auf uns. Auf uns alle«, verbesserte Klaey und lachte. Mit dem Handrücken wischte er sich den Schweißfilm von der Stirn, rieb dabei über das Schmuckbrandzeichen an der Nasenwurzel. Es war warm unter Tage, und dazu gesellte sich die steigende Aufregung über die Aussicht auf unermesslichen Reichtum. »Hunderte Edelsteine. Eine Kammer voller Rubine, Diamanten, Smaragde, Saphire und was weiß ich noch alles, zurückgelassen in einer Werkstatt. Sie diente als Sammelstelle der nordwestlichen Minen. Die Gemmenschnitzer hatten gehofft, es zu holen, wenn die Berge zur Ruhe kamen.«

Seine Truppe stieß leise Freudenrufe aus.

»Rubine!« Ayasta machte ein verzücktes Gesicht. »Geschmeide lasse ich mir daraus machen, das mir um den Hals leuchtet! Und dann kaufe ich mir ein großes Stück Land außerhalb von Brigantia und …« Das Gelächter der Nachfolgenden unterbrach sie. »Was gibt es zu blöken, ihr Schafe? Ich halte es für ein treffliches Unterfangen, meine noch sehr lange Lebenszeit am Ufer eines Flusses zu verbringen, in einem vornehmen Haus voller ergebener Doulia-Sklaven …«

»Die dich beklauen. Und dann rücken dir Wegelagerer zu nahe und rauben dich aus«, ergänzte Klaey grinsend. »Wenn du schlau bist, verlässt du das Brigantinerreich und das Geborgene Land.«

Ayasta zuckte mit den Schultern. »Bin nicht schlau. Aber ihr könnt mich besuchen.« Sie wandte sich nach hinten und leuchtete den hinter ihr gehenden Männern und Frauen in die Augen, dabei schüttelte sie drohend eine Faust. »Wehe, ihr raubt mich aus! Ich raube zurück!«

Protest gegen das Blenden und leises Lachen mischten sich miteinander, kleine Steinchen prasselten auf Ayasta.

Unterdessen prüfte Klaey ein weiteres Mal die hingekritzelte Karte mit den Zwergenrunen, die er einem einfachen Soldaten seiner Versorgungseinheit abgenommen hatte. Der geistig eher schlichte Mann hatte sich mitten in den Vorbereitungen für seinen Ausflug befunden und beim Lügen zu dämlich angestellt. Die gestammelten  Ausflüchte, wohin  er mit der Ausrüstung wolle, hatten Klaeys Interesse geweckt. Eins war zum anderen gekommen und  der Soldat einen jähen Tod unter tragischen Umständen gestorben, bevor die Karte den Besitzer gewechselt hatte.

Klaey verglich die übersetzten Beschreibungen mit der tatsächlichen Umgebung. Seine hellblau leuchtenden Augen erfassten jede Kleinigkeit. Ein neuerlicher Schwenk mit der Laterne offenbarte den erwarteten Gang, der jedoch mit dicken Granitbrocken vermauert war; rechts davon ging ein Tunnel ab.

»Bei den allmächtigen Cadengi!«, entfuhr es ihm. Zu. Verflucht!

Nach und nach kam seine Truppe heran und drängte sich um den blockierten Korridor. Einige begannen zu murren.

»Das wird anstrengender als gedacht, Leute. Bringt die Werkzeuge und spuckt in die Hände.« Klaey stellte die Lampe ab.

»Nichts, was wir nicht zu meistern wissen.«

»Du bist dir sicher, dass wir an der rechten Stelle suchen?« Ayasta ließ sich die Karte zeigen und deutete auf die Zwergenrunen. »Was ist, wenn die Übersetzung falsch ist? Hast du sie von einem Kundschafter prüfen lassen?«

»Wie hätte ich sie prüfen lassen sollen, ohne dass alle von den Edelsteinen wissen, die dort« – Klaey reckte die Spitzhacke gegen die Mauer aus behauenen Brocken – »auf uns warten? Wollt ihr sie mit meinem Bruder teilen?« Er verschwieg, dass er die Schrift der Unterirdischen selbst übersetzt hatte. Von Kindesbeinen an fiel es ihm leicht, fremde Sprachen in Wort und Schrift zu erlernen. Es war ihm ein Einfaches, innerhalb weniger Umläufe die Muster darin zu erkennen. Eine Gabe, die er seiner Mutter und den besonderen Umständen seiner Geburt verdankte.

Lauter Widerspruch brandete durch den Gang. Keiner wollte vom Reichtum abgeben.

»Also, frisch ans Werk.« Dabei drückte Klaey der blonden Soldatin die Hacke in die Hand. »Mehr als einen halben Umlauf sollte es nicht dauern. Sofern ihr euch tüchtig ranhaltet.«

Ayasta sah ihn beleidigt an. »Du machst dir nicht die Hände schmutzig?«

»Nun, ich bin der Anführer. Und ich sichere.« Klaey nickte in den unbekannten, dunklen Gang, der rechts abzweigte. »Mit meinem Leben beschütze ich euch, damit ihr uns zur Schatzkammer graben könnt.«

»Wie edel und nobel du bist.« Ayasta machte sich zusammen mit den übrigen Männern und Frauen daran, die Fugen auszukratzen und die schweren Granitquader aus dem Verbund zu hebeln. »Dafür bekommst du auch weniger vom Anteil. Weil wir uns den Arsch abschuften. Nur damit du es weißt.«

Klaey grinste und sah der Truppe eine Weile beim Hämmern und Wuchten zu, bevor er einige Schritte in den dunklen Korridor machte und prüfend die Luft einatmete. Stickig. Es war schon lange Zeit niemand mehr in diesem Teil des Braunen Gebirges gewesen. Ein frischer Hauch hätte bedeutet, dass es Öffnungen und Verbindungen zur Oberfläche gab, durch die irgendwelche Kreaturen Zugang bekommen hätten.

Da dies nicht der Fall war, blieb Klaey ruhig und entspannt.

Er nahm seine gestopfte, unterarmlange Metallpfeife aus der Tasche und zog daran, ohne sie zu entzünden. Der starke, sehr teure Kedonittabak gab seinen verlockenden Geschmack ab, das Aroma verteilte sich schwach auf der Zunge. Er würde sie anstecken, sobald er die Steine in den Händen hielt. Das habe ich mir verdient.

Immer wieder befahl Klaey seiner Truppe, das Hauen und Hämmern zu unterbrechen, damit er lauschen konnte. Aber weder vernahm er warnendes Knacken im Fels noch verräterische Geräusche aus den Gängen. Außer ihnen gab es nichts an diesem Ort, und das Braune Gebirge hatte es nicht auf ihre Leben abgesehen.

Steinstaub waberte alsbald durch den Gang und den Lichtschein der aufgestellten Lampen. Es roch nach Schweiß und Dreck. Das unentwegte Klirren und Scheppern der Werkzeuge strapazierte Klaeys Gehör.

Irgendwann rief ihn Ayasta zu sich, über und über mit Gesteinsmehl bepudert. »Wir sind durch!«

»Schon?« Klaey ging durch die Gasse, die seine verdreckten Leute für ihn bildeten, und stand vor einem Portal mit zwei Flügeln, das hinter der Mauer gelegen hatte. »Gute Arbeit!«

Die Kunstfertigkeit, mit der die Unterirdischen gearbeitet hatten, war nicht zu übersehen. Fingerdicke Eisenbänder lagen über schwerem Kerganholz, die Beschläge wiesen keinerlei Rost auf. Ein großes Kastenschloss sicherte den Durchgang, mehrere Vorhängeschlösser hielten gespannte Ketten in Ösen. Obwohl es lediglich darum ging, Räubern und Unbefugten den Besuch zu erschweren, hatten die Unterirdischen keinen Aufwand gescheut und  filigrane Schnitzereien sowie Runenornamente  aus Edelsteinschleifabfällen auf den Schlössern, Beschlägen und der Tür angebracht.

»Wir wollen die Steinchen bald mit eigenen Augen sehen. Das war unser Ansporn.« Ayasta wischte sich Schweiß vom verdreckten Gesicht und erschuf unbewusst eine Kriegsbemalung. »Was gäbe ich für eine Flasche kühlen Wein.«

»Du hast bald so viel Münzen, dass du ihn fassweise kaufen kannst.« Klaey reckte den Arm mit der Zeichnung, um sie den Umstehenden zu zeigen. »Das ist die Tür! Wie sie auf diesem Plan vermerkt ist!«

Seine Truppe jubelte.

»Und jetzt: Auf damit.« Klaey küsste rasch sein Glücksamulett und machte sich mit seinen Drähten, Häkchen und Feinwerkzeugen an das Entsperren der komplizierten Mechaniken. Die Laterne spendete helles Licht.

»Warum der Aufwand?«, setzte Ayasta an und  nahm  ihre Wasserflasche vom Gürtel.

»Lass uns die Tür mit einem Stein …«

»Nein.« Mit dem Häkchen pochte er gegen die Eisenabdeckung des dicken Schlosses. »Keinesfalls soll durch Gewalt eine Falle ausgelöst werden, in der wir alle umkommen. Die Unterirdischen verstehen sich darauf, ihre Schätze zu sichern. Kurz vor dem Ziel will ich nicht an Ungeduld sterben.« Seelenruhig nahm Klaey seine Arbeit wieder auf, bis sich ihm eine Mechanik nach der anderen klackend ergab. »Also gut. Werte Damen und werte Herren.« Er fädelte die Ketten aus den Ösen, erhob sich und legte die Hände auf die Doppelklinken, drückte sie nieder. »Seht: unser Hort!«

Aber sosehr Klaey zog und drückte, die Türen öffneten sich nicht.

Dreck rieselte von den Flügelkanten, es knirschte laut; doch der Eingang weigerte sich, den Eindringlingen nachzugeben.

»Was ist? Auf damit, das hast du gesagt«, drängelte Ayasta.

»Du hast dich nicht verausgabt wie wir und bist zu schwach, um dieses Portal zu öffnen? Rede doch mit deiner einnehmenden Stimme darauf ein oder sing ihm ein Lied.«

»Zu Tion mit den Unterirdischen! Es ist von der anderen Seite auch versperrt!« Klaey starrte die Tür wütend an. Ich gebe jetzt nicht auf!  Mehrmals trat er mit dem Fuß dagegen, es krachte – und die Flügel schwangen etwas. Ich will meinen Schatz! »Los! Alle zusammen!«

Wie ein lebendiger Rammbock nahm die Truppe in einer gestaffelten Zweierreihe Anlauf und rannte gegen die Tür an. Es knackte und splitterte, und beim dritten Versuch sprangen die Flügel auf.

Klaey und Ayasta eilten vorweg, hinter ihnen stolperten und stürzten einige der Soldaten zu Boden.

Sie benötigten keine Lampen, um zu sehen, wo sie sich befanden. In der riesigen Gewölbehalle mit den vielen Säulen brannten Dutzende Leuchter hinter bemaltem Glas an den Wänden und an der Decke. Das gedämpfte rötliche Licht illuminierte die kunstvollen Wandgemälde und Ornamente an den Stützbögen. Die Szenen der Malereien drehten sich um einen einzigen Krieger, der mal im Gefecht, dann auf Wanderschaft, beim Lesen und beim Ruhen gezeigt wurde.

»Das … ist keine Zwergenwerkstatt.« Klaey schaute genauer auf die perfekt gemalten Kunstwerke, deren Farben eine nie gesehene Brillanz und Lebendigkeit aufwiesen, als könnten die Wesen und der Krieger beim nächsten Blinzeln aus der Darstellung steigen und ihren Kampf im Gewölbe fortführen. Eigenartigerweise trug der Mann keine Rüstung, vielmehr schienen schwarze Panzerplatten in seinem Fleisch verankert zu sein. Als Waffe hielt er einen schwarzen Tioniumspeer mit schimmernden Runen.

Die Truppe verteilte sich und blickte sich in der Halle um, die etwa achtzig mal hundert Schritte maß und höher als der Mast eines Segelschiffs sein musste. An der langen Seite und nicht weit von ihnen entfernt befand sich der eigentliche Eingang mit einer übergroßen Doppeltür aus massivem Metall.

»Noch dazu ist er alles andere als verlassen!« Ayasta wandte sich wütend zu Klaey um. »Ich sehe keine Edelsteine. Und keine Schätze, verflucht!« Das aufschwingende Zwergenportal hatte den Putz samt einer kostbaren Wandmalerei zerstört, die es von dieser Seite aus verdeckt hatte. In der Wand klaffte nun ein unübersehbarer Schaden. »Wohin, bei allen Dämonen der Unwelt, hast du uns geführt, du Narr?«

Klaey blickte verwirrt auf die Karte. In Gedanken ging er den zurückgelegten Weg der letzten Umläufe nochmals durch und war sich weder einer Schuld noch eines Fehlers bewusst. Ich hätte mein Glücksamulett küssen müssen, bevor wir die Tür aufbrachen. »Wohin? Dorthin, wo –«

»He  da!« Die Stimme eines umherwandernden Soldaten kehrte als Echo aus der Höhe zu ihnen zurück. »Schaut euch das an!«

Er zeigte auf das längliche, anderthalb Schritt hohe weißliche Podest in der Mitte der Halle, das aus vier Ecken von der Decke herab mit starken Richtlampen ausgeleuchtet wurde. Darauf befanden sich jene gravierten, schwarzen Panzerplatten aus Tionium, ein Panzerhandschuh und der runenverzierte Speer, welche der Krieger auf den Gemälden trug; eines der Rüstelemente wies ein bolzendickes Loch auf.

Hatte Klaey zuerst angenommen, der altargleiche Unterbau, die filigranen Prunkelemente und angebrachten Schnitzereien bestünden aus Marmor, erkannte er beim Näherkommen seinen Irrtum.

»Ist das … Gebein?«, raunte er schaudernd. »Bei Cadengis’ Mutter! Das ist aus Knochen gemacht!«

In die Reliefs und Bordüren waren Gold und Vraccasiumintarsien eingesetzt. Schwarzes Tionium und poliertes Silber zierten den Altar ebenso wie verschiedenste Edelsteine, die je nach Blickwinkel im Licht der starken Lampen schimmerten und glänzten.

»Oh, Kacke! Wir sind in Dsôn Khamateion!« Ayasta deutete auf den übergroßen Krieger im nächstliegenden Wandgemälde.

»Das ist ein Alb!«

Und da liegt seine Rüstung. Klaey ging langsam rückwärts, entfernte sich von dem Podest aus Gebein. Anhand der Karte war für ihn nicht erkennbar gewesen, wohin die Gänge sie wirklich führten – ins Reich der Albae hätte er sich nie gewagt. »Wir stehen in seinem Grabmal!«

»Mächtiger Cadengis, sei mit uns!« Ayasta wich nicht zurück.

»Die Schwarzaugen haben deine vergessene Werkstatt zu einer Andachtsstätte umgewandelt.« Sie deutete auf die wertvollen, funkelnden Steine in dem Altar. »Zu holen gibt’s dennoch etwas.« Rasch zückte die blonde Kriegerin ihren Dolch. »Los, geschwind! Jeder nimmt sich –«

Rumpelnd zogen sich die Riegel von der übergroßen doppelflügeligen Eingangstür zurück, mehrmals klackte es, als weitere Bolzen entriegelt wurden. Der eigentliche, verschlossene Durchgang öffnete sich.

»Verbergt euch!« Klaey ging hinter einer Säule in Deckung. Die Zeit reichte für seine verstreut stehende Truppe nicht mehr, um durch das Zwergenportal in den Korridor zu verschwinden.

»Ihr greift erst an, wenn ich es befehle. Vielleicht haben wir Glück, und sie bemerken uns nicht.«

»Ich gehe nicht ohne ein Andenken.« Blitzschnell hatte Ayasta einen Diamanten aus dem Gebeinpodest gebrochen und kauerte sich auf der dem Eingang abgewandten Seite dahinter. Sie steckte den Stein ein und behielt ihren Dolch in der Hand, während sich drei Albae mit bedächtigen Schritten dem Altar näherten.

Eine schwarzhaarige Albin in einem fließenden, an der Taille geschnürten dunkelblauen Gewand trug ein glimmendes Bündel Räucherstäbchen. Ihre vollgerüsteten Begleiter folgten mit etwas Abstand. Obwohl die brünierten Panzerungen aus Metall waren, erzeugten sie lediglich ein schwaches Reiben anstatt eines Schepperns.

Eine Priesterin? Klaey hielt unbewusst die Luft an und hoffte, dass seine Leute gute Verstecke gefunden hatten. Selbst gegen nur zwei Albkrieger hätten sie kaum Aussicht auf einen Sieg, zumal es eines einzigen Rufs bedurfte, und es kämen sicher weitere Wachen in das Grabmal des verehrten Kämpfers.

Ayasta saß hinter dem Altar und hatte die Augen geschlossen – wie ein Kind, das glaubt, es könnte dadurch nicht entdeckt werden. Die Waffe hielt sie stoßbereit in der Rechten.

Die anmutige Albin kniete vor dem Podest nieder und reckte die glimmenden Stäbchen, vollführte damit kreisende Bewegungen und malte Symbole in die Luft, die vom Rauch nachgezeichnet wurden. Dabei verfiel sie in einen beschwörenden Sprechgesang, während die Krieger ihre Häupter beugten.

Sie bemerken uns nicht! Klaey jubelte innerlich. Wir kommen lebend hier raus. Und sehr reich. Wäre der Soldat, dem er die Karte abgenommen hatte, nicht längst tot, würde er ihn nach der Rückkehr zur Strafe erstechen.

Ein Teil seines Verstandes hing an den Worten der Albin und suchte unbewusst nach Wiederholungen, nach Mustern, um die Sprache zu erfassen und zu verstehen. Es war das erste Mal, dass er solche Worte und Laute vernahm, in denen ebenso Poetisches wie Düsteres steckte.

Die Anmut, die Eleganz, das immense handwerkliche Geschick im Entwerfen von Rüstungen, Kleidung und Waffen, die Vorliebe für Kunst und Künste teilten die Albae mit ihren Erzfeinden: den Elben. In diesem gedämpften Licht gab es keinerlei Unterschiede  zwischen ihnen. Doch Sonnenstrahlen färbten ihre Augen schwarz und offenbarten die wahre Natur der Albae: Sie waren abgrundtief finster und grausam.

Keinesfalls wollte Klaey in die Hände der Wesen fallen, die mit seinem Blut Bilder malten und aus Knochen und Haut schaurig wunderschöne Kunstwerke erschufen – sofern sie seinen Körper als taugliches Material erachteten.

Unvermittelt erklang ein leises Kettenklirren aus dem Loch in der Wand, durch das die Brigantinertruppe gekommen war. Es wurde beständig lauter. Jemand ging mit schleppendem Gang und in Fesseln vorwärts.

Klaey sah verwundert zum Durchgang. Was bei Cadengis …? Ein Zwerg taumelte ins gedimmte rötliche Licht, die Hände und Füße in Eisen, mit einem Knebel im Mund. Der Bart starrte vor Schmutz, die Lederstiefel waren gerissen und in ebenso schlechtem Zustand wie sein Lederüberwurf. Die eher schmächtige Statur verriet ihn als Vierten.

Nein, nein, nein! Bleib stehen! Noch ehe Klaey eingreifen konnte, stolperte der stöhnende Zwerg an den Säulen vorbei in die Halle und brach auf die Knie. Die Ketten und Schellen an den Gelenken rappelten.

Die Albin hatte sich erhoben und sah auf den Gefesselten, danach ließ sie die Blicke aufmerksam schweifen. Nach einem Befehl gingen ihre zwei Begleiter mit gereckten Speeren nach rechts und links, um die Säulengänge zu prüfen. Sie selbst teilte das Bündel Räucherstäbchen und behielt sie in den Händen, wartete in aller Ruhe ab.

Woher kommt der Unterirdische? Klaey legte die Hand auf den Rapiergriff und schielte zum rettenden Ausgang. Aus welchem Kerker ist er geflohen? Aus einem der unseren?

Ein Aufschrei, das Scheppern einer Waffe und der Aufprall eines Körpers auf dem Boden läuteten den Kampf ein, vor dem sich Klaey gefürchtet hatte: Einer seiner Leute war entdeckt und getötet worden. Jetzt wissen sie, dass wir da sind. Wir können nicht mehr gewinnen.

Ayasta sprang hinter dem Altar in die Höhe und wollte sich auf die Albin werfen. »Macht die Schwarzaugen fertig!« Dabei stach sie mit dem Dolch zu, die Spitze zielte auf das Herz der Gegnerin. »Sonst sind wir hinüber!«

Die dunkelhaarige Albin wich elegant zur Seite aus, schlug Ayasta die glimmenden Räucherstäbchen mehrmals ins Gesicht und trat ihr vor die Brust, was die kreischende Brigantinerin gegen das Podest schleuderte. Der Nacken brach knackend an der Kante des Gebeins, tot rutschte Ayasta zu Boden. Ihr Gesicht bedeckten etliche schwarze und rote Verbrennungen von Glut und heißer Asche.

»Rückzug!«, schrie Klaey und rannte auf das Loch zu, das sie in die Wand gerissen hatten. »Rückzug! Verschwindet, sonst …« Eine schlanke, geschwärzte Schwertklinge stach aus der Dunkelheit des Ganges und durchbohrte seine dünne, wattierte Panzerung.

»Bleib«, flüsterte jemand mit starkem Akzent. »Dich brauche ich noch.« Eine robenverhüllte, hochgewachsene Gestalt mit Kapuze über dem Haupt trat hervor und schob den ächzenden Klaey aufgespießt an der zweischneidigen Klinge zurück in die Halle. »Du wirst mir nützlich sein. Wie der Unterirdische.«

Ruckartig wurde das Schwert aus ihm gerissen. Keuchend brach er neben einer Säule zusammen. Was … geht hier vor? Mit der Rechten versuchte Klaey, die peinvolle Wunde in seiner Körpermitte zu schließen, doch das Blut quoll unaufhaltsam durch seine Finger.

Die Gestalt schlich zum doppelflügeligen Eingang und verriegelte die Halle, sodass keiner entkommen  konnte. Danach griff sie in den Kampf zugunsten der Brigantiner ein. Sie attackierte hinterrücks die Albaekrieger – um anschließend die hoffnungslos unterlegenen Soldatinnen und Soldaten abzuschlachten.

Klaey verfolgte verblutend, dass die Kapuzengestalt einige unverständliche Worte mit der Priesterin wechselte, die sich auf ihn werfen wollte, bevor er auch sie mit einem Hieb in die linke Schulter niederstreckte. Anschließend hob er das Schwert eines toten Brigantiners auf und stocherte damit in den Wunden der niedergestreckten Albae.

Er schiebt uns die Schuld zu, begriff Klaey und sackte unter Schmerzen zusammen.

Die verhüllte Gestalt nahm die schwarzen Rüstungsteile samt Panzerhandschuh vom Altar und steckte sie ohne Umschweife in einen Tragesack; den Speer packte sie mit der Linken.

Klaeys Sicht trübte sich ein, die Umgebung wurde unscharf. Er hörte den Zwerg ein letztes Mal aufkeuchen – und zusammenbrechen.

Nach einer Weile näherte sich das leise Reiben der gestohlenen Panzerplatten.

»Danke, Menschenabschaum. Du leistest mir wertvolle Dienste, indem du die ganze Schuld auf dich nimmst.« Eine kalte Schneide legte sich an Klaeys Hals. »Nach deinem  Sterben, selbstverständlich.«

»Aber was …?«

»Dein Tod« – ein heißer Schmerz fuhr durch Klaeys Kehle –

»heißt Mòndarcai.«

 

 

* * *

DAS GEBORGENE LAND, IM NORDEN DES VEREINTEN

GROSSKÖNIGREICHS GAURAGON, AN DEN AUSLÄUFERN

DES GRAUEN GEBIRGES, 1023 N. B. (7514. SONNENZYKLUS

NACH ALTER ZEITRECHNUNG), FRÜHJAHR

 

»Weckt Gundelgund auf! Weckt sie und ihre Schwester auf!«, schrie Barbandor zwischen hastigen Atemzügen bei seinem Spurt über die offene Fläche zwischen dem Wäldchen und der ersten Ringmauer der Zwergensiedlung. »Sofort!«

Längst hatte Barbandor seine schwere Angelausrüstung abgeworfen und hielt nur noch seine grünschwarz-blutige Kampfaxt in der rechten Faust. Weit vor ihm rollte der Karren mit den verletzten Menschen und Giselgar durch das eiserne Eingangstor. Er hatte tüchtig aufgeholt, und doch trennten ihn und die rettenden Mauern gute fünfhundert Schritte.

Durch List und Abkürzungen im steinigen Gelände rund um das Ufer des Towan hatte Barbandor die vier Dutzend Orks eine Weile an den hässlichen Nasen herumführen  können. Aber schließlich hatten die Bestien sein gewagtes Spiel durchschaut und ihn in die Enge getrieben. Nachdem er drei von ihnen mit wuchtigen Axthieben zu Tion gesandt hatte, gab es für den gestandenen Zwerg nur eine Rettung – und diese lag hinter den schützenden Mauern von Platinglanze, das Menschen in ihrem Unverständnis gerne als Festung bezeichneten.

Von dort mochten ihm Gundelgund und Gindelgund zu Hilfe kommen, sofern sie schnell genug erwachten. Manchmal brauchten die Schwestern lange, bis sie sich für ein Gefecht gewappnet hatten.

Sirrend zischte ein Pfeil an ihm vorbei und bohrte sich vor Barbandor in die weiche Erde. Verflucht nahe! Drei Geschosse folgten nach, denen er durch rasches Hakenschlagen entging. Die Bestien verstanden sich erschreckend gut auf den Umgang mit den Kurzbögen, die sie im Rennen bedienten. Er konnte ihr erfreutes Grölen vernehmen, als sie den Wall entdeckten.

»Ihr glaubt allen Ernstes, dass ihr uns erobern könnt?« Barbandor keuchte und geriet ins Stolpern, als ein weiterer Pfeil zwischen seinen Füßen einschlug. Die hastigen Ausfallschritte brachten nichts mehr. Er stürzte aus vollem Lauf und überschlug sich mehrmals, die Hand fest um den Axtgriff geschlossen.

Nur fort! Schnell stemmte Barbandor den Oberkörper in die Höhe, aber ein Pfeil bohrte sich durch seine Wade und nagelte ihn an den Boden.

Mit einem Schrei warf er sich herum – und sah das nächste Geschoss heranzischen, das eine dünne Leine hinter sich herzog. Sie wollen mich harpunieren wie einen Fisch! Gerade noch rechtzeitig zog er das unverletzte Bein an und entging dem spitzen Ende mit Widerhaken. Eine Mahlzeit soll ich für sie sein. Ein Appetithappen!

Die  heranpreschenden Orks waren keine fünfzig Schritte mehr entfernt. Fünf davon blieben stehen und spannten ihre Bögen, die anderen trugen unterschiedliche Klingenwaffen in den Fäusten.

»Ihr elenden Bestien!« Umständlich stand Barbandor auf und stützte sich auf seinen ziselierten Axtkopf. »Kommt her!« Geschickt verlagerte er das Gewicht auf den einsatzfähigen Fuß und hob die schwere Waffe mit beiden Händen, an der grünschwarzes Blut, Hautfetzen und Haare der getöteten Gegner hafteten.

»Bei Vraccas! Vernehmt meinen Schwur: Ich sende zehn von euch zu eurem Schöpfer, bevor ihr meinen Kopf als Trinkschale bekommt! Und meinen Bart fresse ich, damit ihr ihn nicht zum

Wischen nutzen könnt!«

Barbandor meinte, den Boden unter den Stiefeln der heranrasenden Scheusale beben zu spüren. Er sah die aufgerissenen Mäuler mit den schwarz bemalten Reißzähnen, aus denen ihr vorfreudiges Brüllen drang, die Muskelberge an den unbedeckten Körperstellen und die schartigen Klingen, die sie gegen ihn reckten. Und die Hauer.

Gleich reise ich in die Ewige Schmiede!

Entschlossen senkte Barbandor den dunkelhaarigen Kopf und suchte sich einen Gegner aus dem Pulk heraus, den seine Klinge treffen sollte, bevor er der Horde zum Opfer fiel. Mindestens einer. Und danach so viele, wie ich erschlagen kann.

Die fünf im Hintergrund wartenden Orks schossen ihre Pfeile ab.

Wie dunkle Striche stiegen sie auf – und zerbrachen plötzlich in der Luft, als wären sie von einer unsichtbaren Macht zerschlagen worden. Dreck spritzte hier und da vom Boden auf, und schon fielen die vordersten acht Bestien, ohne überhaupt  geschrien zu haben. Regungslos blieben sie auf der Erde liegen, aus mehreren Wunden blutend.

»Bei Vraccas! Das habt ihr nun davon!«, brüllte Barbandor erleichtert. Danke, Gindelgund und Gundelgund!

Zehn Orks setzten mit lautem Grunzen  über die Leblosen hinweg, um gleich darauf ebenso wie von Geisterhand gefällt zu stürzen. Staub und Gras wirbelten rings um sie in die Höhe.

Verwirrt kam der übrige Pulk zum Stehen, keine zehn Schritte von Barbandor entfernt.

Obwohl der Zwerg ihnen zum Greifen nahe war, wagten sich die Scheusale nicht näher. Sie grollten leise, witterten in die Luft und suchten nach dem Grund für das unvermittelte Ableben ihrer Artgenossen. Zwei Orks beugten sich grunzend über die Leichen und untersuchten sie, fuhren mit den Fingern um die kreisrunden Wunden, aus denen das schwarzgrüne Blut ...


Die Redaktion
Über den Autor (Zusammenstellung)

Das Redaktionsteam von Zauberwelten-Online.de

Artikel: Leseprobe: Die Rückkehr der Zwerge
Dieser Artikel ist erschienen bei:

Kommentare

Artikel mit gleichen Tags

Leseprobe: Die Wirker - Das Lied der Macht - Thomas Vaucher sorgt bereits im ersten Band für einige Überraschungen
Literatur
Tags: Magie Thomas Vaucher Krieg Intrigen Verschwörung Bedrohung High Fantasy Leseprobe Einblick Bücher

Mit "Die Wirker: Das Lied der Macht" schafft Thomas Vaucher den Auftakt für eine Serie voller Intrigen, Verschwörungen und einer Bedrohung, die man bereits besiegt geglaubt hat: Die Wirker. Neben einer spannenden Handlung sorgt der Autor in der Geschichte für die ein oder andere Überraschung!

Leseprobe: Die Blutkönigin - Bernhard Hennen kehrt in die Welt der Elfen zurück.
Literatur
Tags: Leseprobe Hennen

"Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht!" (Rosa Luxemburg zugeschrieben) So beginnt es, das neue Werk aus der Feder Berhard Hennens, der nach einiger Zeit in das Universum der Elfen zurückkehrt und uns mit neuem Lesestoff versorgt.

4.5 /5

 Die Rückkehr der Zwerge (1) - 1.000 Jahre sind seit den letzten Abenteuern ins Land gezogen
Literatur
Tags: Zwerg, Heitz, Tungdil, Goldhand, Geborgene Land, Ork

Nach sechs Jahren Ruhe ziehen die Zwerge von Markus Heitz in ihr 6. Abenteuer! In der von ihm erschaffenen Heimat der Zwerge und anderer Völker sind jedoch mehr als nur sechs Jahre vergangen: Tausend Zyklen, also Jahre, sind seit den letzten Abenteuern ins Land gezogen.

Triumph der Zwerge - Der größte Kampf der Zwerge beginnt ...
Literatur
Tags: Zwerge Roman Fantasy Markus Heitz Piper Verlag Zwergensaga

Ein lohnenswerter Roman, den man nicht mehr zur Seite legen will!

Die Zwerge 1 – Tungdil - Gelungene Comicumsetzung des Bestsellerromans
Literatur
Tags: Comic Zwerge Fantasy Che Rossié Yann Krehl Markus Heitz Splitter Verlag

Jetzt ist der erste Band der Comicadaption zum Fantasy-Epos rund um den außergewöhnlichen Zwerg Tungdil Goldhand erschienen. Schlagkräftig, actiongeladen und humorvoll steht die bildliche Umsetzung seinem wortreichen Vorbild in nichts nach.

Die Zwerge (Vorschau) - Vom Bestsellerroman zum Computerspiel
Games
Tags: Zwerge Vorschau Windows PS4 Xbox One King Art Games Fantasy RPG

Im Sommer 2016 erscheint bei Eurovideo das taktische Rollenspiel Die Zwerge.

Toller Dampf voraus - Terry Pratchett
Literatur
Tags: Terry Pratchett Steampunk Zwerge Hörbuch Humor Fantasy

Ein junger Ingenieur bringt eine neue Erfindung in die Stadt – eine Dampflokomotive. Und eine radikal konservative Splittergruppe von Zwergen versucht, diesem Fortschritt mit allen Mitteln Einhalt zu gebieten.

Ich sehe gerne Leute repräsentiert, die keine Superheld*innen sind - Maja Ilisch im Genretalk über (Anti-)Heroische und High-Fantasy (Teil II)
Literatur
Tags: Interview Maja Ilisch Genretalk Fantasy, High Fantasy Heroic Fantasy Anti Heroic Fantasy Autor

Im Genretalk stellt uns Maja Ilisch ihren eigenen Stil der Fantasyliteratur vor, den sie als Anti Heroic Fantasy bezeichnet.

Klassische Fantasy ist meist High Fantasy - Maja Ilisch im Genretalk über (Anti-)Heroische und High-Fantasy (Teil I)
Literatur
Tags: Interview Maja Ilisch Genretalk Fantasy, High Fantasy Heroic Fantasy Anti Heroic Fantasy

Mittelalter, strahlende Heldinnen und Helden, böse Drachen und klare Werte: Maja Ilisch diskutiert im Genretalk, wodurch sich High und Heroic Fantasy auszeichnen.

Neues aus der Feendrachenhöhle 2  - Der Memory-Effekt
Literatur Sonstiges
Tags: Feendrachenhöhle Geschichte Fantasy Drachen Aus der Redaktion Ann A. Kalliope Kurzgeschichte Serie

Neulich, ich hatte gerade meine Tür geöffnet, um Familie Wollmaus endgültig zum Auszug aus meinen heimischen Gefilden zu bewegen, stand urplötzlich wieder das kleine Menschenmädchen vor mir.

Weitere Artikel

An die Bretter, fertig, los: die SPIEL '21 - Internationale Spieletage 2021 in der Messe Essen und digital
Brett- und Kartenspiele Veranstaltungen

Vom 14. bis 17. Oktober können Spielebegeisterte in der Messe Essen die weltweit größte Messe für nicht-elektronische Spiele besuchen: Die SPIEL ’21 lädt ein zum jährlichen Branchentreffen aller Karten- und Brettspielverrückten. Aber was gibt es 2021 eigentlich zu entdecken?

Eleanor Bardilac - Zwischen Tod  und Hoffnung
Sonstiges

Eleanor Bardilac ist Germanistin und Buchliebhaberin. Ihr erstes Werk – "Knochenblumen welken nicht" – dreht sich aber nicht nur um düstere Themen, sondern stellt die Charaktere als lebende Wesen vor, die sich zwischen Licht und Schatten bewegen. Im Interview gibt sie uns einen Einblick in die Hintergründe ihrer Arbeit.

5 /5

Resident Evil Village - Dorf des Grauens
Games

Ethan Winters muss seine Tochter aus den Fängen vierer furchterregender Grafen retten. Im Achten Teil der Horrorserie kämpfen wir nicht mehr nur gegen Zombies, sondern gegen allerlei gruselige Kreaturen der klassischen Horrorliteratur.