Kunst in der Krise

Wenn Steine im Weg liegen

Kategorie: Literatur
Tags: Kunst Pandemie Solidarität Krise
von Andreas Giesbert (Text)

Auf eine erschreckend nüchterne Weise betrachtet, waren das letzte Jahr und die zahlreichen Kontaktbeschränkungen für die Kunst gar keine schlechte Sache. Seltener hatte man mehr Zeit zum Lesen, zum Sehen und zum Hören. Zumindest wenn neben Kinderbetreuung und Existenzangst genug freier Kopf bleibt. 

Kunst und Kultur haben vielleicht einen Stellenwert wie selten zuvor. Wir brauchen sie, um unsere irrwitzigen Zeiten zu verstehen, die Einsamkeit zu überwinden oder auch einfach nur, um uns zu zerstreuen. Eskapismus pur ist gefragt. Der gute Roman der einen drückenden Lockdown-Tag erträglich macht, die Rollenspielrunde über Konferenzsysteme: Kunst und Kultur, zumal phantastische, sind für viele überlebenswichtig oder zumindest eine der wenigen schönen Sachen, die man sich gerade gönnen kann.

Flucht vs. Realität

Für die Künstler*innen stellt sich das ganze jedoch oft anders da. Man macht das, was man am besten kann: kreativ werden. Aus der Lesung wird eine Onlinelesung in Second Life, man vernetzt sich digital und schreibt gegen die Zeit an, liefert seine Bücher rabattiert oder gar umsonst per E-Book nach Hause und sucht nach neuen Möglichkeiten. Da Künstler*innen meist auch Lebenskünstler*innen sind, spricht man dabei nicht so gerne über Geld. Irgendwie klappt es ja doch und man will ja für die Arbeit geschätzt werden und weder Mitleid bekommen noch den Eindruck erwecken, es ginge um den schnöden Mammon. Wer seine Kunst jedoch nicht als Hobby neben dem festen Brotjob betreibt, dürfte in der Krise noch etwas mehr Existenzangst verspüren als ohnehin. Fantasyautorin Isa Theobald bringt es in einem der wenigen Gespräche zum Thema klar auf den Punkt. Was fehlt ist nicht die Zeit zum Schreiben, sondern die Teile des Jobs, die Geld einbringen: Lesungen, Messen, Lektorat oder in ihrem Fall auch das Theater.

Besonders heftig wird es, wenn zur allgemeinen Belastung auch noch persönliches Unglück hinzutritt. Davon dürfte Jörg Kleudgen zur Zeit einiges zu berichten haben, hätte er nicht gerade alle Hände voll damit zu tun, gegen das Hochwasser zu kämpfen, das buchstäblich am – häuslichen wie ökonomischen – Fundament nagt. Das phantastische Universalgenie ist als Sänger der Gothic-Rock-Band The House of Usher, Verleger der Goblin Press, Herausgeber von Lovecrafts Schriften des Grauens und der Cthulhu Libria Neo im Blitz-Verlag tätig und aus ungezählten weiteren Projekten der dunklen Phantastik nicht wegzudenken. 

Der Schlag, der Kleudgen getroffen hat, zeigt aber auch einmal mehr, dass Künstler*innen Wege finden, um zu helfen. Binnen Stunden fanden sich Freund*innen zusammen, um einen solidarischen Spendenaufruf zu starten. Und nur wenig später schloss sich eine Aktion des KOVD-Verlages an, der kurzerhand entschieden hat, das ursprünglich in der Goblin Press erschienene Erstlingswerk von Tobias Bachmann: Steine in einer exklusiven Version neu aufzulegen und 7 € je Exemplar an Kleudgen zu spenden.

Nicht immer trifft es Autor*innen, Musiker*innen und andere Künstler*innen so direkt wie derzeit das Hochwasser oder Corona. Hat man ein offenes Auge auf die kleinere Phantastikszene, zeichnet sich aber ein Bild, bei dem ein bisschen Unterstützung nie schaden kann. In sofern gilt während Lockdowns noch mehr als sonst: Lasst euren Lieblingsphantast*innen ein paar nette Worte da, empfehlt sie, sprecht über ihre Werke, kauft ein gutes Buch und hinterlasst – wenn es der Geldbeutel zulässt – vielleicht auch mal ein monetäres Dankeschön. Dann wäre alles ein bisschen besser als die Realität und das wäre doch wirklich phantastisch, oder?


Andreas Giesbert
Über den Autor (Text)

Andreas begeistert sich für Rollenspiele, Spielbücher und narrative Brettspiele. In letzter Zeit darf es auch mal ein Ausflug in die düstere Phantastik sein. Sein Profilbild verdankt er Erik R. Andara.

Artikel: Kunst in der Krise
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