The Kingdom

Das Erwachen der Seele

Kategorie: Literatur
Tags: The Kingdom Jess Rothenberg Oetinger Jugendbuch Künstliche Intelligenz
von Nadine Kaiser (Text)

Ana lebt in einem Freizeitpark. Als mechanisch erschaffener Hybrid ist es ihre Aufgabe, den Besucher*innen zu gefallen, ihre Wünsche zu erfüllen und hübsch auszusehen. Doch Ana beginnt, dieses Konzept in Frage zu stellen und sucht nach ihrem eigenen Glück.

Die Welt, in der Ana und ihre Schwestern als Prinzessinnen leben, ist der Freizeitpark The Kingdom. Dieser Freizeitpark ist der einzige seiner Art auf der Welt; die Menschen kommen von überall her, nur um die niemals alternden, hübschen Fantastinnen zu bewundern. Verlassen dürfen die Schwestern den Park niemals, die Welt da draußen sei zu gefährlich. Und die Fantastinnen fügen sich. Mutter und Vater wissen, was das Beste ist, sie haben sie schließlich als perfekt erschaffen. Außerdem ist Widerspruch verboten, das ist so in ihrer Programmierung hinterlegt. Immer gefallen, immer lächeln, immer nett sein und schöne Kleider tragen.  

Dass es so jemanden wie Ana überhaupt geben kann, ist ein Wunder der modernen Technik. Selbst ausgestorbene Tiere oder Fabelwesen können in The Kingdom bewundert werden. Sie alle wurden erschaffen, sind halb Biomasse, halb Mechanik. Sind nicht richtig Tier, sind nicht richtig Mensch. Daher ist nicht nur Ana verwirrt, als sie den Tierpfleger Owen kennenlernt und ihn “sehr mag”. Kann ein Hybrid wie Ana überhaupt Gefühle empfinden? Und vor allem – kann es echt sein? Ihr Sein und ihre Gefühle hinterfragend und ergründend begibt sich Ana auf eine gefahrvolle Reise durch die Lebenswirklichkeit von The Kingdom und weit über die Grenzen dessen hinaus, denn sie muss sich vor Gericht für den Mord an Owen verantworten. 

Das Erwachen der verpassten Chance 

Die Story um Ana beginnt direkt mit dem Mord, beziehungsweise mit dem Fund von Owens Leiche – gefolgt von einem Gerichtsprotokoll. Während die Gerichts- und Gesprächsprotokolle immer wieder auftauchen, baut sich darum herum das Leben von Ana auf, beginnend zwei Jahre vor dem verhängnisvollen Mord. Es ist eine wirklich faszinierende Art von Welt, die The Kingdom darstellt, mit all seinen technischen Errungenschaften, verpackt in ein Freizeitpark-Wunderland. Dass nichts ist, wie es scheint, wird den Leser*innen jedoch schnell klar. Und das nicht nur, weil stetig der Wechsel zu unterschiedlichen Episoden aus dem Gerichtsprozess Punkte zu Tage fördern, die gegen eine heile Welt sprechen. In Anas Beschreibungen ihrer Lebenswirklichkeit versteckt sich das perfekt inszenierte, fremdbestimmte Leben eines rein für das Amüsement der Besucher*innen erschaffenen Wesens, was sie weder hinterfragt noch in irgendeiner Weise schlimm findet. Sie kennt es ja nicht anders.  

Das Erwachen der Seele ist aber das, worauf man als Leser*in wartet. Denn von einer unbedarften jungen Frau, die von allen ausgenutzt, unterdrückt, benachteiligt, nicht als Individuum wahrgenommen wird, etc. etc. und das auch noch gut findet ... da vergeht einem doch die Lesefreude. Das Erwachen schleicht sich dann auch langsam in das Handeln und Denken von Ana ein, macht die Story wieder interessanter, vielfältiger. Eine stille Revolution scheint sich einen Weg zu bahnen, die noch einmal Fahrt aufnimmt, als Owen die Geschichte betritt. Also zumindest anfangs. Denn mit zunehmendem Fortschritt der Buchseiten, die man hinter sich gebracht hat, verschwindet der Fokus der Geschichte hinter einer typischen Teenager-Love-Story, bei der Ana sich immer wieder fragt, ob sie z. B. etwas Falsches zu Owen gesagt hat, weil er ihr aus dem Weg zu gehen scheint. Oder, ob er sie mag. Oder sie ihn. Nein, das tut sie nicht, Owen ist doof. Nein, eigentlich doch nicht. Großes Kino. Klar ist das etwas zugespitzt, aber die Haupttriebfeder von vielem, was im Buch ab einem gewissen Zeitpunkt passiert. Die Story scheint nur noch zweitranig hinter der “erwachten Liebe” ... 

Fazit 

Ich hatte mir mehr erhofft von dem Buch. Die Story klang interessant und irgendwo sogar innovativ, sehr viele Rezensionen versprachen ein Highlight, was ethische Fragen zu KI-Entwicklungen angeht. Und das alles in ein recht schmales Jugendbuch gepackt. Das grundlegende Konzept ist tatsächlich ein spannendes, ein hochtechnisierter Heile-Welt-Freizeitpark, in dem sich alles um die mechanischen und perfekten Prinzessinnen dreht, die plötzlich zu echten menschlichen Gefühlen fähig sind. Leider wandelt sich das Buch zu einer stereotypen Jugendbuch-Lovestory. Die einst recht sympathische, reflektierte Ana verliert sich in Fragen, ob sie etwas für Owen empfindet, ob Owen sie liebt oder nicht, sie Owen hasst oder nicht ... und alles in stetigem Wechsel. Da rettet auch das coole Setting nicht. Die eingestreuten Gerichtsprotokolle verwirren zu Beginn sehr, für besseres Verständnis liest man sie am besten zu einem späteren Zeitpunkt erneut. Selbst das Ende wirkt vorhersehbar und ist einfach nicht stimmig zu alldem, was vorher kommuniziert und aufgebaut wurde. Von der Theorie her hätte The Kingdom durchaus ein gutes Buch sein können, aber allein der Teenie-Liebesdrama-Anteil war mir schlichtweg zu bestimmend in der Gesamthandlung. Mich konnte es leider nicht überzeugen.  


Weitere Informationen:
Nadine Kaiser
Über den Autor (Text)

Nadine ist in der Science-Fiction-Literatur zu Hause; mit einem besonderen Faible für Dystopien, Utopien und Zeitreisen.

Artikel: The Kingdom
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