4 /5

Immortals: Fenyx Rising

Wenn Mythologie eine Seifenoper wäre

Kategorie: Games
Tags: Immortals Fenyx Rising Ubisoft Griechische Mythologie Action Adventure Zeus griechische Götter Helden
von Marc Haarmann (Text)

God of War und zu einem großen Teil auch Assassin's Creed Odyssee haben gezeigt, wie man die griechische Mythologie mit ernstem Unterton inszeniert. Dafür mussten die Autor*innen bisweilen stark vom Quellmaterial abweichen, damit die Geschichten überhaupt ernst genommen werden konnten. Liest man sich hingegen die wahren Epen, wie Homers Ilias und Hesiods Theogonie aufmerksam durch, erkennt man, warum die oben genannten Spiele sich nicht sklavisch an die Vorlage halten können: Sie wirken schlichtweg abstrakt, verworren und für den heutigen Zeitgeist befremdlich. Mythologie als Basis für die antike Spiritualität ist leider keine Vorlage für einen gemütlichen Actionfilm, wohl aber eine Inspiration.

Hier betritt Immortals: Fenyx Rising (ehemals Gods and Monsters) die Bühne und serviert uns Spieler*innen eine moderne, fast kindgerechte Interpretation der griechischen Mythenwelt: Eine Welt in der seichte Seifenoperästhetik absichtlich mit der Absurdität der antiken Epen kollidiert und dabei näher am den Originalen ist als all die ernsten Adaptionen zusammen. Dabei bedient es sich aber auch dreist am Open-World-Konzept von Zelda Breath of the Wild. Und das ist keine schlechte Entscheidung.

Eine göttliche Komödie

Das Ungeheuer Typhon, welches eigentlich von Zeus besiegt wurde, ist zurückgekehrt und hat die Götter vom Olymp vertrieben. Nun droht es, die Oberwelt zu unterjochen. Die Götter, die nicht flohen, wurden von Typhon verwandelt und ihrer Macht beraubt. Die großen Helden, wie Achilleus oder Herakles wurden korrumpiert und dienen nun willenlos als Typhons Streitmacht. Zeus besucht den an einen Stein gefesselten Titanen Prometheus und bittet diesen um Hilfe. Dieser erzählt Zeus die Geschichte von Fenyx, einer wahlweise männlichen oder weiblichen Figur, die auf der Goldinsel Schiffbruch erleidet und nun die Götter des Olymps retten muss. Da Zeus nicht wirkliches Vertrauen in die Menschen hat, schließt er eine Wette mit Prometheus ab, dass Fenyx es nicht schaffen wird. Und wie Götter nun mal so sind, spinnen die beiden sich die Geschichte wie kleine Kinder nach eigenem Belieben zusammen. Da wechselt ein Cyclopenboss auch mal spontan die Größe, weil Zeus gerne einen dramatischeren Kampf sehen, aber Prometheus lieber ernsthafte Geschichten erzählen will. Pen&Paper-Gamemaster lassen grüßen.
Die amüsante Unterhaltung aus dem Off wirkt teilweise wie eine Therapiestunde und Rekapitulation von Zeus katastrophaler Rolle als Göttervater. Zudem beleuchten die vielen kurzen Erzählungen über Zeus sonderbare Einmischungen in die Geschichte und Mythologie, wie Zeus als allmächtige Herrscherfigur mit Willkür und krankhaftem Narzissmus das Bild der griechischen Antike formt.
Tatsächlich ist Fenyx Reise über die Goldinsel eine Art Gang durch ein Göttermuseum, das die antike Mythologie wie Anekdoten wiedergibt. Wo wir in unserer Vorschau noch befürchteten, dass dies mit der Zeit nervig werden könnte, geben wir hiermit Entwarnung. Die unterhaltsamen Dialoge sind bis auf wenige Ausnahmen überaus unterhaltsam und sogar lehrreich.

Die Früchte der Arbeit

Die Rätsel, die wir überall vorfinden, haben selbst nur wenig mit den Geschichten zu tun. Wir setzen Sternbilder zusammen, lösen Verschieberätsel, absolvieren knifflige Tartarosrätsel oder kämpfen gegen besonders starke Monster.
Als Belohnung winken neue Rüstungen, Waffen, und Ambrosiasplitter, die unsere Attribute erhöhen, sowie Charons Münzen, mit denen wir neue Angriffe erlernen und verstärken. Um diese Upgrades anzuwenden, müssen wir in die Halle der Götter zurückkehren. Nur in diesem zentralen Hub können wir unsere neuen Upgrades auch anwenden. Zusätzlich können wir auch täglich wechselnde Missionen annehmen und von deren Belohnungen kosmetische Upgrades kaufen. Während die Stärke unserer Heldenfigur steigt, legen aber auch die Monster einen Zahn zu und greifen uns erst mit roten, dann mit blauen und später mit knallbunten Versionen der leider immer gleichen Feindestypen an. Damit sich das Aufrüsten auch lohnt, schalten wir neue Angriffe frei, mit denen wir besonders spektakuläre Angriffsketten starten können. Ob wir dabei eher auf Schwert, Pfeil und Bogen oder Hammer legen, liegt dabei ganz am Spielstil. Gerade am Anfang leistet der ferngesteuerte Pfeil mit Verlangsamung der Zeit überaus gute Dienste, wenn wir von den starken Monstern aus nächster Nähe zu schnell umgehauen werden. Später erledigen wir ganze Horden von Cerberussen, Cyclopen, Chimären und Gorgonen mit Leichtigkeit im Nahkampf und erreichen immer neue Combo-Rekorde. Die Kämpfe machen trotz der wiederkehrenden Gegner*innen jede Menge Spaß.

So viel zu tun ...

Dialoge mit NPCs führt Fenyx nur mit Hermes und den verwandelten Göttern der vier Areale, für die wir Missionen erledigen müssen. So streifen wir entweder zu Fuß, per Ikarosflügel oder mit einem der zahlreichen zähmbaren Reittiere durch die sechs Zonen und arbeiten die entdeckten Rätsel und Aufgaben auf der Karte ab. Um diese überhaupt zu finden, müssen wir uns auf einen hohen Punkt begeben, in die Egosicht schalten und auf die Vibrationen des Controllers achten. So haben wir blitzschnell eine Karte mit unzähligen neuen Zielen abzuarbeiten. Was in storylastigen Spielen von Ubisoft meist in einer unmotivierten Checkliste an Aktivitäten mündet, stört in Immortals nicht so sehr, weil das Sammeln von Geschichten in Verbindung mit den Rätseln und Herausforderungen tatsächlich Spaß macht. Wer hingegen auf eine zusammenhängende Geschichte besteht, wird mit Immortals: Fenyx Rising nicht glücklich werden. Zwar schicken uns die verwandelten Götter auf Missionen, die wir zu ihrer Befreiung absolvieren müssen und letztlich auch in einem großen Dungeon inklusive Bosskampf münden, doch unterscheiden diese sich inhaltlich kaum von den anderen Aufgaben, die wir auf der ganzen Insel verteilt vorfinden. Die Tartarosrätsel sind kleine Minidungeons, ähnlich der Schreine aus Breath of the Wild. Mit Hilfe der Telekinese, ferngesteuerter Pfeile und gewichteten Blöcken gelangen wir zum Ziel, wo uns jeweils ein Zeusblitz erwartet. Mit diesem erhöhen wir unsere Ausdauer. Und die brauchen wir sehr nötig, denn auch hier geht uns früh die Puste aus, wenn wir zu lange klettern, gleiten oder ausweichen.

Noch mehr Fenyx

Wer nach dem Hauptspiel noch nicht genug hat, kann sich mittlerweile auch mit den drei umfangreichen DLCs "A new God", "Myths of the Eastern Realm" und "The Lost Gods" die Zeit versüßen. Alle drei Erweiterungen sind im Season-Pass erhältlich und erweitern das Spielerlebnis mit neuen Herausforderungen, neuen Gebieten und mehr Story. Auch hier gilt: Wer mit dem Hauptspiel seinen Spaß hatte, wird hier das gleiche Erlebnis lediglich in neuer Form bekommen. Am Spielprinzip selbst ändert sich nichts.


4 /5

Immortals: Fenyx Rising tut eigentlich genau das, was wir an der redundanten Ubisoftformel stets kritisieren. Doch irgendwas ist hier anders. Da wir keinem strikten Storyfaden folgen, spielen wir diesen Erlebnispark an Rätseln sogar gerne, um uns immer wieder neue Fragmente einer verworrenen, aber unglaublich faszinierenden Mythologie anzuhören. Der Humor, das Durchbrechen der vierten Wand und der kindliche Charme macht das Spiel zu einem für Ubisoftverhältnisse frischem Erlebnis. Voraussetzung für den Spaß ist, dass man sich auf das Abenteuer einlässt und gerne durch riesige Landschaften reist um neue Geheimnisse zu lüften, die euch stärker und heldenhafter werden lassen. Kleine Balancingprobleme, in denen der Schwierigkeitsgrad der Rätsel stark schwankt, werden ausgeglichen durch ihre Vielzahl. Man muss nicht alles schaffen, um das Ende zu sehen. Es ist aber unglaublich befriedigend zu sehen, was man bereits hinter sich gelassen hat. Vom Menschen zu Götterretter*innen und dabei noch lernen? Man muss nicht immer alles so ernst nehmen. Das tun die Götter auch nicht.

Positiv:
  • die Ubisoftformel macht hier sogar Spaß
  • die zahlreichen kleinen Geschichten bringen uns die Mythologie näher
  • nahezu bugfreies Erlebnis
  • intuitives Kampfsystem mit vielen Möglichkeiten
Negativ:
  • die eigentliche Geschichte geistert im Hintergrund herum
  • teils ziemlich primitiver Humor
  • wenig Gegnervariationen
  • Invasionen der gefallenen Held*innen nerven sehr schnell
Weitere Informationen:
Marc  Haarmann
Über den Autor (Text)

Marc Haarmann schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: Immortals: Fenyx Rising
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
Dieser Artikel ist erschienen bei:

Kommentare

Artikel mit gleichen Tags

4 /5

Watchdogs Legion - Ein Käfig voller Helden
Games
Tags: Watchdogs Legion Watchdogs Ubisoft Dedsec Albion Zeroday Cyberpunk London ctOS Dystopie

In London herrschen nach einem Anschlag Angst und Schrecken. Doch genau die Gruppe, die dafür verantwortlich gemacht wird, ist nun die Rettung: Die Wachhunde von Dedsec sind zurück und ihr Rudel wächst.

Immortals: Fenyx Rising - Handlangerdienste für faule Götter
Games
Tags: Ubisoft Open-World-Action-Adventure griechische Mythologie

Der damals noch "Gods and Monsters" genannte Titel heißt zwar (nach einer Klage von Monster Energy) jetzt "Immortals: Fenyx Rising", abgesehen vom Namenswechsel hält der Entwickler aber an Setting und Gameplay fest.

4 /5

Assassin’s Creed Odyssey - Für eine Handvoll Drachmen
Games
Tags: Assassin’s Creed Odyssee Griechenland Kassandra Alexios Ubisoft Rollenspiel Abstergo Sparta PS4 Windows

Als Nachfahr*in des berühmten Spartanerkönigs Leonidas machen wir auf der Suche nach unserer Familie die griechische Ägäis unsicher und kämpfen sowohl für Sparta als auch für Athen. Aber auch der finstere Templerorden hat hier seine Wurzeln.

Kaiser der Diebe - Verbrecherjagd in der Stadt der Schurken und Gauner
Pen & Paper
Tags: DSA5 Das Schwarze Auge Aventurien Abenteuer Annette Juretzki Ulisses Spiele Heldenwerk

Was macht die Stadt des Fuchses eigentlich, wenn so finstere Verbrechen geschehen, dass auch der Gott der Diebe nicht mehr untätig bleiben kann? Natürlich schickt er ein paar Glücksritter. Und diese sind – wer hätte es gedacht? – die Helden.

Heidelberger Spieleverlag - Von der Idee zum Spiel – ein Blick hinter die Kulissen
Brett- und Kartenspiele
Tags: Verlag Superhelden Heidelberger Batman Superman

Justice League – Hero Dice ist ein Würfelspiel aus dem Heidelberger Spieleverlag. Wie viel Arbeit hinter diesem auf den ersten Blick simpel erscheinenden Konzept steckt, beschreibt Sabine Machaczek für die Zauberwelten.

Die gehäutete Schlange - Die dunkle Seite der Hesindekirche
Pen & Paper
Tags: DSA5 Das Schwarze Auge Aventurien Abenteuer Michael Masberg Ulisses Spiele Heldenwerk

In Aventurien gibt es viele Gefahren und nicht alle sind offensichtlich. Die Kirche von Wissen und Weisheit gilt als friedliche und manchmal zu theoretische Organisation. Aber ihr heiliges Tier ist die Schlange und diese hat durchaus einen giftigen Biss …

Weitere Artikel

Shadow and Bone - Willkommen zurück im bildgewaltigen Grishaverse
Sonstiges

"Shadow and Bone", die Verfilmung der Bücher rund ums Grishaverse ist derzeit in aller Munde. In der ersten Staffel werden wir eingeladen, die Welt der Grisha und Menschen auf ein Neues zu entdecken.

Paulson’s Peak: Ein Mystery-Spielbuch - Rätselspielbuch der Extraklasse
Pen & Paper

Im Rätselspielbuch knobeln wir uns durch das Anwesen des Spielzeugmachers Paulson und lüften dabei erschreckende Geheimnisse.

Aventurische Mode - Eine Projektvorstellung von Daniel Brinkmann
LARP Pen & Paper

Daniel Brinkmann stellt das ambitionierte Fanprojekt vor und gewährt uns exklusiven Einblick in Leseproben.