Homefront The Revolution

It's always glitchy in Philadelphia

Kategorie: Games
von Marc Haarmann

Eine Vision, die ausgerechnet Nordkorea zum Agressor der Neuzeit wählt und die Weltmacht USA über Nacht überrumpelt, klingt aus der Sicht eines informierten Bürgers nicht sehr glaubhaft. Der Vorgänger aus dem Jahr 2011 erklärte dies seinerzeit mit einer Atombombe in der oberen Atmosphäre, die dank eines EMPs sämtliche Elektronik nutzlos machte und die „Norks“ offene Türen einrennen ließ.

The Revolution rollt die Vorgeschichte etwas anders auf. Der nordkoreanische Konzern APEX gilt bereits seit den 70ern als fortschrittlichster Entwickler moderner
Waffentechnologie. Um der drohenden Niederlage im nahen Osten entgegenzuwirken, stürzen sich die USA durch den Kauf neuester Waffen in große Schulden, die sie nicht wieder zurückzahlen können. Doch moderne Software hat einen großen Haken: Sie ist an den Quellcode ihres Erzeugers gebunden. Nordkorea beschließt, sämtliche APEX-Kriegsmaschinerie einfach abzuschalten. Die von Unruhen geplagten USA heißen ohne jegliche Verteidigung die offenbar hilfsbereiten Nordkoreaner willkommen. Doch der humanitäre Einsatz verwandelt sich stattdessen in eine blutige Invasion.

Auch wenn die Vorgeschichte sich verändert hat, ist Homefront The Revolution eine Fortsetzung des ersten Teils. Wir befinden uns im belagerten Philadelphia. Benjamin Walker, die Hauptfigur des Romans Homefront: The Voice of Freedom, gilt als die Stimme des Widerstands. Sein Überleben sichert die Moral der Freiheitskämpfer. Leider spielen wir nicht Walker, sondern Ethan Brady, einen Niemand, dessen Splittergruppe verraten und exekutiert wird. Nur durch das plötzliche Auftauchen Walkers überleben wir das Verhör. Doch Walker wird angeschossen und landet durch seine Verletzung in den Händen der Nordkoreaner. Unser Ziel ist es, Walker zu retten und die Revolution in Gang zu setzen.

Wilkommen in der Zone

Die wohl größte Neuerung zeigt sich im Open-World Gameplay. Philadelphia ist in mehrere Zonen unterteilt. Rote Zonen sind Industriegebiete der Koreaner. Gegner schießen hier auf Sicht. Drohnen patrouillieren die Straßen und lösen Alarm aus, große Luftschiffe scannen die Gegend nach Feinden ab. Wir können die Industriekomplexe erobern und sie zu Basen des Widerstandes machen. Nebenbei plündern wir verlassene Gebäude und kaufen neue Waffen-Upgrades. Wer möchte, kann sich Widerstandskämpfer als Unterstützung anheuern. Das empfielt sich aber nur, wenn man die Rambo-Methode bevorzugt. Wer stattdessen lieber schleichen möchte, zieht alleine los. Leider funktioniert das nicht immer so einfach. Die Aufmerksamkeit der Gegner ist übermenschlich und erkennt einen manchmal sogar durch Wände. Hat man einmal Alarm ausgelöst, ist man nach zwei Schüssen bereits tot. Die Tonabmischung ist dabei so leise, dass man manchmal gar nicht mitbekommt, dass man angeschossen wurde. Lediglich die Einblendung, dass man sich heilen sollte, weist darauf hin, dass man wohl gerade verblutet.

Das Zielen mit der eigenen Waffe ist hingegen überaus unpräzise. Die Controller-Unterstützung bietet zwar eine automatische Zielfunktion, die aber nur sehr eingeschränkt hilft. Zielt man nicht über Kimme und Korn, weiß man praktisch nicht, wo man hinschießt, da es kein Zielkreuz gibt. Erst später kann man sich hilfreiche Upgrades wie Laserpointer dazukaufen. Es lohnt sich daher, bereits früh in ein Sturmgewehr mit variablen Zielfernrohren zu investieren.

In den gelben Zonen leben Zivilisten. Hier können wir nur mit versteckter Waffe herumlaufen. Da unser Gesicht nach den ersten Unruhen allerdings weltbekannt ist, löst eine Entdeckung sofort Alarm aus. Um den Aufstand der unterdrückten Bürger anzuheizen, müssen wir ihre „Herzen gewinnen“. Dies tun wir durch Befreiungsaktionen, Sabotageakte und dem Wechseln des Radiosenders auf den Widerstandskanal. Dadurch entstehen Unruhen, in denen wir die Macht des Bezirks an uns reißen können. Ist der Bezirk erobert, geht es weiter zum nächsten.

Natürlich könnten wir das auch alles ignorieren und einfach der Hauptgeschichte folgen. Diese ist zwar anfänglich nicht sonderlich mitreißend und durch den Open-World Fokus stark verwässert, jedoch ist sie einer der Pluspunkte. Tatsächlich wollen wir wissen, wie die Geschichte ausgeht. Wer einfach nur der Haupthandlung folgen will, wird aber auf Dauer durch zu schwache Ausrüstung Probleme bekommen.

Wie eine heiße Kartoffel

Ursprünglich stammte Homefront vom Entwicklerstudio THQ, welches 2013 seine Pforten schließen musste. Die Lizenz und das halbfertige Spiel wanderte zu Crytech. Finanzielle Engpässe veranlassten jedoch auch Crytech zum Abtreten der Lizenz. Schließlich übernahm Koch Media mit seinem Tochterunternehmen Deep Silver das Projekt und ließ es über die Dambuster Studios vollenden.

Die stetigen Unterbrechungen der Entwicklung kamen dem Scheidungskind Homefront nicht zugute. Trotz nachgereichter Patches weist die Performance des Spiels starke Optimierungsschwächen auf. Vor dem Spielen lädt das Level zeitweise bis zu vier Minuten, bis es losgeht. Danach dauert es zwar nicht mehr so lange, es kann bei Gebietswechseln jedoch immer noch bis zu einer vollen Minute dauern. Das Spiel friert zudem bei jedem Speichern kurzzeitig ein. Die Begleiter-KI zeigt nicht nur taktisches Unvermögen, sondern leidet teilweise an Totalausfällen. Es gibt Momente in denen Wiederstandskämpfer zielstrebig durch ein Lagerfeuer laufen und augenblicklich verbrennen. Durch die respawnenden NPCs kann das groteske Schauspiel mehrmals hintereinander passieren. Darüber hinaus sind unsere Begleiter bestenfalls als Kugelfang nützlich.

Zum Glück kann man Homefront The Revolution auch mit Freunden genießen. Die Koop-Kampagne ist eigenständig und spielt chronologisch nach den Ereignissen der Singleplayer-Kampagne. Ohne die Macken der Begleiter-KI macht es tatsächlich Spaß, sich abzusprechen und die Missionen nach eigener Taktik zu absolvieren. Auch wenn die Nordkoreaner selbst hier übermenschlich sind, ist man ihnen zumindest nicht gänzlich alleine ausgeliefert.

Fazit

Die absurde Dystopie mag unrealistisch sein. Jedoch hat der Vorgänger bewiesen, dass man auch absurde Szenarios spannend erzählen kann. Im Hype des Gigantismus entschied sich THQ für sein Sequel einst für ein Open-World Szenario. Doch genau hier verliert Homefront The Revolution seine frühere Dynamik. Generische Zoneneroberung verwässert den Erzählfluss durch repetitives Gameplay, das am Anfang noch unterhält, doch mit zunehmendem Fortschritt nur noch dem Aufrüsten der Waffen dient. Eine unausgeglichene KI und eine unpräzise Waffensteuerung sorgen während den Gefechten für Frust. Hinzu kommen zahlreiche Bugs und lange Ladezeiten.

Homefront The Revolution ist durchaus kein schlechtes Spiel. Wer sich auf die (sehr scharfen) Ecken und Kanten einlässt, wird auch motiviert sein, die Kampagne zu beenden. In seinen goldenen Momenten vermittelt Homefront genau die Atmosphäre, die es versprühen soll, und gerade im Finale findet die Geschichte zu ihrer ursprünglichen Intensität zurück.

Homefront The Revolution
(Dambuster Studios/ Deep Silver, 2016)
Plattformen: PS4, Xbox One, PC
Webseite: Homefront The Revolution

Marc  Haarmann
Über den Autor

Marc Haarmann schreibt für Zauberwelten-Online.de.

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