Hoffnungsschimmer nach dem Untergang

Judith Vogt im Genretalk zu Hopepunk

Kategorie: Literatur
Tags: Interview Judith Vogt Genretalk Hopepunk Science Fiction Utopie Dystopie Diversity Repräsentation
von Andreas Giesbert (Text)

Wenn die Grundfesten der Gesellschaft zertrümmert wurden, wartet nur noch das schlimmste. Banden bekriegen sich gegenseitig und machen Jagd auf unschuldige Passanten, die sie bestehlen, verkaufen oder Schlimmeres. Was sich als dramaturgischer Hintergrund für fast jede Endzeiterzählung durchgesetzt hat, zeigt aber nur eine Seite des Eschatons. Hopepunk wirft stattdessen die Solar-Panelen an und beleuchtet die Sonnenseite der Endzeit. Ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen, nicht immer auch ein Neuanfang? Vielleicht sogar eine Chance? Im Genretalk stellt uns Judith Vogt, die Autorin von Wasteland, Deutschlands bekanntestem Hopepunk-Roman, ein ungewöhnlich optimistisches Genre vor.

Andreas Giesbert (Zauberwelten-Online): Liebe Judith, schön, dass du dir die Zeit für einen kleinen Genretalk nimmst. Ich durfte schon zwei Projekte von dir vorstellen. Stell dich doch trotzdem einmal kurz vor, wie du zur Phantastik kamst und was neben Roll Inclusive, Ace in Space und dem noch zu diskutierenden Wasteland bei dir so alles passiert.

Judith Vogt: Danke, dass ich wieder dabei sein darf! Ich bin Fantasy- und Science-Fiction-Autorin, Pen&Paper-Rollenspieldesignerin, mache zusammen mit meiner Freundin Lena den monatlichen Genderswapped-Podcast zum Thema Rollenspiel und Feminismus und gebe mit ihr und Kathrin Dodenhoeft einmal im Quartal das SFF-Kurzgeschichtenmagazin Queer*Welten heraus. Weil ich seit ein paar Jahren komplett freiberuflich arbeite, übersetze ich außerdem aus dem Englischen, lektoriere, schreibe Sachtexte rund um die Phantastik und habe einen Patreon, auf dem monatliche Kurzgeschichten und Minispiele erscheinen.

Andreas (ZW): Hopepunk ist ein recht unbekanntes Genre. Wenn ich recht informiert bin, ist der jüngst abgewählte Präsident der USA nicht ganz unschuldig an dem Genre, oder?

Judith: Der Begriff Hopepunk wurde von Autor*in Alexandra Rowland auf Tumblr ins Leben gerufen. Rowland schrieb: „The opposite of Grimdark is Hopepunk. Pass it on.“ Und das war's erstmal – bis dann weitere und längere Hopepunk-Manifeste von Rowland folgten. Das heißt, den Ursprung würde ich nur indirekt Trump und anderen rechten Strömungen zuordnen. Erst einmal würde ich sagen, geht der Begriff auf ein Übermaß von finsterem grim&gritty Storytelling in den 2000ern und 2010ern zurück. Als Höhepunkt ist da sicherlich Game of Thrones zu nennen, wo fast alle Frauenfiguren sexualisierte Gewalt erfuhren und mit Figuren wie dem Bastard of Bolton neue Tiefen von Folter- und Gewaltexzessen ausgelotet wurden.

Vorlieben für Genres spiegeln natürlich das wider, womit wir die Realität abbilden oder auch ausgleichen wollen. Das heißt, es ist gut möglich, dass die Wahl von Männern wie Trump, die gewählt wurden, obwohl sie für sexualisierte Übergriffe bekannt sind, dazu beigetragen haben, dass Teile der Phantastik es einfach satt hatte, weiterhin diese Geschichten über finstere, moralische Grenzgänger zu erzählen, die von ihrem Umfeld zu grausigen Taten gezwungen werden. Gleichzeitig war Rowlands Theorie auch, dass die Zeit der Geschichten über strahlende (oft männliche) Einzelkämpfer vorbei ist.

Hopepunk ist dabei ein sehr seltsames Genre – es ist komplett setting-unabhängig. Was aber natürlich Krimi, Romance und Co. auch sind. Es kann also Hopepunk in High Fantasy, Space Opera oder sogar als historischen Roman geben – oder in welchem Setting auch immer man sich Geschichten vorstellen kann, in der eine Gruppe von Menschen (vielleicht aussichtslos) für eine bessere Welt kämpft.

Andreas (ZW): Das heißt dann dementsprechend auch, dass es recht wenige Titel gibt, oder? Welche expliziten Hopepunktitel gibt es denn und was davon würdest du neben deinem Wasteland besonders empfehlen?

Judith: Letztlich ist Hopepunk ein Genre, das man Geschichten auch „nachträglich“ verpassen kann. Ich bin kein großer Fan davon – man kann natürlich sagen: „Das hat Hopepunk-Elemente“, aber letztlich bin ich der Meinung, dass Genre den Autor*innen obliegt. Aus dem Steampunk kenn ich da ein schönes Sprichwort: „To say ‚That’s not Steampunk!‘ is not Steampunk.“ Umgekehrt finde ich, gilt das auch: Ich halte mich bei Genreeinordnung eigentlich gern daran, was die Autor*innen sagen – unter anderem deshalb, weil ich in der Science-Fiction-Szene so oft die Erfahrung gemacht hab, dass SF-Fans (meist über Bücher von Frauen) sagen, das sei keine Science-Fiction, sondern … (Space Fantasy, Jugendbuch, Fantasy und so weiter). Das heißt, Fremdkategorisierungen sehe ich grundsätzlich skeptisch.

Aber ich finde, es gibt Hopepunk-Elemente in vielen Romane. Das Wort für Welt ist Wald von Le Guin zum Beispiel. Die Wayfarer-Romane von Becky Chambers und Chambers‘ Novelle To Be Taught If Fortunate. The Calculating Stars von Mary Robinette Kowal. Upright Women Wanted von Sarah Gailey, natürlich die Romane von Alexandra Rowland. Es gibt ein Hopepunk-Rollenspiel namens Return to the Stars und mehrere Hopepunk-Kurzgeschichtenpodcasts wie The Flyest Fable. Auch Comics wie Saga und On a Sunbeam sind sehr hopepunkig. An Serien finde ich zum Beispiel, dass Westworld das Genrebending vom Western zum Cyberpunk und vom Grim&Gritty zum Hopepunkperfektioniert hat.

Andreas (ZW): Du hast ja unter anderem auch im Steampunk publiziert. In einem früheren Talk zu Cyberpunk habe ich Arthur Gordon Wolf gefragt, was für ihn das Punkige in all den verschiedenen literarischen -punks ausmacht. Was macht für dich ein Genre punkig, was ist das Punkige im Hopepunk?

Judith: Ich finde nicht, dass es, wie der Kollege sagt, das Rotzfreche ist, was den Punk in diesen Genres ausmacht oder ausmachen sollte. Oder es greift meiner Meinung nach zu kurz. Natürlich ist es im Cyberpunk und auch im Steampunk auch die punkige Optik, die aus den Konventionen des gelackten Arbeitsdrohnensettings (im Cyberpunk) oder des spießigen Biedermeiers (im Steampunk) heraussticht. Aber sowohl Cyber- als auch Steampunk befinden sich in einem ausbeuterisch-kapitalistischen Spannungsfeld: Der Straßensamurai im Cyberpunk ist Abweichler in einer Welt, in der Konzerne Menschenleben verschleißen, und die Steampunk-Erfinderin liebt die Maschine, aber hasst die Fabrik, in der viele unter miserabelsten Bedingungen für den Wohlstand weniger arbeiten. Ich sehe den Punk in den Punk-Genres durchaus als anarchistische oder sozialistische Idee, gegen ein System der Ausbeutung aufzubegehren.

Kapitalisiert wird aber nicht nur unsere Arbeit: Auch das Idealbild unseres Zusammenlebens dient kapitalistischen Wertevorstellungen. Ich gehe jetzt nicht ins Detail, aber die bürgerliche Kernfamilie mit Heterosexualität und Monogamie als Ideal dient natürlich kapitalistischer Produktivität. (Ich lebe selbst in einer bürgerlichen Kleinfamilie, inklusive Haus in der Vorstadt, nur Hund und Lattenzaun fehlen noch.) Aber was ich damit sagen will, ist: Hopepunk mit seinem Fokus auf Gemeinschaft, oft auf Queerness, oft auf Empowerment, kritisiert natürlich, wie alle Punk-Genres, den Kapitalismus.

Andreas (ZW): Ich glaube, es ist unzweifelhaft, dass Hopepunk ein politisches Genre ist. Was kann denn Literatur und insbesondere der Hopepunk politisch deines Erachtens leisten?

Witzig an Rowlands Hopepunk-Manifest One Atom of Justice, one Molecule of Mercy and the Empire of Unsheated Knives ist, dass sich Gedanken daraus so gut in die Realität übertragen lassen. Und da kommen wir natürlich wieder zum Anfang: Es fühlt sich verdammt aussichtslos an, eine Einzelperson ohne Macht und Einfluss zu sein angesichts von rechten Staatschefs, Turbokapitalismus, existenzbedrohender Pandemie und last – but ganz sicher not least – einer immer spürbareren Klimakatastrophe. Das heißt, die Gedanken von Aussichtslosigkeit und Gemeinschaft lassen sich natürlich ins Politische übertragen bzw. kommen auch daher – aber ich bin auch abgesehen davon der Ansicht, dass Literatur und Popkultur unser politisches Denken beeinflussen. Womit ich nicht meine, dass Autor*innen uns zwischen den Zeilen gehirnwaschen – aber welche Geschichten wir als Gesellschaft suchen und brauchen, spiegelt wider, in welcher Zeit wir leben. Und umgekehrt kann aber unser politisches Handeln widerspiegeln, welche Geschichten uns Impulse gegeben haben.

Andreas (ZW): Kommen wir endlich zu Wasteland. Das hast du zusammen mit Christian geschrieben und ist der erste und immer noch einzige Hopepunkroman in der deutschsprachigen Literatur, oder?

Judith: Ich bin mir unsicher, ob im deutschsprachigen Raum noch andere Autor*innen ihre Bücher als Hopepunk kategorisiert haben. Es kamen unter anderem deshalb mehrere Journalist*innen auf uns zu, weil wir die einzigen waren, die sich unter dem Begriff ergooglen ließen. Wobei auch Ace in Space definitiv ein Hopepunk-Roman ist – und auch unsere Fantasy-Trilogie Die 13 Gezeichneten hat genau dieses Thema „marginalisierte Menschen unterschiedlicher Hintergründe schließen sich zusammen, obwohl die Erfolgsaussichten praktisch nicht vorhanden sind“. Daher gibt es sicher noch andere Autor*innen im deutschsprachigen Raum, deren Romane einen ähnlichen Ansatz haben – aber ich möchte niemandem ein Genre überstülpen, das ihm*ihr nicht behagt.

Andreas (ZW): Was sind denn die zentralen Zukunftsvisionen, die ihr in dieser Geschichte realisiert habt? Was ist euch davon besonders wichtig?

Judith: Da Wasteland in einer Postapokalypse spielt, ist das keine Zukunftsvision, die wir gern realisiert sehen würden. Wir sind einfach beide große Mad-Max-Fury-Road-Fans und wollten eine Postapokalypse in Deutschland, mit Schaufelradbaggern und überwucherten Großstädten.

Was wir als Zukunftsvision umsetzen wollten, wird durch den Handgebunden-Markt symbolisiert: eine Gemeinschaft, in der Menschen mit ihren Befähigungen und Bedürfnissen so angenommen werden, wie sie sind. Aber dass diese Gemeinschaft existiert, ist im Prinzip dem Zusammenbrechen der Zivilisation zu verdanken. Viele SF-Autor*innen lassen unsere heutige Zivilisation zusammenbrechen, um darauf neue Formen von Gemeinschaft zu bauen, auch z.B. in Games wie The Last of Us oder Fallout. Es ist natürlich auch ein bisschen deshalb, weil wir auch alle Zukunftsangst haben. Wenn wir Near Future erzählen, ist die Klimakatastrophe das, was über allem liegt. Ich liebe zum Beispiel Solarpunk-Bilder: die Idee einer nachhaltigen, bunten, utopischen Glas-und-regenerative-Energien-Zukunft. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie wir da hinkommen. Also mache ich entweder einen großen Zeitsprung in die Zukunft und sage „Damals haben sich alle endlich zusammengerauft und wir haben das Schlimmste verhindert!“ oder ich erzähle kontinuierlich von hier aus weiter und sage: „Und dann ist das Schlimmste passiert, aber wir sind nicht alle tot, sondern haben uns in kleinen Communities zusammengefunden, die neu anfangen wollen.“

Ein interessantes Sachbuch ist Scatter, Adapt, And Remember von SF-Autor*in Annalee Newitz – es ist sehr unwahrscheinlich, dass alles „gut ausgehen“ wird. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass wir irgendwie überleben. Nicht gerade supertröstlich, aber auch das ist Hopepunk. ;-)

Andreas (ZW): Wasteland ist darüber hinaus einer der wenigen Romane, die mit geschlechtergerechter Sprache ernst machen. Du hast schon anderswo mehr dazu geschrieben, wie wird dieser Versuch denn aufgenommen?

Judith: Och, das ist sehr unterschiedlich aufgenommen worden. Wir fanden es passend für diese Art von queerer, gleichberechtigter Zukunft – auch Ace in Space kommt bis auf wenige Ausnahmen wie „Gegner“ ohne generisches Maskulinum aus und hat sogar ein paar Formulierungen mit Doppelpunkt drin wie „Anwält:innen“. Das hat Wasteland nicht, wir haben durchgehend andere Formulierungen gefunden, sodass manche Leute meinten, das mit der gendergerechten Sprache sei eine Mogelpackung oder ein „Marketinggag“ (mit dem gar kein Marketing betrieben wurde, wie witzig!), denn das Buch lese sich auch nicht anders als andere Bücher. Andere wiederum attestierten mit 1-Stern-Amazon-Bewertungen, das Buch sei leider wegen „Gendersprech“ unlesbar. Ich glaube, da ist sehr viel Ideologie im Spiel, und ich finde das interessant und beobachte erfreut weiter, dass immer mehr große Medien auch diesen Schritt machen. Es ist cool, dass wir mit Romanen unseren Teil dazu leisten können.

Andreas (ZW): Hab vielen Dank für deine Antworten. Was dürfen wir von dir denn in der näheren Zukunft erwarten? Bleibt es punkig?

Judith: „Punk ist nicht tot, nur müde“, wie eine befreundete Verlegerin in ihrem Twitter-Profil stehen hat. Tatsächlich sind Hopepunk-Kurzgeschichten von mir in Wie künstlich ist Intelligenz? und Urban Fantasy – Going Intersectional erschienen. Der nächste Roman wird Anarchie Déco heißen und Magie ins Berlin der 20er bringen. Auch da geht’s viel um Queerness, um Gemeinschaft und um Kritik an Faschismus und Kapitalismus, also, ja, es bleibt punkig, fällt mir gerade auf! Und gerade arbeiten Christian und ich an Schildmaid (Arbeitstitel), das wird ein Fantasyroman aus der Wikingerzeit, in der einige Frauen ein Schiff namens Schildmaid bauen und sich auf eine nordische Odyssee begeben.

Anarchie Déco erscheint im August 2021 bei FISCHER Tor, Schildmaid im Frühjahr 2022 bei Piper. Und viel weiter in die Zukunft haben wir noch nicht geplant. Das wäre ja auch nicht punkig!

Vielen Dank für deine Fragen!

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Weitere Informationen:
Andreas Giesbert
Über den Autor (Text)

Andreas begeistert sich für Rollenspiele, Spielbücher und narrative Brettspiele. In letzter Zeit darf es auch mal ein Ausflug in die düstere Phantastik sein. Sein Profilbild verdankt er Erik R. Andara.

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