Hellboy Kompendium 1

Höllische Action mit Tiefgang

Kategorie: Literatur
Tags: Hellboy Comic Cross Cult Mike Mignolia
von Andreas Giesbert

„Hellboy!“ Dieser spontane Ausruf sollte nicht nur namensgebend für den „Hellboy Zwischenfall“ werden, sondern auch zum Titel einer der interessantesten Comicreihen der letzten zwanzig Jahre. Weder bei Marvel noch DC angesiedelt, hat es die Comicreihe aus den 90ern trotzdem zu mehreren Verfilmungen und ungemeinen Kultstatus geschafft. Dazu sorgt vermutlich gerade die gekonnte Mischung aus (vermeintlich) klassischer Superheldenstory und einer Erzählweise, die sich durchaus mit „künstlerisch wertvollen“ Graphic Novels messen kann. Hellboy ist fraglos dem Erwachsenencomic zuzurechnen, Schöpfer Mignolia schafft es dabei aber zwischen anspruchsvollem Erzählstil, dunklem Horror und spaßiger Action zu changieren.

Cross Cult Comics haben diese faszinierende Reihe dem deutschsprachigen Publikum nun auch in gesammelter Form bereitgestellt. Herausgekommen ist ein bisher zweibändiges Kompendium, das die Geschichte des Höllenjungen chronologisch in einer wunderschönen Hardcoverausgabe versammelt. Der erste Band kommt mit etwa 450 Seiten daher und enthält die ersten drei kleineren, teilweise vergriffenen Sammelbände. Geändert haben sich jedoch der Preis und das Format. Die Storys sind nun durchgehend koloriert und auch kleinere Eingriffe bezüglich der Nazisymbolik sind rückgängig gemacht worden. Als wäre das nicht genug, ist das Seitenformat größer und den Geschichten sind Vorworte vor- und eine Galerie mit Skizzen und großformatige Zeichnungen nachgestellt worden.

Überhaupt kann nicht oft genug betont werden, wie wunderschön die Präsentation gelungen ist. Die Kapitel haben ihre eigenen stilvoll dezenten Titelseiten, die Rahmenfarben passen sich dem Stil der Seiten an und zu guter Letzt ist noch ein sattrotes Lesebändchen angebracht. Für 50 Euro bekommt man so nicht nur die höllisch guten Geschichten zum bisher günstigsten Preis, sondern gleich ein Schmuckstück für das Bücherregal.

Von Nazis und Okkultisten

So schön Stil und Aufmachung sind, am Ende kommt es doch auf den Inhalt an. Und der hält das Niveau problemlos, wenngleich man wissen muss, auf was man sich einlässt. Hellboy ist, wie gesagt, ein Erwachsenencomic. Das betrifft weder Sex noch übertriebene Gewalt – hier haben die „Jugendcomics“ von Marvel problemlos die Nase vorne –, sondern die Thematik. Hellboy ist tief in apokryph-christlicher und okkulter Mythologie angesiedelt. Dieser Fundus ist nicht ungewöhnlich, wird in dem Fall aber teilweise erschreckend ins Bild gesetzt und greift eine Nummer düsterer in die muffige Kiste der Horror-Folklore als üblich. Hinzu kommt ein unbeschwert pulpiger Umgang mit okkultistischen Strömungen des Nationalsozialismus. Nazi-Pulp durchzieht die gesamte Geschichte von Hellboy und ist sogar die mutmaßliche Ursache von Hellboys Existenz. Immer wieder haben wir es mit einer Gruppe von (überzeichneten) Nazicharakteren als Opponenten zu tun, die einen gewissen Bezug zu historischen Begebenheiten bewahren. Im Kern wurde hier der okkulte Anteil der nationalsozialistischen Weltanschauung für bare Münze genommen und mit verrückter Wissenschaft vermischt und überspitzt. Auch wer dem Thema nicht allzu viel abgewinnen kann, sollte sich jedoch nicht abschrecken lassen, denn Hellboy bleibt trotz allem ein Unterhaltungscomic. Es ist immer klar, dass es sich hier um Abziehbilder der realen Personen handelt und die eigentlichen Verbrechen der Nazis bleiben stets im Hintergrund. Gerade diese Übertreibung sorgt dafür, dass man dem Buch keinen nicht allzu geschmacklosen Umgang mit dem Thema attestieren muss. Nazis sind im Endeffekt ein mit cthulhoiden Motiven überblendeter, geheimgesellschaftlicher Gegner und ein ultimatives Böses. 

Damit wäre der thematische Rahmen gesteckt. Mike Mignolia bedient sich aus dem Fundus des Okkultismus und greift neben Folklore und lokalen Erzählungen auch auf die Erzählungen des Weird Tales Kreises zurück – also beispielsweise Lovecraft, Smith und Bloch, wobei letzterer sogar das Vorwort für den ersten Band verfasst hat.

Chronologie der Hölle

Wie bereits erwähnt, stellen die drei Sammelbände chronologisch die Geschichte Hellboys zusammen. Die ersten beiden Bände machen dabei zwei große, miteinander verwobene Erzählungen aus. Durchaus eigenständig lesbar finden sich immer wieder Querverweise und Bezüge, die das Gefühl eines dichten Universums erzeugen. Die erste Geschichte Saat der Zerstörung behandelt die immer etwas im Dunkel bleibende Entstehungsgeschichte Hellboys, und setzt abgesehen vom einleitenden Naziritual relativ gemäßigt an. Die Landhausgeschichte erzählt das schreckliche Geheimnis der Cavendish-Familie, das sich um eine Arktisexpedition dreht. Durch viele Rückblicke wird so eine überaus geschickt gestrickte Familiengeschichte erzählt, die Einblicke in das Hellboy-Universum gewährt, die auch in der zweiten Geschichte noch aufgegriffen werden.

Diese zweite Story, Der Teufel erwacht, leitet mit einem an Superheldenteams erinnernden Helikopterflug ein. Hellboy, Investigator der Behörde zur Untersuchung und Abwehr Paranormaler Erscheinungen (B.U.A.P.) wird zu einem Vampirismusfall nach Rumänien geschickt. Deutlich desinteressiert ahnt er nicht, was alles im Hintergrund geschieht und gerät an altbekannte Feinde und geheime Mächte. In dieser Geschichte kommt der Teamcharakter besonders zum Tragen, da die kontraststarken und mit übernatürlichen Fähigkeiten begabten Mistreiter Hellboys hier auch auf eigene Faust unterwegs sind. Daneben wird aber auch der Okkultismusbezug noch einmal angezogen. So gerät Hellboy unter anderem mit der russischen Baba Yaga zusammen und wird mit einem erschreckend ernsten Konzept von Unsterblichkeit konfrontiert. Die Geschichte ist in ihrem Ton noch einmal düsterer, aber gleichzeitig auch actionreicher als die Erste. 

Bereits die ersten beiden Geschichten werden jeweils von einer lose verbundenen Kurzgeschichte flankiert. Der dritte Band Sarg in Ketten versammelt nun ausschließlich fünf – mal anekdotenhafte, mal umfangreiche – Kurzgeschichten, die in kurzen Vorworten von Mignolia persönlich eingeordnet werden. Angelehnt an regionale Schauermärchen geht Hellboy hier zumeist kleineren dunklen Geheimnissen nach, die allesamt ihren ganz eigenen Twist aufweisen. Die Geschichten fügen sich gut in das Universum ein, wozu nicht zuletzt die Einleitungstexte beitragen. Die Thematik bleibt gewohnt düster und endet nicht selten in actionbetonten Schlusskämpfen, die den erfrischend anderen Geschichten jedoch keinen Abbruch tun.

Fazit

Der erste Band des Hellboy-Kompendiums hält das, was er verspricht. Die erzählten Storys sind klug komponiert, egal ob es sich um Kurzgeschichten oder längere Erzählungen handelt. Der Zeichenstil ist markant und kreativ. Übersinnliche Geschöpfe werden mit unterschiedlichsten grafischen Mitteln dargestellt und auch die Charakterzeichnung ist gelungen. Hellboy wird uns über die Geschichten ebenso sympathisch wie einige seiner Gegner unsympathisch. Die zugrunde gelegten Erzählungen gehen teilweise schaurig unter die Haut und sind vor allen Dingen eines nicht: austauschbar.

Ob man Hellboy mag, entscheidet sich daher nicht anhand der fraglos ausgezeichneten Qualität der Geschichten, der zeichnerischen Umsetzung oder gar der opulenten Präsentation durch Cross Cult, sondern daran, wie weit man sich für den eigenwilligen Hintergrund begeistern kann. Der dunkle Ton hebt Hellboy zwar einerseits aus dem Einerlei der Superheldencomics heraus, ist aber sicher nichts für jede Zielgruppe. Wer die Mischung aus Horror, Okkultismus und einem Superhelden mit Tiefgang mag, kommt an Hellboy nicht vorbei und kann bedenkenlos zu der äußerst gelungenen Um- und Übersetzung von Cross Cult greifen.

Weitere Informationen:
Andreas Giesbert
Über den Autor

Andreas Giesbert schreibt für Zauberwelten-Online.de.

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