H.P. Lovecraft: Das Werk

Neuübersetzung aus dem Haus FISCHER Tor

Kategorie: Literatur
Tags: H.P. Lovecraft FISCHER Tor Horror Cthulhu
von Rafael Bienia

Der folgende Artikel beschäftigt sich mit Aspekten der Ausgabe, die andere Rezensenten nicht angesprochen haben. Daher schon einmal vorneweg: Diese Ausgabe lohnt sich für Lovecraft-Liebhaber. Gegen die Anschaffung könnte der Preis von 68 € sowie das Gewicht des Buches sprechen. Leser, die Lovecraft zum ersten Mal lesen, könnten durch die etwa eintausend Fußnoten und Zusatzinformationen im Lesefluss gestört werden. Fühlt man sich gestört, kann man mit einer unkommentierten Ausgabe die Geschichten zuerst lesen und sich dann dieser Ausgabe widmen. Diese Ausgabe beinhaltet nicht das komplette Werk Lovecrafts, wobei Klinger auf seiner [url=http://lesliesklinger.com/2016/01/more-lovecraft-2/]Website[/url] einen zweiten Band verspricht, der möglicherweise ebenfalls übersetzt werden wird. Für die Anschaffung sprechen die schmucke Aufmachung, der Umfang von rund neunhundert Seiten, die gute und druckfehlerfreie Übersetzung sowie das gewaltige Zusatzmaterial mit etwa dreihundert Abbildungen. Dieses Material bereichert die Auseinandersetzung mit Lovecraft, ob für Referate und Diskussionen in der Schule, im Grundstudium oder im Zirkel von Lovecraft-Fans.

Neuübersetzung

 

Ich habe mich oft gefragt, ob die Mehrheit der Menschen sich jemals Zeit nimmt, über die mitunter titanische Bedeutsamkeit von Träumen nachzudenken und über die dunkle Welt, zu der sie gehören.

– Lovecraft, Jenseits der Mauer des Schlafes
 
Der amerikanische Sprachkünstler H.P. Lovecraft hat zwar mit der Korrektur von fremden Texten seinen Lebensunterhalt verdient, aber es sind seine eigenen literarischen Konstrukte, die heute immer noch Menschen träumen lassen. Lovecraft arbeitete sich an der englischen Sprache ab, bis er sie zu neuer Ausdruckskraft brachte, zumindest im Bereich der phantastischen Literatur. Wer die englischen Originale lesen möchte, wird mit einem Wörterbuch die Tiefen der englischen Sprache und der Horrorliteratur ausloten können. Aber auch bei englischen Ausgaben muss man zuerst schauen, ob es sich um die gekürzten Versionen handelt, die August Derleth publiziert hat, oder um die Editionen, die auf den Ursprungstexten beruhen. Blickt man auf die deutschen Ausgaben, gibt es ebenfalls unterschiedliche Versionen. Die etwa fünfzig Jahre alten Heyne-, Insel- und Suhrkamp-Ausgaben konkurrieren mit neueren Übersetzungen, wie denen vom Festa Verlag, der Edition Phantasia oder dem Golkonda Verlag. Es scheint also Zeit, Lovecrafts Texte neu zu übersetzen. So veröffentlicht Fischer TOR Leslie Klingers kommentierte Ausgabe The new annotated H.P. Lovecraft von 2014. Die gelungene Übersetzung von Lovecrafts Sprachkunst ist der Verdienst von den Literaturwissenschaftlern und Fach-Übersetzern Andreas Fliedner und Alexander Pechmann.
 

Studienausgabe fürs zweite Lesen

 
Öffnet man das 2,1 kg schwere Buch, wird man in ein Konglomerat aus Zusatzinformationen gesogen, die den Seitenrand jeder Geschichte schmücken. Schnell kommen Erinnerungen an die Schulzeit hoch, wenn eine Studienausgabe von Shakespeare in den Händen hielt. Dabei stützt sich Klinger nicht nur auf wissenschaftliche Publikationen des etablierten Lovecraft-Forschers S.T. Joshi, sondern auch auf primäre Quellen, also Originaldokumente. Teilweise werden diese als farbige Faksimile abgedruckt. Faksimile sind Reproduktionen von historischen Dokumenten, wie Illustrationen von Erstausgaben aus dem Weird Tales Magazin oder Patentzeichnungen von Technologien, auf die sich eine Geschichte beruft. In der Geschichte An den Bergen des Wahnsinns wird nicht nur die Hosenboje erklärt, sondern auch ihr Einsatz auf einer zeitgenössischen Zeichnung gezeigt.
 
Spannend sind Fotografien von Orten, die Lovecraft benennt oder die für ihn relevant waren sowie Abdrucke von Manuskripten. Hier sind die Abdrucke leider oft zu klein geraten, um Lovecrafts Handschrift zu studieren. So wirken einige Faksimile nur dekorativ. Insgesamt funktioniert diese Ausgabe jedoch als erste Studienausgabe fürs zweite Lesen der Geschichten. Interessierte Leser können weitere Sekundärliteratur heranziehen wie S.T. Joshis Veröffentlichungen, beispielsweise H.P. Lovecraft: A Life von Necronomicon Press (1996), was immer zu empfehlen ist.
 

Inhaltsangabe

 
Das Werk beinhaltet eine Auswahl von Lovecrafts bekanntesten Geschichten und Romanen. Die deutsche Übersetzung übernimmt das Vorwort von Alan Moore, dem Schöpfer von Watchmen, From Hell und anderen einflussreichen Comics. Darauf folgt das Vorwort Klingers, der Lovecrafts Werk in die Literaturgeschichte einordnet und sein Leben zusammenfasst. Hier sind die Fotografien der Häuser zu sehen, in denen Lovecraft gelebt hat, wie auch die Bilder seiner Familie. Auf eine Abhandlung zu Lovecraft und der Literaturwissenschaft folgt ein kurzer Kommentar zu dieser Ausgabe, in dem Klinger sich bedankt und die Auswahl der Erzählungen begründet.
 
Die Auswahl dieser Ausgabe beinhaltet: DagonRandolph Carters Aussage, Jenseits der Mauer des SchlafesNyarlathotepDas Bild im Haus, Herbert West, WiedererweckerDie namenlose Stadt, Der Hund, Das Fest, Das UnsagbareCthulhus Ruf, Der silberne Schlüssel, Der Fall Charles Dexter Ward, Die Farbe aus dem All, Das Grauen von Dunwich, Der Flüsterer im Dunkeln, An den Bergen des WahnsinnsDie Schatten über InnsmouthDie Träume im HexenhausDas Ding auf der Schwelle, Der Schatten aus der Zeit und Der Schrecken der Finsternis. Auf die Erzählungen folgen Anhänge.
 

Anhänge

 
Neben den zahlreichen Fußnoten und den farbigen Abdrucken von Fotografien und Dokumenten geben besonders die Anhänge übersichtliche Informationen für den wissensdurstigen Leser.
 
Anhang 1 ist eine Zeittafel zu den Ereignissen in Lovecrafts Werken für den Zeitraum von 1771 bis 1935. Anhang 2 ist eine Auflistung der Dozenten der fiktiven Miskatonic University sowie deren Posten, Fach und deren Erwähnung in den jeweiligen Geschichten.
 
Anhang 3 ist Lovecrafts Die Geschichte des Necronomicon von 1938 (Erstfassung wohl 1927). Hier erfährt man nicht nur, dass das unheilvolle Werk 730 n. Chr. in Damaskus verfasst worden ist, sondern bekommt auch einen Abdruck. Wie so oft nutzte Lovecraft für seine Manuskripte altes Papier. Das recycelte Papier ist dabei passend, denn es handelt sich um einen Brief des Park Museums. Anhang 4 ist der Stammbaum der älteren Rassen, der auf einen Brief von Lovecraft aus dem Jahr 1933 beruht.
 

Anhang 5 ist das alphabetische Verzeichnis der Erzählungen. Dabei werden die Originaltitel, deutsche Titel, das Entstehungsjahr und das Veröffentlichungsjahr nebeneinander gezeigt. Das Faksimile von 1936 zeigt Lovecrafts eigene Liste. Die Liste datiert seine Erzählungen bis 1948, er starb jedoch 1937. Dieser Anhang zeigt also Lovecrafts Pläne, wenn es auch nur Leerstellen im Dokument sind.

Anhang 6 ist das alphabetische Verzeichnis von Lovecrafts Überarbeitungen beziehungsweise seinen Mitautorschaften. Anhang 7 beschäftigt sich mit Lovecraft und der Popkultur. Dieser Aufsatz ist kurz und berührt nur wenige Aspekte von Literatur, Film, Musik und Spiel. Für einen ersten Blick in die Materie ist er optimal.

Anhang 8 ergänzt Klingers englische Ausgabe um einen originalen Aufsatz der Übersetzer Fliedner und Pechmann. In diesem gehen sie auf Lovecraft im deutschen Sprachraum ein. Man bekommt einen genauen Einblick über erste Übersetzungen. Auch sind Angaben zu literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen sowie zu Adaptionen aus Deutschland vorhanden. Anhang 8 ist damit eine wichtige Ergänzung für die Diskussion zu Lovecrafts Wirkung in Deutschland.

Anschließend findet sich eine Bibliographie mit englischen Titeln fürs weitere Studium. Die Danksagung schließt die Ausgabe ab.

Fazit

H.P. Lovecraft: Das Werk ist eine Ausgabe, die nicht nur hübsch im Regal stehen oder auf dem Wohnzimmertisch liegen kann, sondern die Leser in seinen Bann zieht. Die gute Übersetzung von Fliedner und Pechmann ist stimmig. Beim wiederholten Lesen erfährt man nicht nur Hintergründe für Orte oder Technologien, die für Lovecrafts Erzählungen stets tragend waren, sondern bekommt durch Fotografien einen Eindruck von Gebäuden, deren Beschreibung einen guten Teil der Geschichten einnimmt, sowie dem Umfeld, in dem die Geschichten zuerst abgedruckt worden sind. Ein geselliger Diskussionsabend im Herbst oder Winter wäre eine gute Möglichkeit das hier gedruckte Wort in eine neue Dimension zu erheben und aus dem Werk vorzulesen.


Weitere Informationen:
Rafael Bienia
Über den Autor

Rafael Bienia schreibt für Zauberwelten-Online.de.

Artikel: H.P. Lovecraft: Das Werk
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