Das Geisterfest

Krimispiel samt Abendessen im alten China

Kategorie: Brett- und Kartenspiele
Tags: Krimi Küche Krimispiel Asien China Rollenspiel
von Christina Löw

China im Jahr 1275: Es ist der Vollmondtag im Geistermonat – der Höhepunkt des Geisterfestes. An diesem Tag steigen die unruhigen Seelen der Unterwelt zur Erde hinauf. Zu diesem Anlass lädt das kaiserliche Paar traditionell zu einem feierlichen Essen in den Pavillon, um die hungrigen Geister mit erlesenen Speisen zu besänftigen. So auch dieses Jahr – doch etwas ist anders: Die Kaiserin wurde ermordet!

Ziel des Spiels ist es somit, den oder die Mörder/in der Kaiserin zu überführen – im Rahmen eines Krimi-Dinners. Die Teilnehmer*innen schlüpfen dabei in die Haut der sechs Hauptverdächtigen, denn eines ist klar: Der oder die Mörder/in muss sich unter den Gästen befinden, da die massiven Stahltore zum Festgarten über den gesamten Tag verschlossen waren.

Anwesend sind: Shang Zhu, Kaiser der Shang-Dynastie und Witwer von Kaiserin Shang Shili, der verbleibende Gastgeber des Festmahls. Shang Pengyou, Mönch und Sohn des Kaisers, der anlässlich des Geisterfestes von seinem Tempel zum Palast gereist ist. Professor von Marabuse, ein junger Gelehrter mit chinesischen Wurzeln, der als Asien-Experte vom böhmischen König gesandt wurde. Yangshe Mingyu, Nonne eines Ordens, dessen Porzellanmanufaktur über die Landesgrenzen hinaus für Qualität und filigrane Arbeiten bekannt ist. Lu Mei, die favorisierte Kurtisane des Kaisers aus seinem Harem. Und schließlich noch Hao Nuli, persönliche Hofdame der Kaiserin, die über alle am Hofe bestens informiert ist.

Speisen mit Mörder/in

Über mehrere Runden hinweg versuchen die Anwesenden, den Mord an der Kaiserin aufzuklären – oder im Fall des Mörders bzw. der Mörderin, falsche Spuren zu legen, um eben dies zu verhindern. Je besser sich die einzelnen Mitspieler*innen in ihre Figuren hineinversetzen können, umso authentischer ist das Spielgefühl. Es sorgt aber auch für durchaus willkommene Situationskomik, wenn das mal nicht klappt. Wir hatten z. B. bei unserer Runde die Figuren einfach zugelost und hatten somit einen weiblichen Kaiser, der etwas jünger war als sein ebenfalls weiblicher Sohn – möglicherweise ungewohnt, funktioniert aber auch.

Wie authentisch das Spiel-Erleben ausfällt, ist auch insgesamt der Spielrunde überlassen: Der Verlag bietet auf seiner Webseite Rezeptbeispiele zum Nachkochen, welche die asiatische Stimmung vertiefen können. Ebenso enthalten die Spielhefte der einzelnen Figuren Beschreibungen zum Aussehen, sodass die ganze Runde auch kostümiert stattfinden kann. Für das Spiel selbst ist das aber eher weniger relevant, ein gemütlicher Krimi-Abend kann sich so oder so entfalten.

Wichtig ist bei diesem Spiel, dass es auf jeden Fall sechs Teilnehmer*innen sein müssen, sonst geht das Konzept nicht auf – alle werden gebraucht, um den Fall zu lösen. Ebenso wichtig ist, dass alle Teilnehmer*innen vorab ihr persönliches Spielheft mit Informationen zu ihrer Figur bekommen – und das Gelesene nicht mit den anderen teilen. Es sei denn, es gehört zur Handlung dazu bzw. sie werden explizit danach gefragt; und sollte die Figur lügen können, müssen sie es nicht einmal dann offenbaren.

Fertig gespielt – und dann?

Das Spiel-Erlebnis wird bei jeder Runde etwas anders ausfallen, zum Beispiel abhängig davon, wie viel Erfahrung die Mitspieler*innen mit dem Lösen solcher Fälle haben, und auch davon, ob sie es z. B. durch Rollenspiele gewohnt sind, sich in fiktive Figuren hineinzuversetzen. Bei uns war alles davon eher weniger gegeben, dennoch hatten wir eine gute Zeit beim Spielen, viel Spaß mit unseren verqueren Figurenkonstellationen und eine angenehme Kombination aus Spiel und kulinarischen Unterbrechungen. Dass wir dennoch mit der auf der Packung angegebenen Spielzeit recht gut hingekommen sind, hat uns dann schon überrascht.

Ein Wermutstropfen ist bei dem Spiel sicherlich, dass eine Runde von Spieler*innen es nur einmal spielen kann. Sobald der oder die Mörder/in bekannt ist, kann das Erlebnis nicht wiederholt werden. Das lässt sich bei dem Konzept wohl leider nicht ändern, wirft aber Fragen nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis auf und auch nach der Nachhaltigkeit solcher Spiele – was macht man damit, wenn man es einmal gespielt hat?

Und noch eine kleine Randbemerkung: Das System, wie am Ende der oder die Mörder/in bestimmt wird, mag etwas gewöhnungsbedürftig sein. Schlussendlich geht es nicht darum, den oder die tatsächliche/n Täter/in zu finden, sondern es wird die Figur verhaftet, von der die meisten Spieler*innen denken, dass diese schuldig ist … In Zeiten von Meinungsmache durch diejenigen, die am lautesten schreien, ist das vielleicht nicht die geeignetste Lösung – oder die genau richtige, abhängig von der Richtung, aus der man es betrachtet.


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Christina Löw
Über den Autor

Buchstabenverliebte Autorin, Lektorin und Übersetzerin.

Artikel: Das Geisterfest
Das Produkt wurde kostenlos für die Besprechung zur Verfügung gestellt.
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