Gamescom 2016 – Teil 1

Abenteuer Gamescom – oder wie ich lernte, den Presseausweis zu lieben

// Games, Veranstaltungen

Europas größte Videospielmesse lockte auch dieses Jahr wieder mit Lautstärke und Bombast. Ein Glück, dass ich nicht weit reisen musste: Mit knapp 90 km Entfernung war die Messe fast schon vor meiner Haustür. Doch auch eine kurze Strecke kann zur Tortur werden. Die Einsatzwagen der Deutschen Bahn entstammten einem Baujahr, in dem frische Luft noch nicht serienmäßig mitgeliefert wurde. Mit nur einem Sechstel einer Armlänge Abstand und eingezogenem Bauch ging die Reise los. Eigentlich wollte ich noch ein paar Interviews geführt haben, aber da nahezu jeder Passagier zur Messe wollte, reichte es aufgrund der Gemütlichkeit auch, der gesprächigen Masse aufmerksam zuzuhören.

„Warum tut man sich das freiwillig an?“

Als Fachbesucher mit Terminen muss ich mir keine Gedanken darüber machen, etwas zu verpassen. Aber was hat die breite Masse davon, wenn sie den ganzen Tag in nur einer Schlange steht, um kurz vor Feierabend eben mal 15 Minuten spielen zu können? Die Antworten, die ich bekomme, klingen euphorischer als erwartet. Die einen wollen nur ihren absoluten Spitzenkandidat spielen. Alles andere ist ihnen egal. Die anderen empfinden die Schlangen als gar nicht so furchtbar lang, solange sie
jemanden zum Unterhalten haben. Einige spielen 3DS beim Warten und manche sind gar nicht wegen den Spielen da, sondern wegen ihrer Youtube- oder Twitch Stars.

Das Phänomen Let's Play erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Gamer übertragen ihre Spielesessions live übers Internet und kommentieren das Geschehen in meist humoristisch-kritischer Weise. Nebenbei unterhalten sie sich über den Chat mit der Community. Apps wie Twitch wurden sogar eigens dafür entwickelt, um tausenden von Spielern eine Streaming-Plattform zu bieten.

Also warum schaut man anderen beim Spielen zu, statt selbst zu zocken? „Ich will vor dem Kauf mal schauen, ob sich die Anschaffung auch lohnt“, höre ich. „Zur Unterhaltung beim Mittagessen“, kommentiert ein anderer. Tatsächlich sind die Sessions von Deutschlands bekanntestem Gaming-Youtuber Gronkh im Schnitt immer um die 30 Minuten lang – perfekt für die Mittagspause! Über vier Millionen Follower hat er über die Jahre gesammelt. Auf der Gamescom wurde er dieses Jahr von seinen Fans fast überrannt. für die er sich im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen auch Zeit nimmt. Dass da trotzdem nicht jeder drankommt, lässt sich nicht vermeiden. Für das nächste Jahr will er sich aber besser vorbereiten.

Vorsicht ist die Mutter der Klamottenkiste

Ein anderes und heikles Thema der diesjährigen Gamescom waren die neuen drastischen Sicherheitsmaßnahmen gegen den Terror. Da Köln in jüngster Zeit immer wieder im Brennpunkt kontroverser Schlagzeilen stand, wollten die Veranstalter dieses Mal keine Risiken eingehen. Rucksäcke und Taschen wurden penibel überprüft, das Mitbringen von Lebensmitteln war zur hellen Freude der überteuerten Messe-Imbissbuden verboten und Cosplayer durften keine Waffen tragen. Dabei war die Definition von Waffe extrem dehnbar. Die Cosplayshows mussten praktisch gänzlich pantomimisch stattfinden. Eindeutig harmlose Schaumstoffwaffen mussten am Eingang entsorgt werden; sehr zum Unverständnis der Kostümbastler, die damit Wochen mühevoller Arbeit in den Papierkorb warfen. Konstruktive Vorschläge wie das Anmelden von Requisiten oder das Erlauben eindeutig fiktiver und nicht kampffähiger Waffen wurden aufgrund der hohen Besucherzahl abgelehnt.

Trotz der turbulenten Anreisebedigungen und des überaus unübersichtlichen Messedungeons im Fachbesucherbereich, konnte ich ein paar interessante Projekte anspielen, oder zumindest Hands-Off für euch begutachten.

Cities: Skylines Natural Disasters

Als im März 2015 der Citybuilder Cities Skylines erschien, wurde ein langjähriger Traum war. Erst wenige Jahre zuvor ging mit Maxis’ Neuauflage von Sim City ein Raunen durch die Reihen vitueller Bürgermeister. Onlinepflicht? Viel zu kleine Gebiete? Keine Mods? Konkurrent Colossal Order erhörte das Flehen und punktete genau mit diesen Features – und bot darüber hinaus jede Menge kostenloser DLCs. Aber irgendetwas fehlte noch … Richtig: die Katastrophen!

Mit Natural Desasters werden eure Städte bald brennen, überschwemmt oder weggeweht. Das kostenpflichtige Add-On erfordert strategische Umplanung, erlaubt
Präventivmaßnahmen durch Frühwarnsysteme und stellt den Spieler vor völlig neue strategische Herausforderungen. Zeitgleich erscheint für alle Besitzer der Basisvariante der kostenlose Szenarioeditor. War das Spiel bislang ohne ein bestimmtes Ziel kann man nun Herausforderungen erstellen. Dazu zählt das Erreichen von Meilensteinen, eine hohe Bewohnerzahl oder ein hohes Einkommen. Zusätzlich kann man auch Hindernisse einbauen. So verliert man das Szenario zum Beispiel, wenn das Budget unter null fällt oder zu viele Bewohner fortziehen. In Kombination mit dem Natural Desasters Add-On kann man Ort, Zeit und Schwere einer Katastrophe festlegen. Nach dem atmosphärischen After Dark und dem eher mäßigen Snowfall legt Colossal Order noch einmal gewaltig nach und perfektioniert den neuen König des Städtebaus noch weiter. Ein Releasedatum steht derzeit jedoch noch nicht fest.

Torment: Tides of Numenera

Einen kurzen Blick erhaschen konnten ich auch auf den spirituellen Nachfolger des im Jahr 1997 erschienenen Planescape Torment. Präsentator des Titels war niemand geringeres als Colin Mc Comb, sowohl Autor und Game Designer des Klassikers Planescape als auch von Torment: Tides of Numenera. Mit über fünf Millionen Euro gilt das Projekt als eine der erfolgreichsten Kickstarter-Kampagnen. Dies ist keine Überraschung, da InXile Entertainment eine grandiose und große Spielwelt entwickeln will, in der ernste philosophische Fragen aufgeworfen werden und jede Aktion die Erzählung grundlegend verändert. Kein Spieldurchlauf soll sich wie der vorherige anfühlen.

Tides of Numenera spielt über eine Milliarde Jahre in der Zukunft. Zivilisationen sind aufgestiegen und gefallen. Die Menschheit lebt in kleinen Siedlungen umringt von Artefakten und Ruinen der Vergangenheit, genannt die Numenera. Genauer gesagt sind wir die neunte Zivilisation. Wir verkörpern eine Figur, die einst als Hülle des Sich wandelnden Gottes diente, einer Kreatur, die den Tod besiegte, indem sie fortwährend neue Körper erschafft. Doch immer, wenn sie ihr Gefäß wechselt, bleiben die Hüllen zurück und entwickeln ein eigenes Bewusstsein. Auf der Suche nach eben jenem Gott treffen wir auf andere Hüllen und Figuren, die dem Sich wandelnden Gott begegnet sind. Doch dieser hat durch sein Verhalten den Engel der Enthropie erweckt, dessen Ziel es ist, den Sich wandelnden Gott sowie seine ehemaligen Träger auszulöschen.

Die Komplexität der Erzählung, ihre zahllosen Konsequenzen, die weder gut noch schlecht sind, und die schiere Masse an Text versprechen ein überaus interessantes Meisterwerk, das es so in dieser Form aktuell kein zweites Mal gibt. Torment: Tides of Numenera erscheint voraussichtlich Anfang 2017 für PC, PS4 und Xbox One. Wer Interesse bekommen hat und des Englischen mächtig ist, kann auf der offiziellen Webseite einen tieferen Blick auf das ehrgeizige Projekt werfen und auf Steam im Early Access sogar die Beta spielen. Wer sich jedoch das uneingeschränkte Erlebnis nicht vorab spoilern lassen möchte, dem bleibt nur brav bis zum offiziellen Release zu warten.

Am Donnerstag folgt Teil 2 des Gamescom-Berichts, wo es u. a. um Styx und Aquanox gehen wird. 

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