Cyberpunk (Vorschau)

Die Zukunft der Vergangenheit

Kategorie: Games
Tags: Cyberpunk Science Fiction PS4 Xbox-One PS5 PC Xbox Series X Vorschau
von Marc Haarmann

In den letzten Jahren hat es in der Gamesbranche wohl kaum eine Spielankündigung gegeben, auf die das Wort "Hype" so sehr zutraf wie auf Cyberpunk 2077. Dass es nun auch noch am selben Tag wie die PS5 erscheinen soll (am 10. Dezember), hat vermutlich für den einen oder anderen Ohnmachtsanfall gesorgt. Kann ein Spiel mit so vielen Vorschusslorbeeren den Erwartungen noch gerecht werden? Fans des erfolgreichen The Witcher 3 erleben bei dieser Frage gerade ein Déjà-vu, aber damit haben sie auch die Antwort, die auf jeden Fall "Ja, es könnte!" lautet.

Aber was ist Cyberpunk? Der Begriff bezeichnet ursprünglich eine in den 1980er Jahren entstandene dystopische Spielart der Science-Fiction-Literatur. In den prägenden Werken dieses Genres ist die Welt der Zukunft nicht strahlend und sauber, sondern düster, schmutzig und von Gewalt geprägt. Große Konzerne kontrollieren die Welt, die Menschen werden überwacht und kontrolliert, Körper verschmelzen mit Technologie und der menschliche Geist mit dem Cyberspace.

Die Neuromancer-Trilogie des US-amerikanischen Autors William Gibson gilt als die geistige Grundlage des Cyberpunks, aber auch das von seinen Romanen inspirierte Pen-&-Paper-Rollenspiel Cyberpunk bildet eine wichtige Grundlage des aktuellen Spiels.

Ursprünglich spielte dessen erste Ausgabe im Jahr 2013, die bekanntere zweite Edition Cyberpunk 2020 im Jahr 2020. Als diese Spiele 1988 beziehungsweise 1990 entstanden, war die darin beschriebene Zukunft nach dem Jahrtausendwechsel gefühlt ewig weit weg. Jetzt ist 2020 die Gegenwart, deshalb wird die Story des dystopisch-futuristischen Games in das Jahr 2077 verlegt. Wichtige Ereignisse aus dem Hintergrund der Pen-&-Paper-Rollenspiel-Editionen haben aber dennoch stattgefunden.

William Gibsons dystopische Vision des Transhumanismus hat auch in Night City, einer kalifornischen Megametropole, in der Cyberpunk 2077 spielt, Form und Farbe angenommen. Alles ist vernetzt und Menschen tragen am ganzen Körper Augmentationen, künstliche Erweiterungen ihres Körpers, die teils kosmetischer, teils nützlicher Natur sind. Die Welt ist düster und dennoch in kunterbuntes Neon getaucht. Als Protagonist*in V wählen wir eine von drei Origin-Geschichten, die unseren Spielverlauf nachhaltig beeinflussen werden. Dann geht es los ...

Night City Live

Night City wird nicht vom örtlichen Oberbürgermeister regiert. In der Neonhölle von Cyberpunk 2077 haben Großkonzerne und Gangs das Sagen. Ob wir Aufträge für sie erledigen oder sie sabotieren, liegt an uns, aber auch die Konsequenzen dafür müssen wir tragen. Verärgerte Fraktionen werden es sich zweimal überlegen, ob sie uns noch einmal anheuern, wenn wir ihnen das Geschäft vermiest haben. Die Wahl, für wen wir uns entscheiden, fällt dabei nicht immer leicht, denn der Unterschied zwischen Gut und Böse verschwimmt. Cyberpunk 2077 ist an ein erwachsenes Publikum gerichtet und verschont uns nicht vor der harten Realität innerhalb dieser fiktionalen Dystopie.

Die Missionen, die uns während des Spielverlaufs zur Verfügung stehen, hängen zum einen von unserer Street-Credibility, also unserem Ruf als Söldner, ab, aber auch von der Loyalität zu einzelnen Fraktionen. Zu den vorhandenen Gruppierungen gehören zum Beispiel die Voodoo-Boys, eine haitianische Drogendealer-Gang, deren Spezialisierung das Hacken ist. Die Animals hingegen legen ihren Fokus auf Stärke und versuchen mit Augmentationen, also künstlichen Verbesserungen und Erweiterungen, das Maximum aus ihren Körpern herauszuholen. Allerdings macht sie das auch anfällig für Hacks. Neben den zahlreichen Gangs gibt es polizeiliche Organisationen wie die Netwatch, welche sich der Überwachung des Netzes verschrieben hat. Die Zahl der Fraktionen in Cyberpunk 2077 ist enorm. Im Laufe des Spiels werden wir möglicherweise nur auf einen Bruchteil von ihnen treffen.

Klassewahl ohne Einschränkungen

Einen hohen Wiederspielwert gibt es neben den zahlreichen Herkunftsszenarien auch durch die unterschiedlichen Spielstile, die wir verfolgen können. Da es keine festgelegten Klassen gibt, bleibt uns in der Theorie kein Skill verwehrt. Übertreiben wir es allerdings mit unseren Augmentierungen, verlieren wir Menschlichkeit, was uns zu einer emotionslosen Maschine werden lässt.

Aber dadurch können wir in unserer Rolle gänzlich aufgehen. Hacken wir Türen, Geschütztürme oder Roboter, haben wir die Technik auf unserer Seite, sollten aber selbst in Deckung bleiben. Oder wir stecken unsere Skillpunkte in Nahkampfverbesserungen, die uns besonders stark oder gepanzert werden lassen. Es gibt immer mehrere Wege zum Ziel. Ein unbesiegbarer Allrounder werden wir bis zum Maximallevel 50 aber nicht werden können.

Anders als Geralt von Riva in The Witcher spielen wir unsere Figur V aus der Egoperspektive. Lediglich in den Fahrzeugen schalten wir in eine Außenansicht.

Die Stadt ist gigantisch. Anders als bei anderen Open-World-Titeln ist die Umgebung von Night City sehr vertikal gestaltet. So bewegen wir uns auch durch die Gänge und Dächer höherer Gebäude. Die sechs Stadtteile unterscheiden sich stark voneinander. Westbrook ist das Reichenviertel und sieht besonders gepflegt und modern aus. Sein Gegenpol ist Watson, das ziemlich heruntergekommen ist und viele Obdachlose beheimatet. Pacifica ist ein gescheitertes Bauprojekt für Investoren, das seinen Zenit niemals erreichte und nun von Gangs beherrscht wird.

Außerhalb der Stadt erstrecken sich riesige Solarfarmen und Gewächshäuser über das Ödland. Bladerunner 2049 lässt grüßen. Hier ist auch das Startgebiet für die Hintergrundgeschichte als Nomad. In den anderen Herkunftsgeschichten starten wir als Streetkid, das in den Straßen von Night City aufgewachsen ist. Als Corpo befinden wir uns bereits weit oben in der Gesellschaft und arbeiten für einen der Großkonzerne, doch ein Verrat trennt uns auch hier von unserer teuren Ausrüstung und wir fangen wieder ganz am Anfang der Nahrungskette an.

Vom Pen-&-Paper ins Netz

Die Geschichte von Cyberpunk 2077 basiert auf dem Pen-&-Paper-Rollenspiel Cyberpunk 2020 des Autors Mike Pondsmith aus dem Jahr 1988. Anders als Witcher-Autor Andrzej Sapkowski arbeitet Pondsmith aktiv am Spiel mit. Hauptcharakter V ist auch kein bekanntes Gesicht aus der Lore, sondern eine vielseitig formbare Spielerfigur. Mit dem von Keanu Reeves verkörperten Rockstar Johnny Silverhand erlebt V allerdings den Auftritt eines berühmten Cyberpunk-Charakters, wenn auch nur als eine cybernetische Halluzination. Als weitere involvierte Prominente steuert Electrokünstlerin Grimes einen Teil des Soundtracks bei. Letztlich erhalten auch einige Youtuber Gastrollen als NPCs. Cyberpunk 2077 tritt damit in die Fußstapfen von Death Stranding, das ebenfalls ein hohes Staraufgebot an Gastcharakteren enthielt.

Cyberpunk 2077 erscheint sowohl für die alte Konsolengeneration der PS4 und Xbox-One, als auch für die neue Konsolengeneration PS5 und Xbox Series. Wer es sich für die alten Konsolen kauft, erhält das Grafikupdate für die neue Konsole gratis. PC-Besitzer*innen erhalten von Beginn an die volle Grafikpracht, sofern es die Hardware erlaubt. Die Systemanforderungen für eine Full-HD-Auflösung von 1080p sind dabei erstaunlich moderat. Wer dennoch kein System besitzt, das die Anforderungen erfüllt, wird das Spiel auch über den Cloud-Gaming-Service Google Stadia streamen können, jedoch nicht direkt zum Release.

Cyberpunk 2077 zählt ohne Zweifel zu den ambitioniertesten Spielen des Jahrzehnts und hat bereits vor seinem Erscheinen eine Renaissance des Cyberpunk-Genres entfacht. Wer es bis zum Release nicht mehr erwarten kann, sollte sich unbedingt William Gibsons Neuromancer-Trilogie durchlesen. Dieser Urvater aller Cyberpunk-Romane steht als Inspiration für Filme wie die Matrix-Trilogie, Shadowrun und natürlich Pondsmiths Cyberpunk-Universum selbst.

Dieser Artikel erschien erstmals in der Zauberwelten Herbst 2020


Weitere Informationen:
Marc  Haarmann
Über den Autor

Marc Haarmann schreibt für Zauberwelten-Online.de.

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