Chew – Bulle mit Biss

Nahrhafter Comicspaß

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Chew ist im wahrsten Sinne ein Comic mit Biss. Das wird schon bei der Lektüre des Buchrückens deutlich, der uns die sonderbare Fähigkeit des Hauptcharakters Tony Chu erklärt. Als Cibopath ist er in der Lage, durch seine Geschmacksnerven Einblick in die Geschichte seiner Lebensmittel zu gewinnen. Was zuerst lediglich für die Überprüfung von Bio-Siegeln praktisch zu sein scheint, hat natürlich ungeahntes Potenzial. Kann doch ein herzhafter Biss in die Körperteile von Ermordeten die Lebens- und Sterbensgeschichte des Opfers offenbaren. Das macht Ermittlungen zwar etwas unappetitlich, aber äußerst effektiv.

Chus Fähigkeit wird dementsprechend im Staatsdienst von der US-Lebensmittelaufsicht (FDA) gekonnt genutzt. Die FDA steht dabei unter anderem in Konkurrenz zur Agrarbehörde und wird uns als die mächtigste Exekutivbehörde der Welt vorgestellt …

Ja, genau! Die Lebensmittelaufsicht unterhält in der Welt von Chew eine Sonderermittlertruppe, die es mit mächtigen Lebensmittelkartellen und ihren Agenten zu tun bekommt und eine der gefürchtetsten Behörden der Welt ist. Diese Grundidee wirkt zuerst absurd, wird aber äußerst gelungen in die Welt eingeflochten. Der Ausgangspunkt ist nämlich eine aufgrund einer Vogelgrippe verhangene Hühnerprohibition. Dadurch lohnt sich der illegale Handel mit Hühnerfleisch und die Erforschung von Huhnersatzstoffen. Was absurd klingt, verliert seine Absurdität nie völlig, ist in der Welt von Chew aber durchaus stimmig.

Überzeugen kann die Reihe neben dieser ungewöhnlichen Annahme durch die akzentuierten Charaktere und nicht zuletzt die durchgehende Story. Zwar lassen sich die Bände – die Reihe ist auf 12 Teile angelegt – auch einzeln lesen, man verpasst aber einige Andeutungen und Verknüpfungen, wenn man sie unzusammenhängend liest. Wie in aktuellen Fernsehserien dient der „Fall der Woche“ als Anlass für Charakterentwicklung und wird zudem in einen spannenden Gesamtthriller eingebettet.


Ein Augenschmaus

Schnell wird klar, dass Chew kein schwerer, ernster Comic sein will, sondern Spaß machen soll. Zeichner Rob Guillory sieht sich daher passenderweise als zeichnendes Pendant zu einem Stand-Up-Comedian. Diesen Ansatz merkt man der Reihe unschwer an. Der Zeichenstil ist leicht und unbeschwert. Die Charaktere sind farbenfroh und ebenso markant gezeichnet wie ihre Eigenschaften.

Chew arbeitet auch erzählerisch nicht mit detaillierten, realitätsnahen Figuren, sondern mit teilweise fast schon karikativ überzeichneten Akteuren, die im Gedächtnis bleiben. Kolossale Bösewichte sind wirklich kolossal groß, eine Opponentin (oder Verbündete?) steuert eine Cyberratte und Chus Partner hat ein Cyberimplantat, das die Hälfte seines Kopfes ersetzen musste.

Das mag nichts für jede Leserschaft sein, erzeugt aber ein angenehm kurzweiliges Lesegefühl mit eindeutiger Handschrift. Dabei ist es Chew durchaus wert, ein zweites Mal gelesen zu werden. Immer wieder finden sich Details, die das Bild komplettieren und dabei zwar keine große Tiefe, aber einen feinsinnigen Humor erzeugen. Plakate im Hintergrund, ein passender T-Shirt-Aufdruck oder ein Screenshot von Mary Poppins im TV-Gerät im Hintergrund. Überhaupt ist der Witz der Reihe kein simpler Slapstick, sondern eher ein augenzwinkernder Grundton, der die Welt durchzieht. Und auch die Charaktere entwickeln über die Bände Tiefe und ein anspruchsvolles Geflecht von Freund- und Feindschaften, Verschwörungen, Liebschaften und Familienstreitereien.

Was als lockerer Comicstil daherkommt und zweifelsohne für Kurzweil sorgen soll, entpuppt sich beim näheren Betrachten als klug arrangierte Komposition. Die Handlungen werden unter anderem über Rückblenden und Zeitsprünge erzählt und gehen wie ein gut geschnittener Film vor. Dabei entpuppt sich der Zeichenstil beim genaueren Hinsehen als durchaus anspruchsvoll. Die Leichtigkeit der Bände ist Ergebnis einer wohldurchdachten Konzeption, die auf variierende Farbgebung, überzeichnete Proportionen, Variationen in der Panelstruktur und Ähnliches setzt. Zu den Highlights zählen dabei die Geschmacksflashbacks des Hauptcharakters, die es verstehen, die synergetische Erfahrungswelt ins Bild umzusetzen. Überhaupt gelingt es der Reihe, insbesondere Geschmack und Geruch ausdrucksstark darzustellen.

Fazit

Chew ist ganz bestimmt keine Reihe wie jede andere. Die überaus bunte Welt ist besiedelt von überzeichneten, aber interessanten Charakteren und setzt das Themenfeld „Lebensmittel“ konsequent um. Die cibopathische Fähigkeit des Hauptcharakters und die Hühnchenprohibition sorgen für ungewöhnliche Plots, die sich zu einer anspruchsvollen Gesamterzählung zusammenfügen. Zu guter Letzt kommt noch der Cross Cult Faktor dazu. Die Hardcoverbände machen einiges her und werden mit edlen Kapiteltrennseiten strukturiert. Die 128 Seiten fassenden Bände kommen mit etwas Bonusmaterial garniert, wie einem Interview mit dem Zeichner oder ein thematisch passendes Gespräch mit einem Sternekoch, inklusive vegetarischen Rezeptideen. Das rechtfertigt den Preis und gibt das Gefühl, ein liebevolles Produkt in den Händen zu halten. Da die Übersetzung durchweg stimmig wirkt, können Comicfans, die Humor nicht abgeneigt sind, allemal bei Cross Cult zugreifen. Die Reihe ist nicht umsonst als besonders innovativ gelobt worden und Träger diverser Preise. Die Innovation geht dabei weit über die zuerst irritierend wirkende Essenstelepathie hinaus.

Chew – Bulle mit Biss*
John Layman (Marc-Oliver Frisch)
(Cross-Cult, 2011)
128, Hardcover
ISBN: 978-3942649186
Webseite: Chew – Bulle mit Biss bei Cross-Cult

*Der Rezension liegen die Bände 2: Reif für die Insel und 3: Eiskalt serviert zugrunde.

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